Leseprobe Nordseeknistern im kleinen Buchcafé

Kapitel 1

Marlene

Warum riecht es immer noch nach frischer Farbe? Ich schnuppere in die Luft, schließe die Augen und konzentriere mich. Entweder hat sich mein Gehirn in den letzten Wochen so an den Geruch gewöhnt, dass es ihn nun dazu erfindet, oder ich habe irgendwo ein Regal zu früh eingeräumt.

Morgen früh werde ich noch einmal alles durchlüften und an jedem Schrank schnuppern. Nicht, dass die schönen Bücher den Geruch annehmen.

Ich schiebe einen Stapel Winterromane auf dem Tisch neben dem Eingang ein Stück nach rechts, dann wieder nach links.

Henny sitzt an dem kleinen Tisch am Fenster im Café-Bereich, beobachtet mich über ihre Lesebrille hinweg und lacht. Das Buch, das sie eben noch gelesen hat, liegt geschlossen vor ihr. Der Teller daneben ist inzwischen leer. Bestimmt nimmt sie gleich ein zweites Stück Friesentorte.

»Irgendetwas ist nicht stimmig«, erkläre ich und versuche es jetzt damit, die Bücher ein wenig aufzufächern.

Nein, das sieht noch schlimmer aus. Total unruhig.

»Bist du nervös?«, fragt Henny.

»Ich bin beschäftigt.«

»Das ist dasselbe, bloß besser ausgedrückt.«

Leicht genervt greife ich nach dem Stern, der im kleinen Schaufenster hängt, und richte ihn neu aus. Wahrscheinlich hat außer mir kein Mensch gemerkt, dass er ein wenig schief war.

Die Tür fliegt auf, und ein Schwall kalter Luft strömt herein – gemeinsam mit Tarek, meinem Angestellten.

»Hier hab ich die Milch«, sagt er atemlos.

Ich schaue auf die Uhr. »Für heute hätten wir sie nicht mehr gebraucht.«

Tarek lächelt entschuldigend und schleppt den Beutel mit Einkäufen in den Bereich hinter dem kleinen Tresen.

Ich schnuppere wieder, als er an mir vorbeigeht. »Und am Fischbrötchenstand warst du auch noch«, stelle ich fest. »Hat es deswegen so lange gedauert?«

Er legt sich empört eine Hand auf die Brust. »Wie wenig Vertrauen du zu mir hast.«

»Für den Kaffee hier braucht man ohnehin keine Milch«, meldet sich eine tiefe Stimme aus dem Hintergrund.

Sie stammt von Fiete, der wie so oft in dem alten Lesesessel neben den Reisebüchern sitzt. Auf dem winzigen Tisch vor ihm dampft schwarzer Tee. Auf seinem Schoß liegt ein aufgeschlagenes Buch.

Ich seufze. »Die neue Maschine ist bestellt, kommt aber erst nächste Woche.«

»Och. Tee tut es doch auch.« Fiete widmet sich wieder seinem Buch.

Henny winkt mir. »Bitte das Gleiche noch mal.« Sie deutet auf ihren Teller und ihre Tasse. »Diesmal dann bitte mit Milch. Mir ist der sonst zu stark.«

Ein Seitenblick zu Fiete, doch der reagiert nicht.

»Greta braucht die Bestellung für morgen«, sagt Tarek.

Mein Blick geht durchs Fenster auf die andere Straßenseite zu der kleinen Bäckerei. Greta steht in der Tür und winkt mir zu. Vermutlich hat sie Tarek eben abgepasst. Ich weiß, sie meint es gut und will helfen, aber ich hoffe, sie versteht bald, dass ich den Büchersalon auf meine Weise führen will.

Ich gehe hinaus und hinüber zu Greta.

»Moin, Marlene«, begrüßt sie mich.

»Hallo«, sage ich. »Morgen bitte nur drei Kürbiskernbrötchen. Dafür mehr von den Franzbrötchen. Kuchen und Torte wie immer.«

Sie runzelt die Stirn. »Aber die Leute lieben meine Kürbiskernbrötchen.«

Dieses Gespräch hatten wir schon. Mehrfach. Ich vermute, dass Johann Faber, Vorbesitzer des Büchercafés, Fan dieser Brötchen war. Ich muss jedoch fast jeden Tag welche entsorgen, weil die Kunden andere Sorten bevorzugen.

Ich lächle und schlinge die Arme um mich. »Liegt vielleicht an der Jahreszeit. Es ist kälter geworden, oder?«

»Ja, sie haben sogar Schnee vorausgesagt für nächste Woche. Aber um diese Jahreszeit ist es nun mal kalt. Wir sind an der Küste.«

»Stimmt. Und ich freue mich auf mein erstes Weihnachten in Nordwiek.« Mit einem Winken verabschiede ich mich.

Mal sehen, welche Brötchen ich morgen früh bekomme.

Zurück im Laden werde ich von einem Bellen begrüßt. Vor dem Fenster direkt neben Henny hebt Möwe den Kopf, ein hellbrauner Mischlingshund, der niemandem gehört, aber trotzdem einen Stammplatz hier hat. Jeden Tag kommt er vorbei. Dann legt er sich in das Hundekörbchen, das noch vom Vorbesitzer stammt, und kommentiert ab und zu Dinge mit einem Bellen. Doch jeden Abend geht er wieder.

Ich stelle mir vor, wie er in ein Zuhause zurückkehrt, zu einer Hündin und kleinen Welpen, von seinem Tag hier im Büchercafé erzählt und dann friedlich schläft.

»Versuch nicht, ihn dauerhaft aufzunehmen«, hat Greta mich gewarnt. »Das hat Johann oft vergeblich probiert. Möwe braucht seine Freiheit.«

Inzwischen sehe ich ihn einfach als Maskottchen. Die Kunden lieben ihn. Ich liebe ihn. Tagsüber bekommt er von mir ganz viel Fürsorge und Futter. Wenn er nachts woanders sein will, ist es sein gutes Recht. Meine kleine Wohnung über dem Laden ist ohnehin zu klein für einen Hund.

Draußen wird es langsam dunkel. Immer mehr Menschen strömen Richtung Marktplatz. Dort findet heute das Tannehieve statt. Der große Weihnachtsbaum wird aufgestellt, ohne Schmuck und Lichter. Dafür gibt es ein eigenes Fest.

Ich habe mir fest vorgenommen, hinzugehen. Je schneller ich mich an die Traditionen hier gewöhne, desto schneller fühle ich mich wirklich heimisch.

Nach und nach leert sich der Laden.

Möwe ist hinausgeschlüpft, als Fiete hinausgegangen ist. Henny wirft mir eine Kusshand zum Abschied zu. Zwei Frauen bezahlen bei Tarek ein paar Bücher. Dann sind wir beide allein.

»Geh ruhig«, sage ich zu ihm. »Ich kümmere mich um alles.«

Tareks Gesicht hellt sich auf. »Super! Dann schaffe ich es noch, meiner Mutter die Einkäufe vorbeizubringen.«

Ah, deshalb war er vorhin so lange fort. Hätte er doch sagen können. Tarek leistet genug Arbeit nebenher. Da kann er zwischendrin ruhig mal was für sich tun – oder besser gesagt für seine Mutter.

»Sehen wir uns später, Marlene?«

»Bestimmt.«

Ich schließe hinter Tarek ab und lösche die meisten Lichter.

Es ist still im Laden. Ich mag das. Immer noch glaube ich, zu träumen, wenn ich mich hier umsehe. Es war mein absoluter Traum, hier an der Nordsee solch einen Laden zu haben. Und es war sozusagen Fügung, dass ich ausgerechnet hier Urlaub gemacht habe, als ich erfahren habe, dass der alte Johann Faber seinen Laden dichtmachen wollte.

Ja, er wollte ihn schließen.

»Es hat sich leider kein Nachfolger gefunden«, hat er mir erklärt.

So ganz stimmte das nicht, wie ich inzwischen weiß. Er wollte den Laden in der jetzigen Form übergeben. Interessenten, die ein reines Café oder ein anderes Geschäft daraus machen wollten, gab es genug.

»Das hier ist ein Büchercafé«, sagte Johann mit einem traurigen Lächeln. »Nordwiek braucht so einen Laden. Jemanden, der Bücher mag und einen Platz schafft, sie zu genießen.«

Ich war sozusagen ein Glücksfall für ihn. Und er für mich.

Wir wurden uns schnell einig. Mithilfe eines kleinen Erbes von meiner Großmutter und unter Vereinbarung einer monatlichen Rente an Johann habe ich es nun geschafft, meinen Traum zu verwirklichen.

Ich setze mich auf einen der Hocker am seitlichen Tresen und schaue mich um. Die Regale mit den Büchern liegen im Dunkeln. Wenn man zwischen ihnen steht, vergisst man sogar, dass man in einem Café ist. Man kann völlig zwischen den Büchern versinken. An der hinteren Wand steht extra ein Lesesessel für die Menschen, die lieber für sich bleiben.

Der Cafébereich hingegen lädt förmlich dazu ein, in Kontakt zu kommen. Der Sessel, den Fiete gern für sich beansprucht, bildet mit zwei Sofas einen kleinen Kreis, in dem man gern über Geschichten diskutieren kann. Fiete ist sehr belesen. Er weiß zu jedem Buch etwas zu sagen.

»Da draußen auf dem Meer hat man viel Zeit zum Nachdenken«, sagt er hin und wieder, obwohl er inzwischen viel seltener zum Fischen rausfährt.

Nur widerwillig reiße ich mich vom Anblick meines ruhigen Ladens los. Aber gleich beginnt mein erstes Tannehieve. Das will ich nicht verpassen.

***

Wenige Minuten später laufe ich mit dem Strom Richtung Marktplatz. Die Luft ist kalt und schmeckt nach Meer. Dabei ist es gerade verschwunden und kommt erst in einigen Stunden zurück. Flut und Ebbe – ein faszinierendes Naturschauspiel.

Ich erreiche den Marktplatz genau im richtigen Moment.

Die große Tanne liegt auf einem Anhänger bereit. Alle Männer, die sich dazu auserkoren fühlen, packen an. Der obere Teil des Baumes ist mit Seilen umschlungen, die hinauf zu den Fenstern im zweiten Stock des Rathauses führen, wo weitere Männer stehen und sie festhalten.

Dann brüllt jemand Kommandos. Die Männer, die den Baum an der Spitze halten, stemmen ihn mit vereinten Kräften hoch und wandern mit ihren Händen den Stamm entlang tiefer, während die Seile fester gezogen werden. Nach und nach richtet sich die Tanne auf. Ein schöner Baum mit dichten Zweigen – völlig ungeschmückt, wie die Natur ihn geschaffen hat.

Die Menschen um mich herum feuern die tapferen Männer an oder geben überflüssige Ratschläge. Viele haben Glühweinbecher in den Händen. Eine gute Idee.

Ich gehe hinüber zu einem Stand und hole mir auch einen Glühwein.

Als der Baum endlich gerade steht, brandet Beifall auf und die Menschen jubeln.

Die Bürgermeisterin, eine Mittvierzigerin namens Jette Bloom, tritt an ein Mikro und erklärt das Tannehieve für erfolgreich verlaufen. Wieder jubeln die Leute. Der Glühwein tut sicherlich sein Übriges. Da kommt man richtig in Stimmung, obwohl erst in einigen Tagen der Dezember anfängt.

Musik ertönt aus Lautsprechern, Weihnachtsmusik.

Es wird mein erstes Weihnachten hier sein. Ich kann es kaum erwarten. Weihnachten feiert man zu Hause. Und das hier ist jetzt meines.

Ich beschließe, noch einen Spaziergang zu machen. Nach dem langen Tag im Laden brauche ich etwas Ruhe.

Je näher ich dem Deich komme, desto leiser werden die Geräusche des Marktplatzes.

Hinter mir bleibt das warme Leuchten des Ortes zurück. Vor mir liegt nur die weite Nacht. Ich ziehe den Mantel enger um mich und bleibe schließlich oben auf dem Deich stehen. Der Wind rauscht mir um die Ohren. Ich liebe das Gefühl, er würde alles Schlechte einfach mit sich fortnehmen.

Der Himmel leuchtet in einem seltsamen Grün. Erst denke ich, es sind die Lichter von Nordwiek, die sich irgendwie spiegeln. Doch der Schimmer bewegt sich. Ganz langsam. Fast unwirklich.

Polarlichter.

Mir stockt der Atem.

Ich habe noch nie Polarlichter gesehen.

Über dem Watt ziehen grüne Schleier durch den Himmel.

Der Wind frischt auf und zerrt an meiner Mütze, meine Finger werden langsam kalt, doch ich kann den Blick nicht abwenden.

Vielleicht ist es albern. Aber plötzlich habe ich die Gewissheit, dass alles gut wird.

Der Laden. Nordwiek. Mein neues Leben.

Alles.

Kapitel 2

Joris

Das nächste Buch muss ein Knaller werden.

Ich starre auf die Nachricht. Verlagslektorinnen können so motivierend sein. Zum Glück hat Lena das extra geschrieben. Eigentlich hatte ich vor, einen Flop zu produzieren, aber es soll ein Bestseller werden. Gut zu wissen. Dann gebe ich mir also lieber mehr Mühe.

Pfff! Als ob man Erfolg kalkulieren könnte. Okay, in ihren Augen kann man das schon auf eine gewisse Weise. Mit dem richtigen Marketing wie Werbung im Buchhandel, um die Vorverkaufszahlen nach oben zu treiben. Nur leider wird das diesmal nicht passieren. Dafür liefen die letzten beiden Bücher einfach zu schlecht. Und genau deshalb brauche ich jetzt einen Erfolg. Einen Knaller. Ganz einfach. Lena hat es auf den Punkt gebracht. Hurra.

Seufzend schließe ich das Mailprogramm. Als hätte ich nicht schon genug Druck. Ich weiß sehr gut, was von meinem nächsten Buch abhängt. Genau das hemmt mich ja.

Ich rufe das Schreibprogramm auf.

Gesamtwortzahl: 10.156

Heute geschrieben: 611

Heute gelöscht: 1.063

Macht minus 452 Wörter.

So sieht Fortschritt aus, wenn man dermaßen motiviert wird.

Ich schreibe ein paar Sätze, um in den Flow zu kommen. Dann lösche ich sie wieder, weil sie nicht zum Absatz davor passen.

Okay, der ist ebenfalls Mist. Der kann gleich mit weg.

Früher war das einfacher. Ich hatte eine Geschichte im Kopf und habe sie aufgeschrieben. Inzwischen fällt es mir schwer, einfach draufloszuschreiben und meinen Gedanken freien Lauf zu lassen. Ich habe immer im Hinterkopf, wie das, was ich schreibe, wohl ankommen wird, und das hemmt mich unglaublich.

»Gute Autoren plotten«, sagt Lena immer.

Ich bin mir da nicht so sicher.

Früher war ich ein absoluter Bauchschreiber. Ich schrieb drauflos und schaute, wohin die Geschichte mich führt. Sie mochte irgendwo in meinem Hinterkopf sein, in meinem Unterbewusstsein. Vielleicht war auch hin und wieder eine Muse im Spiel. Doch am Schluss hat sich immer alles ganz von allein gefügt. Irgendetwas tief in mir wusste, worauf das Ganze hinausläuft, wie es endet und wie ich die Fäden zusammenführen muss.

Wo ist dieses Gefühl jetzt?

Bei den letzten beiden Büchern hat es mir schon gefehlt.

Kein Wunder, dass die Verkaufszahlen enttäuschend waren, obwohl sie als Bestseller gefeiert wurden. Ja, die Kunst des Buchmarketings: einen Bestseller produzieren, noch bevor die Leserschaft entschieden hat, ob sie das Buch überhaupt lesen will.

Jetzt wird es diese Vorverkaufszahlen gar nicht erst geben. Lena sagt, der Druck sei dadurch höher. Ich muss nicht nur ein gutes Buch schreiben, sondern auch hoffen, dass es danach gesehen wird. Dass der Buchhandel wieder Vertrauen zu mir bekommt und das neue Werk bestellt.

Tja. Dann schreibe ich jetzt mal ein gutes Buch.

Ab morgen.

Für heute habe ich einfach genug. Es gibt diese Tage, an denen man genau weiß, dass man es lassen sollte, weil nichts Gescheites dabei herauskommt. Früher habe ich darauf gehört. Leider habe ich solche Phasen inzwischen öfter. Ständig eigentlich.

Sieht so ein Burn-out aus?

Wie viele gute Geschichten stecken in einem Autor?

Vielleicht war es das bei mir, und ich habe nichts mehr zu erzählen. Vermutlich, weil ich inzwischen etwas erzählen muss.

Ich könnte einen Ratgeber über Schreibblockaden durch die Macht des Erfolgs schreiben. Ob Lena so etwas im Sinn hatte, als sie das Wort Knaller benutzte? Ich könnte sie fragen. Nein, für heute ist es genug. Morgen ist auch noch ein Tag. Und es ist ja nicht so, dass ich andere wichtige Termine hätte.

Seufzend öffne ich meinen Terminkalender.

Eine Lesung Anfang Dezember. In Nordwiek. Ein Buchcafé.

In einem Anflug von Panik habe ich zugesagt. Lust habe ich keine, aber immerhin bringt es Geld, und ich komme mal raus. Lesungsanfragen hatte ich schon lange keine mehr. Jedenfalls nicht von den großen Buchhandelsketten. Hin und wieder von kleineren, inhabergeführten Buchläden wie diesem hier. Doch selbst das hat nachgelassen. Deshalb habe ich hier spontan zugesagt.

Gestern kam eine Mail vom Inhaber Johann Faber. Er hat den Laden inzwischen übergeben. Die neue Besitzerin würde sich bei mir melden. Hoffentlich bleibt es dabei.

Ein bisschen Nordseeluft wird mir guttun. Vielleicht komme ich dort sogar zum Schreiben. Besser erst mal eine Kurzgeschichte, einfach um den Druck loszuwerden.

Frische Luft würde mir jetzt auch guttun. Drinnen zu sitzen, macht es heute nur schlimmer. Ich schnappe mir Mantel und Schlüssel und verlasse die Wohnung.

Draußen schlägt mir kalte Luft entgegen. Um diese Uhrzeit sind nicht mehr viele Menschen unterwegs. Die ersten Weihnachtslichter hängen schon.

Ziellos gehe ich durch die Straßen. Dabei kamen mir früher immer die besten Ideen. Doch heute verdränge ich das Thema und genieße einfach die Stille.

Mein Laptop ist zu Hause. Genau wie mein Handy. Wenn mir jetzt Ideen kommen, müsste ich sie mir bis zu Hause merken. Lieber nicht über das angefangene Buch nachdenken.

Ich schließe kurz die Augen und atme tief ein. Es riecht noch nach Herbst, feucht und erdig. Ich mag diese Zeit des Jahres. Jedenfalls früher mal.

Die Adventszeit ist mir inzwischen zu hektisch und gezwungen. Ich hätte im September Urlaub machen sollen. In Kanada. Den Indian Summer mit seinen bunt leuchtenden Blättern genießen. Vermutlich wäre das inspirierender gewesen als das stundenlange Sitzen vor meinem Laptop.

Wieder denke ich an die bevorstehende Lesung an der Nordsee. Dort ist es um diese Jahreszeit sicher auch schön. Windig, feucht, wild.

Und das Publikum? Vielleicht gnädiger als anderswo. Außerdem spielt mein neuer Roman an der Nordsee. Das mögen die Einheimischen. Sie und alle Nordseefans. Lenas Idee, verbunden mit der Hoffnung, dass sich zumindest Buchläden an der Küste mein Buch in den Laden legen.

Auf jeden Fall werde ich die Tage dort nutzen, um mich ordentlich inspirieren zu lassen.

Warum hat sich die neue Besitzerin eigentlich noch nicht gemeldet? Hat sie es sich anders überlegt? Hoffentlich nicht.

Am besten ist es wohl, wenn ich ihr später eine Mail schreibe und einfach meine Ankunft ankündige, sodass sie kaum absagen kann.

Wenn ich so darüber nachdenke – ich freue mich sogar auf diese kleine Auszeit. Ich sollte sogar ein paar Tage früher hinfahren und ein paar Tage hinten dranhängen. Das werde ich auch gleich fragen. Etwas beschwingter gehe ich weiter.

Ja, ich verdränge das Problem nur. Schon klar. Aber manchmal braucht es genau das, um wieder klar zu sehen.

Ich erreiche die Brücke. Unter mir glitzert der Fluss im Mondschein und im Licht der Laternen, die beide Wege entlang des Ufers säumen. Langsam steige ich die Treppen hinunter und schlage den schmalen Pfad ein, der sich am Wasser vorbei schlängelt.

Auf einer Bank lasse ich mich nieder. Ein paar Leute mit Hunden sind unterwegs. Man hört das leise Rauschen des Verkehrs auf der Brücke.

Ich lehne den Kopf zurück und starre in den Himmel. Er sieht ungewohnt aus, hat einen leichten grünen Schimmer. Ist das normal? Das Grün wird intensiver, ein Hauch Rosa mischt sich hinein. Ein älterer Mann mit einem Beagle an der Leine geht an mir vorbei.

»Perfekter Platz, um die Polarlichter zu genießen«, sagt er.

Polarlichter.

Ach ja!

Selten so weit südlich. Aber ich habe vor einigen Tagen gelesen, dass es möglich wäre.

»Deshalb bin ich hier!«, rufe ich dem Mann hinterher, der sich noch einmal lächelnd umdreht.

Das Licht bewegt sich über den Himmel, unwirklich und gleichzeitig vollkommen klar. Tausend Gedanken schießen mir durch den Kopf.

Wie kann ich das nutzen?

Welche Figur braucht so ein Erlebnis?

Was bewirkt es?

Wie treibt es die Geschichte voran?

Gehört es an den Anfang der Geschichte oder an ihr Ende?

So viele Möglichkeiten. So viele Entscheidungen.

Meine Gedanken drehen sich im Kreis, zweifeln einander an, fressen sich gegenseitig auf …

Genug.

Ich wollte nicht über dieses Buch nachdenken.

Hier und jetzt – das ist es, was zählt.

Man soll im Moment leben, nicht jeden Moment zu etwas verarbeiten.

Das Rosa ist intensiver geworden, malt abstrakte Muster in den Himmel. Jemand sagte mal, die Farben des Sonnenaufgangs kämen vom Schmutz in der Atmosphäre. Eine unromantische Vorstellung. Außerdem zählt ausschließlich das Ergebnis.

Mir ist egal, wie die Polarlichter es schaffen, den Himmel rosa zu färben. Es ist einfach wunderschön. Wenn man genau hinsieht, erkennt man jede kleine Veränderung.

Ich hätte doch mein Handy mitnehmen sollen. Dann würde ich allerdings nur versuchen, das beste Bild zu machen.

Nein, so ist es besser.

Nur schauen, nicht infrage stellen.

Das reicht für den Moment.