Leseprobe Mord im Polarexpress

Kapitel 1

18. November

Linda Hellstern hatte zwanzig Jahre lang Menschen gejagt, die nicht gefunden werden wollten. Jetzt war sie diejenige, die verschwunden war.

Freiwillig, wohlgemerkt. Niemand hatte sie verjagt. Keine Suspendierung, kein Skandal, keine Alkoholsucht, keine Scheidung, keine dramatische letzte Schicht, in der ihr Partner angeschossen worden war oder was sonst immer gerne für solche Situationen herhalten musste. Sie hatte einfach ihren Dienstausweis auf den Schreibtisch gelegt, Danke, ich bin fertig hier gesagt und war gegangen. Die Gesichter ihrer Kollegen hatte sie nicht vergessen – eine Mischung aus Unverständnis und stiller Bewunderung. Wer gab schon freiwillig einen sicheren Job bei der Stuttgarter Kripo auf? Eine ausgebrannte Mittvierzigerin, die nachts nicht mehr schlafen konnte und eine unbeschreibliche Sehnsucht nach Ruhe hatte. Aber das behielt sie für sich.

Stattdessen saß sie jetzt hier: in einer Holzhütte am Rande der norwegischen Wildnis. Mit einem Hund, der auf dem Rücken lag und schnarchte, als hätte er gerade den Marathon seines Lebens hinter sich gebracht. Und mit einem Laptop, dessen Cursor sie vorwurfsvoll anblinkte. Sonst nichts.

»Echt toll«, sagte Linda zu dem Bildschirm. »Einfach super klasse.«

Lasse, ihr Golden Retriever, öffnete ein Auge. Sein Blick sagte deutlich: Jetzt flipp bloß nicht wieder aus, weil du nicht schreiben kannst. Es ist gerade so schön ruhig und gemütlich.

»Du bist keine Hilfe.«

Lasse gähnte ausgiebig, rollte sich auf die Seite und schlief weiter.

Linda seufzte und griff nach ihrer Kaffeetasse. Leer. Natürlich. Sie stand auf und schlurfte zur Küche, während draußen der Schnee fiel. Wie jeden Tag, vermutlich bis März. Sie hatte inzwischen aufgehört sich zu fragen, ob es in Norwegen auch mal aufhörte zu schneien.

Die Kaffeemaschine gurgelte verheißungsvoll. Linda lehnte sich gegen die Arbeitsplatte und betrachtete die verschneite Landschaft durchs Fenster. Endlose Wälder, weiße Hügel. Stille. So viel davon, dass man seine eigenen Gedanken schreien hörte.

Aber das war schließlich der Plan gewesen: Ruhe zu finden, die Wurzeln ihrer Mutter erkunden – Røros, das Dorf, wo sie geboren worden war. Endlich den Krimi schreiben, den sie seit Jahren im Kopf hatte. Ein neues Leben anzufangen.

Der Cursor blinkte immer noch.

»Vielleicht«, sagte Linda zu sich selbst, »war das mit dem Schreiben doch keine so gute Idee.«

Lasse erschien in der Küchentür, als hätte er das Wort Idee mit Futter verwechselt. Sein Schwanz wedelte hoffnungsvoll.

»Du hast recht«, sagte Linda und goss sich Kaffee ein. »Inspiration kommt nicht vom Starren auf leere Bildschirme. Die kommt draußen, beim Spazieren. Wenn du willst, dass sich was in deinem Hirn bewegt, musst du dich bewegen.«

Lasses Wedeln wurde schwächer.

»Aber erst Kaffee.«

Das Wedeln stoppte. Lasse setzte sich hin und sah sie vorwurfsvoll an.

Linda nahm die dampfende Tasse in ihre Hände und nippte vorsichtig. Heiß, stark, schwarz. Sie stellte die Tasse ab und betrachtete ihren Hund. Eine sechs Jahre alte, treue Seele. Sein Fell hatte die Farbe von Honig und er war der einzige Freund, den sie aus Stuttgart mitgenommen hatte. Der Einzige, der immer da war, ihr zuhörte und nie fragte, warum sie mitten in der Nacht aufwachte und nicht mehr einschlafen konnte. Wenn ihre Gedanken mal wieder in ihrem Kopf Karussell fuhren, legte er sich einfach zu ihr ins Bett, als könnte er sie damit stoppen. Manchmal, aber viel zu selten, half das tatsächlich.

»Weißt du, was das Problem ist, Lasse?« Sie kraulte ihn hinter den Ohren. »Ich kann keinen Krimi schreiben, weil ich zu viele echte Verbrechen gesehen habe. Alles, was ich mir ausdenke, ist entweder zu harmlos oder zu deprimierend.«

Der Hund legte den Kopf schief. Oder du denkst zu viel nach. Was ist denn jetzt mit Gassi?

»Du bist schlauer als ich«, sagte Linda. »Komm, wir gehen spazieren.«

Das war das Zauberwort, das ihn sofort aufspringen ließ. Er rannte zur Tür und tanzte wie wild auf der Stelle. Linda zog ihre Winterjacke an – die dicke, die sie in Stuttgart nie gebraucht hatte – und wickelte sich einen Schal um den Hals. Draußen war es minus zehn Grad. In Stuttgart wäre bei solchen Temperaturen der Ausnahmezustand ausgerufen worden. Hier war es ein normaler Novembertag.

Sie öffnete die Tür. Der Wind schlug ihr entgegen, aber Lasse stürmte hinaus, als gäbe es keinen. Linda folgte ihm und kniff die Augen zusammen, als könnte sie so ihrem Blick den Weg durch die Schneeflocken bahnen.

Sie sah einen Kalender, den sie neben der Tür aufgehängt hatte. Heute war der 18. November. In fünf Tagen würde sie nach Røros fahren. Das Dorf, in dem auch ihre Großeltern gelebt hatten, bevor sie nach Deutschland ausgewandert waren.

Linda hatte sich das Zugticket schon gekauft: für den Polarexpress. Eine historische Linie, die nur im Winter fuhr. Romantisch, malerisch, perfekt für … was eigentlich? Für Inspiration? Antworten? Sie wusste es nicht. Es klang aber vielversprechend, fand sie.

»Vielleicht finde ich dort etwas und weiß dann, dass ich danach gesucht habe«, sagte sie zu sich selbst und zog sofort ihr Handy aus der Manteltasche, um sich diesen Spruch aufzuschreiben. Man wusste schließlich nie, wann man einen ihn brauchen konnte.

Lasse bellte und sprang durch den Schnee. Oder du hörst auf, so viel nachzudenken und spielst mit mir.

Linda lächelte. »Wenigstens einer von uns ist glücklich hier.«

Das Schneetreiben wurde dichter. Linda sah zu, wie ihr Hund sich einen Weg durch den Schnee pflügte. Die Nase am Boden, auf der Spur von etwas, das mal wieder nur er riechen konnte. Ein Hase vielleicht oder ein Elch. Hier gab es nämlich welche, das hatte ihr ihre Vermieterin Helga erzählt. Linda blickte in den Wald und stellte sich vor, wie eines dieser großen Tiere hinter der Baumreihe auftauchte und sie mit seinen dunklen Augen anstarrte.

»Gruselig«, fand sie und schüttelte sich kurz, als könnte sie damit den Gedanken wieder loswerden.

»Lasse! Komm zurück!«

Der Golden Retriever drehte sich um, Schnee im Fell. Seine Zunge hing fast bis zur Schneedecke herunter. Dann rannte er auf sie zu, bremste nicht rechtzeitig und stieß sie fast um.

»Du bist unmöglich.« Linda lachte.

Lasse sah sie an. Du liebst mich trotzdem.

Sie gingen zurück zur Hütte. Sie warf einen letzten Blick auf die verschneite Landschaft. Irgendwo da draußen lag Røros, warteten Antworten. Oder vielleicht auch nur mehr Schnee.

Bald würde sie es herausfinden.

Kapitel 2

Der Spaziergang war länger geworden als geplant. Linda hatte das eigentlich vermeiden wollen. Sie kannte die Geschichten über Menschen, die in der norwegischen Wildnis einfach verschwanden. Meist waren es Touristen, die dachten, eine kleine Wanderung im Schnee wäre wie ein Rundgang im Park. Dann kam der Nebel oder die Dunkelheit oder ein Elch. Oder alles gemeinsam, und plötzlich sah alles gleich aus und sie verirrten sich im unendlichen Weiß.

Zum Glück hatte Lasse eine Spur gefunden. Offenbar handelte es sich nicht um irgendeine, sondern um die eine Spur, die ihn komplett vergessen ließ, dass es Linda gab, geschweige denn, dass er bei ihr bleiben sollte. Er war einfach total aufgeregt und bellend losgerannt, als hätte er den leckersten Braten der Welt entdeckt.

»Lasse! Hier!«

Keine Reaktion.

»Lasse, verdammt!«

Immer noch kein Laut.

Linda fluchte leise vor sich hin und stapfte hinterher. Der Schnee war tiefer hier und reichte ihr fast bis zu den Knien. Ihr Atem dampfte, während sie sich durch den Schnee kämpfte. Sie war beim Weinberg-Marathon früher immer die Zehn-Kilometer-Strecke gelaufen, aber das war schon einige Jährchen her. Inzwischen reichten schon zwei Stockwerke, um sie nach Luft schnappen zu lassen.

»Wenn du einen Elch gefunden hast, dann hau’ ich sofort ab und lasse dich alleine bei ihm zurück!«

Lasse bellte wieder. Diesmal klang es anders. Nicht aufgeregt, eher nervös.

Linda kannte diesen Ton. Ihr Herz klopfte schneller. Zwanzig Jahre Polizeiarbeit hatten ihr diese Hellhörigkeit beigebracht. Das war nicht das Ich-hab-ein-Eichhörnchen-gefunden-Bellen. Das war das Hier-ist-was-Großes-Bellen.

»Scheiße«, murmelte Linda beunruhigt und kämpfte sich weiter durch den Schnee. Ihre Oberschenkel brannten. «Lasse, wenn das wirklich ein Elch ist, schwöre ich dir …«

Sie erreichte eine kleine Lichtung und blieb abrupt stehen.

Lasse stand etwa zehn Meter entfernt. Der Schwanz wedelte. Nicht ängstlich, sondern freudig.

Und vor ihm stand – als hätte Linda es geahnt – ein Elch. Ein riesiges, gigantisches, unvorstellbar großes Tier.

Linda hatte Elche im Fernsehen gesehen. Da wirkten sie irgendwie … niedlich, majestätisch. Wie große Hirsche mit komischen Geweihen. Aber das hier? Das hier war ein verdammter Panzer auf Beinen. Mindestens zwei Meter hoch, das Geweih breit wie ein Kleinwagen, mit dunklem, zotteligem Fell, aus dem Dampfwolken aufstiegen.

Und er sah sie direkt an. Mit dunklen Augen, die geheimnisvoll und irgendwie … ja, irgendwie treu wirkten. Aber auch fremd und beängstigend.

Linda hielt den Atem an. Jeder Muskel in ihrem Körper schrie: Lauf!

Aber sie konnte sich nicht bewegen, war wie gelähmt. Sie hatte mal gelesen, dass Elche gefährlicher waren als Bären. Dass sie Menschen angriffen, wenn sie sich bedroht fühlten. Dass sie mit einem einzigen Tritt …

Der Elch schnaubte. Dabei quoll so viel Dampf aus seinen Nüstern, dass er für einige Sekunden komplett in einer Nebelwolke verschwand.

Linda zuckte zusammen. »Guter … äh … guter Elch«, flüsterte sie. »Ganz ruhig. Wir wollen nur …«

Lasse bellte fröhlich und sprang um das Tier herum, als würde er einen alten Kumpel begrüßen.

»Lasse, komm sofort her!«, zischte Linda.

Der Golden Retriever ignorierte sie komplett. Er lief auf den Elch zu, beschnupperte dessen Vorderbeine und wedelte noch mehr. Der Elch senkte in Zeitlupe den Kopf, bis seine Schnauze fast Lasses Kopf berührte.

Dank ihres Berufs gab es nicht viele Situationen, die Linda Angst einjagten, aber in diesem Moment hatte sie das Gefühl, gleich ohnmächtig zu werden. »Das gibt’s doch nicht! Du blöder Hund!«, rief sie verzweifelt.

Aber Lasse schien Lindas Angst nicht zu teilen ‒ im Gegenteil. Er war außer sich vor Freude, einen neuen Freund getroffen zu haben.

Aus Lindas Blickwinkel sah es aus, als würden die beiden Tiere kommunizieren. »Das bilde ich mir ein«, murmelte sie. »Jetlag oder Schneekrankheit. Gibt es so etwas?«

Der Elch hob den Kopf wieder und sah ihr nun direkt in die Augen. Und für einen Moment hatte sie das Gefühl, dass dieses Tier sie musterte. Dann schnaubte es noch einmal, drehte sich um und verschwand im Nebel zwischen den Bäumen. Einfach so, als wäre nichts gewesen. Linda stand immer noch da, mit hämmerndem Herz und wackeligen Beinen.

Lasse kam zu ihr zurückgetrottet und sah sie fröhlich an, als käme er von einer tollen Verabredung zurück.

»Was …«, sagte Linda mit zittriger Stimme, »… war das denn bitte?«

Lasse sah sie an. Sein Blick sagte deutlich: Quatschen mit meinem neuen Freund.

»Du denkst nicht im Ernst, dass das ein Freund ist. Das ist ein Elch. Ein riesiger, gruseliger Elch, der uns hätte tottrampeln können!«

Lasse legte den Kopf schief. Das würde er doch nie tun.

Linda starrte ihren Hund an, dann in die Richtung, in die das monströse Tier verschwunden war und zurück. »Ich brauche jetzt dringend einen Schnaps.«

Sie drehte sich um und stapfte zurück zur Hütte. Der Schock saß ihr so tief in den Gliedern, dass sie gar nicht bemerkte, wie anstrengend es war, sich einen Weg durch den Schnee zu bahnen. Lasse trabte locker neben ihr her, als wäre dies ein Spaziergang wie jeder andere gewesen.

Zurück im Warmen machte Linda sich einen Tee und verfeinerte ihn mit einem großen Schluck Rum und viel Zucker. Ihre Hände zitterten immer noch leicht, als sie die Tasse zum Mund führte. Lasse lag entspannt vor dem Kamin und döste.

»Deine Gelassenheit hätte ich gerne …«

Lasse öffnete ein Auge. Ist ganz leicht. Einfach lockermachen.

»Du hast leicht reden. Bei dir sieht das so einfach aus.« Sie nahm einen Schluck Tee und betrachtete ihren Hund. Er wirkte so zufrieden, fast schon glücklich.

Linda seufzte und sah aus dem Fenster. Der Schnee fiel jetzt noch dichter. Zum Glück waren sie eben schon draußen gewesen. Bald würde es dunkel werden. In Norwegen war das im November schon um drei Uhr nachmittags der Fall. Das war etwas, an das sie sich noch gewöhnen musste.

Sie dachte an den Elch. An seinen Blick, an die Art, wie er Lasse angesehen hatte.

Linda schüttelte den Kopf und stellte die Tasse ab. Genug Grübelei für heute. In fünf Tagen würde sie im Zug nach Røros sitzen. Dann würde sie endlich Antworten finden. Oder zumindest die richtigen Fragen.

Sie warf einen letzten Blick nach draußen. Der Wald lag still da, verschneit und geheimnisvoll. Und irgendwo da draußen stand ein Elch, dessen Anblick sie ängstlich und nachdenklich zugleich machte.

»Norwegen«, murmelte Linda. »Was habe ich mir dabei nur gedacht?«

Kapitel 4

23. November

Der 23. November startete mit Schnee, was keine Überraschung war, weil in Norwegen jeder Tag mit Schnee begann. Linda hatte aufgehört, sich darüber zu wundern. Sie stand um sechs Uhr auf, obwohl der Zug erst um zehn fuhr. Aber sie war nervös. Nicht die gute Art von nervös. Es war eher die Ich-habe-etwas-vergessen-Art von nervös.

»Fahrkarte?«, murmelte sie und durchwühlte ihre Tasche. »Check. Handy? Check. Ladekabel? Check. Hundeleine? Check. Lasse?«

Lasse saß vor der Tür und wedelte ungeduldig mit dem Schwanz. Wie oft willst du denn deine Sachen noch checken? Können wir endlich los?

»Gleich. Ich muss nur noch …« Sie sah sich in der Hütte um. Alles war ausgeschaltet, die Fenster geschlossen, der Herd aus. Helga hatte einen Schlüssel und würde nach dem Rechten sehen.

»Okay«, sagte Linda. »Ich glaube, jetzt können wir.«

 

Die Fahrt zum Bahnhof dauerte eine Stunde. Der Bus fuhr zweimal am Tag und roch nach nassem Hund und altem Kaffee. Linda saß hinten, Lasse zu ihren Füßen. Sie blickte aus dem Fenster. Eine traumhaft verschneite Landschaft zog an ihnen vorbei. Die bunten Häuser sahen aus der Entfernung aus wie Spielzeug.

Der Bahnhof war viel kleiner, als Linda erwartet hatte: ein einziges Gleis, ein Häuschen, das aussah, als wäre es aus einem Märchenbuch gefallen, und eine Handvoll Menschen, die mit dampfendem Atem auf den Zug warteten.

Linda stellte ihre Tasche ab und sah auf die Uhr. Neun Uhr fünfundvierzig. Noch fünfzehn Minuten bis zur Abfahrt.

»Entschuldigung.« Eine ältere Frau mit dickem Mantel und Pelzmütze lächelte sie an. »Ist das Ihr Hund?«

»Ja. Das ist Lasse«, antwortete Linda und lächelte stolz.

»Wunderschön. Golden Retriever?«

»Genau.«

Die Frau bückte sich und kraulte Lasse hinter den Ohren. Der lehnte sich genussvoll in die Berührung. »Ich hatte auch mal einen. Er war der beste Freund, den ich je hatte.«

»Das kann ich verstehen.«

Die Frau richtete sich auf. »Fahren Sie nach Røros?«

»Ja. Und Sie?«

»Auch. Meine Schwester lebt dort. Ich besuche sie über Weihnachten.« Sie sah Linda neugierig an. »Und Sie? Machen Sie Urlaub?«

Linda zögerte. »So ähnlich. Meine Mutter wurde dort geboren.«

»Ach, wie schön. Røros ist ein wunderbarer Ort. Klein, aber voller Geschichte.«

»Das habe ich gehört.«

In der Ferne ertönte ein Pfeifen. Linda sah auf. Zwischen den verschneiten Bäumen tauchte der Zug auf. Der Polarexpress. Er sah aus, als käme er aus einer anderen Zeit. Aus einer, in der selbige stillzustehen schien. Die dunkelrote Lackierung, die großen Fenster und die Dampflokomotive vorn, die kleine Rauchwolken ausstieß, ließen ihn fast schon majestätisch wirken.

»Schön, nicht wahr?«, sagte die Frau neben ihr.

»Ja«, flüsterte Linda andächtig. »Wirklich schön.«

Der Zug hielt quietschend, und die Türen öffneten sich. Ein Schaffner in altmodischer Uniform stieg aus und half den Passagieren beim Einsteigen.

Linda nahm ihre Tasche und folgte den anderen. Lasse trottete neben ihr her, die Nase am Boden, damit ihm ja kein Geruch entging.

Von innen war der Zug genauso nostalgisch wie von außen. Holzvertäfelungen an den Wänden, rote Samtpolster und kleine Messinglaternen an den Wänden versetzten sie in längst vergangene Zeiten. Es roch nach Holz, Kaffee und etwas Muffigem, das Linda nicht genau identifizieren konnte. Sie fand ihren Platz am Fenster. Lasse legte sich zu ihren Füßen hin und seufzte zufrieden.

»Na also«, sagte Linda und strich ihm über den Kopf. »Das hätten wir schon mal geschafft. Ist das nicht gemütlich hier?«

Aber ihr Hund hatte schon die Augen geschlossen und grunzte noch einmal, was Linda als Bestätigung gelten ließ.

Der Zug setzte sich langsam und schnaubend in Bewegung. Linda sah aus dem Fenster, während erst der kleine Bahnhof und dann die Häuser an ihr vorbeiglitten, bis nur noch Wald und Schnee zu sehen waren.

»Schönen guten Tag, Fahrkarten bitte.«

Linda zuckte zusammen, denn der Schaffner stand plötzlich neben ihr, als hätte er sich von der Decke abgeseilt. Sie lächelte ihn kurz an und kramte das Zugticket aus ihrer Tasche. »Hier, bitteschön.«

»Danke und noch eine schöne Fahrt im Polarexpress.« Der Schaffner zwinkerte, als wüsste er selbst, wie weit hergeholt das war. »So tauft die Bahn den Weihnachtszug. Klingt festlicher als Rørosbanen, finden Sie nicht?«

Linda nickte. Bis zum echten Polarkreis fehlten zwar noch viele hundert Kilometer, aber den Touristen gefiel der Name bestimmt.

Die ersten zwei Stunden verliefen friedlich. Linda las ein Buch, das sie seit Wochen nicht zu Ende gebracht hatte. Lasse döste. Draußen zog die Landschaft vorbei wie ein endloser weißer Film.

Irgendwann kam eine Kellnerin mit einem Wagen vorbei. »Kaffee? Tee?«

»Oh, Kaffee!«, rief Linda fröhlich. »Schwarz, bitte.«

Die Kellnerin schenkte ihr ein und lächelte. »Ein schöner Hund.«

»Danke.«

Linda nippte am heißen Getränk. Es war heiß und stark – genau wie sie es liebte.

Sie betrachtete die anderen Passagiere. Eine Mischung aus Touristen und Einheimischen. Einige lasen, andere unterhielten sich leise, wieder andere schliefen.

Und dann war da dieser Mann. Er saß drei Reihen weiter vorn. Älter, vielleicht Mitte siebzig, graue Haare, Tweedmantel und schwarze Lederhandschuhe auf dem Schoß. Wie ein älterer Sherlock Holmes, dachte Linda. Er starrte aus dem Fenster, aber sein Blick war leer. Als würde er gar nicht wahrnehmen, was er sah. Linda beobachtete ihn eine Weile. Etwas an ihm war seltsam. Nicht bedrohlich, nur irgendwie … anders. Er griff in seine Tasche und holte ein Foto heraus, das er lange betrachtete. Linda fiel auf, dass seine Hände leicht zitterten. Sie wandte den Blick ab. Schließlich ging er sie nichts an.

Der Zug fuhr weiter. Durch Tunnel, über Brücken, an kleinen Dörfern vorbei. Die Landschaft wurde karger, kahler und weißer. Irgendwann sah man nur noch Schnee und vereinzelte knorrige Bäume.

»Nächster Halt: Tynset!«, rief der Schaffner durch den Gang.

Der Zug wurde langsamer und hielt. Ein paar Passagiere stiegen aus, ein paar neue ein.

Linda sah auf die Uhr. Zwölf Uhr dreißig. Noch etwa zwei Stunden bis Røros. Sie lehnte sich zurück und schloss kurz die Augen. Als sie sie wieder öffnete, sah sie zu dem älteren Mann, der inzwischen offenbar eingeschlafen war. Sie runzelte die Stirn. Komische Schlafposition.

Der Zug setzte seine Fahrt fort.

Zwanzig Minuten später saß der Mann immer noch kerzengerade da. Viel zu gerade für jemanden, der schlief. Sein Kopf war zur Seite gekippt, was sehr unbequem aussah.

Linda stand auf. »Bleib hier und rühre dich nicht vom Fleck«, sagte sie zu Lasse.

Lasse hob den Kopf. Wo willst du hin?

»Ich muss nur mal kurz nach etwas schauen.«

Lasse sah sie mit schiefem Kopf an. Ohne mich?

»Ja, du wartest bitte hier.« Sie ging durch den Gang nach vorn. Weil der Zug leicht schwankte, hielt sie sich an den Sitzen fest. Sie blieb eine Reihe vor dem Mann stehen und beobachtete ihn. Seine Augen waren geschlossen, die Hände lagen ordentlich im Schoß, links über rechts.

»Lasse, zurück!«, flüsterte Linda barsch. Er war ihr verbotenerweise gefolgt.

Aber ihr Hund ignorierte sie, beschleunigte, überholte sie und blieb direkt vor dem Mann stehen. Dann fing er an zu winseln.

»Lasse! Komm zurück! Lass den Mann in Ruhe!«

Der Hund stupste ihn mit der Nase an. Einmal, zweimal … nichts. Er reagierte nicht.

Linda eilte zu ihrem Hund und hielt ihn am Halsband fest. »Es tut mir leid«, entschuldigte sie sich. »Er ist sonst nicht so.«

Sie legte ihre Hand auf die Schulter des älteren Herrn. Der Mann war starr, was Linda abrupt innehalten ließ. Ihr Puls raste. Sofort schoss ihr das Blut in den Kopf und zündete den Kommissarinnen-Instinkt. Sie legte zwei Finger an seinen Hals. Nichts. Kein Puls, dafür eiskalte Haut.

Sie zog die Hand zurück und betrachtete ihn genauer. Seine Augen waren leicht geöffnet, der Blick starr ins Leere gerichtet.

»Mein Gott!«, flüsterte Linda. Sie atmete tief durch und zwang sich zur Ruhe. Dann begann sie zu beobachten.

Der Mann trug schlichte Kleidung – den Tweedmantel, eine dunkle Hose, schwarze Schuhe. Es waren keine Verletzungen oder Blut zu sehen. Nichts, was auf ein Fremdverschulden hindeuten würde.

Der Sitz neben ihm war leer. Er hatte keine Tasche bei sich. Seine Position war irgendwie merkwürdig. Er saß aufrecht, als würde er nur dösen. Die Hände lagen entspannt im Schoß. Irgendwie zu entspannt.

Linda beugte sich näher herab. Menschen, die im Sitzen starben, sackten normalerweise zusammen. Der Kopf fiel nach vorn, die Schultern hingen, die Arme rutschten von der Lehne. Dieser Mann aber saß kerzengerade. Nur der Kopf war leicht zur Seite geneigt. Die Hände lagen ordentlich im Schoß, links über rechts, wie bei einer Aufbahrung.

Ihr Blick glitt zu seinen Füßen: Sie standen parallel nebeneinander.

»Jemand hat dich hingesetzt«, murmelte sie. Mit spitzen Fingern durchsuchte sie vorsichtig seine Jackentaschen. Sie waren leer. Keine Brieftasche, kein Handy, nicht mal ein Taschentuch. Sie griff nach seinem Handgelenk: keine Uhr. Beim Aufklappen seiner Jacke fiel ihr auf, dass jemand das Etikett herausgeschnitten haben musste. Vielleicht er selbst? Aber warum sollte er?

Linda richtete sich auf. Ihr Herz schlug schneller. »Das war kein Herzinfarkt, Lasse. Und er ist auch nicht friedlich eingeschlafen«, sagte sie zu ihm, während sie ihren Blick auf den Toten gerichtet ließ und sein Gesicht noch einmal betrachtete. Bei Herzinfarkt sah man oft ein schmerzverzerrtes Gesicht, vor Angst weit aufgerissene Augen und verkrampfte Züge. Dieser Mann wirkte aber sehr entspannt, fast friedlich. Als wäre er einfach eingeschlafen.

Auf jeden Fall war er schnell gestorben, dachte Linda. Vielleicht Gift? Ihr Blick wanderte über seine Kleidung. Sie war sehr sauber und wies keinerlei Falten auf. Nicht mal ein Krümelchen war zu finden.

»Als wärst du präpariert worden«, sagte sie leise zu dem Toten.

Sie beugte sich noch näher über ihn und dann bemerkte sie ihn: einen leicht süßlichen, chemischen Geruch, der kaum wahrnehmbar war.

Linda beugte sich zurück und atmete durch die Nase. Der Geruch war weg. Hatte sie ihn sich eingebildet?

»Lasse«, flüsterte sie.

Der Golden Retriever stupste ihre Hand.

»Was zum Teufel ist hier passiert?«

Lasse sah sie besorgt an und winselte leise.

Linda richtete sich auf und sah sich um. Die anderen Passagiere lasen, schliefen oder sahen aus dem Fenster. Niemand schien etwas bemerkt zu haben.

Sie musste den Schaffner holen. Daher ging sie durch den Gang nach hinten und zwang sich, ruhig zu wirken. Der Schaffner – Bjørn, hatte er gesagt, als er die Tickets kontrolliert hatte – stand am Ende des Waggons und machte Notizen auf einem Klemmbrett.

»Entschuldigung«, sagte Linda leise.

Bjørn sah auf. Sie schätzte ihn auf Mitte vierzig. Er hatte ein rundes, freundliches Gesicht, das an der unteren Kontur von einem rötlichen Bart umrahmt wurde. »Ja? Kann ich Ihnen helfen?«

»Es gibt ein Problem.« Linda senkte die Stimme. »Ein Fahrgast da vorn … er ist tot.«

Bjørns Mundwinkel fielen samt Kinnlade sofort herunter. »Was?«

»Der ältere Herr, drei Reihen weiter vorn, mit dem Tweedmantel.«

Er starrte sie an. Dann ließ er das Klemmboard fallen und eilte nach vorn.

Linda folgte ihm. Lasse blieb bei dem Mann sitzen und sah zu ihr hoch.

Bjørn kniete sich hin und fühlte mit zitternden Händen nach dessen Puls, sah sie dann erschrocken an und schüttelte den Kopf. »Wie … wann ist das passiert?«

»Ich weiß es nicht«, antwortete Linda wahrheitsgemäß. »Er saß schon so da, als ich das letzte Mal nach vorn gesehen habe. Das war vor etwa zwanzig Minuten.«

Bjørn richtete sich auf. »Wir müssen … ich muss den Zug stoppen und die Polizei rufen.« Er griff nach seinem Funkgerät und sprach hastig einige kurze Sätze auf Norwegisch. Anschließend machte er eine Durchsage, so ruhig und professionell, als würde er das jeden Tag tun.

»Meine Damen und Herren, aus technischen Gründen müssen wir einen ungeplanten Halt einlegen. Bitte entschuldigen Sie die Unterbrechung und bleiben Sie auf Ihren Plätzen. Wir setzen die Fahrt so schnell wie möglich fort. Vielen Dank für Ihr Verständnis.«

Sofort war wildes Gemurmel zu hören. »Was ist los? Warum halten wir?«

Die ältere Frau mit der Pelzmütze stand auf und sah besorgt nach vorn. Ein Mann mittleren Alters, mit Anzug und Laptop vor sich, packte hektisch seine Sachen zusammen. Eine junge Frau mit blonden Zöpfen spähte neugierig in ihre Richtung.

Linda stellte sich in den Gang, um den Blick auf den toten Mann abzuschirmen. »Bitte bleiben Sie auf Ihren Plätzen.«

Bjørn sah sie an. »Sie sind Polizistin?«

Steht das etwa auf meiner Stirn?

»Das war ich mal. Ich war Kommissarin in Deutschland.«

Er nickte. »Gut, gut. Dann … können Sie hierbleiben? Ich muss nach vorn. Mit dem Zugführer sprechen.«

»Natürlich«, antwortete sie und sah Bjørn hinterher, wie er zügig den Gang entlanglief und dann hinter der Zwischentür verschwand.

Sie beobachtete die Passagiere. Wer reagierte wie? Wer wirkte überrascht? Wer nicht? Die Frau mit der Pelzmütze wirkte besorgt, aber nicht ängstlich. Der Mann mit dem Laptop nervös, aber mehr genervt als erschrocken. Die junge Frau neugierig. Niemand wirkte schuldig, was allerdings nichts heißen musste.

Der Zug begann langsam und quietschend zu bremsen. Es dauerte eine gefühlte Ewigkeit, bis er endlich ganz stillstand.

Sie standen mitten im Nirgendwo, irgendwo in der weißen Wildnis. Der Wind pfiff um den Waggon. Sonst war alles still. Linda hörte Bjørns Stimme von vorn, wie er telefonierte.

»Ja … ein toter Passagier … nein, ich weiß nicht … dreißig Minuten? Gut. Wir warten.«

Er kam zurück. »Die Polizei kommt aus Røros. Sie brauchen eine halbe Stunde, haben sie gesagt.«

Linda nickte. »Okay. Ich bleibe hier.«

Bjørn sah auf den Toten, dann zu Linda. »Danke.« Dann ging er zurück auf seinen Posten.

Sie setzte sich auf den Sitz gegenüber des toten Mannes. Lasse legte sich zu ihren Füßen. Dieses Mal jedoch nicht zum Schlafen, sondern zur Wache.

Linda blickte auf den Toten. Die Fragen türmten sich geradezu in ihrem Kopf auf: Wer bist du? Warum musstest du sterben? Wer hat dich getötet?

Der Zug stand still. Draußen heulte der Wind. Und irgendwo in diesem Zug saß ein Mörder.