Prolog
Der Regen hatte endlich aufgehört, aber der Wind peitschte noch immer über den Hafen, als wolle er die ganze Küste leer fegen. Zwischen den Fischkuttern klirrten lose Metallketten gegen die Masten. Irgendwo schlug eine Tür im Takt der Böen gegen eine Hauswand.
Paul rannte. Seine Schritte klatschten durch Pfützen, über nasses Holz, über ölverschmierten Beton. Er kannte den Hafen. Jede Gasse. Jeden Geruch. Den modrigen Tang am Kai, die alten Netze hinter den Hallen, den fettigen Duft aus der Imbissbude neben der Kneipe. Doch heute roch alles nur nach Gefahr.
Hinter ihm hallten Stimmen. „Da lang!“
„Er darf nicht zum Strand!“
„Schneller, verdammt noch mal!“
Paul warf einen hektischen Blick zurück. Ihn verfolgten drei Männer in dunkler Kleidung. Einer trug eine Wollmütze, die er tief ins Gesicht gezogen hatte, einer trug Handschuhe. Der dritte Mann schnaufte schwer, doch die Pistole in seinem Griff blieb ruhig.
Zu ruhig.
Paul beschleunigte. Sein Atem ging keuchend. Außerdem behinderte ihn das Nickituch, das er um seinen Hals trug, aber er bekam es jetzt in der Hektik nicht so schnell ab. Er hatte andere Sorgen. Stattdessen bog er scharf um die Ecke einer Lagerhalle, wobei ihm der Wind Sand und Regenwasser ins Gesicht trieb. Hinter einem Stapel Hummerkisten blieb er kurz stehen und lauschte.
Schritte. Sie kamen näher.
„Vielleicht ist er doch Richtung Strand gelaufen.“
„Dann finden wir ihn morgen früh angeschwemmt.“
Gelächter folgte.
Paul duckte sich tiefer in den Schatten.
Sein Herz raste so heftig, dass ihm schwindlig wurde. Er konnte das Blut in den Ohren rauschen hören.
Dann knackte direkt neben ihm Holz.
Er fuhr herum.
Eine Katze saß auf einer Kiste und starrte ihn an wie einen Idioten.
Paul blickte sie erschrocken an.
Beruhige dich, sagte er zu sich. Es ist nur eine Katze.
Die Katze gähnte gelangweilt.
„Hier drüben!“, brüllte plötzlich jemand.
Mist.
Paul schoss aus seinem Versteck hervor.
Im selben Moment krachte der erste Schuss.
Der Knall zerriss die Nacht wie ein platzender Blitz. Holz splitterte hinter ihm. Eine Obstkiste, die achtlos auf einer der Mülltonnen stand, explodierte in tausend Stücke.
Paul raste zwischen zwei abgestellten Lieferwagen hindurch. Der Boden wurde abschüssig. Vor ihm tauchten die alten Bootsschuppen auf, halb verfallen, schief im Sturm stehend wie betrunkene Seeleute.
Er spürte den Mann hinter sich.
Er kam näher.
Viel näher.
„Bleib stehen!“, hörte er ihn brüllen.
Paul sprang über ein Tau, landete unsauber und rutschte über nasses Kopfsteinpflaster. Schmerz schoss durch seine Beine. Er fing sich gerade noch und hetzte weiter.
Der Wind trug den Geruch der Männer zu ihm herüber. Kalter Rauch. Schnaps. Motoröl.
Vor ihm tauchte der schmale Durchgang zwischen Fischhalle drei und vier auf. Dahinter ging es direkt Richtung Strand.
Wenn er dorthin flüchten konnte …
Ein weiterer Schuss.
Diesmal fühlte er einen brennenden Schlag an der Seite.
Ein Schmerzenslaut entfuhr ihm.
Seine Beine knickten weg. Er krachte gegen die Wand der Fischhalle und rutschte in eine stinkende Lache aus Regenwasser und Fischblut.
Abfahrt
Hannahs Herz hüpfte vor Freude. Ihre Ente stand vollgepackt am Straßenrand, als hätte jemand versucht, ein Leben in ein viel zu kleines Gefäß zu pressen. Kisten befanden sich auf der Rückbank, Taschen zwischen den Sitzen, und eine Decke war halb aus dem Kofferraum gezogen, als hätte sie sich im letzten Moment dagegen entschieden, mitzukommen. Das Rolldach stand offen.
Sie öffnete die Autotür, schwang sich wohlgelaunt auf den Fahrersitz, leierte das Fenster herunter und stellte den Außenspiegel ein. Gleich darauf langte sie nach vorn und gab die Adresse in die Navi-App ihres Handys ein, das in der Halterung an der Windschutzscheibe befestigt war.
Usedom.
Sie atmete auf.
Karlshagen, ihr großes Ziel.
Sie betrachtete die rote Linie auf der App. Eine schöne Strecke vom Schwäbischen Wald aus. Das Wort Karlshagen klang für sie noch fremd und gar nicht wie ein Ziel, eher wie ein Begriff, der sich erst noch beweisen musste.
Gleichzeitig nahm sie Notiz von der Frau, die neben ihrem geliebten Oldtimer stand und mit der sie nach einem Schicksalsschlag die Wohnung teilte, und die sie als die Oberste Instanz bezeichnete. Kurz OBI. Nicht nur wegen des Begriffs, sondern auch wegen des Namens: Ottilie Brigitte Irringer. Hannah seufzte. Das Schicksal wollte, dass sie denselben Nachnamen trug.
OBIs Kleid, wenn man so etwas überhaupt so nennen durfte, war quietschgelb und eine Mischung aus Cocktailfummel und Negligé. Natürlich selbst genäht. Die lange Halskette baumelte zwischen ihren Brüsten.
OBI hatte die Arme verschränkt und betrachtete das vollgestopfte Auto mit dem Ausdruck eines Menschen, der niemals aufhörte zu beurteilen. Dabei glitt ihr Blick nicht nur über das Gepäck, sondern blieb sogar einen Moment zu lange an ihr hängen.
„Also wirklich, in dieser Aufmachung siehst du aus, als hättest du dich am Altkleidercontainer bedient.“
„Was?“, rief Hannah entsetzt, „sieh dich doch mal selbst im Spiegel an.“
OBI ignorierte den Einwand und schnalzte mit der Zunge. „Eine dreißigjährige Frau fährt nicht in so einem Aufzug los.“
Hannah fragte sich ernsthaft, was an Jeans, einem hellblau geringelten T-Shirt, einem hellgrauen Sommerpullover und einem zartrosa Schal problematisch sein sollte. Sie atmete tief aus. „Ich hatte kurz überlegt, nackt zu fahren, aber das schien mir dann doch zu provokativ.“
OBI ignorierte das. „Zu viele Schichten. Die Farben passen nicht.“
Hannah nickte. „Stimmt. Ich hätte vorher eine Farbberatung bei dir buchen sollen.“
„Das wirkt unentschlossen.“
„Ich bin unentschlossen“, stieß Hannah hervor, „aber nur bei Lebensentscheidungen. Nicht bei Modeverbrechen.“ Sie strich über den Schal. „Außerdem, wenn ich schon in eine ungewisse Zukunft fahre, kann ich auch aussehen wie ein stilistisches Fragezeichen.“
OBI zog die Augenbrauen hoch. „Das sollte man trotzdem nicht anziehen.“
Doch, dachte Hannah, und zwar genau dann, wenn man dir begegnet. „Beruhige dich“, erklärte sie schließlich. „Ich habe das nicht gemacht, um deine Zustimmung zu bekommen, sondern um mich auch in Modefragen freier zu fühlen.“
Wolle, OBIs Pudel, der noch seinen Hundeschlafanzug von der Nacht trug, was Hannah unmöglich fand, stand zwischen den Mülltonnen, die OBI pflichtbewusst zu den Leertagen hinausstellte.
„Du hast zu viel Gewicht hinten rechts“, redete OBI weiter.
Hannah atmete hörbar aus. „Das ist nicht relevant.“
„Doch. Das Auto wird leicht schief ziehen“, widersprach OBI.
„Es ist eine Ente. Die zieht immer schief.“
„Das ist kein Argument gegen Physik.“
Hannah ließ ihre Mutter reden und bestätigte die Adresse im Navi. Ein kurzer Piepton ertönte.
OBI beugte sich leicht vor. „Du solltest die Route nicht über Großbaustellen legen. Großbaustellen sind energetisch ungünstig.“
Hannah hielt inne. „Energetisch?“
„Ja. Menschen werden dort ungeduldig.“
„Das passiert überall“, entgegnete Hannah.
„Aber dort konzentriert.“
Hannah ließ auch das so stehen. OBI konnte sich an solchen Begriffen festbeißen, als wären sie Fakten, die man nur oft genug wiederholen musste, bis sie stimmten. Gleich würde sie fahren, gleich würde sie Abstand gewinnen. Also blickte sie lieber Wolle an.
Der Pudel setzte sich, stand auf, setzte sich wieder. So, als würde er überprüfen, ob die Situation stabil genug war, um eine Entscheidung zu treffen.
OBI sah kurz zu ihm, dann wieder zu Hannah. „Du solltest außerdem überlegen, heute noch zu fahren, aber nicht anzukommen. Übernachten ist sinnvoll. Die Ente ist nicht für lange Strecken gemacht. Wie man sich überhaupt so ein Ding kaufen kann …“
Hannah hob eine Augenbraue, aber OBI war noch nicht fertig. Wolle blieb zunächst sitzen, um einen kleinen Moment später aufgeregt aufzustehen.
„Und Wolle“, platzte OBI heraus, „der bleibt natürlich hier. Schließlich ist es kein Abschied für immer.“
„Ach was“, wunderte Hannah sich. „Vielleicht kommst du nach?“ Das wäre eine Katastrophe. „Ach“, setzte sie nach, „lassen wir Wolle entscheiden.“
„Nein, er bleibt bei mir“, antwortete OBI. „Er versteht lange Fahrten nicht.“
„Er versteht mehr als manche Menschen.“
„Das ist kein Qualitätskriterium.“ OBI trat einen Schritt näher. „Wenn er sich fürs Mitkommen entscheidet, muss er regelmäßig geistig stimuliert werden.“
„Er ist ein Hund.“
„Genau deshalb.“
Hannah tippte den letzten Befehl ins Navi. Die Route berechnete sich. Ein grüner Pfeil erschien.
„Du solltest außerdem daran denken, dass Küstenluft die Entscheidungsfähigkeit beeinflusst“, redete OBI weiter.
„Das ist kein wissenschaftlicher Fakt.“
„Und denk dran, dass Spätzleteig gerührt werden muss.“
„Aye, aye, Chef,“ erwiderte Hannah.
Wolle stand jetzt direkt neben der offenen Autotür. Er sah ins Wageninnere, als würde er prüfen, ob es noch einen Gegenentwurf gab.
„Und wenn du dort ankommst“, forderte OBI, „nicht sofort alle Zimmer neu organisieren.“
„Ich organisiere keine Zimmer neu“, protestierte Hannah und zog die Augenbrauen hoch.
„Du wirst dich emotional verleiten lassen“, konterte OBI beharrlich.“
„Von Zimmern?“
„Von Räumen insgesamt“, bekam sie von OBI zur Antwort, die dabei theatralisch die Arme ausbreitete.
Hannah ignorierte es, strich Wolle über den Kopf und steckte den Schlüssel in das Zündschloss. Der Motor der Ente sprang mit einem Blubbern an.
„Und wenn du Probleme bekommst“, redete OBI weiter, „nicht improvisieren.“
Hannah sah kurz zu ihr. „Das ist aber meine Grundidee.“
„Der Hund wird dich vermissen. Vielleicht willst du es dir doch noch mal überlegen?“, bat OBI.
Wolle blickte auf, so als ob er den Satz verstanden hätte. Er bewegte sich. Nicht schnell, aber auch nicht zögerlich, sondern entschlossen. Er sprang. Zunächst auf den Mülleimer, dann auf die Motorhaube und flog dann förmlich durch das geöffnete Faltdach der Ente in den Innenraum. Ein kurzer, weicher Aufprall auf dem Beifahrersitz, dann war es still.
Hannah blickte mit offenem Mund zu Wolle, der aufrecht neben ihr saß und zur Windschutzscheibe hinaussah, als würde er darauf warten, dass es endlich losging.
„Wow“, rief sie und schmunzelte.
OBI hielt inne. „Er hat das jetzt entschieden?“
„Ja“, erwiderte Hannah.
„Ohne Rücksprache?“
„Er ist ein Hund.“
Sie gab Gas. OBI trat einen Schritt zurück, Hannah ließ die Kupplung kommen, die Ente bewegte sich und rollte an.
Sie freute sich. Die ersten Meter waren wie eine Befreiung. Hannah blickte in den Rückspiegel und sah OBI wie angewurzelt dastehen und der Ente ungläubig nachschauen, als müsse sie erst begreifen, was gerade passiert war. Ihre Gestalt wurde kleiner, verlor ihre Schärfe, zerfiel in Entfernung und Wind und verschwand schließlich hinter einer unsicheren Biegung der Welt.
Hannah atmete erst aus, als die Straße vor ihr wieder allein ihr gehörte. Neben ihr auf dem Beifahrersitz saß Wolle im Schlafanzug. Ein hellblau kariertes Modell mit kleinen Wolken darauf, das OBI praktisch und gemütlich genannt hatte, während Wolle dabeigestanden hatte wie ein Hund, der sein Schicksal akzeptieren musste. „Das hast du aber gut gemacht“, sagte Hannah und grinste kurz zu ihm hinüber. „Küstenluft wird dir genauso guttun wie mir.“
Wolle hob nur würdevoll den Kopf. OBIs Pudel, für den ihre Mutter die Fürsorge übernommen hatte, seit sie ihn aus dem Tierheim geholt hatte. Hannah musste lachen. Ja, OBI hatte es immer gut gemeint, auch wenn ihre Vorgehensweisen gelegentlich ausgesehen hatten, als würde sie Hunde gleichzeitig erziehen und auf eine Polarexpedition vorbereiten. Aber sie war eben überzeugt, dass Wolle nachts frieren könnte. Immerhin hatten sie erst Anfang April.
In der morgendlichen Eile war OBI noch nicht dazu gekommen, Wolle den Schlafanzug auszuziehen.
Hannah schaltete das Radio an. Es liefen alte Schlager, die OBI so gern hörte. Sie drehte am Knopf, bis sie etwas Modernes fand. Hard Rock. Sie bewegte sich während des Fahrens im Takt. Kurz sah sie in den Rückspiegel und erhaschte ein Bild von ihrem Gesicht. Helle Haut und helle, blaue Augen. Robert, ihr damaliger Freund, hatte immer gesagt, sie käme auf ihren Vater raus, was wohl stimmte. Die blonden Haare flogen im Fahrtwind. Eigentlich hatte sie nur die flinken, schlanken Hände von ihrer Mutter.
Hannah betrachtete die Straße vor sich.
Ihre Mutter. Sie war Schneiderin. Eine sehr gute sogar.
Hannah dachte daran, wie OBI vor dem Haus gestanden hatte, mit verschränkten Armen, einem viel zu dramatischen Abschiedsblick und einem Ausdruck im Gesicht, als würde ihre Tochter nicht an die Ostsee fahren, sondern für Jahre in den Krieg ziehen. Innerlich musste Hannah lächeln. Vielleicht würde ihre Mutter ihr tatsächlich fehlen. Ihre Lautstärke. Ihre Theaterauftritte. Ihre völlig unnötigen Kommentare. Aber gleichzeitig spürte sie etwas anderes stärker.
Hannah wartete die nächste Ecke ab, dann hielt sie den Wagen an und drehte das Radio ab. „Also, jetzt müssen wir dringend deine Würde wiederherstellen“, erklärte sie Wolle.
Sie stieg aus und zog ihm vorsichtig den hellblauen Schlafanzug aus, faltete das kleine Wolkenmonster zusammen und warf es demonstrativ auf den Rücksitz. Wolle ließ alles mit sich geschehen, ohne einen Laut von sich zu geben.
„Freiheit“, rief sie.
Zurück im Wagen schaltete sie wieder das Radio an und bewegte sich leicht zur Musik hinter dem Lenkrad, trommelte mit den Fingern aufs Steuer und spürte plötzlich dieses Kribbeln in sich, das irgendwo zwischen Nervosität und Glück lag.
Sie war wirklich unterwegs.
Vorfreude
Ein kompletter Neuanfang. Vielleicht würde alles schiefgehen. Vielleicht würde sie grandios scheitern. Aber wenigstens wäre es dann ihr eigenes Scheitern. Und nicht dieses ewige Halb-Leben, das sie zuletzt geführt hatte.
Irgendwann lagen die vertrauten Berge des Schwäbischen Waldes hinter ihnen. Vor ihnen erstreckte sich der Norden und irgendwo darin: Usedom, Karlshagen. Sie war mehrmals dort im Urlaub gewesen. Erst als Kind, dann als junge Frau.
Hannah umklammerte mit beiden Händen das Lenkrad. Sie fühlte schon eine gewisse Nervosität. Wolle lag neben ihr auf dem Vordersitz, den Kopf auf den Pfoten, aber nicht schlafend. Immer wieder öffnete er die Augen, wenn die Ente über eine Unebenheit schwankte.
Einmal meldete sich OBI, dann richtete Hannah den Blick wieder auf den Asphalt vor sich und folgte der schmalen Straße, die sich ruhig durch die Landschaft zog.
Auf der Autobahn war die Fahrt etwas entspannter. Nun hatte sie Zeit, um nachzudenken.
Usedom.
Der Begriff hatte sich in den letzten Wochen verändert. Am Anfang war er nur eine Idee gewesen, dann ein Plan, und jetzt ein unterschriebener Vertrag, irgendwo im Internet abgeschlossen mit nur wenigen Klicks.
Zu schnell vielleicht für etwas, das sich nach einem Leben anfühlen sollte. Sie hatte den Pachtvertrag in einer Nacht unterschrieben, in der sie nicht schlafen konnte. Und am nächsten Morgen war er gültig. So einfach war das gewesen.
Ein Hotel. Ein kleines Hotel. Ihr Hotel.
Zum ersten Mal fühlte sich der Gedanke nicht fremd an, sondern richtig. Nicht perfekt. Aber passend. Ohne den Blick von der Straße zu nehmen, legte sie die Hand auf Wolles Kopf und strich ihm flüchtig über das Fell. Ein Hotel nahe an dem wunderschönen Sandstrand von Usedom. Sie hatte es nur im Internet gesehen, vielleicht war es ein Wagnis.
Nun also in die Zukunft. Einmal hatte sie mit dem Makler telefoniert. Er hatte ihr ein paar Fotos geschickt: helle Zimmer, eine große Terrasse und vor allem diesen Blick aufs Meer. Dazu kam eine Pacht, die so niedrig war, dass Hannah die Anzeige zunächst für einen Fehler gehalten hatte. Sie war nicht einmal vom Fach. Hotelbetrieb hatte sie bisher nur von der Gästeseite kennengelernt. Früher hatte sie zwar mal als Bedienung ausgeholfen, aber das war wohl nicht zu vergleichen mit der Leitung eines Hotels. Als sie das am Telefon angesprochen hatte, hatte der Makler nur gelacht und gesagt, das könne man lernen. Der Makler hatte gemeint, der April wäre eine gute Zeit zum Starten. Bis zur Hauptsaison bliebe genug Zeit, sich einzuarbeiten.
Wahrscheinlich hatte er recht. Doch sie war ein großes Risiko eingegangen.
Sie hatte ihren Job als Pharmareferentin gekündigt. Nach Jahren auf Autobahnen, in Arztpraxen und Gaststätten. Nach unzähligen Gesprächen über Medikamente, Umsatzzahlen und Zielvorgaben. Es war schneller gegangen, als sie gedacht hatte. Vielleicht, weil sie gespürt hatte, dass sie es sonst nie tun würde.
Sie kannte sich selbst gut genug. Wenn sie angefangen hätte, Vor- und Nachteile aufzuschreiben, Tabellen anzulegen oder vernünftige Menschen um Rat zu fragen, würde sie wahrscheinlich heute noch in Stuttgart sitzen und über Möglichkeiten nachdenken.
Für einen Moment dachte sie an Robert. Was hätte er gewollt? Sicher wäre er mitgekommen. Robert war ein Abenteuertyp gewesen. Ein Mann, mit dem man hatte Pferde stehlen können. Für einen Moment wurde sie traurig. Dann richtete sie wieder ihren Blick auf die Straße. Manche Dinge konnte man leider nicht rückgängig machen.
Stattdessen fuhr sie allein mit einem Hund Richtung Ostsee.
Richtung Usedom. Richtung eines Hotels, das sie noch nie betreten hatte. Zum ersten Mal seit langer Zeit hatte sie das Gefühl, nicht nur Zuschauerin ihres eigenen Lebens zu sein, sondern endlich selbst die Hauptrolle übernommen zu haben.
OBI hatte das ganz anders gesehen. Zu riskant, zu einsam, zu groß, zu alles. Aber die Lage hatte Hannah nicht mehr losgelassen. Fast direkt am Strand. Dieses Meer, diese Weite, dieser Blick, der einem morgens sofort demonstrierte, dass die Welt mehr war als Termine und Verantwortung. Ein Hotel sogar mit einem Pianisten und eigenem Klavier. Hannah stellte sich das alles lebendig vor. Wie der Klavierspieler im Speisesaal vor einem Flügel saß, geschniegelt und ein bisschen theatralisch, während angenehme Musik im Raum erklang. Wie Gäste an kleinen Tischen Platz genommen hatten, vielleicht sogar wirklich glücklich waren, während draußen das Meer rauschte.
Sie stellte sich vor, wie sie selbst durch den Raum ging, nicht mehr als jemand, der improvisierte, sondern als jemand, der etwas aufbaute. Tagesgerichte mittags. Einfach, ehrlich, gut. Und freitags Fisch. Natürlich Fisch. Das gehörte sich so, wenn man schon am Meer war. Alles andere wäre fast unhöflich. „Nicht wahr, Wolle?“
Wolle neben ihr gab ein zufriedenes Grunzen von sich. Jetzt würde sie mit Hund ankommen. Hannah lächelte in sich hinein, während die Ente weiter über die Straße knatterte.
Noch war alles unsicher. Nichts war in trockenen Tüchern, aber zum ersten Mal fühlte es sich nicht mehr nur nach Risiko an. Sondern nach Möglichkeit.
Vielleicht war der Koch draufgängerisch, im Sinne von wagemutig? Fischbrötchen-Carpaccio oder Krabben im Schlafrock. Vor allem wollte sie auch etwas Esskultur von ihrer Heimat verankern.
„Man muss Dinge wieder in Bewegung bringen“, murmelte sie vor sich hin. Und das würde sie. Der Makler erwartete sie morgen. Wolle hob den Kopf, als hätte er ihre Worte verstanden.
Während die Autobahn sie weitertrug, wurde aus der Fahrt langsam etwas anderes. Sie wurde zu einer Reise zu sich selbst.
Unterwegs kaufte Hannah etwas Hundefutter und eine Leine und übernachtete in einer kleinen Pension am Rand von Leipzig. Das Zimmer war schlicht, das Bett knarrte bei jeder Bewegung, und durch das gekippte Fenster hörte sie bis tief in die Nacht das Rufen irgendwelcher Vögel. Trotzdem schlief sie erstaunlich gut.
Am nächsten Morgen war sie früh wach. Wolle saß bereits vor dem Bett und wedelte erwartungsvoll mit dem Schwanz, als hätte er den Plan längst verstanden.
„Na schön“, sagte Hannah und streckte sich. „Dann wollen wir mal weiter unser neues Leben besichtigen.“
Sie frühstückte hastig, trank einen viel zu heißen Kaffee und setzte sich wieder in die alte Ente. Der Motor sprang erst nach dem dritten Versuch an.
„Du musst heute durchhalten“, forderte sie und klopfte liebevoll aufs Armaturenbrett. „Danach bekommst du eine Pause.“
Bei Pasewalk fuhr sie von der Autobahn, der Weg führte sie weiter durch Vorpommern. Links und rechts zogen Felder vorbei, gelb blühender Raps, grüne Wiesen, Waldgebiete, dahinter immer wieder kleine Dörfer mit roten Backsteinkirchen und kleinen Seen. Die Luft schien klarer zu werden. Selbst durch das offene Seitenfenster roch sie das Salz, obwohl das Meer noch gar nicht zu sehen war.
Je weiter sie nach Norden fuhr, desto ruhiger wurde der Verkehr. Die Ente tuckerte unbeirrt vor sich hin. Hannah hatte das Radio längst ausgeschaltet. Sie wollte nur noch den Motor hören und ihre eigenen Gedanken.
Immer wieder stellte sie sich das Hotel vor. Den Speisesaal, die Veranda, die Gäste, den Klang eines Klaviers.
Vielleicht spielte der Pianist jeden Abend. Vielleicht würden die Urlauber schon morgens nach frischem Obst fragen.
Ihr wurde warm ums Herz. Je näher sie kam, desto mehr fühlte sich der Traum wie ein Plan an. Und dann war sie da. Vor ihr erhob sich die Zecheriner Brücke. Die Verbindung zwischen dem Festland und Usedom.
Hannah nahm unwillkürlich den Fuß vom Gas. Die alte Ente rumpelte langsam auf die Brücke. Unter ihr glitzerte das Wasser des Peenestroms in der Sonne. Ein paar Segelboote zogen lautlos ihre Bahnen, Möwen kreisten kreischend über den Masten, und irgendwo am Ufer stand ein einsamer Angler, als hätte er alle Zeit der Welt.
Sie öffnete das Fenster ganz. Salzige Luft strömte herein.
Hier war keine Großstadt, kein Straßenlärm, kein Gedränge, nur Wind und Wasser. Und diese unendliche Weite.
Hannah ließ den Blick schweifen. Sie spürte, wie sich eine Mischung aus Vorfreude und Angst in ihr ausbreitete. Jetzt gab es kein Zurück mehr.
Wenn sie gleich die Brücke hinter sich ließ, begann ein neues Kapitel ihres Lebens.
Sie strich Wolle über den Kopf. „Na, mein Junge“, stieß sie hervor. „Ab jetzt wird alles anders.“
Wolle antwortete mit einem kurzen, zufriedenen Schnauben.
Die Ente rollte von der Brücke herunter. Ein kleines Schild begrüßte sie: Zecherin. Es war nicht spektakulär, doch rechts und links lag das Wasser wie ein ausgebreitetes, silbriges Tuch, das sich im leichten Wind kaum merklich kräuselte. Darüber spannte sich ein Himmel, so blau und weit, dass er fast unwirklich wirkte, als hätte jemand die Farbe zu großzügig verteilt und dann beschlossen, es genau so zu lassen.
Hannah lächelte.