Kapitel 1
Hedy
Ich konnte noch nie viel mit der kalten Jahreszeit anfangen. Eisige Füße, spiegelglatte Straßen und eine Sonnenscheindauer von ungefähr zehn Sekunden pro Tag haben nicht gerade dazu beigetragen, einen Winter-Fan aus mir zu machen.
Seitdem ich auf Runewiek lebe, hat sich das grundlegend geändert. Einen echten Ostseeinselwinter zu erleben, erfüllt mich jeden Morgen aufs Neue mit einer beinahe schon kindlichen Freude. Auch an diesem Tag, den ich mit einem großen Milchkaffee und einem Marmeladentoast am Küchenfenster beginne und hinausschaue auf die reifbedeckten Dünen, hinter denen das kalte Meer silbergrau in der Wintersonne glitzert.
Vier Wochen ist es her, dass ich Berlin hinter mir gelassen und mein kleines Reetdachhäuschen mit Meerblick bezogen habe. Vier Wochen, in denen ich viel zu viel Geld für Möbel und winterlichen Dekoschnickschnack ausgegeben habe. Vier Wochen, in denen ich bei zahlreichen Winterspaziergängen versucht habe, mir jedes Detail dieser wundervollen Insel einzuprägen.
Ich nippe an meinem Kaffee, während meine Gedanken zu Julian wandern. Die nervenaufreibende On-Off-Beziehung zu ihm zu beenden, war richtig, das weiß ich. Und doch kommen sie noch manchmal hoch, die Erinnerungen an unser letztes Gespräch.
„Und warum muss es ausgerechnet eine Insel sein? Dieses Runewiek ist mindestens drei Stunden von Berlin entfernt.“
„Weil ich den Job nun mal dort bekommen habe und einen echten Neuanfang wagen möchte. Ich wollte schon immer an der Ostsee leben und die Entfernung zu Berlin ist ein zusätzliches Plus.“
„Was soll das bedeuten? Dass das mit uns endgültig vorbei ist?“
„Das war es doch schon lange vorher, Julian. Und das weißt du.“
„Aber zwischen uns war immer was los, Hedy. Da war Feuer, echtes Leben. Niemand hat so viel Spaß zusammen wie wir.“
„Ich bin jetzt neunundzwanzig, Julian. Und du sogar noch zwei Jahre älter. Irgendwann muss man doch auch mal ich sesshaft werden, eine Familie gründen, abends zusammen auf der Couch herumgammeln und einen Film gucken, anstatt immer nur Party zu machen und den nächsten Abenteuertrip zu planen. Man entwickelt sich doch auch weiter …“
„Ich wusste gar nicht, dass man es Weiterentwicklung nennt, wenn man zum Langweiler wird.“
„Tja, nenn es, wie du willst. Fakt ist, dass ich einen Mann an meiner Seite brauche, auf den ich mich verlassen kann. Irgendwann steht der Spaß eben nicht mehr an erster Stelle. Und wenn du das nicht so siehst, solltest du sogar froh sein, dass ich dir die Entscheidung abnehme. Ich passe einfach nicht zu dir – und du nicht zu mir.“
Und trotzdem hat er noch immer nicht verstanden, warum ich Schluss gemacht habe.
Im Gegensatz zu mir hat ihm unser Auf und Ab nie was ausgemacht. Erfrischend hat er es genannt, dass wir so unterschiedlich waren, während es mich fast in den Wahnsinn getrieben hat, dass er so unzuverlässig war und keine unserer Verabredungen einhalten konnte. Ständig kam ihm etwas dazwischen, immer wieder waren andere Dinge wichtiger. Die Tatsache, dass der Schlussstrich dieses Mal endgültig ist, den ich unter unsere Beziehung gesetzt habe, scheint er allerdings nicht wirklich verdaut zu haben. Noch immer schickt er mir täglich WhatsApp-Nachrichten, die mich daran erinnern sollen, wie unentbehrlich er ist. Geantwortet habe ich seit meinem Umzug jedoch auf keine mehr.
Ich beiße in meinen Toast und beobachte, wie eine Möwe ihre Kreise über den verschneiten Dünen zieht und der Wind kleine Schneewirbel über meinen Vorgarten treibt.
Gerade als ich erneut an meinem Kaffee nippen will, vibriert plötzlich das Handy auf dem Küchentisch. Ich ziehe es näher und sehe den Namen Mathea Samtens auf meinem Display aufblinken.
Meine neue Chefin? Was könnte sie von mir wollen? Ich fange doch erst nächsten Monat an. Und warum macht mich ihr Anruf so nervös?
Ich schiebe die Zweifel beiseite und nehme schließlich ab.
„Frau Samtens“, begrüße ich sie freundlich. „Wie schön, dass Sie anrufen. Ist alles in Ordnung?“
„Hallo Hedy, waren wir nicht schon beim Du angekommen?“ Sie lacht. „Ist hier bei uns in der Praxis so üblich unter uns Kollegen.“
„Ähm, tut mir leid, hatte ich ganz vergessen. Daran muss ich mich wohl erst noch gewöhnen. Es ist alles so neu.“
„Kein Problem.“ Sie zögert, als würde sie nach den richtigen Worten suchen. „Warum ich dich anrufe: Du weißt, Runewiek ist nicht sehr groß, also habe ich natürlich schon mitbekommen, dass du bereits in dein Haus gezogen bist.“
„Ja, stimmt. Schon vor vier Wochen. Langsam lichtet sich das Chaos zwischen den Umzugskisten.“
„Verstehe“, murmelt sie, aber es ist deutlich zu merken, dass sie etwas beschäftigt.
„Ist alles in Ordnung? Gibt es Probleme mit dem Vertrag?“
„Nein, nein, alles okay. Keine Probleme … zumindest nicht in der Hinsicht.“
„Was meinst du?“ Da ist sie wieder, die Nervosität in meiner Brust.
„Ich habe dir ja schon bei deinem Einstellungsgespräch gesagt, dass wir viel zu tun haben und uns deshalb schon sehr auf deine Unterstützung freuen. Eine unserer Kolleginnen ist nun wegen eines Bandscheibenvorfalls ausgefallen, was sowieso schon Probleme bei der Terminkoordination mit sich bringt. Aber jetzt wird es langsam richtig eng, weil wir einen neuen Klienten bekommen haben, den wir gern in deine Obhut geben würden.“
„Oh, wie schön, mein erster Klient. Wie heißt er denn?“
„Simon. Sieben Jahre alt. ADHS.“
„Ich freue mich schon.“
„Genau darum geht es.“ Sie seufzt. „Der Kleine hat in der Schule Probleme mit der Konzentration und den graphomotorischen Fähigkeiten. Eigentlich hätte er schon vor der Einschulung Ergotherapie bekommen müssen, aber seine Kinderärztin wollte den Bedarf einfach nicht einsehen. Lange Rede, kurzer Sinn, wir möchten so schnell wie möglich mit der Ergotherapie anfangen, deshalb habe ich mich gefragt, ob es vielleicht möglich wäre, dass du morgen schon anfängst?“
„Morgen schon?“, wiederhole ich verwirrt.
„Ich weiß, das kommt jetzt sehr plötzlich. Wir würden deinen Vertragsbeginn natürlich vorziehen, sodass alles ganz offiziell ist.“
„Ähm …“
„Es tut mir wirklich leid, wenn ich dich damit so überrolle, aber …“
„Nein“, unterbreche ich sie, „das geht klar. Ich kriege das hin.“
„Wirklich?“
Ich kann sie förmlich durch das Telefon lächeln sehen.
„Das ist ja fantastisch. Und es macht dir keine allzu großen Umstände?“
„Nein, keine Sorge. Ich freue mich auf den kleinen Simon.“
„Oh, wie schön, Hedy. Dann sehen wir uns morgen früh. Die Praxis kennst du ja schon.“
„Alles klar. Bis morgen.“
„Bis morgen.“
Als ich das Handy zur Seite lege, fühle ich mich plötzlich wie befreit. Als würde mein Neuanfang erst jetzt wirklich beginnen. Und während mein Blick erneut durch das Fenster hinaus in die verschneite Küstenlandschaft wandert, überkommt mich die Gewissheit, dass ich genau das Richtige getan habe, als ich meinen alten Job gekündigt und sowohl Berlin als auch Julian hinter mir gelassen habe.
Ja, Runewiek ist mein vielversprechender Neustart und ganz nebenbei auch noch meine persönliche Versöhnung mit dem Winter, dem hier an der Ostsee ein besonderer Zauber innewohnt. Ob sich dieser Zauber auch auf meinen Neuanfang übertragen lässt?
Kapitel 2
Rafael
„Müssen wir da wirklich hin, Papa?“ Simon zupft am Ärmel seiner Winterjacke herum, als wäre es eine unlösbare Aufgabe, sie anzuziehen. „Heute ist doch schulfrei.“
„Ja, ich weiß, dass du schulfrei hast, Schatz. Aber genau deshalb ist der erste Ergotherapietermin ja auch heute.“ Ich nehme meinen Mantel von der Garderobe. „Und dort wird man dir helfen, damit du besser im Unterricht klarkommst.“
„Aber die können mich doch auch nicht schlauer machen“, brummt er vor sich hin, während er etwas ungeschickt seinen Reißverschluss zuzieht.
Ein Satz, der mir beinahe das Herz bricht.
„Oh, Simon …“ Ich gehe vor ihm in die Hocke. „So einen Quatsch will ich nie wieder hören, klar? Dass du Probleme mit dem Konzentrieren und Stillsitzen hast, hat überhaupt nichts damit zu tun, ob du dumm oder schlau bist.“ Ich unterdrücke die Tränen. „Glaubst du denn ernsthaft, ein dummes Kind hätte schon mit fünf Jahren bis hundert zählen oder mit vier Jahren ein Lego-Set für Zehnjährige bauen können? Und wüsste ein dummes Kind alles über das Weltall?“
„Aber warum muss ich dann da hin?“ Er zieht sich den ersten Stiefel an.
„Das habe ich dir doch schon erklärt. Mit ADHS hat man Probleme, sich zu konzentrieren oder sich Dinge zu merken, weil man mit den Gedanken immer woanders ist. Die Leute bei der Ergotherapie helfen dir dabei, zu lernen, deine Gedanken besser zu kontrollieren.“
„Klingt komisch.“ Er zuckt mit den Schultern. „Und irgendwie langweilig.“
„Du wirst schon sehen, das wird toll. Ganz sicher.“
Während ich das sage, habe ich selbst so meine Zweifel. Schon in der Kita empfahl man mir damals Ergotherapie für ihn, aber die Kinderärztin war der Meinung, dass das übertrieben und er doch ein aufgeweckter Junge sei. Dass ich nun endlich ein Rezept bekommen habe, ist einzig Simons aufmerksamer Klassenlehrerin zu verdanken, die mir sogar den Gefallen tat, selbst mit der Ärztin zu sprechen.
Aber was genau wird uns erwarten? Was, wenn Simon nicht mit dem Therapeuten harmoniert?
Ich ziehe seinen Schal von der Garderobe und binde ihn um seinen schlanken Hals. „So, komm, mein Schatz, wir sind spät dran.“
„Ich komm ja schon.“
„Du wirst es dort sicher ganz toll finden.“ Ich öffne die Haustür und schnappe mir im Hinausgehen Handy und Schlüssel von der Kommode.
„Hey, ihr zwei“, höre ich meinen Vater rufen, der gerade mit dem Schneeschieber in der Einfahrt nebenan steht. „Wo wollt ihr denn hin?“
„Hey Opa.“ Simon winkt ihm fröhlich zu. „Wir gehen zur Ergotherapie. Wir gehen nur fünf Minuten, sagt Papa. Deswegen brauchen wir nicht mit dem Wagen fahren.“
„Ergotherapie?“, brummt er. „Wieso denn das?“
„Habe ich dir doch schon erklärt, Paps“, rufe ich leicht genervt zurück, weil ich keine Lust habe, das Thema in Simons Anwesenheit erneut hochzuholen. „Ist Mama schon in der Restaurantküche?“, frage ich stattdessen.
Dabei fällt mein Blick wie von selbst zu dem Backsteingebäude, das nur wenige Meter von unserem Wohnhaus entfernt liegt. Erst letztes Jahr ist mit viel Aufwand das Reetdach erneuert worden, ebenso wie das große Holzschild mit der einprägsamen Aufschrift „Sentas Küstenstube“. Ein Name, der sich seit der Eröffnung vor fünfunddreißig Jahren nicht geändert hat, auch wenn inzwischen ich der Hauptkoch bin und meine Mutter nur noch gelegentlich einspringt.
„Ja, deine Mutter ist gerade rübergegangen“, antwortet er. „Und sie freut sich, dass du ihr heute mal das Zepter übergibst.“ Er lacht. „Sie sagt, du bist ein viel zu pingeliger Koch.“
„Na, da sind unsere Gäste aber anderer Meinung.“
„Klär das mit deiner Mutter“, ruft er im Scherz zurück. „Sie freut sich jedenfalls schon darauf, heute den Kochlöffel mal ganz allein schwingen zu dürfen.“
„Nur die Vormittagsschicht“, winke ich lachend ab und nehme Simon an die Hand. „Wir sehen uns später, okay?“
„Passt auf, dass ihr nicht ausrutscht“, ruft er uns hinterher, während ich Simons kleine Hand mit meiner umschließe und den frisch geräumten Fußweg in Richtung Strandpromenade nehme.
„Guck mal, Papa“, ruft Simon, als er nach wenigen Schritten eine zugefrorene Pfütze am Wegesrand findet und einen Rutschversuch startet.
„Toll.“ Ich wedle mit der Hand. „Aber jetzt komm, wir wollen uns bei unserem ersten Termin nicht gleich verspäten.“
„Wir haben doch eine gute Ausrede. Jeder weiß doch, dass man an Rutschepfützen nicht vorbeigehen darf.“
Sein Kommentar bringt mich zum Lachen. Wie so oft, wenn er voller Überzeugung seine eigene kleine Logik erklärt.
„Lass uns trotzdem versuchen, pünktlich zu sein, ja? Zu spät zu kommen, ist unhöflich, weißt du?“
„Ja, ja.“ Er lässt die Schultern sinken und greift nach meiner Hand. „Bin ja schon da.“
Normalerweise ist er seit einigen Monaten der Überzeugung, zu alt zum Halten meiner Hand zu sein. Im Winter, wenn es glatt und rutschig ist, hat dieser Grundsatz glücklicherweise keine Bedeutung für ihn.
Simon vergräbt das Kinn in seinem Schal, als wir den alten Hafen erreichen, der zu dieser Zeit des Jahres in einem fast schon magischen Winterschlaf zu liegen scheint. Der alte Leuchtturm bettet sich wie gemalt in die Schneelandschaft ein. Die beleuchteten Fenster der Häuser in Hafennähe lassen lediglich erahnen, dass hier doch noch Leben herrscht, wenn auch nur im Verborgenen.
Hinter der Hafenbäckerei biegen wir rechts in den Dünenweg ein. Von hier aus hat man einen unverstellten Blick auf die Ostsee, die silbergrau in der Wintersonne glitzert.
„Waren wir hier schon mal?“, fragt Simon verwirrt.
„Ja, sicher, Schatz. Im Sommer sind wir hier mit unserem Waffeleis spazieren gegangen. Erinnerst du dich? Oma und Opa waren auch dabei.“
„Kann sein.“ Er vergräbt seine Stiefelspitze in einem kleinen Schneehaufen am Wegesrand. „Sind wir bald da?“
„Ja, es ist gleich da vorn.“
Vor unseren Mündern bilden sich kleine Wölkchen, die sich in der kalten Winterluft auflösen, als wir vor dem alten Backsteingebäude mit dem schmiedeeisernen Schild stehenbleiben.
Ergotherapie Mathea Samtens
Ich halte einen Moment inne. Warum nur habe ich gerade ein ungutes Gefühl? Am Telefon klang die Chefin der Praxis doch eigentlich ganz nett.
„Was ist, Papa?“ Simon kneift mich sanft ins Bein. „Warum gehen wir nicht rein?“
„Ich habe nur kurz Luft geholt“, antworte ich, gebe mir einen Ruck und wir nehmen die drei kleinen Stufen bis zur Eingangstür.
Drinnen angekommen, empfängt uns sofort eine besonders heimelige Atmosphäre mit winterlich dekorierten Kommoden und einem Duft von Zimt in der Luft, als hätte jemand gerade frisch gebacken. Auf dem Regal über der Garderobe steht ein Kerzengesteck mit Tannenzweigen und weiß bemalten Zapfen.
„Komm, lass uns erst mal unsere Jacken aufhängen.“ Ich ziehe meinen Mantel aus. „Dann sehen wir weiter.“
Simon folgt meiner Bitte mit etwas ungeschickten Bewegungen. Dass er dabei mindestens genauso nervös ist wie ich, ist mehr als offensichtlich. Aber warum bin ich eigentlich nervös? Ist es wieder der Drang, meinen Sohn vor dem Rest der Welt zu verteidigen, der meinen Puls schon vorher zum Rasen bringt?
„Oh, ihr seid ja schon da“, ertönt eine Frauenstimme von der Seite.
Erst als ich meinen Kopf drehe, sehe ich sie: Lange blonde Locken, schlanke Taille und ein derart temperamentvolles Lächeln, als wäre es ein absoluter Hauptgewinn für sie, uns begrüßen zu dürfen.
„Äh, hallo …“, antworte ich etwas verhalten.
„Hallo, ich bin Hedy.“
„Rafael“, entgegne ich knapp.
„Freut mich sehr.“ Sie schüttelt meine Hand nur kurz und wendet sich bereits im nächsten Moment Simon zu. „Und du musst Simon sein. Ich habe schon viel von dir gehört.“
„Hallo“, murmelt er etwas zerknirscht.
„Bist du nervös?“ Sie geht vor ihm in die Hocke. „Soll ich dir was sagen? Das bin ich auch. Denn es ist nicht nur dein erster Tag bei der Ergotherapie, sondern auch meiner.“
„Echt?“ Simons Augen weiten sich.
„Ja, ich habe heute hier angefangen“, sagt sie. „Ein neuer Job, weißt du? Und du bist mein erster Besuch. Natürlich will ich alles so gut wie möglich machen, da ist man automatisch ein bisschen aufgeregt.“
„Ja, stimmt.“ Simon zuckt mit den Schultern. „So geht’s mir auch.“
„Weißt du was?“ Sie legt die Hände auf seine Schultern. „Was hältst du davon, wenn wir uns gegenseitig helfen, damit keiner von uns nervös sein muss?“
„Aber wie kann ich dir denn helfen?“ Simon legt den Kopf schief.
„Na ja …“ Hedy steht auf und stemmt die Hände in die Hüften. „… indem du gleich schön mitmachst und mir immer sagst, was dir gefällt und was dir nicht so gefällt. Weißt du, dann erkenne ich viel besser, ob ich meine Sache gut mache.“
Während ich den beiden bei ihrem Kennenlerngespräch zuschaue, frage ich mich, ob ihre Unsicherheit gespielt ist, um Simon die Angst zu nehmen, oder ob sie wirklich ein bisschen nervös ist. So oder so hilft ihre Taktik, Simon zumindest ein paar seiner Zweifel zu nehmen, das kann ich in seinen Augen sehen. Er mag sie, das ist deutlich zu spüren.
„Also?“ Jetzt schaut sie wieder zu mir. „Wollen wir mal in den Therapieraum gehen? Da ist es viel gemütlicher als hier im Flur.“
„Okay“, antworte ich, noch immer etwas verhalten, weil mich übertriebene Freundlichkeit grundsätzlich erst einmal skeptisch macht.
„Eure Schuhe könnt ihr hier vor dem Regal ausziehen.“ Sie deutet mit dem Finger zu den Gummilatschen. „Und hier könnt ihr euch passende Clogs aussuchen.“
Ich schaue ihr hinterher, wie sie ein paar Schritte weiter zu einer offenen Tür geht und kurz mit einer anderen Frau spricht, sicher eine Kollegin oder vielleicht die Chefin selbst, mit der ich telefoniert habe? Mathea Samtens? Feuerrote Locken und eine Brille mit dunklem Rahmen. Wie alt mag sie sein? Vierzig? Älter? Oder eher jünger?
„Papa“, flüstert mir Simon zu, „ich finde einfach keinen Latschen, der passt. Die sind entweder zu klein oder zu groß.“
„Warte, wir schauen mal.“ Ich schlüpfe in ein Paar grüner Latschen und durchsuche das Regal. „Hier stehen überall die Größen am Rand drauf.“
„Welche Größe habe ich denn?“
„Vierunddreißig in Turnschuhen. Schau mal, das hier ist eine Dreiunddreißig. Diese Latschen fallen meist größer aus. Probier die mal.“
Simon schlüpft in die blauen Treter, macht seinen Rücken gerade und schaut herunter zu seinen Füßen. „Die passen.“
„Na, siehst du.“ Ich nehme ihn an die Hand. „Dann lass uns mal zu deiner neuen Freundin gehen.“
Ich schaue hinüber zu Hedy, die uns freundlich zuwinkt. Eigentlich würde sie mir, zumindest rein optisch, sogar positiv ins Auge fallen, wenn nicht dieses permanente Lächeln wäre. Wer lächelt denn bitte die ganze Zeit? Das kann doch nicht normal sein. Ja, es ist ein hübsches Lächeln, aber hat dieser Frau denn niemand gesagt, dass es an Wert verliert, wenn sie es zwischendurch nicht wenigstens kurz mal ablegt?