Leseprobe Herbstküsse und Bergträume

Kapitel 1

Die letzten Tage hatten sich angefühlt wie eine endlose Trance. Als würde ich im Nebel waten und nie wieder die Sonne sehen. Gleichzeitig war das alles überhaupt nicht greifbar. Manchmal dachte ich immer noch, es wäre nur ein schlechter Traum. Gegessen hatte ich seitdem nicht viel. Jegliches Hungergefühl war verflogen, als würde ein Band meinen Magen abschnüren. Meine Augen waren aufgequollen und wollten sich nicht mehr beruhigen. Ich war gefangen in einer Mischung aus Ausnahmezustand und surrealer Normalität. Plötzlich musste ich Entscheidungen treffen und Dinge organisieren, von denen ich gedacht hatte, dass sie noch in weiter Ferne liegen würden: Bestatter, Pfarrer, Blumen. Irgendwie hatte ich insgeheim gehofft, dass sie mich niemals treffen. Obwohl ich wusste, dass es nur ein frommer Wunschtraum war. Ich hatte nicht damit gerechnet. Nicht jetzt. Doch dann klingelte vor drei Tagen das Telefon.

Es war mitten in der Nacht. Nächtliche Anrufe bekam ich nur selten. Eigentlich nie. Mir war sofort klar, dass dieser Anruf nichts Gutes bedeutete. Doch wie schlimm es war, hatte ich mir in diesem Augenblick noch nicht ausmalen können. Wie ein Zombie kurz vor der Apokalypse war ich durch meine Wohnung zum Telefon gewankt. Lediglich das Mondlicht, das durch die hohen Sprossenfenster meiner Wiener Altbauwohnung fiel, leuchtete mir dezent den Weg. Ich war unendlich müde und hoffte darauf, bald wieder in mein Bett zurückkehren zu können. Am Abend war ich erst spät von einer Vernissage nach Hause gekommen. Ich hob den schweren Hörer meines nostalgischen Telefons von der Gabel.

„Ja“, meldete ich mich schlaftrunken.

„Charlotte“, erkannte ich am anderen Ende der Leitung die Stimme von Ludwig, dem Lebensgefährten meiner Mutter.

Dann herrschte ein seltsam langes Schweigen. Beinahe hatte ich schon gedacht, das Telefonat wäre unterbrochen worden, doch im Hintergrund hörte ich seinen Atem, der gleichmäßig, aber schwer an mein Ohr drang.

„Es isch was passiert“, hallten schließlich seine Worte mit ernstem Tonfall an mein Ohr. „Barbara …“

„Was ist mit Mama?“, fragte ich und war plötzlich hellwach.

Mein Herz pochte wie wild. Ich konnte fühlen, wie das Blut durch meine Adern pulsierte.

„Sie hat an Unfall ghabt.“

„Ein Unfall?“, wiederholte ich apathisch und hatte keine Ahnung, was das jetzt zu bedeuten hatte.

Unfall. Das war ein weiter Begriff. Ein abgefahrener Spiegel. Eine verbeulte Stoßstange. Ausgelöste Airbags. Gehirnerschütterung. Schleudertrauma. Gebrochene Knochen. Querschnittslähmung.

In meinem Kopf liefen simultan mehrere Szenarien ab. Aber keines davon gefiel mir. Mama konnte keinen Unfall gehabt haben, weil Mama noch nie einen Unfall gehabt hatte. Zumindest erinnerte ich mich nicht daran. Sie war nie krank. Sie war nie im Krankenhaus gewesen. Zum Doktor ging sie nur selten. Höchstens mal zum Zahnarzt zur Vorsorge. Kleine Wehwehchen behandelte sie mit den Kräutern aus ihrem Garten, die sie jedes Jahr mit viel Aufwand trocknete oder in Salben, Tinkturen oder Teemischungen verarbeitete. Viele Menschen aus dem Dorf suchten ihren Rat, wenn sie nicht mehr weiterwussten. Und auch die Gäste, die sie auf ihrem Hof hoch über den Bergen von Bozen im Tierser Tal während der Urlaubssaison bewirtete und beherbergte, wussten ihr Kräuterwissen zu schätzen. Es konnte also nicht Mama sein, von der Ludwig gerade am Telefon gesprochen hatte. Er musste irgendwas verwechselt haben, versuchte ich die Realität zu leugnen.

„Was ist mit ihr? Wie geht es ihr?“, hauchte ich in den Hörer und hatte gleichzeitig Angst vor der Antwort.

Wieder hörte ich Ludwigs Atem durch die Leitung. Ich merkte, dass es ihm schwerfiel, Worte zu finden. Dann hörte ich ein ersticktes Schluchzen. Es war unnötig, noch etwas zu sagen. Instinktiv wusste ich, was er mir sagen wollte. Aber ich musste es hören, um es realisieren zu können.

„WAS IST MIT IHR?“, schrie ich völlig ungehalten.

„Es woar sofort Hilfe do. An Hubschrauber hat sie ins Krankenhaus bracht. Die Ärzte hobn alles für sie getan. Aber … sie hat es net gschafft, Charlotte. Verdammt no mal“, ließ er seinen Gefühlen freien Lauf, gefolgt von lautem Weinen, das mich sofort packte.

Keine Ahnung, wie lange ich heulend mit dem Hörer in der Hand dastand. Ludwig hatte nicht aufgelegt. Es ging ihm nicht anders als mir. Wir waren verbunden im Schmerz. Jedes weitere Wort wäre überflüssig gewesen.

„Mir müssen uns um die Beerdigung kümmern“, sprach er nach einer kleinen Ewigkeit die ersten Worte.

Ich nickte, obwohl ich wusste, dass er mich nicht sehen konnte. Die Tränen liefen mir über die Wangen, während ich meine Lippen fest aufeinanderpresste.

„Du kannscht jederzeit nach Hause kommen. Aber lass den Schock erschtmal sacken. I möcht net, dass du die weite Strecke in dem Zustand auf di nimmst. Mir bekommen das scho irgendwie hin. Auch wenn i im Moment selbst no net woaß wia. Es isch so schrecklich. Einfach unglaublich.“

„Mach’s gut, Ludwig“, presste ich hervor und legte auf.

Dann ließ ich mich auf den Boden sinken, umschlang meine Knie und wiegte mich hin und her. Meine Füße waren eiskalt, doch das spürte ich nicht. Ich fühlte nicht mehr, was um mich geschah. Da waren nur noch diese seltsamen Bilder in meinem Kopf. Ein Hubschrauber. Das Krankenhaus. Und Mama, wie sie mit dem Leben rang. Sie hat es net gschafft, hallten Ludwigs Worte wie eine Endlosschleife in meinem Kopf wider. Sie hat es net gschafft.

Kapitel 2

Ich hatte jegliches Gefühl für Zeit und Raum verloren, als ich am nächsten Morgen erwachte. Dass ich überhaupt in den Schlaf gefunden hatte, war mir sowieso ein Rätsel. Wahrscheinlich war die Erschöpfung zu groß gewesen. Ich lag noch immer auf dem Parkettboden neben dem Telefon und erst jetzt merkte ich, dass jeder Knochen in meinem Körper schmerzte. Ich starrte an die hohe Decke meiner Altbauwohnung, die mir in diesem Moment so unerreichbar weit weg schien. Eigentlich hatte sich nichts verändert. Alles war wie immer. Ich trug noch denselben Schlafanzug, mit dem ich nach einem schönen Abend in der Galerie zu Bett gegangen war und nicht im Entferntesten geahnt hatte, was in dieser Nacht geschehen sollte. Doch als ich jetzt auf dem Boden kauernd aufgewacht war, wurde mir klar, dass meine Welt nie wieder die gleiche sein würde. Eine neue Welle unermesslicher Trauer stieg in mir auf.

Seit über zehn Jahren lebte ich bereits in Wien. Ich hatte mir mittlerweile einen guten Ruf als Fotografin erarbeitet und konnte von meiner Kunst leben. Mama hatte mich hier nie oft besucht. Fünfmal, wenn ich es zusammenrechnete. Zuletzt vor vier Wochen, was mich gewundert hatte. Ohne erkennbaren Grund, ziemlich spontan und während der Saison. Als hätte sie gewusst, dass sie bald sterben würde. Ganze drei Tage hatte sie hier verbracht. Ich versuchte, meine beruflichen Termine zu verlegen. Wir hatten eine wirklich schöne Zeit zusammen. Als ich sie fragte, warum sie so kurzfristig nach Wien gekommen war, meinte sie nur: „Darf ich denn nicht einfach meine Tochter besuchen?“

Trotz der großen Distanz hatten wir ein sehr gutes Verhältnis. Regelmäßig telefonierten wir. Sie war immer interessiert, was ich so machte und was sich in meinem Leben tat. Sie freute sich mit mir, wenn ich eine Ausstellung mit meinen Fotos eröffnete, und sie litt mit mir, als sich Bernd damals von mir getrennt hatte. Und sie schickte mir ein Carepaket mit selbst gemachten Tees, wenn ich krank war. Weihnachten hatten wir jedes Jahr zusammen auf dem Hof gefeiert. Dass das nun nicht mehr so war, konnte ich in diesem Moment noch immer nicht begreifen.

Mein Blick glitt zum Telefon, aus dem ich nie wieder ihre Stimme hören würde. Mama war tot. Einfach so. Ohne Vorwarnung. Ohne sich groß zu verabschieden. Und ich war allein. Man sollte meinen, dass man mit 31 Jahren ohne seine Mutter leben konnte, weil man ja schon erwachsen war. Aber falls jemand so etwas behaupten sollte, würde ich ihm widersprechen müssen. Es war, als wäre mir von einer Sekunde auf die andere meine Kindheit gestohlen worden. In anderen Familien gab es vielleicht noch Geschwister oder einen Vater, die einem in solch einer Situation beistehen konnten. Aber das hatte ich nicht. Ich war als Einzelkind bei meiner alleinerziehenden Mutter auf einem Hof in einem kleinen Bergdorf in Südtirol aufgewachsen. Ludwig war erst in Mamas Leben getreten, als ich schon erwachsen war. Ich mochte ihn. Keine Frage. Und er mochte meine Mutter. Seit sie mit ihm zusammen war, wirkte sie entspannter. Ein bisschen glücklicher. Sie liebte, was sie tat. Die Arbeit auf dem Hof war ihr Leben, ihre Leidenschaft gewesen. Viel Zeit verbrachte sie in ihrem Bauerngarten. Ludwig hatte dieses Leben mit Begeisterung mit ihr geteilt. Und das sollte nun wirklich alles zu Ende sein? In dem Moment, als ich mir diese Frage zum ersten Mal stellte, ploppte gleichzeitig noch ein ganz anderes Problem in meinem Kopf auf. Wie sollte es mit dem Hof weitergehen?

Mama war immer sehr stolz auf den alten Hof gewesen. Er war schon seit Generationen im Familienbesitz. Trotz seines Alters war er gut gepflegt, ohne dass sein historischer Charme darunter litt. Jedes Jahr hatte Mama kleine Blumenkästen mit roten Geranien bepflanzt, die sie im Haus überwinterte und im Frühling dann auf den Fensterbänken platzierte. Viele Gäste hatten die Blütenpracht bewundert. Im Winter standen Einmachgläser mit roten Wachskerzen in den Fenstern, die mit Naturmaterialien und Filzkordeln geschmückt waren. Sie hatte ein fantastisches Gespür für Details. Ähnlich wie ich mit meinen Fotos. Meine Großeltern hatten sich schon recht früh Sorgen um die Nachfolge des Hofs gemacht. Meine Mutter war nicht verheiratet. Ein Mann war lange nicht in Sicht gewesen. Und ich war das einzige Kind. Ein Mädchen dazu. Man hätte es nicht für möglich gehalten, dass es Ende des 20. Jahrhunderts noch solche Ansichten gab. Aber es war so. Unter Druck setzen hatte sich meine Mutter davon allerdings nicht lassen. Es isch immer weitergangen mit dem Hof. Die Zeit wirds zeigen. Das hatte sie meinen Großeltern dann geantwortet, womit diese zumindest ein paar Tage wieder beruhigt waren.

Als ich Mama damals gestand, dass ich nach Wien wollte, um dort zu studieren, musste sie kurz schlucken. Ihr war in diesem Moment wohl klar geworden, dass die Hofgeschichte meiner Familie mit ihr enden würde. Als ich ihr dann eröffnete, dass ich nach dem Studium in Wien wohnen bleiben wollte, hatte sie mir zum ersten und letzten Mal die Absolution erteilt: Mach, was di glücklich macht. Dabei hatte sie mich liebevoll angelächelt. Ob sie für den Hof jemals einen Plan B gehabt hatte, wusste ich nicht. Hatte sie sich Gedanken gemacht, wie es weitergehen sollte? Sie war Anfang 50 gewesen. Mitten im Leben und bei bester Gesundheit. Sie dachte sicher, dass sie noch genug Zeit hatte, um das zu entscheiden. Meine Mutter hatte nie zu weit in die Zukunft geplant. Sie lebte mit den Jahreszeiten. Nahm das Leben, wie es kam.

Das Klingeln an meiner Wohnungstür riss mich aus meinen Gedanken. Es fiel mir schwer, aufzustehen. Mein Kopf war vom vielen Weinen kurz vor dem Zerspringen. Eigentlich wollte ich niemanden sehen. Ich musste da durch. Allein. Ich war erwachsen geworden. Über Nacht. Schwerfällig rappelte ich mich auf. Mein Körper fühlte sich an, als wäre er mit Blei ausgegossen worden. Ich schlich leise zum Spion an der Tür.

„Charlotte“, hörte ich meinen Namen, gefolgt von einem Klopfen. „Ich weiß, dass du da bist.“

„Mir geht’s nicht gut“, krächzte ich mit gebrochener Stimme.

„Ludwig hat mich angerufen. Ich weiß, was passiert ist. Er hat mich gebeten, nach dir zu schauen. Lass mich bitte rein.“

Ich atmete tief durch und wischte mir die Tränen mit dem Ärmel meines Schlafanzugs ab. Dann drehte ich den Schlüssel im Schloss und öffnete die Tür. Vor mir stand Trude Pichler, meine Nachbarin. Ihr Haar war pechschwarz gefärbt, der Schnitt zeitlos modisch. Im engen Etuikleid und den Absatzschuhen bewegte sie sich trotz ihres Alters mit der grazilen Würde einer 20-Jährigen. Sie sagte nichts und schaute mich für ein paar Sekunden mitfühlend an. Dann umarmte sie mich, so fest sie konnte. In diesem Moment konnte ich meine Gefühle nicht mehr beherrschen. Mein Schluchzen steigerte sich zu einem Erdbeben. Eine ganze Weile standen wir so da. Bis es ein bisschen leichter für mich wurde. Mit ihrer Hand klopfte sie auf meine Schulter.

„Jetzt koch ich dir eine Tasse Tee. Du wirst sehen, das tut gut“, meinte sie mit ruhiger Stimme zu mir.

Ich nickte. Sie führte mich zum Sofa, auf das ich mich setzte. Dann verschwand sie in meine Küche und ich hörte, wie der Wasserkocher brodelte und Geschirr klapperte. Nach wenigen Minuten stellte sie zwei dampfende Tassen auf dem niedrigen Couchtisch ab und hockte sich in den roten Clubsessel gegenüber von mir.

„Meine Mutter ist fast 100 geworden. Trotzdem war es ein Schlag für mich, als sie starb. Der Verlust einer Mutter schmerzt immer. Egal, wann es passiert“, versuchte sie mich zu trösten. „Du denkst, der Schmerz hört nie wieder auf. Aber man lernt irgendwann, damit zu leben. Gib dir Zeit zum Trauern. Und bis dahin werde ich dir jeden Tag einen Teller Suppe kochen, damit du nicht verhungerst vor Gram.“

Sie beugte sich zu mir, tätschelte mein Knie und ich sah, dass auch ihre Augen wässrig waren. Ich hatte immer mal wieder nach Frau Pichler gesehen und gefragt, ob ich ihr etwas vom Bäcker mitbringen sollte oder mal ein Tässchen Kaffee mit ihr zusammen getrunken. Ich war ihr in diesem Moment unendlich dankbar, dass sie nun für mich da war. Auch wenn ich das Gefühl hatte, dass ich nie wieder Freude empfinden konnte, keimte durch ihre Anwesenheit eine winzige Hoffnung in mir auf. Die Hoffnung, dass ich diesen unglaublichen Schmerz irgendwie überleben konnte.

Kapitel 3

Nachdem mich Frau Pichler die nächsten Tage mit Suppe, Tee und Schokolade versorgt hatte, kam der Moment, an dem ich mich bereit fühlte, nach Hause zu fahren. Ludwig hatte immer wieder mit mir telefoniert. Es gab viele Entscheidungen rund um die Beerdigung zu treffen, was mir wenigstens ein bisschen Struktur gab. Und nun stand ich mit meiner gepackten Tasche im Hausflur meiner Wiener Wohnung und drückte Frau Pichler noch einmal zum Abschied.

„Ich weiß deine Zuneigung ja zu schätzen“, nuschelte sie in mein Haar. „Aber zerquetsch mich nicht.“

Langsam ließ ich sie los. „Danke für alles“, flüsterte ich.

„Das ist doch selbstverständlich“, meinte sie mit gutmütiger Stimme zu mir.

„Ist es nicht“, murmelte ich und war schon wieder den Tränen nahe.

„Nun aber los. Sonst werde ich noch sentimental. Und mach dir keine Gedanken wegen deiner Topfpflanzen. Sie sind bei mir in besten Händen.“

Schnell packte ich meine Tasche und huschte in die Tiefgarage, wo mein kleines Auto auf mich wartete.

 

Viele Gedanken gingen mir während der Fahrt durch den Kopf. Ludwig hatte mich gebeten, länger auf dem Hof zu bleiben. Die Törggele-Saison hatte gerade erst begonnen. Der Hof war meist schon ein Jahr im Voraus ausgebucht. Viele Stammkunden hatten sich bereits angekündigt. Manche kamen nur für einen Abend, andere für ein paar Nächte. Ich hatte mit Ludwig geredet, ob es besser wäre, den Gästen abzusagen. Doch wir waren beide zum Ergebnis gekommen, dass Mama das niemals zugelassen hätte. Also beschlossen wir es durchzuziehen. Für Mama. Nach ein paar Heulanfällen hatte ich es geschafft, noch einige Telefonate zu führen, um mir die nächsten Wochen beruflich freizuschaufeln. Auch wenn ich keine Ahnung hatte, wie wir das ohne Mama schaffen sollten.

Während der Törggele-Saison gab es jede Menge zu tun. Mama stand bereits morgens in der Küche und backte, hobelte und kochte. Dabei trug sie immer ihre blaue Schürze. Meist hatte sie dann nicht viel Zeit für mich gehabt, weswegen ich als Kind immer froh war, wenn die Saison endete. Als ich größer wurde, half ich ihr, die Gäste zu bewirten. Nicht gerade der Zeitvertreib, den sich eine Heranwachsende so vorstellte. Erst seit ich in Wien wohnte und etwas Abstand zu allem hatte, verstand ich, warum Mama trotz der Strapazen, die diese Zeit jedes Jahr mit sich brachte, mit Begeisterung dabei war. Sie war die geborene Gastwirtin und der Hof ihre Berufung. Nie wieder würde Mama in der Küche stehen und mit nassen Händen Knödel formen. Sie würde nie wieder Vinschgauer backen, üppige Brotzeitplatten mit Speck und Kaminwurzen anrichten oder Keschtn einritzen. Bei dem Gedanken überkam mich eine Wehe der Trauer. Schnell versuchte ich, auf andere Gedanken zu kommen. Ich musste mich auf die Straße konzentrieren.

 

Ohne große Pausen war ich durchgefahren, bis endlich die Abfahrt Bozen-Nord angekündigt wurde, bei der ich die Autobahn verließ. Routiniert durchquerte ich die Mautstation und bog links auf die Straße ab, die entlang eines Baches führte. Felsige Berge erhoben sich seitlich des engen Tales. In dem kleinen Tunnel musste ich mich auf die richtige Spur einordnen. Dann ging es steil bergauf. Die Strecke zog sich ewig. Alles war so vertraut und doch wirkte die Landschaft fremd. Das Laub färbte sich bereits orange, aber im Moment hatte ich keinen Sinn für die Schönheit des Herbstes. Je höher sich die Straße schraubte, desto enger zog sich meine Brust zusammen. Nur wenige Kilometer vor meinem Ziel überkam mich eine Panikattacke. Ich hielt an einer kleinen Ausbuchtung am Straßenrand, schälte mich völlig fertig aus dem Sitz und inhalierte die Luft tief ein. Ein paar Meter entfernt fiel der Berg steil ins Tal ab. Langsam ging ich darauf zu. Dann entluden sich von einer Sekunde auf die andere meine ganzen Emotionen, die sich die letzten Tage in mir angestaut hatten, in einem ohrenbetäubenden Schrei, der vom Echo der Berge zurückgeworfen wurde. Eigentlich hatte ich gedacht, dass ich hier allein war. Doch der Laut war noch nicht ganz verhallt, als ich ein Rascheln vernahm, das ich nicht zuordnen konnte. Erschrocken blickte ich mich um, als plötzlich vom Hang herauf ein Mann erschien.

„Sag mal, musst du mich so erschrecken?“ Er stand vor mir und schaute mich mit seinen großen braunen Augen an.

Ein kurzer Schock und das Gefühl unglaublicher Peinlichkeit ließen mich für einen Augenblick den Atem anhalten. Dann begannen meine Nasenflügel leicht zu beben. Noch immer starrte ich den Mann vor mir an, als würde ich einen Geist sehen. Als hätte man mich zurück in die Vergangenheit gebeamt.

Das konnte doch nicht sein! Die letzten Tage hatten mir emotional einiges abverlangt. Ich hatte das Gefühl zu halluzinieren. Ein Schwindel überkam mich.

„Hannes“, hauchte ich.

„Lotte?“ Er wirkte auf einmal ebenso überrascht wie ich. „Geht’s dir nicht gut? Kann ich dir helfen?“

Mein ganzer Körper zitterte. Da stand er wahrhaftig vor mir. Hannes Kostner. Er trug eine lässige Hose, einen Hoodie und darüber Hosenträger. Seine Frisur erinnerte entfernt an einen Filmstar aus den 50ern. Eine dunkle Strähne hing ihm über die Stirn. Der leichte Flaum eines Bartes überzog sein Gesicht und endete in einem Kotelettenansatz. Er hielt einen schweren Hammer, der wie ein Lot an seiner rechten Hand hing. Er sah gut aus, auch wenn sich auf seiner Stirn schon ein paar leichte Falten abzeichneten.

Wie oft hatte ich in den letzten Jahren an ihn gedacht? Hatte mich gefragt, was aus ihm geworden war. Als Kinder waren wir unzertrennlich gewesen. Sein Elternhof lag nur wenige Hundert Meter von unserem entfernt. Als sechstes von sieben Kindern bekam er zu Hause oft nicht die Aufmerksamkeit und verbrachte seine Nachmittage bei uns. Mama mochte den aufgeweckten Jungen und verwöhnte uns mit Kaiserschmarrn oder Strauben, bevor wir durch die Weinberge und den Heuboden tollten. Lange hatte ich nicht mehr daran gedacht. Doch jetzt, als Hannes so unverhofft vor mir stand, lief die Vergangenheit im Zeitraffer vor mir ab.

Aber die schönen Erinnerungen wurden von seinem Absturz verdrängt. In der Pubertät hängte er sich an Silvio. Ein seltsamer Kerl, der ihn mit hinunterzog. Hannes schmiss die Schule, trank und kiffte. Ich musste hilflos zusehen, wie er sein Leben entgleisen ließ.

Kurz vor meinem Umzug nach Wien trafen wir uns ein letztes Mal in der Dorfkneipe. Schon als er zur Tür hereinkam, sah ich, dass er völlig high und ungepflegt war. Er versuchte cool zu wirken, doch ich spürte, wie schwer ihm der Abschied fiel. Mir ging es nicht besser. Als wir uns draußen umarmten, fiel ihm etwas aus der Tasche. Schnell versuchte er es aufzuheben. Doch ich hatte die Pillen sofort gesehen.

„Sag nicht, dass du dieses Zeug nimmst“, fuhr ich ihn an. „Du machst dich kaputt.“

„Lotte, das geht dich einen verdammten Scheißdreck an“, warf er mir an den Kopf. Er wirkte verärgert. Nach einem heftigen Wortgefecht fuhr ich wütend auf dem Fahrrad davon. Zwei Tage später hieß es, Silvio und er seien wegen eines Einbruchs im Dorfladen verhaftet worden. Danach war er für mich gestorben. Ich blockte jedes Gespräch ab, zog nach Wien und strich ihn komplett aus meinem Leben.

Und nun stand er einfach vor mir. Mein Körper bebte, während mein Herz wie verrückt pochte, sodass ich Angst hatte, es könnte mir aus der Brust springen.

Lange Zeit hatte ich damit verbracht, Hannes zu vergessen. Und eigentlich dachte ich, dass ich das ganz gut hinbekommen hatte. Aber in diesem Moment zerbrach meine Illusion. Hannes starrte mich noch immer an.

„Das mit deiner Mutter tut mir leid. Sie war ein netter Mensch. Ich hab sie sehr gemocht“, traute er sich schließlich zu sagen.

Innerhalb von Millisekunden war meine angestaute Wut wieder da, die ich tief in mir vergraben hatte. Ich hatte Angst, in Ohnmacht zu fallen, wenn ich noch länger seine Anwesenheit ertragen musste.

„Ich hasse dich, Hannes Kostner!“, brüllte ich ihn an. Dann rannte ich zu meinem Auto, startete den Motor und fuhr mit durchdrehenden Reifen davon.