KAPITEL EINS
Landry
Mein Leben ist perfekt.
Das muss es sein, weil er es so entworfen hat.
Ich bin nur ein glänzendes Teil in der Croft-Welt – glitzernd wie gesponnenes Gold, damit alle es bewundern können.
Und das werden sie.
Deshalb existiere ich.
Um eine Trophäe zu sein, die der Welt präsentiert wird. Schön, höflich, intelligent, gefasst, elegant. Ich bin alles, was er verlangt, dass ich bin.
Nie widerspreche ich oder widersetze mich seinen unmöglichen Forderungen.
Warum?
Wegen Della.
Sie ist nicht perfekt.
Zumindest nicht in seinen Augen.
Für mich ist meine kleine Schwester mein Ein und Alles. Lustig und frech und manchmal ein bisschen seltsam. Sie ist das Echteste in meinem Leben. Das Einzige, das mir wahre Freude bringt.
Aber aus irgendeinem Grund hasst er sie. Mit jeder Faser seines Seins. Nichts, was sie tut, ist in seinen Augen auch nur annähernd zufriedenstellend. Sie ist eine Last – eine Peinlichkeit. Und wenn es nicht mein vorsichtiges Eingreifen gäbe, wäre nicht abzusehen, was mit ihr passieren würde.
Ich hole tief Luft und atme dann all den Stress aus, der damit einhergeht, im Croft-Penthouse im prestigeträchtigen Hudson-Yards-Viertel mit einem der mächtigsten Männer von New York zu leben.
Unser Apartment mag fast dreißig Millionen wert sein und ist immer magazinperfekt, aber hinter jeder glänzenden Marmoroberfläche lauert Dunkelheit. Dieses Zuhause ist nichts weiter als ein schicker Albtraum. Eine Illusion, mit einer hübschen Schleife gebunden.
Mein Schlafzimmer ist der Ort, an dem ich die meiste Zeit verbringe. Die bodentiefen Fenster, die eine ganze Wand meines Zimmers ausmachen, sind der Ort, an den ich entkommen kann, während ich trotzdem gefangen bin. Die weiten Ausblicke auf den funkelnden Hudson River und den Atlantischen Ozean, achtundachtzig Stockwerke über dem Boden, erinnern mich daran, dass das Leben dort draußen fern von meiner harten Realität schön ist. Lady Liberty, diese Bitch, verhöhnt mich aus der Ferne und prahlt mit ihrer Freiheit.
Ich wende mich ab von der falschen Ausflucht, mit der meine Fenster mich necken, und betrachte mein Zimmer. Wie der Rest unseres Apartments ist der Raum makellos. Sehr wenig verrät etwas über mich oder meine Persönlichkeit. Schlanke weiße Möbel, schneeweiße Bettwäsche, weiche weiße Teppiche auf warmen, anthrazitgrauen Holzböden. Keine Kunst oder ausgefallenen Dekorationen. Kein Fernseher, keine Stereoanlage. Nichts außer meinem bilderbuchperfekten Gefängnis.
Ich bin eine hübsche Puppe in einem noch hübscheren Puppenhaus.
Und er mag es, mit seinen Spielzeugen zu spielen.
Heute Abend wird er zu Hause sein, zurück von einer zweiwöchigen Geschäftsreise nach Tokio. All die Spannung, die ich in dieser Zeit lösen konnte, ist in die Muskeln meines Nackens zurückgekehrt. Mit jeder vergehenden Sekunde komme ich dem Moment näher, in dem ich gezwungen sein werde, ihn wiederzusehen.
„Miss Landry“, zwitschert Noel aus der Türöffnung und lässt mich vor Überraschung zusammenzucken. „Benötigen Sie meine Hilfe?“
Ich blinzele mehrmals, während ich meine Wirbelsäule stähle. Ich kann es mir nicht leisten, auch nur für eine Sekunde meine Wachsamkeit zu verlieren. Nicht, weil ich Angst vor Noel habe, sondern weil ich bereit für ihn sein muss. Ich hebe das Kinn und schenke Noel ein höfliches Lächeln.
„Ja, bitte.“ Ich deute auf das seidige, goldene Georgio-Armani-Kleid, das auf meinem Bett ausgebreitet liegt, ein exquisiter Tupfer auf der sonst perfekten weißen Bettdecke. „Ich habe immer Probleme mit den Reißverschlüssen.“
Eifrig zu helfen, huscht Noel in mein Schlafzimmer, ein kleines Lächeln kräuselt ihre Lippen nach oben. Ich mag Noel, und in einem anderen Leben könnten wir vielleicht Freundinnen sein. Aber wir sind nicht in einem anderen Leben. Wir sind in diesem hier. Hier ist sie bezahlte Hilfe und darf nichts weiter sein.
Ich bin neugierig, woraus ihr Leben außerhalb des Croft-Penthouses besteht. Hat sie Kinder oder einen Ehemann oder Hobbys?
„Mr. Croft mag diese Farbe an Ihnen“, sagt Noel, ihre Stimme beruhigend. „Ich bin sicher, er hat Sie sehr vermisst.“
Ich versuche, bei ihren Worten nicht zusammenzuzucken. Er wird mich vermisst haben, und er wird dieses Kleid mögen. Ich werde alles sein, wozu er mich geformt hat – perfekt.
Es ist Della, die er nicht sehr vermisst haben wird.
Della, die das Ziel seiner verächtlichen Blicke und beißenden Bemerkungen sein wird.
Ich räuspere mich und versuche, mich auf seine Ankunft vorzubereiten. Es bleibt kein Platz für nervöses Zittern oder einen sich zusammenziehenden Magen. Ich muss stark sein und ihn ablenken, damit Della unter dem Radar bleibt. Klar, wir hatten eine dringend benötigte Pause von ihm, aber er ist wieder in der Stadt, was bedeutet, dass alles wieder seinen gewohnten Gang nimmt.
Alle Verspieltheit wird verschwunden sein. Unsere Film- und Popcornabende in ihrem Zimmer werden nicht mehr existieren. Die Leckereien, die Noel uns manchmal hereinschmuggelt, wird es unter seinem wachsamen Auge nicht mehr geben. Della wird nicht mehr in meinem Bett schlafen. Wir werden auf der Hut sein müssen, was bedeutet, immer wachsam zu sein.
Sogar das Personal ist wieder angespannt. Den ganzen Tag sind die Bediensteten herumgewirbelt und haben das Penthouse für seine Ankunft vorbereitet. Sein Sicherheitsteam lässt uns die Regeln beugen, während er weg ist, solange wir das Apartment nicht verlassen. Aber mit seiner Rückkehr werden sie wieder streng und erdrückend sein.
„Ist Della angezogen?“, frage ich, während ich bis auf meine Unterwäsche aus meiner Kleidung schlüpfe.
„Sie trägt das Butterblumenkleid, das ihre grünen Augen so hübsch betont.“
Ich nicke und atme erleichtert aus. „Sie hat nicht mit Ihnen um das lilane gestritten?“
„Oh“, vertraut Noel mir an, „das hat sie, aber ich bin zwanzig Jahre älter als sie und wiege auch ein bisschen mehr.“
Die Luft zwischen uns ist leicht, aber ich kann es mir nicht leisten, verspielt zu sein. Nicht so kurz vor seiner Ankunft. Sich vorzustellen, wie eine Sechsjährige versucht, eine Paarundzwanzigjährige zu schikanieren, ist ziemlich komisch, doch ich lache nicht.
„Ihre Schuhe passen zusammen?“, frage ich und ignoriere ihr Necken.
„Ja, Ma’am.“ Sie reicht mir mein Kleid, in das ich hineinsteige und mich dann drehe, damit sie es schließen kann.
„Haare?“
„Sie sieht wunderschön aus, Miss Landry. Bitte machen Sie sich keine Sorgen.“
Bin ich so durchschaubar?
„Vergessen Sie nicht, wo Ihr Platz ist, Noel.“ Meine Worte kommen scharf heraus, stechend wie eine Peitsche auf nackter Haut, und lassen sie heftig zusammenzucken.
„Ja, Ma’am.“
Noels sommersprossiges Gesicht wird karmesinrot wie ihr erdbeerblondes Haar, das straff zu einem Knoten gebunden ist. Ich hasse es, dass ich unhöflich zu ihr gewesen bin, besonders da sie in seiner Abwesenheit so freundlich zu uns war, aber ich bewege mich heute Abend mit meinen Emotionen auf einem schmalen Grat. Wenn sie mich auch nur ein wenig aus dem Konzept bringt, lässt sich nicht sagen, wie sich das für Della auswirken wird.
Bitte sei heute Abend ein artiges, süßes Mädchen, Della. Bitte.
„Ich kann alleine fertig werden“, stoße ich mit kühler Stimme aus, die so sehr nach ihm klingt. „Sie können gehen. Schicken Sie Della zu mir.“
„Miss Ellis ist bei ihr.“
Ich zucke beinahe zurück, als Sandras Name fällt. Sandra Ellis ist unsere Hausmanagerin und übernimmt, wenn nötig, auch die Rolle des Kindermädchens für Della. Weder Della noch ich können diese neugierige, petzende Hexe ausstehen.
„Schicken Sie sie trotzdem“, presse ich hervor. „Sagen Sie Miss Ellis, dass sie für den Abend von ihren Pflichten entbunden ist.“
Sie nickt einmal und eilt dann aus dem Zimmer, lässt mich mit meinem sich zusammenziehenden Magen zurück. Mein Make-up ist fachmännisch aufgetragen und mein seidiges, goldenes Haar locker hochgesteckt, sodass Strähnen entweichen und mein engelsgleiches Gesicht umrahmen.
Das sagt er nämlich.
Ich habe das Gesicht eines Engels.
Ich verziehe es zu einem finsteren Blick und schätze für einen Moment, dass ich nicht das perfekte Mädchen bin, zu dem er mich geformt hat. Manchmal kann das echte Ich entkommen, selbst wenn es nur für einen kurzen Blick im Spiegel ist.
Nachdem ich mir ein paar Sekunden gegönnt habe, entspanne ich meine Züge und bringe meinen Ausdruck wieder unter Kontrolle. All die ständig brodelnde Wut muss wieder hinuntergedrückt und unter dem Deckel des Vortäuschens verborgen werden.
Eines Tages werde ich nicht mehr vortäuschen müssen.
Aber zumindest für die nächsten zwölf Jahre werde ich eine Schauspielerin sein, die in diesem lächerlichen Stück eine Rolle spielt, weil ich am Ende Della weit weg von hier bringen werde. Sie wird achtzehn sein, und das Gesetz wird sie nicht mehr zwingen, seine Gefangene zu sein. Wir werden ein Leben voller Lachen und Freiheit und Glück führen. Diese Hölle wird eine ferne Erinnerung werden.
Ich werfe einen Blick auf die Uhr. Della ist immer noch nicht aufgetaucht, was bedeutet, dass Sandra sie aus irgendeinem Grund bei sich behält. Wenn er zu Hause ist, beginnt das Abendessen immer um sieben, was bedeutet, dass ich fertig werden und Della selbst suchen muss, bevor er ankommt. Schnell wühle ich in meiner Schmuckschatulle herum, übergehe Moms alte Ringe und Halsketten, während ich nach dem Armband suche, das er mir letzten März zu meinem achtzehnten Geburtstag geschenkt hat.
Ich hasse dieses Armband. Ich hasse ihn. Und doch schiebe ich es über mein Handgelenk und drehe meinen Arm, beobachte, wie das Licht auf dem Gold glitzert.
„Du siehst umwerfend aus“, grollt eine tiefe Stimme aus der Türöffnung. „Das Ebenbild deiner Mutter.“
Jedes Haar auf meinem Körper stellt sich auf und beginnt zu kribbeln, als hätte eine dunkle Energie es geweckt, die sich nun um mich herum verdichtet. Schon an der vertrauten Stimme erkenne ich, wer in mein Schlafzimmer pirscht – und der Hauch seines teuren Rasierwassers lässt keinen Zweifel mehr daran.
Daddy ist zu Hause.
„Danke, Dad“, sage ich und schenke ihm ein breites Grinsen. „Wir haben dich vermisst.“
Er öffnet die Arme und wartet darauf, dass ich ihn mit einer Umarmung begrüße. Ich trete in seinen starken Griff. Seine Umarmung ist kurz, bevor er mich schnell wieder loslässt. Ein wölfisches, berechnendes Grinsen zieht an seinen Lippen, während er eine geballte Hand hebt.
Wenn Della hier wäre, wäre diese Faust eine Waffe.
Aber für mich, seine geliebte ältere Tochter, ist es ein Geschenk.
Es war nicht immer so. Ich bin nur wirklich gut darin geworden, für den schärfsten Kritiker der Welt perfekt aufzutreten.
„Du hast mir etwas mitgebracht?“ Ich hüpfe in mädchenhafter Vorfreude auf den Zehen, trotz der Säure in meinem Magen. „Ich kann es kaum erwarten, es zu sehen.“
Er lässt ein grollendes Lachen hören. „Du bist verwöhnt, mein Schatz.“
Mein Lächeln gerät ins Wanken, und es kostet Mühe, die Muskeln anzuspannen und es an Ort und Stelle zu halten. „Du verwöhnst mich“, gebe ich frech zurück. „Es ist deine Schuld.“
Zufrieden mit meinen Worten dreht er seine Hand und öffnet die Finger, sodass seine Handfläche sichtbar wird. Wie eine zusammengerollte goldene Schlange liegt dort eine Halskette und schimmert im Licht. Seine Geschenke fühlen sich an wie Gewichte, die mich hinab in den Abgrund ziehen – eine ständige Erinnerung daran, warum er sie mir gibt.
„Sie ist so hübsch“, hauche ich und greife nach der zierlichen Halskette.
„So ungeduldig“, tadelt er. „Erlaube mir. Dreh dich um.“
Ich schlucke mein Unbehagen hinunter, drehe mich zum Fenster und sehe sein Spiegelbild – Dad, wie er sich hinter mir aufbaut, bedrohlich und erdrückend. Mit ruhigen, beinahe behutsamen Bewegungen öffnet er die Kette, greift dann um mich herum und lässt sie vor meinem Gesicht baumeln „Wie war Tokio?“, frage ich und versuche vergeblich, das Zittern aus meiner Stimme zu verbannen.
„Nach mehreren Verhandlungstagen sind wir schließlich zu einer Einigung über den Kaufpreis des Gebäudes gekommen. Der Verkauf ging ohne Probleme durch, und jetzt gehört es offiziell mir. Croft Gaming and Entertainment wird jetzt eine Präsenz in Asien haben.“ Seine Finger streichen an der Außenseite meines Halses entlang, während er die Verschlüsse hinter meinem Nacken zusammenbringt. „Es ist eine milliardenschwere Expansion, die bei einigen beeindruckenden Persönlichkeiten für Aufsehen sorgt, speziell in dieser Stadt.“
„Unglaublich“, murmele ich. „Herzlichen Glückwunsch.“
„Mit dem Geld, das ich durch diese globale Expansion machen werde, kann ich vielleicht in Rente gehen. Das Unternehmen verkaufen und mehr Zeit mit meiner Tochter verbringen.“ Er küsst meinen Scheitel. „Was sagst du?“
Meine Knie zittern, aber ich halte sie durchgedrückt. Alle Stunden eines jeden Tages mit ihm zu verbringen, wäre sowohl für mich als auch für Della ein absoluter Albtraum.
„Ich sehe viele Reisen nach Griechenland in unserer Zukunft“, necke ich, wobei ich die Angst in meiner Stimme nicht ganz verbergen kann. „Della liebt das Reisen.“
Die Luft wird kühl bei der Erwähnung meiner Schwester.
Sofort bereue ich meine Worte. Was habe ich gerade getan? Habe ich alles wegen ein paar falsch gewählter Worte ruiniert?
„Vielleicht“, sagt Dad eisig. „Oder vielleicht finden wir einen Babysitter. Sie kann ziemlich … unbändig sein. Urlaube sind nicht dafür gedacht, von unbändigen Kindern verdorben zu werden.“
Ich schlucke die Galle hinunter, die mir den Hals hinaufkriecht. Jetzt ist nicht der Moment für Schwäche. Ich bin hier statt am College, ihretwegen. Weil sie mich braucht. Ich bin die Mauer zwischen ihnen. Ihre einzige Verteidigungslinie. Ich werde verdammt sein, wenn ich jetzt zusammenbreche.
„Werden wir dieses Jahr wieder eine Kostümparty zu deinem Geburtstag haben? Du warst so beschäftigt mit der Arbeit, deshalb …“ Ich verstumme in der Hoffnung, das Thema von Della auf etwas zu lenken, das meinem Vater Freude bringt. Ihn selbst.
Vorhersehbar schmilzt seine Starre dahin, und ein Lächeln schleicht über sein Gesicht. „Für eine Croft-Party ist immer Zeit, meine Liebe. Hast du darüber nachgedacht, als was du dich verkleiden wirst?“
„Als Prinzessin.“
„Du bist jeden Tag eine Prinzessin.“ Er lacht leise, seine dunkelblauen Augen funkeln. „Du wirst dir etwas Cleveres ausdenken. Das tust du immer.“
Dad legt seine Hand an meine Wange und zwinkert mir zu, bevor er aus meinem Schlafzimmer schreitet. Die Luft, die ich kaum hatte atmen können, strömt in stoßweisen Zügen in meine Lungen hinein und hinaus. Tränen brennen in meinen Augen.
Es bleibt keine Zeit für einen mentalen Zusammenbruch.
Nicht jetzt. Niemals.
Ich muss sie beschützen.
Immer.
Mit einem letzten Ausatmen hebe ich das Kinn, setze mein eingeübtes Lächeln auf und mache mich auf meine Mission, ein kompliziertes Spiel gegen einen grausamen, hasserfüllten Mann zu spielen … meinen Vater.
KAPITEL ZWEI
Sully
Es kommt nicht oft vor, dass wir von unserem … Onkel gerufen werden, aber wenn es passiert, finden wir uns in der Morelli-Villa ein. Keine Fragen. Bereit, seine Befehle auszuführen.
Bryant Morelli ist kein Mann, mit dem man sich anlegt.
Punkt.
Sparrow stöhnt vor Langeweile und wischt viel zu schnell durch sein Handy, um tatsächlich etwas zu lesen. Genau wie ich hasst er diese verdammten „Familientreffen“. Unser Bruder Scout ist der Einzige, der auch nur ansatzweise Interesse daran zeigt, weshalb ich mich frage, wo zum Teufel er ist.
„Hast du Scout gesehen?“, frage ich Sparrow und schüttele träge das Eis in meinem Glas. „Also seit Christophers Party?“
„Nö.“ Sparrow betont das „Ö“ und macht sich nicht die Mühe aufzusehen. „Nicht mein Problem.“
Ich rolle mit den Augen und stelle mein Glas mit einem lauten Klirren auf dem Tisch neben meinem Stuhl ab. Sparrow richtet seinen dunkeläugigen Blick auf mich. Er ist von Natur aus streitlustig und genießt es, wann immer er einen Weg findet, einen seiner Brüder zu provozieren. Dafür hat er sich auch schon so manchen Faustschlag ins Gesicht eingehandelt.
„Technisch gesehen schon“, erinnere ich ihn. „Wir haben ein Versprechen gegeben.“
Sparrow verzieht das Gesicht. „Das war vor einem Jahr.“
„Ja, nun, es hat kein Ablaufdatum.“
Nicht mit Scout. Niemals. Seit unser Bruder uns in eine riesige Scheiße mit der verdammten Constantine-Familie geritten hat, die unser Leben ruiniert hat, steht er unter Beobachtung. Man kann ihn nicht sich selbst überlassen, weil er ein verdammter Psychopath ist.
„Scout ist okay“, brummt Sparrow, schon gelangweilt von dem Gespräch, und richtet seinen Blick wieder auf seine neueste Tinder-Hook-up-Suche. „Außerdem ist er jetzt Bryants Bitch.“
Als würde mich das besser fühlen lassen.
Bryant ist nicht gerade Vorbildmaterial.
Ich reibe meine Handfläche über mein Gesicht und versuche vergeblich, mein Elend wegzuwischen. Dieser Scheiß ist zum Kotzen. Mein Leben ist zum Kotzen. Das College wurde uns von einem Constantine vermiest, unsere Mutter ist im Gefängnis, und unsere Freiheit wurde von den Morellis geraubt. Wir sind jetzt Marionetten, an deren Fäden Bryant Morelli zieht, wann immer er es für richtig hält.
Das ist unser Leben.
Für. Verdammt. Immer.
Ich gehe zu Bryants gut bestückter Bar hinüber und genehmige mir ein paar Shots von etwas, von dem ich hoffe, dass es teuer und unersetzbar ist.
„Willst du jemals mehr tun als das hier?“, murmele ich, und es ist mir nicht wirklich wichtig, ob Sparrow sich an dem Gespräch beteiligt oder nicht.
Er schnaubt. „Alter. Wir leben in einem verdammten Penthouse.“
Ein Penthouse, das mit sehr, sehr vielen Bedingungen einhergeht – alle an Bryant und diese Villa gebunden.
„Und?“
„Und hast du unsere Autos gesehen? Alter, das ist das beste Ergebnis, das wir uns erhoffen konnten.“
Bestes Ergebnis? Wir sind verwöhnte Schoßhündchen. Bryant hält uns Leckerlis vor die Nase, bevor er uns befiehlt, seine Befehle auszuführen. Es ist Bullshit.
Sparrows harter Blick bohrt sich in meinen Rücken und versengt mich wie die Hitze der Sonne. Ich fühle mich durch den Alkohol, der frei durch meine Adern brennt, ermutigt. Wut brodelt in mir hoch und droht, mich explodieren zu lassen.
„Sully“, sagt Sparrow und wird sanfter. „Das ist unser Leben, Mann. Es ist, wie es ist.“
Wir drei haben alle Dinge verloren, die wir uns gewünscht hätten. Ich weiß, dass ich nicht allein bin, aber manchmal fühlt es sich so an.
Ich drehe mich um und sehe ihn nach vorn gebeugt sitzen, nicht länger an seinem Handy interessiert, die Ellbogen auf den Knien und die Hände vor sich verschränkt. Sein dunkles Haar ist nach hinten gegelt, wirkt streng und lässt ihn ein paar Jahre älter wirken. Er erinnert mich an den Rest der Morellis. Sparrow kleidet sich sogar wie sie – trägt immer einen teuren Anzug, außer wenn er mit Scout und mir im Fitnessstudio trainiert.
„Unser Leben hätte Harvard sein sollen.“ Ich presse die Zähne zusammen und runzele die Stirn. „Wir hätten so viel mehr haben können als das hier.“
Wenn unser Leben nicht den Bach runtergegangen wäre, würden wir jetzt in Harvard studieren und tatsächlich etwas aus unserem Leben machen. Es ist zum Kotzen zu wissen, dass unser Weg so eine scharfe Wendung genommen hat und uns in den Armen der Morellis hat landen lassen.
„Verbitterung steht dir nicht“, stellt Sparrow fest. „Außerdem wird Scout dich fertigmachen, wenn er dich jammern hört.“
„Ich jammere nicht, verdammt noch mal.“
Sparrow zuckt mit den Schultern, bevor er sich in seinem Sitz zurücklehnt. Manchmal denke ich, Sparrow ist der Breiteste von uns dreien, aber dann erinnere ich mich daran, dass es nur seine Arroganz ist, die ihn so erscheinen lässt. Sein Ego ist riesig – eine verdammte Wolke, die über ihm hängt und alle überragt, mich eingeschlossen. Aber da er mein Bruder ist, noch dazu ein eineiiger Drilling, weiß ich, dass wir körperlich genau gleich gebaut sind. Wir drei sind viel zu konkurrenzorientiert, um zuzulassen, dass einer von uns die anderen bei der Muskelmasse übertrifft.
Tiefe Stimmen sind zu hören, die verraten, dass sich mehrere Männer nähern. Ich spanne mich sofort an und hasse die Vorstellung, mich mit Bryant auseinandersetzen zu müssen. Wenn alles seinen gewohnten Lauf nimmt, sind Abendessen und private Partys etwas, das ich ertragen kann. Wenn er uns jedoch zu einem besonderen Treffen ruft, will ich aus meiner eigenen Haut kriechen.
Ich hasse es, sein kleines Schoßhündchen zu sein.
Bryant schlendert in einen der vielen Salons dieser riesigen Villa, den wir als unseren Besprechungsraum festgelegt haben. Seine Aura der Autorität ist erdrückend. Während Sparrow mit seiner Arroganz größer als das Leben selbst wirkt, strahlt Bryant diese mächtige, fast königliche Präsenz aus. Als wäre er der verdammte Herrscher über alles oder so ein Scheiß. Hinter ihm kommt Scout herein – nein, pirscht ist das bessere Wort –, er folgt lautlos wie ein Haustierpanther, der nur auf den Befehl wartet, jemanden zu zerreißen.
Sein Hinken ist beinahe nicht wahrnehmbar.
Beinahe.
Als Scout bemerkt, dass mein Blick seinen Gang mustert, wirft er mir einen vernichtenden Blick zu. Ich bin es gewohnt, dass er ein Arschloch ist, daher stört es mich nicht. Schließlich ist es seine eigene verdammte Schuld, dass er dieses Hinken überhaupt hat.
Leg dich mit einem Constantine an, und sie richten dich zugrunde.
Buchstäblich. Als hätte er meine Gedanken gelesen, meine Vorstellung, wie Scout sich nicht nur eine, sondern gleich zwei gebrochene Kniescheiben durch einen von Winston Constantines Männern zugezogen hat, spannt sich sein Kiefer an, und seine dunklen Augen flackern vor Wut.
„Jungs“, begrüßt Bryant uns und schenkt Sparrow und mir ein Grinsen. „Ich hoffe, wir haben euch nicht warten lassen.“
Bevor ich mich beschweren kann, dass wir tatsächlich fünfundvierzig verdammte Minuten gewartet haben, bringt mich Sparrow mit einem scharfen Blick zum Schweigen.
„Wir haben nur gequatscht“, sagt Sparrow und winkt es ab, als wäre es keine große Sache. „Was gibts? Hast du noch einen Job für uns?“
Bryant, zufrieden mit Sparrows Gefügigkeit, lacht.
„Immer so eifrig, Sohn. Wir haben noch nicht einmal unsere Höflichkeiten ausgetauscht.“
Verdammte Scheiße.
„Ich brauche noch einen Drink“, murmele ich, denn ich muss verzweifelt jeden Teil meines Körpers betäuben.
Bryant legt den Kopf schief und fixiert mich mit verengten Augen. „Ich glaube, du hattest genug.“
Ein Anflug von Gereiztheit flammt auf und schießt mir die Wirbelsäule hinauf bis in den Kopf, verbrennt meinen Nacken und meine Wangen. Von Bryant zurechtgewiesen zu werden, als wäre ich ein Kind, geht mir über alle Maßen gegen den Strich. Ich presse die Zähne zusammen und balle die Fäuste, nur zu bereit, auf ihn loszugehen, schaffe es aber stattdessen, knapp zu nicken und meine Zustimmung zu zeigen. Bryant lächelt, bevor er den Platz neben Sparrow einnimmt. Ich lasse mich in meinen Sitz fallen, begierig, das hier hinter mich zu bringen. Was auch immer für einen beschissenen Bullshit-Job Bryant für uns hat, wir werden ihn erledigen, und dann können wir wieder versuchen, eine Unze Freude aus unserem dämlichen Leben herauszupressen.
„Wie ihr Jungs sehr wohl wisst, steckt eine Menge dahinter, uns zu einem der mächtigsten Namen in der Stadt zu machen“, beginnt Bryant, sein autoritärer Ton vibriert vor Ärger. „Um eine unbewegliche Kraft zu bleiben, müssen die Geschäftsinteressen bestimmter Leute …“ Er seufzt schwer und winkt mit einer Hand in einer abwertenden Geste. „… eliminiert werden.“
Scout setzt sich auf die Armlehne des Stuhls neben mir und wirft Bryant einen fragenden Blick zu. „Die Constantines?“ Sein Kiefer zuckt, und seine Augen verdunkeln sich vor Wut. „Wenn es nach mir ginge, hätte ich diese Familie letztes Jahr zerstört. Winston kann Scheiße fressen.“
Bryant schnaubt. „Sosehr ich deinen Eifer schätze, diesen aufgeblasenen Arsch ein paar Stufen herunterzustoßen, Winston ist ein notwendiges Übel.“
Jetzt ist es an Scout, einen höhnischen Laut auszustoßen.
„Notwendig?“
„Geld regiert die Welt. Du, Scout, von allen Menschen weißt das.“ Bryant lässt seinen Blick von Scout zu mir und zu Sparrow springen, bevor er sich wieder auf Scout heftet. „Und mit der richtigen Menge kannst du sie um dich selbst drehen lassen.“
Ich hebe eine Augenbraue und wechsele einen Blick mit Sparrow. Sein Ausdruck ist weiterhin uninteressiert, aber sein Körper ist angespannt. Keiner von uns dreien kann die Constantines ausstehen. Sie ein notwendiges Übel zu nennen, ist fast beleidigend. Als würde Bryant die Rücksichtslosigkeit von Winston und seiner Familie akzeptieren, aber überhaupt nicht davon gestört sein. Die Morellis und die Constantines befinden sich seit Ewigkeiten im Krieg. Als die geheimen Bastardneffen sind wir zum Kollateralschaden geworden.
Aber andererseits wurde Bryant nicht die Kniescheibe auf eine Weise zertrümmert, die ein paar Operationen und ein Jahr Physiotherapie brauchte, um wieder irgendeinen Anschein von Normalität zu erlangen. Scout hat es schlimmer erwischt als mich und Sparrow, da er einen Schläger auf beide Knie statt nur auf eines bekommen hat. Bryant wurde auch nicht das College aus den Händen gerissen. Seine Mutter wurde nicht von dem verdammten Winston Constantine durch den Dreck gezogen, der einfach bloß beweisen wollte, dass er ganz oben an der Spitze steht.
Nein, Bryant Morelli hat nichts davon erlebt, deshalb stört es ihn nicht.
Ich weiß, dass ich für meine Brüder sprechen kann, wenn ich sage, dass es uns verdammt noch mal wirklich sehr stört.
„Ihr werdet erledigen, worum ich euch bitte“, fährt Bryant fort. „Das ist es, was Familie tut. Und ihr, Jungs, seid jetzt Familie. Ganz zu schweigen davon, dass ihr wisst, dass ich euch großzügig belohnen werde.“
Scout mahlt mit den Backenzähnen, seine Wut brodelt offensichtlich mit jeder vergehenden Sekunde höher. Gut, ich bin nicht der Einzige, der von Bryants Gleichgültigkeit zunehmend genervt ist.
„Belohnen“, murmele ich und hoffe, dass dieser alte Sack endlich zum Punkt kommt. „Was willst du, dass wir tun? Wenn es nicht um die Constantines geht …“ Warum zum Teufel interessiert es uns dann?
Bryant mustert mich für einen langen Moment, sein durchdringender Blick schneidet durch mich hindurch wie ein heißes Messer durch Butter. Mühelos. Glatt. Effektiv. Ich schlucke und versuche verdammt noch mal, unter seiner Prüfung nicht auch nur ein bisschen einzuknicken. Denn wenn er zu genau hinsieht, wird er bemerken, wie sehr ich ihn und diese Familie hasse – wie sehr ich weglaufen und nie zurückblicken will.
„Oh, es geht um die Constantines“, grollt Bryant und grinst. „Es geht immer um sie, aber ich steche lieber an Stellen zu, an denen sie es nicht erwarten. Ich will sie von innen heraus ausbluten lassen.“
Meine Muskeln entspannen sich bei diesen Worten.
„Halcyon Corporation will den Technologieriesen Croft Gaming and Entertainment kaufen, der die Technologiebranche auf absehbare Zukunft dominiert. Es ist ein riesiger Konzern mit globaler Reichweite. Gerüchten zufolge wird der CEO von Croft, Alexander Croft, nach einem Platz innerhalb der Constantine-Familie greifen.“ Bryant wirft mir einen Blick zu. „Durch Heirat.“
„Er wird die Psycho-Schlampe heiraten, die diese Familie anführt?“, fragt Scout, seine Stimme triefend vor Abscheu. „Und wenn ja, warum interessiert uns das?“
„Caroline würde nie wieder heiraten.“ Bryant schüttelt den Kopf, ein schurkisches Lächeln kräuselt seine Lippen. „Außerdem ist es nicht er. Es ist seine Tochter.“
Ich gehe in meinem Kopf schnell die infrage kommenden Junggesellen in der Constantine-Familie durch. Winston fällt weg, weil er kürzlich unsere Stiefschwester – Ex-Stiefschwester – geheiratet hat, und ich dachte, die anderen Brüder hätten Freundinnen oder so einen Scheiß. Das lässt andere, weniger wichtige Constantines übrig.
„Also soll die Tochter dieses Typen irgendeinen reichen entfernten Cousin dieser Constantine-Idioten heiraten, und uns interessiert das, weiiil …“, zieht Sparrow das Wort in die Länge. „Erklär es verständlich, Boss.“
„Es interessiert uns, weil wir einen guten Skandal lieben“, sagt Bryant grinsend. „Und mit einem guten Skandal meine ich eine Atombombe, die wir der PR der Constantines vor die Füße knallen. Etwas, das ihre Investition ruiniert und ihre Beziehung zerstört. Croft hat das Potenzial, zu einem Milliarden-Dollar-Globalimperium zu wachsen. Die Constantines wissen das und versuchen, auf diesen Zug aufzuspringen und ihn bis zur Bank zu reiten.“ Er verschränkt die Finger und legt sie in seinen Schoß. „Ich will ihn entgleisen lassen.“
„Ein Skandal“, wiederholt Scout mit einem Schnauben. „Komm schon, liebster Onkel, wir wissen, dass da mehr dahintersteckt als das. Rück schon raus damit, Mann.“
Bryant mustert ihn einen Moment, bevor er nickt. „Sagen wir einfach, Croft hat Geheimnisse, denn ehrlich gesagt, jeder Mann an der Macht hat welche. Die Art von Geheimnissen, für deren Aufdeckung Leute wie ich gutes Geld bezahlen. Ich will alles wissen, was dieser Mann verbirgt. Ich werde alles herausfinden, was dieser Mann verbirgt. Er mag erscheinen, als hätte er eine weiße Weste, aber solche Männer sind normalerweise die schmutzigsten.“
Die meisten der Jobs, auf die Bryant uns ansetzt, beinhalten gute, altmodische Arschtritte. Wir drei sind eine tödliche Kombination, wenn wir uns auf jemanden stürzen. Wir sorgen dafür, dass unsere „Jobs“ wissen, wie sehr es körperlich wehtut, den Patriarchen der Morelli-Familie zu verärgern. Zwar mag er offiziell nicht mehr das Sagen haben, aber noch immer verlangt er von allen den Respekt.
„Also werden wir spionieren?“, stellt Sparrow klar. „Informationen beschaffen?“
Seine Nasenflügel blähen sich. Ich kann erkennen, dass unser neuer Job ihn schon jetzt langweilt. Ich bin der Einzige hier, der sein Gehirn benutzt. Ich habe die besten Noten in der Schule gehabt, zwischen uns dreien die besseren Entscheidungen getroffen, und ich denke tatsächlich voraus.
Sparrow ist verdammt schlau, aber er hat gerade genug von Scouts rücksichtsloser Energie, um ein Unruhestifter zu sein. Er lebt dafür, zu sehen, womit er durchkommt. Ich glaube, deshalb zieht er gern den Anzug an und spielt die Spiele der Reichen … weil er gut darin ist.
Und Scout ist der verrückte Psycho. Er versteht keine Grenzen.
Er macht einfach, was zum Teufel er will. Was normalerweise etwas Zerstörerisches ist.
„Infiltrieren ist das bessere Wort“, antwortet Bryant mit einem dunklen Kichern. „Infiltrieren. Infizieren. Ich will, dass ihr euch in jeden Aspekt ihres Lebens einmischt.“
„Klingt … einfach“, sage ich, verwirrt darüber, warum wir überhaupt gebeten werden, das zu tun. Es ist einfach so … langweilig.
„Eiiinfach“, zieht Bryant das Wort in die Länge. „Nein, irgendeinen Arsch aufzuspüren und ihm die Scheiße aus dem Leib zu prügeln, weil er einem Morelli Geld schuldet, ist einfach. Was ich euch zu tun bitte, ist der nächste Schritt.“
„Der nächste Schritt“, wiederholt Sparrow. „Wohin?“
„Harvard.“
Mein Blut wird kalt. Es ist eine harte, grausame Erinnerung daran, was wir verloren haben.
„Das ist doch das, was ihr immer wolltet, nicht wahr?“ Bryant entblößt ein wolfsartiges Grinsen, das mir jedes Haar auf meinen Armen zu Berge stehen lässt. „Ihr habt bewiesen, dass ihr gut darin seid, Befehle zu befolgen, und ihr seid loyal gewesen. Jetzt will ich, dass ihr mehr für mich tut. Das ist eine Erweiterung meines Vertrauens in euch drei. Macht diesen Schritt, und ich bin bereit, euch zu geben, was ihr wirklich wollt. Eure Zukunft zurück.“
Unsere Zukunft?
Ich hasse es, dass mein Herz bei dieser Aussicht schneller schlägt. Dieses Leben ist beschissen. Die Chance, mehr zu tun – irgendetwas –, ist verlockend. Bryant ist kein Idiot. Er weiß, wie man die richtigen Möhren vor unsere Gesichter hält, damit wir nach seiner Pfeife tanzen.
Scout erhebt sich und geht zur Bar hinüber, sein Hinken diesmal deutlicher. Mein Blick folgt ihm, und ich frage mich, was er über dieses neue Angebot unseres Onkels denkt.
„Wenn dieser Croft-Typ Pläne hat, seine Tochter mit einem Constantine zu verheiraten, bezweifele ich ernsthaft, dass er uns erlaubt, in seine Welt hineinzuspazieren und alles durcheinanderzubringen“, presse ich hervor. „Wirkt ein bisschen abwegig.“
Bryants Schultern versteifen sich, und er wirft mir einen scharfen Blick zu. „Es ist nicht abwegig. Meine Quelle hat ihren Teil getan, sich in Croft eingearbeitet und seine nächsten Schritte aufgedeckt. Ich will bei jeder Wendung, die er zu nehmen beschließt, meine Hand im Spiel haben. Ich bin immer noch der Kapitän, der sein Schiff steuert.“
Schon wieder dieses narzisstische, metaphorische Bullshit-Gerede.
„Was ist unser Zugang?“, fragt Scout, nachdem er einen Shot heruntergekippt und das Glas auf die Bartheke geknallt hat. „Wir sind ziemlich berüchtigt als deine Neffen. Nicht gerade Undercover-Material.“
„Nicht als die Mannford-Drillinge“, stimmt Bryant zu, „oder auch nur als Bryant Morellis Drillingsneffen.“
Komm. Zum. Punkt. Alter. Mann.
„Aber“, fährt Bryant fort, ein listiges Grinsen auf seinen Lippen, „als jemand völlig Neues könnt ihr euch in ihre Welt einschleichen, die Tech-Prinzessin manipulieren und jedes verdammte Detail über Croft und seine Verbindung zu Winston herausfinden. Seine Tochter ist laut allen Berichten praktisch eine Gefangene in ihrem Zuhause. Keine Freunde. Keine Ausgänge. Sie ist behütet und naiv und reif für eure Manipulation. Ich will, dass ihr euch überall in Crofts Leben und dem seiner ältesten Tochter einnistet und in euren Bemühungen niemals nachlasst. Gemeinsam werdet ihr drei als Einheit arbeiten – als ein Mann.“
Ich verdrehe die Augen, aber innerlich bin ich vorsichtig. Das fühlt sich groß an. Und groß, wenn Bryant Morelli und meine Brüder beteiligt sind, bedeutet gefährlich. „Warum dann drei Typen schicken? Wenn du nur einen willst.“
„Weil ich will, dass ihr alle drei involviert seid. Ich will, dass ihr zusammenarbeitet, auf dem aufbaut, was der andere tut – und sogar miteinander konkurriert. Gemeinsam werdet ihr mehr erreichen, als ein einzelner Mann oder selbst drei andere Männer es je könnten.“
„Das stimmt“, sagt Sparrow, als wäre das alles völlig vernünftig. „Vor allem, wenn Harvard auf dem Spiel steht. Wenn wir zusammenarbeiten, kann uns niemand aufhalten.“
„Eine dreifache Bedrohung“, sagt Scout und kommt wieder zu uns. „Eine Klinge, aber dreimal so scharf.“
„Genau“, stimmt Bryant zu. „Jetzt schneidet diese Arschlöcher auf und lasst sie bluten.“