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Das Murphy's zu betreten, fühlt sich wie nach Hause kommen an. Seit meiner Kindheit hat sich hier nichts verändert. Die Tischdecken sind nach wie vor rot-weiß kariert. Eine beachtliche Anzahl an alkoholischen Getränken türmt sich im Regal hinter dem Tresen, der aussieht, als sei er nie erneuert worden. Ob ich meine Initialen noch finde, die ich damals in den Sommerferien aus Langeweile dort hinein geritzt habe?
Mit einem dumpfen Knall trifft meine Reisetasche auf den alten Holzboden, der vermutlich einige Geschichten erzählen könnte.
»Hi, kann ich dir helfen?« Eine junge Frau mit braunen Locken taucht vor mir auf.
»Ich will zu Ed«, erwidere ich, während ich meinen Hintern auf einen der Barhocker schwinge.
»Der ist im Getränkelager. Ich hole ihn kurz.« Nachdem sie mir noch einen neugierigen Blick zugeworfen hat, verschwindet sie im hinteren Teil des Gebäudes.
Kurz darauf kommt Grandpa Ed nach vorn. »Dakota! Ich habe dich erst morgen erwartet!« Er nimmt mich fest in die Arme.
»Ich dachte, je früher, desto besser und ich wusste, du freust dich.« Grinsend zwinkere ich ihm zu, sobald er mich losgelassen hat. Er sieht gut aus. Sein Bart ist länger als bei unserem letzten Treffen, und sein graues Haar ist unter der typischen blauen Mütze versteckt, die er trägt, seit ich denken kann.
»Und du bleibst wirklich? Das hier ist kein kurzer Ferienaufenthalt und dann verschwindest du wieder?«
»Nope. Silveroaks ist jetzt mein Zuhause.« Es auszusprechen, fühlt sich holprig an, aber daran gewöhne ich mich sicher. Früher habe ich in dieser zauberhaften Kleinstadt in Louisiana die schönsten Schulferien verbracht und plötzlich ist sie meine neue Realität. Meine Zukunft, von der ich vor zwei Wochen noch nichts wusste.
»Ich zeig dir dein Zimmer. Vielleicht fühlt es sich dann ein bisschen realer an. Hast du alles im Griff, Eliza?« Ed schaut zu der jungen Frau mit den Locken.
»Hatte ich das jemals nicht?«, fragt sie, während es in ihren dunklen Augen belustigt funkelt.
»Ja, als du Weißwein auf das Kleid einer Frau verschüttet hast«, entgegnet ein junger Mann mit grau-blauen Augen. Geschickt stellt er ein Tablett voll leerer Gläser an der Spüle ab und grinst.
»Das war beim Probearbeiten, und du warst nicht mal anwesend«, protestiert sie, was seine Belustigung nur verstärkt.
»Trotzdem ziehe ich dich gern damit auf.« Er drückt ihr einen raschen Kuss auf die Schläfe, bevor er mit dem Gläserspülen beginnt.
»Keine Zärtlichkeiten am Arbeitsplatz.« Ed klingt streng, aber ich bin mir sicher, er meint es nicht im Entferntesten so.
Beide verdrehen die Augen. »Ja, ja. Stell dir vor, ich kann meine Freundin küssen und den Laden am Laufen halten.«
Eliza verschränkt die Arme vor der Brust. »Also genau genommen bin ich diejenige, die hier den Hut aufhat.«
Ed seufzt. »Lass uns gehen. Bis die beiden sich gefangen haben, dauert es eine Weile.« Er schnappt sich meinen Koffer, während ich meine Reisetasche schultere und ihm durch eine Seitentür in das Treppenhaus folge.
»Das haben wir gehört!«, rufen sie uns hinterher, bevor die Tür ins Schloss fällt und die Geräuschkulisse des Murphy's verschluckt.
»Sind die immer so?« Ich schmunzle, als meinem Grandpa ein erneutes Seufzen entflieht.
»Wie Katz und Maus, obwohl sie sich abgöttisch lieben. Außerdem sind sie ein super Team, weshalb ich ihnen gern mehr gemeinsame Schichten zuteilen würde. Leider kommt immer bei irgendwem das Training dazwischen.«
Sofort werde ich hellhörig. »Training?«
»Ja. Connor spielt bei den Silver Foxes. Müsstet ihr euch nicht kennen?« Er wirft mir einen Blick über die Schulter zu, während er die Tür zu seinem Appartement aufschließt.
»Wieso? Weil wir beide Eishockey spielen?«, frage ich belustigt.
»Ja.« Das ist so ein typisches Großvater-Ding: Wir haben dasselbe Hobby, weshalb es für ihn logisch ist, dass wir uns kennen. Auch wenn ich bis gestern in Colorado gelebt und studiert habe.
»Nein, Pops. Wir kennen uns nicht. Männer- und Frauenligen sind getrennt. Hast du das seit unserer letzten Eishockey-Nachhilfestunde schon wieder vergessen?« Ich stoße ihn sachte mit dem Ellenbogen an. »Übrigens will ich nachher zum Campus, um mich für das Auswahltraining der neuen Frauenmannschaft anzumelden.«
Er schüttelt amüsiert den Kopf. »Noch keine halbe Stunde hier und schon wieder auf dem Sprung.« Wir durchqueren das geräumige Wohnzimmer, in dem ich früher stundenlang auf dem Fußboden saß und gemalt habe. Würde mich nicht wundern, wenn Pops alle Zeichnungen aufbewahrt hätte.
»So, hier sind wir. Erkennst du es?« Er wuchtet meinen Koffer neben den Kleiderschrank, während ich mich einmal um meine eigene Achse drehe.
»Natürlich!« Immerhin habe ich in diesem Zimmer sämtliche Schulferien verbracht. Jetzt sind die vielen Kuscheltiere verschwunden. Ebenso wie die Boyband-Poster, die ich während meiner Teenagerzeit an die Wände gepinnt hatte. So wie es aussieht, hat Grandpa auch neu gestrichen. Ein geräumigeres Bett steht unter der Schräge und selbst die Vorhänge wurden ausgewechselt. »Ich dachte, du bist allergisch gegen Veränderung.« Grinsend drehe ich mich zu Grandpa um, der sich die Mütze vom Kopf gezogen hat und sich verlegen kratzt.
»Ich wollte, dass du dich wohlfühlst. Natürlich weiß ich, dass du nicht für den Rest deiner Studienzeit bei mir wohnst, sondern irgendwann in deine eigenen vier Wände ziehst, aber … es sollte sich wie zu Hause anfühlen.« Irre ich mich, oder wird er beim Sprechen ein bisschen rot? Pops war schon immer der Sentimentalste in unserer Familie, weshalb ich gar nicht anders kann, als ihn in die Arme zu nehmen.
»Danke, Pops.«
Er drückt mich fest an sich. Plötzlich habe ich einen Kloß im Hals und blinzle gegen aufsteigende Tränen an. Es ist lächerlich, aber … ich fühle mich so willkommen wie schon lange nicht mehr, und offensichtlich reicht das aus, um mich emotional werden zu lassen.
Ich räuspere mich, sobald wir uns voneinander gelöst haben. »Also, du musst wahrscheinlich weiterarbeiten, oder?«
»Nicht zwangsläufig. Wenn du was unternehmen willst, übernehmen Eliza und Connor sicher gern, und heute Abend kommt Kristen zu ihrer Schicht.«
»Ich husche schnell zum Campus. Danach würde ich zum Essen runterkommen. Mein Körper lechzt nach einem deiner berühmten Burger und einem Milchshake.«
Ed setzt sich die Mütze wieder auf. »Dann pack erst mal in Ruhe aus, erledige deine Sachen und sag Bescheid, sobald du Hunger hast. Wir haben ja noch alle Zeit der Welt, um gemeinsame Aktivitäten zu unternehmen.« Damit lässt er mich allein und stürzt sich wieder in den gewohnt trubeligen Alltag seiner Bar. Seines Restaurants. Seines Barrestaurants. Wie auch immer.
Ich hingegen beginne, den Inhalt meines Koffers und der Tasche in den Schrank und die kleine Kommode zu räumen. Nachdem ich mich frisch gemacht und meinen Kulturbeutel im Bad abgestellt habe, suche ich den Campus der Silveroaks Park. In meinem Bauch flattert es nervös. Jetzt geht es wirklich los. Sobald ich meinen Namen auf die Liste für das neue Eishockeyteam gesetzt habe, lasse ich meine Zeit als Colorado Cheetah endgültig hinter mir.
Mit den Händen in den Taschen meiner gesteppten Jacke wandere ich den noch immer mit sattgrünen Bäumen gesäumten Weg entlang. Vorbei an Bobs skurrilem B&B und einer Bäckerei namens Polly's Pastries. Alle Leute grüßen mich höflich. Eine weitere Tatsache, die ich in Silveroaks lieb: Jeder ist freundlich zu dir. Ganz egal, ob er dich kennt oder nicht. Am College in Colorado war alles anonymer.
Je näher ich dem Campus komme, desto mehr Menschen begegnen mir. Dabei haben wir noch immer vorlesungsfreie Zeit.
Mit großen Schritten nehme ich die Treppe zum Hauptgebäude und hoffe, am Schwarzen Brett weitere Informationen über das Auswahltraining zu finden. Das zarte Flügelschlagen von vorhin ist inzwischen einem heftigen Sturm gewichen, der in meiner Bauchgegend tobt. Wieso bin ich so nervös? Es geht schließlich um Eishockey. Die Sportart, die ich seit meiner Kindheit ausübe. In Zukunft hoffentlich an einem neuen Ort.
»Wie soll ich denn hier etwas finden?«, brumme ich, während ich auf das von Zetteln übersäte Brett starre. Nach und nach scanne ich die Informationen systematisch von links nach rechts. Wie erwartet sind sämtliche WG-Gesuche bis auf den letzten Schnipsel abgegrast. Glücklicherweise habe ich ja ein Dach über dem Kopf.
Ziemlich mittig finde ich dann doch das Plakat, nach dem ich gesucht habe: Für das Auswahltraining tragen Sie sich in die dafür vorgesehene Liste in der Eishalle ein.
Vom Campus aus ist es nur ein Katzensprung. Binnen fünf Minuten bin ich da und betrete die geräumige Eingangshalle. Auch hier halte ich Ausschau nach einem Informationsbrett und werde zum Glück deutlich schneller fündig. Mit dem dort angebrachten Stift schreibe ich meinen Namen in die nächste freie Spalte und bin positiv überrascht, wie gut die Liste bereits gefüllt ist. Das könnte interessant werden.
Von Neugier getrieben schaue ich mich noch ein wenig um und stehe schließlich in den Zuschauerrängen der Eishalle. Vor mir breitet sich eine riesige Fläche aus, und es kribbelt mir in Händen und Füßen, endlich wieder in die Schlittschuhe zu schlüpfen und dort meine Runden zu drehen. Mir fehlt das kratzende Geräusch der Kufen auf der gefrorenen Oberfläche. Die kleinen Wölkchen, die ich beim Atmen immer ausstoße. Der schöne Schmerz der Muskeln nach einem ausdauernden Training. Wie kann es sein, dass sich mein letzter Moment auf dem Eis anfühlt, als hätte er in einem anderen Leben stattgefunden? Dabei ist er erst eine Woche her. Wahrscheinlich brauche ich Eishockey genauso wie ein schlagendes Herz.
»Kann ich helfen?«, brummt plötzlich eine tiefe Stimme hinter mir.
Erschrocken wirble ich herum und entdecke einen Mann in den Vierzigern. Er trägt eine Cap mit dem Universitätslogo, die so tief ins Gesicht gezogen ist, dass ich es nicht richtig erkenne. »Nein, ich habe mich nur umgesehen.«
Er grunzt. »Interessierst du dich für Eishockey?«
»Ja, Sir. Habe mich gerade für das Auswahltraining eingetragen.«
»Gut, bin gespannt, was du kannst.« Damit dreht er sich um und lässt mich wieder allein. Irritiert schaue ich ihm hinterher. Wer war das? Habe ich eben den Coach kennengelernt? Dann hätte er sich doch zu erkennen gegeben, oder? Andererseits scheint er kein Mann großer Worte zu sein.
Mein Magen knurrt, als ich das Barrestaurant meines Grandpas betrete. Keine Ahnung, wann ich die letzte vollwertige Mahlzeit hatte. Wahrscheinlich beim Frühstück. Auf dem Weg hierher habe ich mich lediglich mit Snacks über Wasser gehalten. Immerhin wusste ich, was für fantastisches Essen mich in Silveroaks erwartet.
»Ist hier noch frei?«
»Klar.« Der Typ neben mir klammert sich an seine Bierflasche, als hinge sein Leben davon ab. Er hat die breiten Schultern hochgezogen und sitzt so gebückt, dass ich Rückenschmerzen bekomme. Und ich bin deutlich kleiner als er.
»Cool, danke.« Ich schwinge mich auf den Barhocker und greife über den Tresen, um mir eine Flasche Wasser zu schnappen.
»Hier ist keine Selbstbedienung.«
Mein Blick gleitet zu dem grummeligen Typen. Er hat die Augenbrauen zusammengezogen, was seinem Gesicht einen düsteren Ausdruck verleiht, seine Attraktivität allerdings in keiner Weise mindert. »Verpetzt du mich?« Ich neige den Kopf zur Seite und zwirble eine Haarsträhne um meinen Zeigefinger.
Er schnaubt. »Ich rate dir lediglich, dich nicht erwischen zu lassen.«
»Ist das nicht das Aufregende dabei?« Halt stopp, wieso klinge ich so flirty?
Nachdenklich sieht er mich an, und ich verspüre ein Ziehen in meinem Unterbauch. »Irgendwas sagt mir, du bedeutest Ärger.«
Ich lache, wobei etwas in den Augen meines Gesprächspartners aufblitzt. Interesse? Auf jeden Fall wirkt er plötzlich viel lebendiger als zu Beginn unseres Gesprächs. »Soll ich dir was verraten?« Langsam lehne ich mich in seine Richtung.
Er spiegelt meine Bewegung und auf einmal sind wir uns so nah, dass ich die Wärme seines Körpers spüre und den Duft seines Parfums wahrnehme. Er riecht überraschend holzig mit einer leicht blumigen Note, die mich gleichermaßen verwirrt wie anzieht.
»Mein Grandpa hat mich früher immer Trouble genannt. Das sagt alles, oder?«
»Trouble.« Mein Spitzname aus der Kindheit sollte nicht dafür sorgen, dass mein Magen einen Salto schlägt. Trotzdem klingt er aus dem Mund des Fremden so sinnlich, dass ich mich unweigerlich noch ein Stück weiter nach vorn lehne. Hinein in seinen Duft und seine Wärme, die mich umfangen wie eine lang ersehnte Umarmung.
»Gefällt mir.« Zum ersten Mal seit Beginn unseres Gesprächs umspielt die Andeutung eines Lächelns seine Lippen. »Lass dich trotzdem nicht erwischen.« Zu meinem Bedauern lehnt er sich wieder zurück und trinkt einen Schluck Bier. Fasziniert beobachte ich, wie sein Adamsapfel dabei auf und ab hüpft.
»Keine Sorge, das geht schon klar«, entgegne ich und strecke ihm die Hand hin. »Ich bin Dakota Murphy.«
Er verschluckt sich an seinem Bier, hustet kurz, bevor er mich mit großen Augen anstarrt. »Murphy? Wie Ed Murphy?«
Ich beiße mir auf die Unterlippe, um ein weiteres Lachen zu unterdrücken. »Ja, ich bin seine Enkelin.«
Einen Moment schaut mein Gegenüber abschätzend auf meine noch immer in der Luft hängende Hand, bis er sie ergreift. Ein Stromschlag jagt meinen Arm hinauf. Mein Herz schlägt plötzlich schneller, und ich bin mir sicher, dieser Kerl kann durch bloße Berührungen Herzrhythmusstörungen auslösen. »Dakota ist zwar ein schöner Name, aber ich glaube, mir gefällt Trouble besser.«
»Was immer du willst.« Meine Stimme klingt verruchter als geplant. Schnell räuspere ich mich, um diese Tatsache zu überspielen. »Verrätst du mir auch deinen Namen?«
Wir schütteln noch immer unsere Hände, was normalerweise absolut unangenehm wäre, trotzdem habe ich nicht das Bedürfnis, ihn loszulassen.
»Ich bin Ethan. Ethan Wellington.«