Leseprobe Ein Mord nach Mitternacht

1

Mittwoch, 25. August – 16:30 Uhr

Arthurs Hand zitterte, als er sich die Pistole an den Kopf hielt. Er holte tief Luft, entsicherte die Waffe und kniff die Augen zusammen. Im selben Moment bereitete er sich darauf vor, den Abzug zu drücken.

Doch seine Nerven gingen mit ihm durch. Er ließ die Waffe fallen und fuhr erschrocken hoch, als sie mit einem lauten Knall auf dem Schreibtisch landete. Sein nervöser Blick ging zur Bürotür hinüber. Sie war verschlossen, genau wie die Fenster. Seine Familie würde also nicht in Verdacht geraten.

Er schüttete etwas Whiskey in ein Glas. Es war schon sein viertes, aber das spielte nun wirklich keine Rolle mehr. Jetzt ist alles egal. Er schüttete den Whiskey hinunter und spürte ein Rinnsal an seinem Kinn hinunterlaufen. Das brennend heiße Gefühl in Rachen und Nase ließ ihn losprusten. Nun ja. Es war gehupft wie gesprungen. Er stand kurz davor, in hysterisches Gelächter auszubrechen.

Vielleicht war diese Manie ja seine Reaktion auf die unfassbare Schande, die er seiner Familie bereitet hatte. Das zerstörerische Gefühl brannte wie ein Feuer in ihm. Dennoch zwang er sich, den Zeitungsartikel noch einmal zu lesen. Es gab kein Entrinnen. Seine Familie war ohne ihn besser dran – und ohne die Schwierigkeiten, in die sie nur seinetwegen geraten waren. Würden sie zu ihm stehen? Oder sich von ihm abwenden? Er konnte ihnen nicht zumuten, eine so schwierige Entscheidung zu treffen. Noch weniger konnte er es ertragen, ihre Enttäuschung mitanzusehen – oder die Tatsache, dass sie das Vertrauen in ihn verloren. Dass sie ihm den Rücken kehrten. Er hatte ihnen wirklich schon genug angetan.

Überwältigt von seinen Emotionen nahm Arthur seine Notiz und fügte ein Ich liebe euch hinzu. Ich liebe euch alle viel zu sehr. Es tut mir leid. Er legte den Brief in eine Ecke des Schreibtisches, weil er hoffte, dass ihn das Blut dort nicht erreichen würde.

Jetzt reicht es. Eine plötzliche Ruhe ergriff von ihm Besitz. Es war, als würde er sich von außen beobachten.

Als ob er ein Ritual durchführte, überprüfte er bedächtig den Sicherungshebel. Wie bei einem Salut hob er die Waffe und hielt sich den Lauf an die Schläfe. Er sog die Luft ein – seinen letzten Atemzug. Seine Lungen füllten sich, sein Herzschlag war regelmäßig, doch der Schmerz breitete sich explosionsartig in ihm aus. Arthur warf einen letzten Blick auf sein Familienfoto und drückte den Abzug.

Fünf Jahre später

Samstag 13. März – 15:00 Uhr

„Du musst dich nicht aufregen, Nell – meine Eltern schaffen es nicht. Granda ist einfach zu krank. Sie können ihn nicht allein lassen.“

„Ach, Percy.“ Nell, die gerade sechs Meter über dem Boden schwebte, lehnte sich in ihrem Klettergurt zurück und starrte ihre beste Freundin auf dem Bildschirm an. Das war kein guter Zeitpunkt für einen Anruf über FaceTime. Aber Percys Anrufe konnte sie nicht ignorieren. „Wer weiß, vielleicht ist das ja ein Zeichen, dass du die Sache mit der Hochzeit überstürzt hast? Zuerst konnte die Hochzeit nicht auf Glencoille Castle stattfinden, und jetzt können deine Eltern nicht einmal dabei sein? Das ist eine große Sache.“

Obwohl sie Percy nach Kräften unterstützen wollte, stöhnte Nell innerlich auf. Ihre Gedanken rasten. Die Hochzeit sollte in drei Stunden stattfinden. Das bedeutete, dass sie nicht nur die goldumrandeten Einladungen einsammeln mussten, die an beinahe einhundert schottische Clanmitglieder, angesehene Persönlichkeiten und politische Verbündete verschickt worden waren, um die Hochzeit von Lady Persephone MacKenzie mit Mr Hawke McAnstruther zu feiern. Sie mussten Unmengen erwartungsvoller, fein herausgeputzter Gäste unterhalten, die aus nah und fern gekommen waren, um an der Hochzeit teilzunehmen. Aber das ist bestimmt kein Problem. Wenn man krank ist, ist man eben krank. Die Leute werden das verstehen.

Nell betrachtete kurz ihr eigenes Bild in der Ecke des Bildschirms und stellte fest, dass sie gequält die Stirn runzelte. Sie bemühte sich um einen freundlicheren Gesichtsausdruck und glättete mit ihrer freien Hand das Haar ihres kastanienbraunen Pixie-Cuts, das von der Anstrengung des Kletterns abstand. Wieder runzelte sie die Stirn, doch diesmal war es wegen der Gurte, die sich in ihre Oberschenkel gruben – nicht wegen dem Chaos, das Percys Promi-Hochzeit verursachte.

Die Ironie an dem Ganzen war, dass die Hochzeit eigentlich noch gar nicht hätte stattfinden sollen. In den letzten Wochen war die Sache eskaliert. Ursprünglich hatte Percy Nell zu ihrer Verlobungsfeier nach Glencoille eingeladen. Dort sollte eine Woche voller Aktivitäten im Freien stattfinden. Aber die Nachricht, dass Hawkes Mutter Linda an einer tödlichen Krankheit litt, hatte dazu geführt, dass aus der Verlobungs- eine Hochzeitsfeier wurde. Gerade als Percy ihre Pläne finalisieren wollte, war im Dach von Glencoille Castle ein Leck aufgetreten. Eine Hochzeitsfeier, bei der die Gäste um Eimer im Ballsaal herumtanzten, war schon aus versicherungstechnischen Gründen ausgeschlossen.

Percys sommersprossiges Gesicht war voller Enttäuschung gewesen. Ihre Augen hatten jeglichen Glanz verloren, als sie Nell gestehen musste, dass sie entweder einen anderen Ort für die Hochzeit finden musste – oder die Sache abblasen. Daraufhin hatte Nell ihr angeboten, die Hochzeit auf Finchmere auszurichten. Sie hatte alle möglichen Gefallen eingefordert, um den Tag für Percy so wunderbar wie möglich zu gestalten. Aber jetzt … was sollte sie tun?

„Es ist in Ordnung, Nell. Wirklich. Du musst nur nochmal die Sitzordnung ändern.“

Das war typisch Percy. Sie konnte buchstäblich aus dem Nichts eine Katastrophe herbeireden und ein riesiges Drama veranstalten, wobei sie jeden mit sich mitriss. Echte Notfälle tat sie jedoch immer als unbedeutend ab. Nell betrachtete ihre Freundin eingehend, um herauszufinden, was sie wirklich dachte. Sie konnte jedoch nicht den kleinsten Hinweis auf Bedauern erkennen – nur stählerne Resignation. Das war typisch Percy.

„Percy, wie auch immer du dich entscheidest – für mich ist es in Ordnung. Wirklich.“ Nell verlagerte ihr Gewicht, als sie über den staubigen Lichtstrahlen schwebte, die durch einen Holzladen am Uhrturm der alten Scheune drangen. Die Aussicht erinnerte sie daran, dass sie nicht dort oben war, um etwas für ihre Gesundheit zu tun. Sie hatte eine Aufgabe zu erledigen. Aber das konnte warten. Percy brauchte etwas Zeit, um darüber nachzudenken, was sie wirklich wollte.

„Oh Gott, Nell. Das ist leicht gesagt. Aber ich weiß ja, dass du für mich einen großen Aufwand betrieben hast. Die Nutzung der Familienkapelle auf Finchmere, das Hochzeitsbankett, das Orchester, ein Drohnenfeuerwerk, ein Berg Kuchen. Obendrein hast du das ganze Anwesen mit wunderschönen Blumen dekorieren lassen, die von sechs verschiedenen Designer-Floristen stammen. Dazu kommt noch, dass für unsere Familienmitglieder und engen Freunde Zimmer im Haus vorbereitet sind und wir eine ganze Woche mit Aktivitäten geplant haben. Die anderen Gäste haben wir für die Nacht ins Finchmere Hotel eingebucht, oder in weitere handverlesene Hotels in der Gegend. Und all das in irre kurzer Zeit.“

Nell streckte ihr die Zunge heraus. „Also, du bist wirklich eine tolle Kundin. Ich dachte, das wäre dir gar nicht aufgefallen.“

Erleichtert registrierte sie, dass Percy lächelte. Dann zuckte sie mit den Schultern, was ihre feurigen Locken beben ließ. „Selbst wenn wir den Gästen noch rechtzeitig absagen können, wäre es mit Onkel Bertie schwierig. Du weißt ja … die Show muss weitergehen.“

„Ach, komm schon …“ Nell biss sich auf die Unterlippe. Sie wusste genau, dass Percy es ihr nicht abkaufen würde, wenn sie behauptete, dass die Sicherheitsvorkehrungen für Percys Paten, den Duke of Aveshire, nicht die reinste Qual waren. Und dann war da noch die Sache mit Percys Eltern, die normalerweise immer im Mittelpunkt standen. „Bist du dir ganz sicher? Sie sind bestimmt sauer, Perce.“

Nell bemerkte einen Anflug von Zweifel auf Percys Gesicht, den sie aber schnell mit dem ihr eigenen tapferen Grinsen vertrieb. Das Lächeln erreichte jedoch nicht ihre Augen. „Ich weiß. Das bin ich auch. Aber so spät können wir die Sache nicht mehr absagen. In drei Stunden werde ich vor dem Traualtar stehen, Nell!“

„Nichts ist unmöglich, Perce. Ich kümmere mich darum.“ Na ja, das war eine optimistische Einschätzung. Als ob sie daran erinnert werden sollte, wer wirklich die ganze Arbeit machte, summte Nells Telefon mehrfach. Eine Reihe von Nachrichten erschien über Percys Gesicht: Fragen vom schwer gestressten Hochzeitsplaner.

„Können wir einfach weitermachen wie geplant, Nell? Würdest du bitte die restlichen Vorbereitungen für mich treffen?“

„In Ordnung.“ Nell nickte, obwohl es sich ganz und gar nicht gut anfühlte. „Aber du musst mir noch sagen, ob Hawke sein eigenes Zimmer braucht, um sich für die Hochzeit vorzubereiten.“

„Oh, komm schon, Nell. Natürlich brauchen Hawke und ich getrennte Zimmer. Das ist viel romantischer! Außerdem füllt mein Brautkleid den ganzen Raum aus.“

Daran zweifelte Nell keine Sekunde. Selbst in so kurzer Zeit hatte Percy immer noch ein Ass im Ärmel – und es würde spektakulär sein. Die beiden Freundinnen waren jetzt in ihren Dreißigern, weshalb die letzten Jahre ein endloser Reigen von Frühlings- und Sommerhochzeiten auf riesigen Landgütern gewesen waren. Und Percy ließ sich nicht gerne übertrumpfen.

„Wenn es nicht zu viel verlangt ist … Ich laufe gerade durch die Ställe deines wunderbaren Anwesens. Kann ich dich vielleicht dazu überreden, auch einen Ausritt ins Programm aufzunehmen?“

„Schon passiert. Ich kenne dich doch. Denk daran, ich weiß genau, was dir gefällt.“

„Tut mir leid. In letzter Zeit habe ich die Angewohnheit, Hawke solche Dinge genau zu erklären.“

Nell schwieg taktvoll. „Sicher“, brachte sie schließlich heraus. „Ich freue mich darauf, ihn persönlich kennenzulernen und im Laufe der Woche mehr über ihn zu erfahren.“

Die fünftägige Feier verschaffte auch Nells Eltern eine Gelegenheit, an der Hochzeit teilzunehmen. So konnten sie rechtzeitig von einer anderen Hochzeit zurückkehren – eine ihrer Freundinnen von über sechzig Jahren heiratete am Lake Como ihren vierten Ehemann –, um wenigstens einen Teil der Feierlichkeiten mitzuerleben. Percy hatte über das Fehlen von Nells Eltern bei der kirchlichen Trauung fast noch enttäuschter gewirkt als über die Absage ihrer eigenen Eltern.

„Ich bin dagegen, das Zimmer deiner Eltern neu zu vergeben. Ich bin mir ganz sicher, dass sie Himmel und Hölle in Bewegung setzen werden, um doch noch herzukommen. Wir können aber ihre Plätze an der Hochzeitstafel anderweitig vergeben und ihnen neue zuweisen. Nur für den Fall.“

Als sie sich vorstellte, wie sie die Dinge umorganisierte, fragte Nell: „Was ist eigentlich mit Theo und Angus?“ Die beiden waren enge Freunde der Familie und nahmen immer an den Treffen und Feiern teil. Der weltgewandte Geschäftsmann Theo lebte in der Schweiz. Er kannte Percys Metter Greta noch von der Universität und kam regelmäßig zu ihren Wohltätigkeitsveranstaltungen, um sie zu unterstützen. Außerdem feierte er alle Feste mit ihr. Angus, der Sheriff von Glencoille, war wie ein Bruder für Percys Vater Douggie. Die beiden Männer waren schon ihr ganzes Leben lang die besten Freunde. Als Kinder hatten Nell und Percy die Ferien immer zusammen verbracht. Auf beiden Anwesen fanden sich häufig Besucher ein, aber dieser enge Kreis war für Percy wie eine Familie – genauso wie für Nell.

„Ich glaube nicht, dass die beiden kommen, wenn meine Eltern es nicht schaffen.“

Percy wirkte genauso enttäuscht wie Nell. Doch dann bemerkte sie, dass Rav sie betrachtete, während er mehrere Meter unter ihr im gedämpften Licht der Scheune stand. Seine Geduld erschien ihr unendlich. Immerhin war er früher hergekommen, um ihr noch vor der Hochzeit mit dieser wichtigen Aufgabe zu helfen. Und jetzt unterbrach sie ihre Arbeit, um zu plaudern. Weil er ihr gerade das Seil nachlegte, konnte er nicht genervt auf die Uhr sehen. Rav schüttelte sich seine ungebändigten dunklen Locken aus dem Gesicht. Nell war sofort klar, dass er bei diesem Anruf zur Unzeit die Augen verdrehte. Dennoch beobachtete er jede ihrer Bewegungen, um sie im Falle eines Sturzes aufzufangen.

Nach ein paar ermutigenden Worten an Percy legte Nell auf und schickte ihrem Hochzeitsplaner ein Update. Dann schob sie das Telefon in ihre Tasche zurück, während sie noch immer hoch in der Luft hing.

Die Ausrüstung schnitt in ihre Oberschenkel ein. Der Fuß, den sie beim Aufstieg stärker belastet hatte, schmerzte. Aber hier war sie – sie schwebte neben einem Nistkasten für Schleiereulen, den Rav über die Dachstreben der Scheune nach oben gezogen hatte. Die Holzkonstruktion war ungefähr so groß wie ein Backofen. Jetzt musste sie den Kasten nur noch auf die Plattform hieven, die einst den mittlerweile nicht mehr funktionsfähigen Mechanismus der Turmuhr beherbergt hatte.

Sie nahm den Holzkasten an den Ecken und schob ihn nach oben, bis die hintere Wand gegen die Plattform stieß. Mit einem tiefen Atemzug schob sie so kräftig, wie sie konnte, um den Kasten noch höher und gleich darauf auf das Brett zu schieben, bis ein Drittel davon darauf stand.

Hoch in der Luft gab es nichts, woran Nell sich festhalten konnte. Gar nichts, außer den einschneidenden Gurten. Ihren Bizeps hatte sie bislang für kräftig genug gehalten, doch jetzt hinterfragte sie diese Annahme. Der Schweiß brannte in ihren Augen, als sie den Kasten mit so viel Kraft auf die Plattform schob, wie sie aufbringen konnte. Endlich glitt er nach hinten und erreichte die richtige Position. Jetzt musste sie noch etwa einen Meter höher klettern. Sie nahm die Knoten ihres Kletterseils und schob sie nach oben. Dann setzte sie ihren rechten Fuß in die Schlinge. Sie verlagerte ihr ganzes Gewicht darauf und befand sich nun auf gleicher Höhe wie der Nistkasten.

„Wie sieht das aus?“, rief sie nach unten, während sie in den Gurten herumwirbelte. Der Eingang zum Nistkasten befand sich jetzt genau neben der Stelle, an der früher die Wetterschenkel der gegenüberliegenden Wand angebracht waren. Als sie nach draußen sah, fiel ihr Blick auf die holprige Grasfläche des Obstgartens. Heckenreihen verbanden den Garten mit dem Ackerland dahinter und boten den Eulen einen idealen Lebensraum für die Nahrungssuche.

„Super.“

Nell freute sich darüber, wieder mit Rav zusammenzuarbeiten. Sie genoss ihre unkomplizierte Kommunikation und die Intuition, was der jeweils andere tat. Das hatte ihr gefehlt.

In der Luft schaukelnd, streckte Nell den Arm aus, um nach der Plattform zu greifen. Sie zog sich näher heran. „Wenn die Eulen den Nistkasten annehmen, kann ich vom Sommerhaus aus beobachten, wie sie an- und abfliegen. Das ist wie ein luxuriöses Versteck.“

Mit ihrer anderen Hand griff sie in den Nistkasten und tastete nach den beiden Kameras, deren Bewegungsmelder bereits angeschaltet waren: Eine der Kameras war ein Infrarotgerät, das sie so eingestellt hatte, dass sie die Aktivitäten im Nistkasten beobachtete; die andere war draußen angeklemmt worden, um die Scheune zu überwachen. Außerdem würde sie die erwachsenen Tiere aufzeichnen, wenn sie hereinflogen – und vielleicht sogar kleine Eulen, die ihre ersten Flugversuche unternahmen. Nell entwirrte die Kabel der Kameras und ließ sie mehrere Meter nach unten baumeln, wo sie gegen den kräftigen Stützpfosten der Scheune stießen. Die Aufnahmegeräte hingen an den Enden der Kabel, wodurch sichergestellt war, dass Nell die SD-Karten und Batterien wechseln konnte, ohne die Vögel im Nistkasten zu stören – oder jedes Mal einen solchen Kraftakt zu unternehmen.

Sie griff in den Kasten hinein und streute eine Schicht feiner Sägespäne auf dem Boden aus. Dann nahm sie eine Rolle mit Schnur aus ihrer Oberschenkeltasche, wickelte die benötigte Länge ab und durchtrennte sie mit der Schere. Schließlich band sie den Kasten an der richtigen Position fest.

„Bist du fertig?“, rief Rav zu ihr herauf.

„Fast. Ich bin … aua!“ Sie hatte ihren Finger im Knoten eingeklemmt und massierte jetzt ihre weiße Fingerspitze, in der sich ein stechender Schmerz ausbreitete. Es war aber nicht annähernd so schlimm wie die Gurte, die ihr beinahe die Durchblutung in den Oberschenkeln abschnitten. Eilig band sie den Knoten zu und überprüfte, dass der Nistkasten gut gesichert war. „Geschafft!“

Mit einem Krampf im Bein hangelte sie sich am Seil hinunter. Als sie endlich auf dem Boden ankam, verfing ihr Fuß sich in der Schlaufe. Sie stolperte auf Rav zu.

Schnell schloss er seine muskulösen Arme um sie und stabilisierte sie sanft, aber kraftvoll. Ihre Wange streifte seine.

„Alles in Ordnung?“ Er betrachtete sie eingehend. Seine Augen waren voller Sorge.

Sie trat vorsichtig auf, während Rav sie festhielt.

„Nell? Liebling?“ James‘ Stimme, die von draußen hereindrang, ließ sie auseinanderfahren.

Als Rav Nell losließ, stolperte sie erneut. Sie verhedderte sich im Seil, das immer noch an ihr befestigt war, und nestelte an den Karabinerhaken herum, um sich aus den engen Gurten zu befreien. „Wir sind hier! Ich habe gerade den Nistkasten für die Eulen aufgehängt.“

James kam herein. Er blinzelte in das schummrige Licht. Ein breites Lächeln lag auf seinem Gesicht. „Hast du heute nicht schon genug zu tun?“ Sein Grinsen verschwand, als sein Blick auf Rav fiel. Mit seinen blauen Augen sah er sie scharfsinnig an. Während Rav sich von ihnen entfernte, um die Seile einzusammeln, streifte Nell sich die Sicherheitsausrüstung ab. Dabei vermied sie es, ihrem Freund in die Augen zu sehen. Als er sie das letzte Mal so angesehen hatte, hatte er sie wegen Mordes verhaftet. Und damals hatte sie sich nicht so schuldig gefühlt wie jetzt. Nicht dass es einen Grund dafür gäbe …

Sie blickte zu ihm auf. „Wir mussten es jetzt tun. Wenn wir den Nistkasten später aufgehängt hätten, wäre es zu spät gewesen. Dann wäre er in dieser Nistsaison garantiert nicht mehr genutzt worden.“

James sah Rav mit hochgezogenen Augenbrauen an. „Was für ein Glück, dass Sie Ihre Kletterausrüstung dabei haben. Und das bei einer Hochzeit. Ich kann mir nicht vorstellen, dass so etwas sonst noch jemandem in den Sinn käme.“ Obwohl er in jovialem Tonfall sprach und ein entwaffnendes Lächeln an den Tag legte, bemerkte Nell seinen scharfen Unterton. Sie runzelte die Stirn. Er ist doch nicht etwa eifersüchtig?

Rav war davon entweder vollkommen ungerührt, oder er hatte die implizite Unterstellung nicht bemerkt. Grinsend verstaute er die aufgerollten Seile in seinem Rucksack. „Meine Ausrüstung habe ich immer im Auto. Ich habe mich zwar auf eine glamouröse Feier und eine fürstliche Entlohnung vorbereitet, aber irgendwie läuft immer alles auf Vögel oder Fledermäuse hinaus.“

Es stimmte, dass Rav seine Ausrüstung – sowohl für das Klettern als auch für alles andere, das sie für ihre Umweltgutachten benötigten – immer in seinem Auto verwahrte. Allerdings verschwieg er, dass Nell ihn gebeten hatte, früher zu kommen, um sie zu unterstützen.

Irgendwie fühlte Nell sich dadurch nur noch schuldiger.

Samstag, 13. März – 15:00 Uhr

Hawke McAnstruther schlängelte sich durch das schäumende Wasser des Whirlpools und zog am Träger von Shannon Lanners Bikini. Sie trank ihren Champagner in kleinen Schlucken und stellte ihr Kristallglas auf die marmorne Einfassung des Finchmere Spa. Als er sie küsste, lehnte sie sich zurück. Er ließ seinen Oberschenkel zwischen ihre Beine gleiten.

Shannons olivfarbene Haut sah aus, als ob sie sich ihre Bräune auf Mustique zugelegt hatte. Es war derselbe Farbton, den man auf Superjachten erhielt und nicht im Sonnenstudio – so wie die hochnäsigen Mädchen auf seiner Schule. Einst waren sie unberührbar und unerreichbar für ihn gewesen. Bis jetzt. Mit fünfunddreißig konnte er den Frauen, die ihn früher abgewiesen hatten, finanziell locker das Wasser reichen, auch dank der breiten Streuung seines Portfolios. Zahlen waren für ihn wie ein Vorspiel. Man musste sich nur Shannon ansehen: Sie besaß zwar einen geschützten Treuhandfonds, aber ihr Familienunternehmen – eine Restaurantkette, von denen eines sogar einen Michelin-Stern hatte – wurde von ihrer Mutter geleitet, seitdem ihr Vater verstorben war. Doch jetzt stand das Unternehmen unter Druck und war somit leichte Beute für eine Heuschrecke wie ihn. Percy und ihre Familie hingegen spielten in einer ganz anderen Liga. Sie war sein Royal Flush – wenn er seine Karten richtig ausspielte.

Er zog Shannon das knappe Bikinioberteil aus und warf es durch das Spa. Wie ein Spinnennetz fiel es über die Granitfelsen, genau an der Stelle, wo der Wasserfall in den Infinity Pool rauschte. Normalerweise hätte er seinen Blick über das fließende Wasser hinweg durch das große Atriumfenster schweifen lassen und die epische Aussicht über das Hügelland genossen – wenn die Aussicht im Pool nicht besser gewesen wäre.

Shannon entzog sich ihm nicht. Sie hatte auch keine Angst, dass man sie zusammen erwischte. Dabei wimmelte es im Herrenhaus von Finchmere nur so vor Personal. Und Percy – Hawkes Verlobte und Shannons Cousine – war mit Sicherheit schon auf den Barrikaden. Ein teuflisches Grinsen erschien auf Shannons Gesicht. Er leckte mit der Zunge über ihren Mund. Hinter ihnen durchschnitt das Summen seines Telefons das Blubbern des Wassers und die leise klassische Musik, die im Spa lief – zum vierten Mal.

Shannon entzog sich seinem Kuss. „Will Percy etwa wissen, wo du bist?“, neckte sie ihn.

„Wahrscheinlich schon.“ Er küsste sie leidenschaftlich. „Aber gerade bin ich anderweitig beschäftigt.“

Sie ließ ihre Hand in seine Badehose gleiten und strich sanft über seine Pobacke. „Da hast du recht“, flüsterte sie. Ihr besitzergreifender Griff ließ die Hitze in ihm aufsteigen. Er zog sie an sich und knabberte an ihrer Unterlippe.

Zwölf Minuten später hatte keiner von ihnen es eilig, seine Badekleidung wieder anzuziehen. Sicher verbrachte Shannon genauso viel Zeit im Fitnessstudio wie er. Und aller Wahrscheinlichkeit nach gab sie genauso viel Geld für Hautpflege und Waxing aus. Er streckte sich und nahm sein Telefon. „Aha. Percy wollte nur sichergehen, dass ich Douggies Nachrichten ignoriere.“

Percys Vater hatte eine Ausrede nach der anderen herangezogen, um zuerst die Bekanntgabe der Verlobung und dann die Hochzeit zu verzögern. Sein Widerstand gegen Hawke und seine Beziehung zu Percy hatten sich direkt proportional zu Percys Entschlossenheit entwickelt, gegen ihre Eltern zu rebellieren. Für Hawke war es sehr amüsant gewesen, von außen zuzusehen, wie dieser Konflikt sich entwickelte. Vor allem, seitdem er dahintergekommen war, dass Douggies Wutgeheul nur Show war. Zuerst hatte er sich von seinem schockierend guten Pokerface täuschen lassen, doch jetzt wusste er, dass das nur Fassade war: zitternde Wangen, nervöses Schlucken, rote Flecken am Hals. Mit seiner Verzweiflung waren auch Douggies Drohungen expliziter geworden. Jetzt hatte er endlich die Karten auf den Tisch gelegt, aber für Hawke machte das keinen Unterschied. Wir wissen doch beide, dass ich derjenige mit dem Ass im Ärmel bin.

Hawke war sich darüber im Klaren, dass Percys Familie Druck auf sie ausübte, damit sie die Hochzeit absagte. Doch je stärker ihre Familie sie bearbeitete, umso hartnäckiger verfolgte sie ihre Absicht, Hawke zu heiraten. Shannons risikofreudige, unberechenbare Vorliebe für Spielchen ließ zwar die Hitze in ihm aufsteigen. Percy war für ihn jedoch der Hauptgewinn. Die Tatsache, dass sie ein wahrlich guter Fang war und nur allzu leicht zu Missetaten verlockt werden konnte, war einfach unwiderstehlich. Hawke seufzte wohlig, während er sich den Rücken von dem Wasser massieren ließ, das aus den Düsen kam. „In ein paar Stunden bin ich der Erbe von Glencoille Castle und den tausenden Hektar, die dazugehören.“ Er strich Shannons pechschwarzes Haar über ihre Schulter, was den Ausblick verbesserte. „Dann musst du mich Lord nennen.“

„Noch nicht.“ Shannon zog eine Augenbraue hoch. „Granda Cameron ist noch am Leben. Danach sind Douggie und Greta an der Reihe, die das Anwesen schon treuhänderisch verwalten. Nach ihnen kommt Percy. Unter gewöhnlichen Umständen hätte mir auch ein Teil des Anwesens gehört. Dann müsstest du mich Lady nennen.“

Sie kräuselte die Lippen, was Hawke ein Glucksen entlockte. „Du bist wirklich eine eifersüchtige kleine Schlange, nicht wahr? Es geht doch nichts über die Enterbten, die die Erbfolge in- und auswendig kennen.“

„Glencoille ist an Percy verschwendet. Aber sie wird dennoch alles bekommen. Und das nur, weil meine dämliche Mutter auf ihre Hälfte des Anwesens verzichtet hat – aus Liebe. Meine Güte.“

Er legte seine Hand auf ihre Brust. „Wie geht es dir denn damit, dass du nur ein Penthouse mit Blick auf die Themse hast?“

Sie drehte sich im Wasser herum, ließ ihr langes Bein mit einer geschmeidigen Bewegung über seinen Schoß gleiten und setzte sich rittlings auf ihn. „Ich nehme mir, was ich kriegen kann. Und wenn ich Percy – oder Nell, was das betrifft – etwas wegnehmen kann, umso besser.“

2

Samstag, 13. März – 15:30 Uhr

„Na dann.“ James gestikulierte in Richtung des Eulen-Nistkastens. Mit seinen blauen Augen fixierte er Nell. „Erzähl mal, worauf ich achten muss.“ Der Anflug eines Lächelns ließ seine Augen funkeln.

Nell erwiderte sein Lächeln. Habe ich mir seine Eifersucht vielleicht nur eingebildet? Obwohl sie noch nicht lange zusammen waren, hatte James ihr bereits gestanden, dass er von seiner früheren Partnerin betrogen worden war. Nell sorgte sich, dass ihr enges Verhältnis zu Rav, der ihr Kollege und Freund war, bei James alte Wunden wieder aufreißen könnte.

Aber James hatte keinen Grund zur Sorge, denn sie und Rav standen sich nicht mehr so nah wie früher. Damals hatte Nell geglaubt, dass sie mehr als Freunde sein könnten. Doch dann hatte Rav ihre Abstammung herausgefunden, noch bevor sie den Mut aufbringen konnte, ihm davon zu erzählen. Diesen Mangel an Offenheit hatte er als fehlendes Vertrauen interpretiert. Sie hatten sich kaum gesehen, seit Nell mit James zusammengekommen war – nicht einmal bei der Arbeit. Trotz ihrer Beziehung zu James fragte Nell sich manchmal, was Rav ihr auf dem Ball, der vor zwei Monaten auf Finchmere stattgefunden hatte, sagen wollte. Dort war er von James unterbrochen worden, der ihr endlich seine Gefühle gestanden hatte.

Nell fühlte sich geschmeichelt von James‘ Begeisterung. Sie waren sich nähergekommen, als sie sich auf einen Mordprozess vorbereiteten. Ihren Familienhintergrund hatte er nie infrage gestellt, obwohl er überrascht war, als er während seiner Ermittlungen zufällig davon erfahren hatte. Sie liebte seinen Ehrgeiz und die Tatsache, dass er einen so anspruchsvollen Beruf ergriffen hatte. Seine Charakterstärke. Und seine schönen, strahlend blauen Augen.

Sie nahm James‘ Hand, erfreut darüber, dass er mehr über ihr neuestes Projekt wissen wollte. „Wir wissen, dass sich hier Schleiereulen aufhalten. Siehst du das?“ Mit einer Handbewegung schloss sie den Innenraum der Scheune ein. Staubpartikel tanzten in dem schummrigen Licht, das durch die Lamellen des Fensterladens fiel.

Rav blieb auf Abstand. Er befestigte gerade die Kabel der Kamera am Pfosten auf der gegenüberliegenden Seite der breiten Scheune.

James blinzelte. „Na schön, was habe ich übersehen?“

„Siehst du diese weißen Spritzer über dem Dachbalken?“

„Das ist Farbe, oder?“

„Es sieht vielleicht so aus, aber das ist es nicht. Das ist Eulenkot. Dann wären da noch die braunen und cremefarbigen Federn über dem Türsturz … Und das hier.“ Nell machte eine Handbewegung zu einer ganzen Reihe brauner Streifen, die unter dem Querträger lagen. „Das zeigt uns, dass die Eulen hierherkommen, um das Fell und die Knochen ihrer Beutetiere wieder herauf zu würgen. Je dunkler die Linien sind, desto frischer sind sie. Dementsprechend kann ich sagen, dass diese Scheune bei den Eulen gerade hoch im Kurs steht.“

Nell spürte, wie ihr innerer Nerd die Oberhand gewann. Kein normaler Mensch konnte eine solche Begeisterung über das Erbrochene von Eulen an den Tag legen. James nahm ihre Hand. „Glaubst du, dass sie hier nisten werden?“

„Ich hoffe es.“ Sie legte die Rolle mit der Schnur auf das Regal neben die Wäscheklammern. Als sie nach draußen gingen, hängte sie die Kette über den Eingang. Daran war ein Schild mit der Aufschrift KEIN ZUTRITT befestigt.

In der modrigen Scheune war es so kühl gewesen, dass Nell fröstelte, doch jetzt blinzelte sie in die strahlend helle Nachmittagssonne. Ein Gefühl von Frische und Vorfreude auf den Frühling lag in der Luft. Die Knospen standen kurz davor, aufzuspringen, die Bäume zeigten bereits die ersten grünen Blätter und die leuchtend grünen Rasenflächen um das Herrenhaus verströmten einen süßen Duft nach frisch gemähtem Gras. Osterglocken zierten die Beete und bildeten einen markanten Kontrast zu den Stämmen der Rotbuchen, die die Einfahrt zum Anwesen säumten. Vögel huschten zwischen den Bäumen hin und her oder versteckten sich zwischen den üppigen Magnolienblüten neben dem Haus. Manche suchten im dichten Blauregen Zuflucht, der an der Fassade des Herrenhauses hochkletterte und noch nicht in voller Blüte stand. Überall trillerten und zwitscherten die Vögel in den Bäumen.

„Percy hat sich wirklich einen schönen Tag für ihre Hochzeit ausgesucht“, sagte James. „Dieser Ort ist einfach wunderbar.“

Doch so fröhlich die Melodien auch klangen, wurde die Idylle vom Trällern der Vögel gestört, die ihr Revier verteidigten oder ihre Konkurrenten herausforderten. Sowohl Nell als auch Rav fuhren herum, als das Zwitschern eines Zaunkönigs in ein wütendes Stakkato überging.

„Ah, er ärgert sich über diese Elster“, sagte Rav, als der schwarz-weiße Vogel ungewöhnlich nah an das Nest des Zaunkönigs heranflog. Der winzige Vogel hüpfte entrüstet über die Äste der Magnolie und stieß noch mehr indignierte Warnrufe hervor, bis die Elster sich davonmachte.

Nell ging auf, dass James gar nicht bemerkt hatte, was vor sich ging. Das ganze tierische Drama war an ihm vorübergegangen. Besorgt, dass er sich ausgeschlossen fühlen könnte, nahm sie seine Hand. „Trinken wir etwas. Wie war dein Tag?“

Dann hielt sie inne. Sie zögerte und drehte sich zu Rav um. „Danke für deine Hilfe … Könntest du …“

Glücklicherweise schien Rav den Grund ihrer Unentschlossenheit zu verstehen. Er blickte von James zu Nell und warf ihr ein freundliches Lächeln zu. „Ich sollte lieber duschen gehen und mich umziehen. Sonst komme ich noch zu spät zu dem großen Ereignis.“

James nickte, drehte sich um und ging los. Nell lächelte Rav dankbar an, der daraufhin ein kleines, flaches Päckchen aus seinem Rucksack holte. Zwinkernd steckte er es in Nells Rucksack, den sie über ihren Arm gehängt hatte. Verschwörerisch beugte er sich zu ihr hinüber. „Das ist ein kleines Geschenk für die Gastgeberin.“

Noch bevor Nell sich bei ihm bedanken konnte, lief er zu seinem Auto, das hinter den Stallungen geparkt war. Dabei passierte er die weiß gestrichenen Garagen, die die Oldtimer-Sammlung von Nells Vater beherbergten.

Als sie James nacheilte, bemerkte Nell, dass Ravs Blick über den Obstgarten ging. Der Garten stand in voller Blüte. Er betrachtete das Sommerhaus, das neben der Terrasse stand. Rav warf einen Blick über die Schulter, wie um zu überprüfen, ob der Nistkasten noch an Ort und Stelle war. Er fing Nells Blick auf, zeigte ihr mit beiden Händen den Daumen nach oben und drehte sich um.

James ging hinten um das Haus herum zur Terrasse, anstatt die Abkürzung über den Hof und durch den Lagerraum zu nutzen. Nell hatte ihn über das Anwesen geführt. Dabei hatte sie ihm jeden Winkel von Finchmere gezeigt, weshalb er sämtliche Schleichwege kannte. Der Eingang über die Terrasse war jedoch erst vor Kurzem eigens für die Ankunft von Hawkes Mutter, deren Lebensgefährtin und des Trauzeugen verschönert worden, obwohl Nell Hawke noch nicht persönlich kennengelernt hatte. Aber vielleicht fühlte James sich wohler, wenn er den offiziellen Weg ins Haus nahm. Nell holte ihn auf der Treppe ein, die vom Rosengarten zum Ballsaal führte. Sie warf einen prüfenden Blick über die Schulter. Der Rosengarten war von formvollendet zurechtgeschnittenen Pflanzen eingerahmt, sorgfältig gepflegt und stand kurz vor der Blüte.

Sie nahm seine Hand, als sie dem hektisch hin- und herlaufenden Personal auswichen. Ganze Netze mit Lichtern wurden an den Spalier-Apfelbäumen befestigt. In der Dunkelheit würde sie Bilder leuchtender Blüten an die Wand werfen. Das Netz reichte bis zum Blauregen, der die Hauswand einhüllte. Als sie an der Tür zum Ballsaal ankamen, stießen sie beinahe mit Percy zusammen.

„Nell! Oh! Und James! Habt ihr Hawke gesehen?“ Percys ungebändigte rote Mähne war aus ihrem Haarband entkommen. Fasziniert betrachtete sie den Rosengarten, der sich bis zum Fluss erstreckte. Der Fluss schlängelte sich südwärts, wo lautstark quakende Enten ihre Nester im Schilf bewachten und um die Teichrosen herumpaddelten. „Er hat seine Sachen ausgepackt und wollte sich ein wenig auf dem Anwesen umsehen. Seitdem habe ich ihn nicht mehr gesehen. Ich muss etwas mit ihm abklären.“

Nell schüttelte den Kopf. „Ich wusste gar nicht, dass er hier ist. Vielleicht ist er ja im Wald spazieren gegangen?“ Sie spähte in nördlicher Richtung durch den Garten, vorbei an dem leuchtend gelben Eisenhut unter üppigen rosafarbenen Kamelien bis zum smaragdgrünen, moosigen Waldgebiet, das voller sattgrüner Knospen war. Schlüsselblumen, Krokusse und Natternköpfe bedeckten das Hügelland, das sich bis zur weißen Steinloggia erstreckte.

„Könnte sein. Shannon ist gleich nach uns angekommen und hat angeboten, ihm das Anwesen zu zeigen.“ Percy verdrehte theatralisch die Augen. „Ich hätte sie nicht einladen sollen. Da hatte ich einen schwachen Moment.“

„Sie gehört zu deiner Familie, Percy.“

„Erinnere mich bloß nicht daran.“ Sie rümpfte die Nase und sah sich um. „Ich dachte, ich sehe mal im Garten nach, und dann vielleicht im Spa?“ Entschlossen schritt sie auf die Terrassenstufen zu, doch ein dröhnendes Hintergrundgeräusch, das schnell in ein lautes Schlagen überging, ließ sie innehalten. Schließlich ertönte das schrille Heulen eines landenden Hubschraubers.

Nell überprüfte die Uhrzeit auf ihrem Telefon und runzelte die Stirn. Der Duke landete über eine Stunde zu früh. Aus allen Teilen des Hauses kam das Sicherheitspersonal angerannt. Nell lief mit ihnen zur Vorderseite des Hauses. Sie konnte sich gut vorstellen, dass das Sicherheitsteam über diese kurzfristige Planänderung verwundert war.

Nur mit Mühe schafften James und Percy es, mit Nell Schritt zu halten. Beim Anblick des Hubschraubers, der über der ausgedehnten Rasenfläche schwebte und das Gras wie ein grünes Meer leuchten ließ, blieben sie stehen. Percys kupferrote Locken wirbelten um ihr Gesicht. Dann kam der Rotor zum Stillstand. Nell kam näher. Ihre Gedanken rasten. Wie sollten sie dafür sorgen, dass ein so anspruchsvoller älterer Gast sich wie zu Hause fühlte? Na großartig. Ich muss mich noch umziehen, nachsehen, ob die Tische gedeckt sind, und ein paar Gäste sind noch nicht einmal hier …

Doch dann sprang ein bäriger Mann mit flammend rotem Haar – Douggie – aus dem Hubschrauber und schritt auf sie zu.

Nells Herz hüpfte vor Freude. Percys Eltern haben es doch noch geschafft! Mit wachsender Beunruhigung registrierte sie, dass Douggies Haltung nicht der eines Mannes entsprach, der entschlossen war, der Hochzeit seiner Tochter beizuwohnen und deshalb seine Termine verschoben hatte. Er machte ein so grimmiges Gesicht, als ob er in eine Schlacht zöge. Hinter ihm ging Greta, gertenschlank und mit kastanienbraunem Haar. Sie schwankte und schien etwas unsicher auf den Beinen zu sein. Ein unbehagliches Gefühl machte sich in Nells Innerem breit. Ist Greta etwa … betrunken? Ein schlanker Mann, mit gebräunter Haut und scheinbar alterslos, obwohl er bereits in seinen Fünfzigern war – Theo –, eilte an Gretas Seite und nahm sie am Arm. Was zum …?

„Oh … Mist.“ Percys gute Laune wich einem ungläubigen Stirnrunzeln.

Nell warf ihr einen verwunderten Blick zu, als Percy sich umdrehte und zum Haus zurückging, während sie leise in sich hineinfluchte.

Aber Douggie hatte sie schon gesehen. „Percy! Hey! Was zum Teufel treibst du da?“

Die ganze Familie stürmte nach drinnen, wobei Nell Mühe hatte, mit ihrer Freundin Schritt zu halten. „Dein Vater hat eine interessante Frage gestellt, Percy“, zischte sie. „Was ist los?“ Sie durchquerten die Eingangshalle mit dem Holzparkett und gingen in Richtung des Zimmers, von dem Percy behauptet hatte, dass ihre Eltern es nicht benötigen würden. „Ich dachte, sie wären verhindert.“

Die Familienmitglieder waren zahlreich erschienen. Nell warf einen Seitenblick auf Granda Cameron, der ausgesprochen rüstig und munter wirkte. Er lag nicht etwa auf dem Sterbebett, wie Percy angedeutet hatte, sondern wurde gerade von Angus in einem Rollstuhl zum Dienstbotenaufzug geschoben. Verdammt. Wenn Angus und Theo in solcher Stimmung auftauchten, was hatten sie dann vor? Eine … Konfrontation? Was immer hier los war – es war eine ernste Sache.

Percys Schweigen hatte nichts mit innerer Ruhe oder Nachdenklichkeit zu tun. Es war wie ein anschwellender Fluss, der gegen einen Damm brandete, der kurz davor stand, zu brechen. Nell ahnte, dass die Auseinandersetzung zwischen Douggie und Percy, die selbstverständlich hinter verschlossenen Türen stattfinden würde, episch war.

James hatte die Reaktionen der Familienmitglieder genau beobachtet. Er nahm Nells Hand und drückte sie. Auf seine stille Frage hin warf sie ihm einen finsteren Blick zu. Nein, es ist nicht in Ordnung. Wie könnte es ihr gutgehen, wenn ihre beste Freundin litt? Auf der Galerie im ersten Stock machte sie eine Kopfbewegung zum Gang. James nickte, ließ ihre Hand los und ging taktvoll in das Zimmer, das er sich mit Nell teilte, während Nell Percy nach oben begleitete.

Als sie im zweiten Stock angekommen waren, gingen die Aufzugtüren auf. Angus fuhr den jammernden Cameron über den Treppenabsatz in den Gang zum Zimmer von Douggie und Greta. Nell war sich unsicher, ob Angus‘ Anwesenheit ein gutes Zeichen war. Falls jemand Douggie beruhigen konnte, dann war das Angus. Er würde seine Fähigkeiten in Bezug auf Mediation, die er sich als Sheriff angeeignet hatte, zielgerichtet einsetzen. Aber er war bestimmt nicht wegen einer Kleinigkeit hergekommen und schien nicht in versöhnlicher Stimmung zu sein. Mit seinem dunklen Bart, dem kurz geschorenen Haar, dem bohrenden Blick und seinem stoischen Gesichtsausdruck bot er einen furchteinflößenden Anblick.

Als sie gemeinsam in seinem Zimmer angekommen waren, wirbelte Douggie herum. Sein Gesicht war knallrot angelaufen. Er konnte sich nicht länger zurückhalten. „Du weißt sehr wohl, dass wir uns niemals ohne guten Grund in deine Angelegenheiten einmischen würden. Aber dieser … dieser Kerl“, Douggie spie das Wort geradezu aus, wie eine Kobra ihr Gift. „Er taugt nichts. Du kannst ihn nicht heiraten, Percy.“ Er machte eine Handbewegung zu Greta, die mit blassem Gesicht an der Wand lehnte. „Wir werden das nicht zulassen.“

Nell klappte der Unterkiefer herunter. Seit sie und Percy klein waren, hatten Douggie und Greta ihnen immer offen erzählt, wie glücklich sie miteinander waren, obwohl ihre Ehe von ihren berechnenden, stets auf ihren Vorteil bedachten Eltern arrangiert worden war. Letztlich hatten sie gut zueinander gepasst. Allerdings hatten sie Percy in dem Geiste erzogen, dass sie ihre eigenen Entscheidungen treffen sollte. Die beiden hatten Wort gehalten – Percys Ex-Freund Hamish, einen Doktoranden, der mit den hohen Studiengebühren zu kämpfen hatte, hatten sie geradezu geliebt. Dennoch hat er ihr nie einen Antrag gemacht. Würden sie genauso reagieren, wenn Hamish der Bräutigam wäre? In Anbetracht ihrer abrupten Trennung, die erst vor kurzer Zeit erfolgt war – und über die die sonst so gesprächige Percy kaum etwas verlauten lassen hat – denken Douggie und Greta vielleicht, dass Hawke ein Heiratsschwindler ist.

Douggie rieb sich über seinen Bart, der so dicht und so feuerrot war wie eine Hecke im Herbst, und sah Greta an. Sie ließ sich auf das Schlafsofa, das noch aus der Zeit Louis XIV stammte, sinken. Er schritt zu seiner Frau hinüber, nahm ihre zitternden Hände in seine riesigen Pranken und nickte ihr zu. Dann drehte er sich um. „Wir meinen es ernst, Percy. Wenn du diesen Mann heiratest, enterben wir dich.“

3

Samstag, 13. März – 16:00 Uhr

Nell taumelte. Was zum Teufel war hier los? Genau wie sie war Percy von Kindesbeinen an darauf vorbereitet worden, das Familienanwesen zu übernehmen. Sowohl Nell als auch Percy hatten neue Geschäftsideen verwirklicht und damit Wege gefunden, ihren Besitz zu vergrößern und dafür zu sorgen, dass die Anwesen sich selbst trugen. In den letzten Jahren hatte Percy Glencoille zu einem begehrten Ziel für Abenteuertouristen gemacht. Inzwischen genoss das Anwesen einen erstklassigen Ruf und erwirtschaftete satte Gewinne. Percy war sich ihrer Verantwortung bewusst. Sie gestattete es nicht einmal, dass jemand anderes ihr Wild erlegte, nur für den Fall, dass diese Person ein schlechter Schütze war. Percy war Glencoille.

Percys ohnehin blasses Gesicht wurde noch weißer. Dann spannte sie den Kiefer an. „Ich kann nicht glauben, dass du so etwas sagst, nach allem …“

„Wir sagen es nicht nur.“ Douggie straffte seine kräftigen breiten Schultern. „Wir tun es auch. Morgen Nachmittag treffen wir uns hier mit unseren Anwälten. Es ist deine Entscheidung.“ Er schluckte schwer und zupfte am Kragen seines Hemdes herum.

„Meine Entscheidung?“ Mit ihrem vorgestreckten Kinn wirkte sie wie das Ebenbild ihres Vaters. „Das ist ein Ultimatum!“

Ihre Eltern, Granda Cameron, Angus und sogar Theo standen wie eine Wand vor ihr. Sie strahlten eisige Ablehnung aus. Nell griff nach Percys Hand und drückte sie. Aber Percy entzog sie ihr. Für den Bruchteil einer Sekunde blickte Nell von einer Seite zur anderen. Es war wohl besser, wenn sie jetzt ging.

Sie nickte und verließ den Raum. Als sie die Tür hinter sich schloss, lehnte sie sich dagegen. Was zum Teufel hat Percy getan? Und was soll ich jetzt tun? Sie hörte, wie das Orchester sich aufwärmte und Schritte über das polierte Parkett eilten. Die letzten Vorbereitungen wurden getroffen, während sich das Haus mit Gästen füllte, die eine feierliche Zeremonie, ein Bankett und Unterhaltung erwarteten. Mein Gott, muss ich jetzt etwa doch eine Ausrede finden, um alles abzublasen? Oder sollte ich versuchen, die Wogen zu glätten, und weitermachen wie geplant? Was würde Percy wollen? Und wie kann sie ihren Eltern eine solche Drohung jemals verzeihen?

Ihre Füße waren schwer wie Blei, als Nell den Weg zur Galerie einschlug. Sie ging ein Stockwerk nach unten und machte sich auf den Weg in ihr Zimmer. Erst jetzt fiel ihr auf, dass sie immer noch ihren Rucksack umklammerte.

Als sie in ihrem Zimmer angelangt war, vernahm sie Geräusche aus dem Bad. Die Dusche wurde abgestellt, und James rief heraus. „Was ist denn los?“

„Ganz ehrlich? Ich habe keine Ahnung.“ Nell holte das Geschenk von Rav hervor und wickelte es aus. Es war ein T-Shirt. Unter der Zeile Cookingdeans meistgesuchte Verbrecherin war ein westernmäßig anmutendes, mit Einschusslöchern übersätes Schwarzweißfoto von ihr zu sehen. Es erinnerte sie daran, dass Rav sich zu ihrem Komplizen erklärt hatte, als sie des Mordes verdächtigt wurde – bevor die Dinge zwischen ihnen komisch geworden waren. Dennoch hatte er ihr in der Scheune geholfen, als sie ihn darum bat. Sie arbeiteten so reibungslos zusammen wie immer. Vielleicht wollte Rav ihr damit zeigen, dass sie wieder gute Freunde sein konnten.

Doch als James aus dem Bad kam, schob sie das T‑Shirt unter ihr Kissen und drehte sich atemlos zu ihm um. Er trocknete sein nasses Haar mit einem Handtuch. Um seine definierten Bauchmuskeln hatte er ein Badetuch geschlungen. Trotz der Sorgen, die in ihrem Kopf herumwirbelten, war Nell kurz abgelenkt.

Als sie näherkam, erschien ein wissendes Lächeln auf James‘ Gesicht. Er zog sie an sich und küsste sie, seine nasse Brust an sie gepresst. Dann löste er sich von ihr und strich ihr über die Wange. „Du wirkst immer noch besorgt.“

Sie kaute auf ihrer Unterlippe herum. „Das bin ich auch. Percys Familie hat ihr gedroht, sie zu enterben, falls sie Hawke heiratet. Weiß Gott warum. Und weiß Gott, was ich jetzt tun soll.“ Sie zuckte niedergeschlagen mit den Schultern.

„Meine Güte.“ James starrte sie an. „Enterben? Ist das, du weißt schon, eine gewöhnliche Drohung, wenn man ein Anwesen besitzt? Oder …“

„Nein, James. Das ist so ziemlich das Schlimmste, was man von den eigenen Eltern hören kann. Und dabei geht es nicht ums Geld. Es geht darum, dass Percy schon von klein auf alles über ihr Zuhause und die Verantwortung, die damit einhergeht, gelernt hat, damit sie es eines Tages übernehmen und erfolgreich leiten kann. Ich weiß ja, dass sie gerne feiert, aber sie repariert genauso gerne Zäune oder kriecht mit ihrem Jagdaufseher durch den Matsch, um Wildtiere zu beobachten.“

„Dann muss sie die Hochzeit absagen“, sagte James. „Wenn das stimmt, wird sie das Risko nicht eingehen, oder? Sie kann die Feier verschieben und versuchen, ihre Eltern zu überzeugen. Das wäre die sicherste Option.“

„Deshalb ist das mit fast hundertprozentiger Sicherheit genau der Weg, den Percy nicht einschlagen wird.“

„Das ist völlig unvernünftig. Und dumm.“

„Na ja, Percy kann selbst zu ihren besten Zeiten halsstarrig sein. Aber gerade ist sie besonders stur.“ Nell zog sich aus. „Und ich bin die Gastgeberin. Da sollte ich auf alle Eventualitäten vorbereitet sein.“ Sie eilte ins Badezimmer. „Ich beeile mich.“

Zehn Minuten später kam Nell wieder heraus. Sie war dankbar für ihren schnell trocknenden Pixie-Cut. Der leicht verwischte Eyeliner passte besser zu ihrem Gesicht als klare Linien. Nell zog die Korsage ihres Kleides hoch und bat James, ihr mit dem Reißverschluss zu helfen.

„Meine Güte, du siehst umwerfend aus.“ Er strich sanft über ihren nackten Rücken, machte den Reißverschluss zu und nahm sie in die Arme. „Ich habe wirklich Glück.“ Zuerst dachte sie, dass er sie küssen würde, doch er warf ihr nur einen bedauernden Blick zu. „Du musst wahrscheinlich los …“ Als er innehielt, hörten sie das unverwechselbare Geräusch eines weiteren Hubschraubers.

„Oh Gott. Das muss Onkel Bertie sein. Wir sollten uns beeilen. Ich muss ihn begrüßen, aber zuerst möchte ich nach Percy sehen.“ Nell flitzte über den Treppenabsatz, der die Eingangshalle überragte, zu Percys Zimmer und klopfte an die Tür.

„Ich habe nichts mehr zu sagen!“, ertönte es von drinnen.

„Zu mir?“, fragte Nell.

Nach wenigen Sekunden ging die Tür auf. Percys Kopf erschien im Türspalt. „Du musst dich noch gedulden. Ich mache mich hier drin gerade fertig.“

„Für die Hochzeit?“, fragte Nell. Plötzlich fiel ihr auf, wie einsam Percy heute war. Percy war immer unbeschreiblich beliebt gewesen. Dennoch waren keine ihrer Freunde von der Schule oder Universität hier, um diesen besonderen Tag mit ihr zu feiern. Niemand half ihr bei den Vorbereitungen oder verbrachte den Tag mir ihr, kichernd und benebelt vom Champagner auf nüchternen Magen. Percy war so entschlossen, diese Sache durchzuziehen, dass sie entweder völlig hingerissen von Hawke sein musste oder verzweifelt über Hamish hinwegkommen wollte – ein für alle Mal.

Als Percy nickte, musste Nell sich vergewissern. „Dann findet die Hochzeit statt?“

„Natürlich. Und du solltest dich besser in Bewegung setzen, weil wir sonst beide zu spät kommen.“

Auf dem Treppenabsatz traf Nell auf James. „Wir ziehen es durch.“

Als sie zur Treppe eilten, warf er ihr einen wissenden Blick zu. „Na schön. Wenn Percy dir schon nichts über Hawke erzählt hat, was haben dann deine Internetrecherchen ergeben?“, fragte er.

Nell warf ihm ein ironisches Lächeln zu. „Ha. Ich musste regelrecht zum Cyberstalker werden.“

James‘ blaue Augen leuchteten auf. „Gut. Dann weih mich mal ein.“ Er legte den Arm um ihre Taille. Sein Gesicht war dicht an ihrem.

„Offen gesagt weiß ich nicht, was ich denken soll. Er ist wohl sehr erfolgreich und besitzt sechs Casinos und Luxushotels. Hast du seinen Instagram-Account gesehen?“

„Meinst du diese ganzen übertriebenen Bilder von seinem dekadenten Nachtleben? Einfach zu gut, um wahr zu sein.“ James beäugte sie misstrauisch.

„Pff. Er wirkt auf mich wie ein Spieler, der einen auf Monaco macht, sich aber in Wahrheit eher auf dem Niveau von Las Vegas bewegt – vor etwa zehn Jahren.“

Das Kräuseln seiner Lippen verriet ihr, dass er ihr zustimmte. „Aber was hat ihre Familie gegen ihn?“

Nell zuckte mit den Schultern, als sie zusammen die Treppe hinuntergingen. „Das ist die Millionen-Pfund-Frage.“

Samstag, 13. März – 17:30 Uhr

Rav stand vor dem Schlafzimmerspiegel und zerzauste sich kunstvoll seine dunklen Locken. Nell hatte ihm einmal gesagt, dass ihr das gefiel. Was mache ich hier eigentlich? Sie ist jetzt mit James zusammen. Wir sind nur Freunde. Dennoch wünschte er sich, er hätte nicht das Zimmer gegenüber von ihrem bekommen. Diese Nähe war für ihn kaum zu ertragen.

Die Reue holte ihn jeden Tag – nein, jede Stunde – ein. Das einzige Mal, an dem er sich mit Nell gestritten hatte, hatte er ihr gesagt, dass sie nur Freunde waren. Und dann hatte er seine Dummheit noch verschlimmert, indem er direkt im Anschluss nach Indien geflogen war. Damals hatte er seinen Familienbesuch vorverlegt, ohne Nell davon zu erzählen. Er hatte geglaubt, dass sie sich nahestanden. Deshalb war er sich vollkommen sicher gewesen, dass sie seine Gefühle erwiderte. Während er monatelang seine Wunden leckte, hatte er sie kein einziges Mal kontaktiert. Das Wissen, dass sie ihm nicht genug vertraute, um ihn in ihren Familienhintergrund einzuweihen, schmerzte zu sehr.

Als er vor zwei Monaten auf dem Ball auf Finchmere endlich den Mut aufgebracht hatte, ihr seine Gefühle zu gestehen, war es zu spät gewesen. Da war sie schon mit James zusammen.

Jetzt konnte er nur noch mit Nell befreundet sein. Er wusste nicht, was schlimmer war – sie mit jemand anderem zu sehen oder sie überhaupt nicht zu sehen. Er hatte so viel Zeit verschwendet, und damit jede Chance auf eine Beziehung mit ihr. Habe ich sie verletzt und damit alles zunichte gemacht? Bei dieser Vorstellung wurde ihm schlecht.

Aber jetzt musste er sich beeilen, damit er rechtzeitig zur Zeremonie kam. Als er den Gang entlangeilte, traf er – natürlich – auf Nell und James. Er schlich ihnen hinterher wie ein trauriger Stalker. Na großartig.

Oh Gott. Sie sieht einfach hinreißend aus. Das amethystfarbene Kleid umspielte ihre Taille, ein sattes Violett ging mittels eines Farbverlaufs in den langen lila-weißen Chiffonrock über. Am liebsten hätte er sie auf die nackten Schultern geküsst. Mit seinem Blick folgte er einer Reihe von Sommersprossen, bis ihr Kleid dazwischenkam … Uff. Können wir überhaupt Freunde sein? Er konnte nichts dagegen tun, dass er ständig nach einem Zeichen suchte, dass sie immer noch Gefühle für ihn hatte. Vielleicht war da ja ein Funkeln in ihren wunderschönen braungesprenkelten Augen?

Rav gab es nur ungern zu, aber Nell und James, der heute seine Galauniform trug, waren ein gut aussehendes Paar. Vieles sprach für James. Er war attraktiv, ehrgeizig und ein hervorragender Detective.

Rav hielt inne und blickte über die Balustrade der Galerie in die Eingangshalle hinunter. Das Personal hatte sich erwartungsvoll in einer Reihe aufgestellt. Glitzernde Kronleuchter warfen ihr Licht auf die holzvertäfelten Wände und ließen den Parkettboden glänzen.

Er sammelte sich und strich seinen Smoking glatt. Der maßgeschneiderte Anzug von Savile Row stand im starken Gegensatz zu den Kapuzenpullovern und Cargohosen, die er und Nell normalerweise bei der Arbeit trugen. Dieser Smoking war ein Geschenk von seiner Kollegin und guten Freundin Sylvia. Außerdem war ihr Modegeschmack deutlich besser als seiner. Und Nell gefiel der Anzug. Das war offensichtlich gewesen, als er ihn beim Ball auf Finchmere getragen hatte.

Rav riss sich zusammen und schloss zu ihnen auf. Als er sie erreicht hatte, setzte er ein freundliches Lächeln auf. „Hallo. Ihr habt euch ja richtig schick gemacht.“

„Oh!“ Nell fuhr zu ihm herum. Ein leichtes Zucken ihrer Augenbrauen ließ Sorge in ihm aufsteigen. Über irgendetwas regte sie sich gerade auf. Vielleicht über ihn? Oder hatte er sie bei etwas unterbrochen? „Du aber auch.“ Ein kühles Lächeln huschte über ihr Gesicht, verschwand aber sofort wieder. Sie war eindeutig angespannt.

Als sie in der Eingangshalle ankamen, hielt ihnen jemand vom Personal ihre Mäntel hin, während ein weiterer Mann ihnen süßlich duftende Gardenien darbot. Eine ältere Frau in einem Hosenanzug – war sie die Haushälterin? Oder die Hochzeitsplanerin? – murmelte Nell etwas zu. „Der Duke of Aveshire ist angekommen. Er macht sich gerade in seinem Zimmer frisch. Aber die Gäste versammeln sich bereits in der Kirche. Sie können gleich hinübergehen. Wir werden sicherstellen, dass jemand den Duke begleitet.“ Sie zögerte. „Und nur damit Sie Bescheid wissen – unser Sicherheitsteam hat einen Eindringling auf dem Anwesen entdeckt.“

Rav sah ruckartig auf, aber Nell stöhnte nur. „Jemand von der Presse?“, flüsterte sie.

„Wahrscheinlich. Unsere Leute kümmern sich darum.“

„Danke, Mrs F.“

Meine Güte. Rav konnte kaum glauben, wie beiläufig Nell mit dieser Sache umging. Es kam ihm vor, als ob sie beide zwar derselben Spezies angehörten, aber in völlig verschiedenen Ökosystemen lebten. Er warf einen Blick auf James, um seine Reaktion einzuschätzen, aber er war beschäftigt. Gerade sprach er mit dem Kellner, der ihm seinen Mantel gereicht hatte. Ravs Gedankengänge wurden von einem weiteren Kellner unterbrochen, der ihm einen Schluck des Glencoille Whiskey anbot. Das war genau das Richtige gegen die kühle Abendluft. Dazu gab es eine kleine Laterne, die ihnen den Rückweg von der Kapelle erhellen sollte. Ravs Kehle brannte. Er fühlte Wärme in sich aufsteigen, als er seinen Mantel nahm und ihn sich überstreifte.

Durch die offene Tür konnte er über die dreispurige Einfahrt und das dahinterliegende Hügelland blicken, das im Abendlicht leuchtete. Ein gewundener Pfad führte zur Familienkapelle. Der Weg schlängelte sich zwischen der Wiese, auf der goldene Osterglocken blühten. Ein süßer Duft nach Narzissen erfüllte die Luft. Der Weg zur etwas entfernten Kapelle wurde von einer Reihe von Fackeln erleuchtet.

Neben der Fackel, die ihnen am nächsten stand, warteten zwei Frauen. Beim Klang ihrer Schritte drehten sie sich um.

„Nell, meine Liebe! Können wir schon hinübergehen?“ Eine schwarze Frau mit Stoppelfrisur, New Yorker Akzent und hohen Wangenknochen strahlte sie an. Sie stand da wie eine Statue und trug ein kanariengelbes Cocktailkleid mit Fransen im Stil der 1920er Jahre.

„Natürlich. Möchten Sie beide uns zur Kapelle begleiten, oder warten Sie auf Hawke?“

Die Frau wandte sich ihrer blonden Begleiterin zu, die ein enges, kirschrotes Seidenkleid trug. Linda, Hawkes Mutter, musste etwa zehn Jahre älter sein, als sie aussah. Ihr geglättetes Haar, das verdächtig faltenfreie Gesicht und die bemerkenswert weiße Zähne deuteten darauf hin, dass sie einiges in ihr Aussehen investierte. „Ich glaube, Hawke ist schon dort. Mit Crispin“, sagte Linda. „Wir würden uns Ihnen also gerne anschließen. Haben Hawke und Percy sich nicht einen wunderbaren Tag für ihre Hochzeit ausgesucht?“

„O ja, es ist einfach atemberaubend.“ Nell passte ihre Schritte an die der Frauen an. „Linda und Deborah, das ist mein Freund James. Und mein guter Freund Rav. Das ist Linda, die Mutter des Bräutigams, mit ihrer Lebensgefährtin Deborah.“

Deborah hakte sich sofort bei Rav unter. „Es ist schön, Sie kennenzulernen, Rav. Sind Sie ein Freund der Familie? Sie müssen mir alles über Percy erzählen. Wir kennen sie noch gar nicht. Ist das zu glauben?“

Rav zögerte. Er war sich ganz sicher, dass Nell ihm Lindas tödliche Krankheit als Grund für die überstürzte Hochzeit genannt hatte. Aber das würde er nicht erwähnen. „Percy ist …“ Er rang um Worte und sah Deborah grinsend an. „Na ja, ich glaube nicht, dass es mit Percy jemals langweilig wird. Aber Hawke kenne ich noch nicht. Wie ist er denn so?“

Deborah warf einen Blick auf Linda, die jetzt in ein Gespräch mit Nell und James vertieft war. „Linda liebt ihn über alles. Sie hat immer dafür gesorgt, dass er einen guten Start ins Leben hat – besser als die meisten anderen.“ Sie schenkte Rav ein Lächeln, das gleichzeitig entwaffnend und verschwörerisch war. „Allerdings glaube ich, dass einem nicht alles in den Schoß fallen sollte. Man muss für seine Erfolge arbeiten. Das formt den Charakter. Verstehen Sie, was ich meine? Wenn alles zu leicht ist, kann man die Dinge nicht mehr wertschätzen.“ Deborah zuckte wie beiläufig mit den Schultern. Bei diesen Worten klang sie eher philosophisch als scharfzüngig.

„Dann tut Percy ihm vielleicht ganz gut.“ Nach allem, was er über Percy gehört hatte, hielt Rav sie für ähnlich gestrickt wie Nell: Sie wollte für ihre Leistungen geschätzt werden, nicht für ihren Besitz. Doch sein Aufenthalt auf diesem riesigen Anwesen war der sprechende Beweis dafür, dass beide Frauen über ein außergewöhnlich hohes Vermögen verfügten. Nells Anwesen war wirklich etwas Besonderes: Ein Flecken Tiefland erstreckte sich weiter als das Auge reichte, selbst an einem kalten Abend wie heute. Auf mehreren Hektar von renaturiertem Gelände grasten zottelige Longhorn-Rinder. In der Ferne erspähte er auf der anderen Seite des Nye-Flusses die Rennstrecke ihrer Familie, die durch die wellenförmigen Hügel schnitt. Wie hatte Nell all dies vor ihm verbergen können, als sie sich kennenlernten? Das verletzte ihn immer noch.

„Man weiß nie, nicht wahr?“ Deborah sah ihm fest in die Augen. Rav rief sich wieder ins Gedächtnis, dass sie nicht seine Gedanken las, sondern auf seine unvorsichtige Bemerkung antwortete. Ein skeptischer Blick lag in ihren braunen Augen. „Entweder das, oder es gibt doppelten Ärger.“ Sie zog eine Augenbraue hoch. „Ich hoffe, Sie haben recht.“