Erstes Kapitel
Hätte ich ein Motto, würde es in etwa lauten: Parker Hayes, die Besitzerin des Catch You Latte, zieht das Verbrechen an, wo immer sie auch hingeht …
Als ich vor einigen Monaten in die beschauliche kleine Stadt Magnolia Grove gezogen war, die nahe der Ausläufer der Blue Ridge Mountains in North Carolina lag, hatte ich mir ein einfaches und friedliches Leben vorgestellt. Ich malte mir meinen Alltag als komplettes Gegenteil zu dem geschäftigen Stadtleben aus, das ich als ständig unter Strom stehende True-Crime-Podcasterin geführt hatte. Jedoch war ich dank meiner detektivischen Fähigkeiten und meines Hintergrunds in Sachen Verbrechen schließlich in Mordermittlungen involviert worden. Nach dem letzten Fall – den Morden an meinem ehemaligen Podcastkollegen Dylan Reeves und dem einstigen Sheriff Wade Tucker – war ich mehr als bereit, mich ausschließlich darauf zu konzentrieren, den Bewohnern Kaffee und Desserts zu servieren. Keine Verbrechen mehr. Und auch keine Mordermittlungen. Nur ich, mein Café und meine neuen Freunde Whit, Nellie, Maggie, Hazel, Clyde und natürlich dessen kleiner Hund Major.
Darauf hoffte ich jedenfalls in den Tagen vor den Weihnachtsfeierlichkeiten in Magnolia Grove, die mit dem Einschalten der Weihnachtsbaumbeleuchtung beginnen sollten, gefolgt von dem traditionellen Wintermarkt am darauffolgenden Wochenende. Um bei dem ganzen Spaß dabei zu sein, hatte ich mich bereit erklärt, kostenlosen Kaffee, heiße Schokolade und auch Hazels besondere Weihnachtskekse zur Verfügung zu stellen. Ich freute mich auf mein erstes Weihnachtsfest und harmonische Feiertage in Magnolia Grove. Man wird ja noch hoffen dürfen …
Am Tag vor dem feierlichen Einschalten der Weihnachtsbaumbeleuchtung wachte ich im Morgengrauen in meinem neuen Apartment über dem Café auf. Ich entschied, mich noch einen Moment länger in meine warme Decke einzukuscheln, ehe ich aufstehen und mich anziehen würde. Noch immer war ich ganz hin und weg von meiner neuen Wohnung. All das hier hatte ich meinem Lieblingshandwerker Clyde Honeycutt zu verdanken, der das heruntergekommene Apartment in Rekordzeit wieder in Schuss gebracht hatte. Als ich in Magnolia Grove angekommen war und den Zustand meines neu erworbenen historischen Gebäudes in Augenschein genommen hatte, war ich ein kleines bisschen besorgt gewesen. Die Fotos aus dem Internet hatten nicht mal ansatzweise das Desaster von einem Haus widergespiegelt, das ich mir aufgehalst hatte. Um es auf den Punkt zu bringen: Es war eine Bruchbude mit bröckelnden Wänden und Sanierungsbedarf am Fundament und an den Rohrleitungen gewesen. Außerdem gab es noch eine Reihe weiterer Probleme, mit denen ich Sie nicht langweilen möchte. Doch Clyde war zu meiner Rettung herbeigeeilt und hatte sich zuerst auf die Sanierung des Cafés konzentriert, ehe er sich das Apartment im Stockwerk darüber vornahm. Das Warten hatte sich gelohnt.
Mein neues Apartment war so wohnlich und bezaubernd wie ein Cottage auf dem Land. Mein Schlafzimmer hatte einen begehbaren Kleiderschrank und ein angeschlossenes Badezimmer. Außerdem gab es ein Gästezimmer, das gleichzeitig als Büro diente. Der Wohnbereich war gemütlich und komfortabel und bot viel Raum, um einer Handvoll Gästen Platz zu bieten. Ich hatte mich für eine recht einfache Küche entschieden, denn ich hatte genügend Geld in die des Cafés gesteckt. Und um Raum zu gewinnen, hatte Clyde eine reizende kleine Sitzecke gebaut. Die cremeweißen Wände sowie die Stuckleisten und eingebauten Bücherregale brachten etwas von dem ursprünglichen Charme zurück. Außerdem hatte Clyde den Holzboden auf meisterhafte Weise restauriert und große Fenster eingebaut, die jede Menge natürliches Licht hereinließen. Am besten gefiel mir der alte Backsteinkamin, der die Wohnung vervollständigte. Ausgestattet hatte ich die Räume mit einer Mischung aus Secondhandmöbeln und einigen neuen Stücken wie dem gemütlichen Polstersofa und dem Lesesessel. Das einzig Negative an meinem Umzug in die neue Wohnung war, dass ich Clydes kleines Gästehaus hatte verlassen müssen und somit auch seinen Hund Major.
Als mein kleiner Moment der Dankbarkeit vorüber war, stieg ich aus dem Bett und duschte mich rasch, um mich für den bevorstehenden Tag fertigzumachen. Ich zog mir einen Pullover über, schlüpfte in meine Jeans und meine gemütlichen braunen Stiefel, ehe ich hinunterging, um im Café alles vorzubereiten. Ich hatte, nebenbei gesagt, den bestmöglichen Arbeitsweg überhaupt.
Am Fuß der Treppe angekommen, betrat ich die Küche des Cafés, wo Hazel Jenkins, die junge Journalismus-Studentin, die ich zu meiner Unterstützung eingestellt hatte, an dem Arbeitstisch aus Edelstahl stand und mit mindestens drei Rührschüsseln hantierte. Hazels stylisher Bob war nun nicht mehr lavendelfarben getönt, sondern, passend zur Weihnachtszeit, rot-grün gesträhnt. Auf dem Arbeitstisch standen geöffnete Mehl- und Zuckerdosen neben einer Menge verstreuter Messbecher. Sie bereitete ihre besonderen Weihnachtscookies zu – weiche, saftige Ingwerkekse -, deren geheimes Rezept sie nicht mit mir teilen wollte. Aber keine Sorge, ich hatte vor, es aus ihr herauszubekommen. Schließlich hatte ich ein besonderes Talent dafür, den Menschen Informationen zu entlocken.
„Guten Morgen, Hazel“, sagte ich.
Hazel blickte mit mehlbedeckten Wangen und einem verschmitzten Lächeln auf den Lippen von dem auf, was ich ihr „Labor“ nannte. Sie war chaotischer als ein Tornado in Texas, doch sie konnte backen.
„Morgen, Parker. Ich habe entschieden, mich frühzeitig an das Backen der Weihnachtskekse zu machen.“
Ich ließ den Backtatort auf mich wirken. „Ja, das ist nicht zu übersehen.“
Sie widmete sich wieder der Teigzubereitung.
„Ich weiß, ich weiß, es ist ein heilloses Durcheinander, aber so sieht Kunst eben anfänglich aus. Ich werde alles wieder sauber machen.“
Fürs Protokoll: Sie hat es nicht getan. Was das Backen anging, war Hazel talentiert, allerdings ließen ihre organisatorischen Fähigkeiten zu wünschen übrig. Darin wiederum war ich unschlagbar, und so bildeten wir ein gutes Team. Sie hielt mich auf Trab, während ich sie ein wenig abbremste. Außerdem hatte sie viel Spaß an der Aufklärung von Verbrechen und war ein Riesenfan meines ehemaligen Podcasts Criminally Yours. Wir waren trotz des Altersunterschieds aus demselben Holz geschnitzt.
Sie nahm eine Rührschüssel zur Hand und begann, in Lichtgeschwindigkeit zu rühren. „Bist du aufgeregt wegen morgen?“
Ich zuckte mit den Schultern. „Ich bin teils aufgeregt, teils nervös. Ich erlebe zum ersten Mal die Weihnachtszeit in der Kleinstadt, und ich will, dass unser Stand perfekt wird. Ich hoffe, unsere kleinen Kostproben werden das Geschäft ankurbeln.“
Hazel stellte die Rührschüssel beiseite. „Das Geschäft läuft doch fantastisch.“
Damit hatte sie nicht unrecht. Nach dem Trubel um Dylan Reeves, der im Hinterhof meines Cafés ermordet worden war, und dem Skandal, der damit einherging, lief das Geschäft prächtig. Dennoch war es mir lieber, dass das Catch You Latte für seine vorzüglichen Kaffeesorten und Leckereien bekannt war und nicht für Morde.
Ich tauchte einen Löffel in eine der Rührschüsseln und schöpfte ein wenig von Hazels Spezialteig heraus. Die klebrige Zuckermasse zerging mir auf der Zunge, und ich spürte, wie wohlige Wärme meinen Körper wie eine Umarmung durchströmte.
„Oh, der ist wirklich gut …“
„Mein geheimes Rezept kriegst du trotzdem nicht, egal wie viel Honig du mir um den Mund schmierst.“
Ich legte den Löffel in das Spülbecken und drehte mich von dem Arbeitstisch und dem Teig weg. „Früher oder später werde ich es aus dir herausbekommen. Möchtest du einen Kaffee?“
„Wenn es die köstliche Weihnachtsmischung ist, gern.“
„Alles klar. Ich denke, wenn der morgendliche Andrang vorbei ist, werde ich mich um die Weihnachtsdekoration kümmern. Und ich muss alles rund um den Stand organisieren. Einen Rollwagen für den Transport zum Marktplatz habe ich schon gekauft. Außerdem muss ich sicherstellen, dass wir genügend Einwegbecher und Servietten haben. Meinst du, ich sollte Pappteller für die Cookies besorgen? Das Gästezimmer für meine Eltern muss ich auch noch fertigmachen. Sie werden heute Abend eintreffen. Gott sei Dank fahren sie diesmal mit dem Auto. Ich hätte keine Zeit, sie vom Flughafen abzuholen. Oh, und ich frage mich außerdem, ob ich …“
Hazel hielt ihren Holzlöffel hoch, und Teig tropfte den Stiel hinab. „Parker, bitte hör auf damit. Es wird schon alles gutgehen.“
Ich holte tief Luft und stieß seufzend den Atem aus. „Du hast recht. Ich brauche einfach nur einen Kaffee.“
„Hört sich an, als hättest du bereits zu viel davon gehabt.“
„Nicht einen Tropfen. Und außerdem, Hazel, gibt es so was wie zu viel Kaffee nicht“, erinnerte ich sie.
Ich ging in den Hauptbereich des Cafés, um mich den morgendlichen Vorbereitungen zu widmen. Doch als Erstes schnappte ich mir eine Packung meiner magischen Weihnachtsmischung, die eine Kombination aus einem schokoladigen Festtagskaffee mittlerer Röstung und einem kräftigen Sumatrakaffee war, verfeinert mit einer Prise Muskatnuss und Kakao sowie einem Hauch von Vanille- und Mandelextrakt. Mit jedem Schluck sollten sich meine Gäste an warme Brownies erinnert fühlen.
Die Luft war erfüllt von dem Duft intensiver Würznoten. Mein ohnehin guter Geruchssinn lief auf Hochtouren, während ich freudig zwei große Becher aufbrühte und zurück in die Küche ging, wo ich Hazel einen Kaffee überreichte.
Sie nahm die Tasse entgegen, ohne sich die teigbedeckten Hände zu reinigen. Einen Moment lang standen wir schweigend da, während unsere Sinne von dem Geruch der Weihnachtsmischung umgarnt wurden, ehe wir den ersten Schluck nahmen.
Hazel schloss die Augen und schnupperte an ihrem Kaffee. „Das duftet himmlisch.“
Der Dampf wärmte meine Nase. „Mit einem Hauch Muskatnuss.“
Wir nippten an unseren Kaffees und kosteten das vollmundige Aroma der Mischung gänzlich aus. Es war ein beinahe erhabener Moment.
„Wie ein warmer Brownie“, unterbrach Hazel die Stille.
„Sehr gut. Genau so soll es sein. Hoffentlich können wir, wenn morgen die Weihnachtsbaumbeleuchtung eingeschaltet wird und wir Proben verteilt haben, jede Menge Packungen davon verkaufen.“
„Auf jeden Fall.“
Sie trank ihren Kaffee bis auf den letzten Tropfen aus und machte sich wieder ans Verquirlen, Rühren und das Verstreuen von Zutaten, die ich später würde beseitigen müssen. Aber das machte mir nichts aus. Insbesondere dann nicht, wenn alles in den Ofen kam und der Duft frischgebackener Kekse den Raum erfüllte.
Ich kehrte zurück in den Cafébereich und richtete alles her. Schon bald würden eine ganze Reihe Kunden zur Tür hereinkommen, die sich verzweifelt nach ihrem morgendlichen Kaffee, Tee oder ihrem bevorzugten Gebäckstück sehnten. Ich stellte Kaffeepressen, Messlöffel, Becher und übereinander gestapelte Teller bereit und schaltete die Espressomaschine ein. Danach überprüfte ich die Vorratsgläser und füllte losen Tee nach. Das zitronige Bergamottearoma des Earl-Grey-Tees kribbelte mir in der Nase.
Nachdem die Theke vorbereitet war, begab ich mich in den Hauptbereich des Cafés und machte ein paar letzte Handgriffe an den Tischen, legte Platzdeckchen aus und stellte kleine Zuckerdosen bereit, um für eine einladende Atmosphäre zu sorgen. Ich nahm mir vor, mich mit Eleanor Green vom Blumenladen Blossom and Bloom zu treffen, um eine regelmäßige Bestellung von Blumen zur Dekoration der Tische zu veranlassen. Schließlich kam es auf die Details an. Außerdem unterstützte ich die örtlichen Geschäfte sehr gerne.
Ursprünglich war ich mir wegen der Weihnachtsdekoration nicht sicher gewesen, doch weil mir aufgefallen war, dass alle Ladeninhaber in Magnolia Grove ihre Geschäfte herausgeputzt hatten, ließ ich mich auf den Spaß ein. Und was für ein Spaß es war! Helle Lichter waren an den Fensterverkleidungen und entlang der hinteren Theke befestigt. Die Wände waren mit den festlichen Werken einiger örtlicher Künstler geschmückt, und im Hintergrund spielte Weihnachtsmusik. Das Café war zu einem Winterwunderland der Sinne geworden.
Um Punkt sieben Uhr drehte ich das Wendeschild auf „GEÖFFNET“, schloss die Eingangstür auf und wartete auf das erste Bimmeln der Weihnachtsglöckchen. Pünktlich wie immer schlenderte der attraktive und charmante Whit Hawthorne herein. Er war der Stadthistoriker und mein offizieller Ermittlungspartner, der immer kurz vor dem morgendlichen Andrang vorbeischaute. So konnten wir ein paar Augenblicke gemeinsam verbringen, ehe die Koffeinsüchtigen zur Tür hereinströmten.
„Guten Morgen, Parker“, begrüßte Whit mich mit einem sanften Kuss auf die Wange.
Obwohl ich davon geträumt hatte, dass Whits Küsse den Weg von meinen Wangen zu meinen Lippen fanden, war ich mit dem aktuellen Stand der Dinge zwischen uns zufrieden. Ich hatte während meiner Beteiligung an den Mordermittlungen genug zu tun gehabt, und auch jetzt war ich ausgelastet mit dem Betreiben des Cafés und der Eingewöhnung in mein neues Apartment im oberen Stockwerk.
„Wie läuft’s, Whit?“
„Jetzt geht es mir besser.“ Er warf mir ein Lächeln zu, das selbst Santa vom Hocker gehauen hätte, und holte eine schön gestaltete, alte Weihnachtskrippe aus seiner abgenutzten, ledernen Umhängetasche heraus. „Ich habe dir etwas für dein weihnachtliches Schaufenster mitgebracht.“
„Wow, Whit! Sie ist toll. Wo hast du sie her?“ Die kunstvollen Details und die feine Patina der Holzfiguren ließen das Alter und die Geschichte der Krippe erahnen.
„Sagen wir einfach, sie hat gut versteckt im Stadtarchiv auf das perfekte Schaufenster gewartet. Und das befindet sich in deinem Winterwunderlandcafé.“
Ich nahm die Weihnachtskrippe entgegen und wurde mir deren Geschichte und Bedeutsamkeit bewusst. „Ich werde sie wie einen Schatz hüten, Whit. Danke, dass du mir dieses Stück aus Magnolia Groves Vergangenheit anvertraust.“
Als ich die Krippe behutsam auf einem gut sichtbaren Regal abstellte, strahlte Whit mich freudig an. „Ich wusste, dass sie dir gefallen würde, Parker. Kommen wir jetzt zu diesem Kaffee …“
Hitze stieg mir in die Wangen. Ich drehte mich um und machte mich zur hinteren Theke auf, um Whits Morgenkaffee zuzubereiten. Er folgte mir und nahm an der Theke Platz.
Ich streckte den Arm nach einem Päckchen Morning Spark aus, das sich in einem der offenen Regale befand.
„Warte“, sagte Whit.
Ich wandte mich um. „Was?“
„Ich möchte diese Weihnachtsmischung probieren, die du erwähnt hast.“
„Wirklich? Whit Hawthorne möchte aus seiner täglichen Routine ausbrechen und was Neues probieren?“
Er lachte. „Ich weiß. Verrückt, nicht wahr? Ich dachte, ich könnte während der Weihnachtszeit etwas wagemutiger sein.“
Ich war mir nicht sicher, ob er sich auf den Kaffee oder etwas anderes bezog … wie zum Beispiel uns. Ich zog meine schwarze Schürze an, griff nach einem Beutel der Weihnachtsmischung und gab einige Messlöffel davon in eine der Kaffeepressen. Dann goss ich kochendes Wasser in die Kanne und ließ den Kaffee ziehen, ehe ich den Pressstempel nach unten drückte. Und schon wieder war die Luft erfüllt von dem Duft von vollmundigem, schokoladigem Kaffee und Gewürznoten.
Nachdem die Weihnachtsmischung fertig war, stellte ich eine dampfende Tasse vor Whit ab. Als er sie anhob und die intensiven Würzaromen einatmete, hellte sich sein Gesicht auf.
„Das riecht genau so, wie sich die Weihnachtszeit anfühlt, behaglich und freudvoll.“ Er trank einen Schluck und nickte. „Oh ja, Ma’am, ein flüssiger Weihnachtszauber.“
Ich goss mir selbst eine Tasse ein. „Freut mich, dass du dich aus deiner Komfortzone herausgewagt hast.“
„Und, bist du bereit für den Besuch deiner Eltern?“
„Ja. Ich hoffe auf nichts als milde Kaffeemischungen, Weihnachtsfreude und die schlechten Witze meines Vaters. Mit anderen Worten, keine Morde im Hinterhof meines Ladens oder sonstwo in der Stadt.“
Whit hob seinen Becher an. „Ganz meine Meinung.“
Die Türglöckchen des Cafés bimmelten, und eine Handvoll Kunden schlenderten herein. Nun würde es nicht mehr lange dauern, bis sich eine weihnachtliche Stimmung im Café ausbreitete und es erfüllt sein würde von Menschen und Stimmengewirr.
Ich räumte die Kaffeebecher beiseite und zwinkerte Whit zu. „Los geht’s.“
Schon bildete sich eine Schlange, und ich machte mich bereit für ein paar äußerst betriebsame Stunden, die vor mir lagen.
„Ich rufe dich später an“, sagte ich zu ihm.
Er tippte sich an die Stirn. „Bis dann.“
Hazel kam aus der Küche heraus und bestückte die Kuchenvitrine mit ofenfrischem Gebäck – Zimtkekse, Cookies mit weißer Schokolade und Macadamianüssen und Chocolate-Chip-Cookies. Ihr Gebäck ließ meine Zimtschnecken und Blaubeermuffins wirklich alt aussehen. Nachdem sie die Vitrine befüllt hatte, tauschte sie ihre befleckte Schürze gegen eine saubere schwarze ein und stellte sich neben mich. Und schon nahmen wir die Bestellungen entgegen. Wir beide waren wie zwei Tänzerinnen geworden, die sich durch ihre gut einstudierte Routine bewegten, die daraus bestand, Kaffee und Tee aufzubrühen, Milch aufzuschäumen, Backwaren zu servieren und zu lächeln.
Die meisten Kunden bestellten zum Mitnehmen, aber es nahmen auch viele an den Tischen Platz. Davon hatte ich immer geträumt: Den leisen Unterhaltungen und dem Lachen zu lauschen, untermalt von Weihnachtsmusik, die alles komplett machte.
Mayor Camden, dessen goldene Krawattennadel im Licht glänzte, steuerte auf die Theke zu. „Nun, Miss Parker“, sagte er in gedehntem Tonfall und ließ sein bestes Wahlkampflächeln aufblitzen. „Ich denke, ich spreche für ganz Magnolia Grove, wenn ich sage, dass Sie sich mit dieser festlichen Dekoration selbst übertroffen haben. Die weihnachtliche Atmosphäre in Ihrem schönen Geschäft ist mir eine Freude. Wir vertrauen darauf, dass Sie alles vorbereitet haben für das morgige Einschalten der Weihnachtsbaumbeleuchtung. Die ganze Stadt fiebert dem entgegen.“
Ich brühte ihm einen dreifachen Americano auf und reichte ihm den Becher zum Mitnehmen. „Ich freue mich darauf, Mayor Camden.“
Er trank einen Schluck Kaffee und schloss mit einem zufriedenen Lächeln auf den Lippen die Augen. „Ich glaube, es war goldrichtig, Sie in Magnolia Grove willkommen zu heißen“, sagte er und wirkte freundlich und aufrichtig. „Wir können wirklich sehr froh sein, dass Sie sich dazu entschieden haben, unsere Stadt zu Ihrem Zuhause zu machen. Sagen wir es mal so, Sie tragen auf erfreuliche Weise zum örtlichen Charme bei.“
„Danke.“ Ich spähte über seine Schulter hinweg in Richtung der langen Schlange und hoffte, dass er den höflichen Wink verstehen und weiterziehen würde.
Er hob seine Tasse an und nickte mir zu. „Nun ja, wie ich sehe, haben Sie eine ganze Menge Leute zu bedienen. Wie heißt es so schön? Die Pflicht ruft.“ Während er sich seinen Weg zu einem gemütlichen Lehnstuhl am Fenster bahnte, hielt er inne, um Hände zu schütteln und verschiedene Gäste zu begrüßen. „Morgen, Mrs. Pumpling. Ein schöner Tag heute, nicht wahr, Mr. Henderson? Ah, Kip, wie läuft das Schulprojekt?“ Wahlkampf war immer, sogar inmitten eines Cafés während eines wahlfreien Jahres.
Als der morgendliche Andrang letztendlich nachließ und die Abstände zwischen den Bestellungen größer wurden, zog Hazel ihre Schürze aus.
„Ich gehe jetzt besser. Ich muss zu meinem letzten Unterricht in diesem Semester. Doch ich werde heute Abend wiederkommen, um die Weihnachtskekse für morgen fertigzubacken.“
Ich umarmte Hazel. Sie roch nach Zucker und Vanille.
„Danke, Hazel. Ich weiß nicht, was ich ohne dich machen würde.“
„Ich liebe es, hier zu arbeiten. Und mach dir bitte keine Sorgen wegen des Stands, alles wird fantastisch laufen.“
Ich setzte mich auf den Hocker, den ich hinter der Theke bereithielt, und legte eine kurze Pause ein, um mir eine frische Tasse Kaffee und einen von Hazels Zimtkeksen zu gönnen. Die zuckrige Zimtkruste verwöhnte meinen Gaumen, nachdem ich den ersten Bissen von dem luftigen und weichen Keks genommen hatte. Und der Geschmack des Kaffees vermischte sich auf vollkommene Weise mit der süßen Leckerei.
Ich wurde aus meinem Tagtraum gerissen, als ich das frustrierte Flüstern einer Frau hörte. Es drang aus der kleinen Nische, die sich gleich um die Ecke in der Nähe der Toiletten befand, zu mir hindurch. Die Frau gab ihr Bestes, um mit gedämpfter Stimme zu sprechen, doch da es ansonsten im Café ruhig war, konnte ich jedes Wort verstehen.
„Ich hab’s dir gesagt. Damit habe ich nichts zu tun! Und ich würde es begrüßen, wenn du dich aus meinem Leben heraushalten würdest. Das dürfte kein Problem für dich sein, denn es ist dir während der vergangenen achtzehn Jahre ja außerordentlich gut gelungen.“
Mir war unbehaglich zumute, weil ich etwas mitbekam, das nicht für meine Ohren bestimmt war. Ich war kurz davor, mich aus dem Gespräch auszuklinken, als ich Mayor Camdens Stimme vernahm, was meine Neugier entfachte.
„Hör zu, Eleanor, ich weiß, dass du einsam bist, doch auf diese Art wirst du meine Zuneigung nicht gewinnen können.“
Bei der Frau handelte es sich um Eleanor Green, die Floristin der Stadt, die den Laden Blossom and Bloom führte. Ich lehnte mich ein wenig zur Seite, um genauer hinzuhören, als aus Richtung der Theke ein Räuspern erklang, woraufhin ich vom Hocker sprang und meinen zur Hälfte gegessenen Zimtkeks herunterfallen ließ.
Nellie Pritchett, Magnolia Groves Verwaltungsbeamtin und offizielle Alleswisserin, stand an der Theke und sah mich eindringlich an. Sie warf ihr langes honigblondes Haar über die Schulter und lächelte mir zu.
„Guten Morgen, Parker. Und was für ein Morgen das ist!“ Mit einer schwungvollen Geste präsentierte sie mir eine kleine, grüne Geschenkschachtel, um die ein glänzendes rotes Band gebunden war. Daran befand sich ein goldfarbenes Etikett, auf dem in eleganter Schrift zu lesen war: Evergreen Delights. Sie reichte sie mir. „Ein kleines Weihnachtsgeschenk für dich. Darin findest du die absolut köstlichen Weihnachtspralinen eines neuen örtlichen Unternehmens. Der Besitzer ist unbekannt, aber ich habe gehört, ein Teil des Erlöses soll für einen guten Zweck verwendet werden.“
Ich nahm die Schachtel entgegen und stellte sie auf der Theke ab. „Hört sich an, als hätten wir unseren eigenen Willy Wonka vor Ort.“
Nellies Augen leuchteten, als sie darüber nachdachte. „Ja, ich schätze, so ungefähr ist es. Pünktlich zur Weihnachtszeit.“
„Na ja, danke, dass du an mich gedacht hast, Nellie. Ich freue mich schon darauf, sie später zu probieren.“
„Gern geschehen. Du glaubst nicht, wie viel Kleinkram vor dem Einschalten der Weihnachtsbaumbeleuchtung noch zu erledigen ist. Dann ist da noch der Wintermarkt am nächsten Wochenende. Ich hatte noch gar keine Zeit zum Durchatmen und musste das alles einfach mal kurz hinter mir lassen und eine Pause einlegen. Du kannst dir nicht vorstellen, wie viel Zeit die Planung dieser Feierlichkeiten in Anspruch nimmt.“
„Das kann ich mir denken.“ Ich deutete auf die Menütafel. „Was darf es denn heute für dich sein?“
„Ah, ja. Ich hätte gerne eine Tasse deiner Weihnachtsmischung. Ich hatte gestern schon eine und bin hier, weil ich noch mehr davon möchte. Parker, Liebes, mit dieser Kaffeespezialität hast du dich wirklich selbst übertroffen. Oh, und bitte noch eine von diesen Zimtschnecken. Aufgewärmt, bitte.“
Ich machte mich daran, ihre Bestellung schnellstmöglich abzuwickeln, da ich vorhatte, der Unterhaltung zwischen dem Bürgermeister und der Floristin der Stadt weiterhin zu lauschen. Allerdings war das Glück nicht auf meiner Seite. Die gute alte Nellie Pritchett ließ sich auf einem der Hocker nieder und ließ mich quasselnd an ihrem Morgen teilhaben. Während Nellie vor sich hinplapperte, konnte ich einen Blick auf Eleanor Green erhaschen, die aus dem Café hinausstürmte. Ihr schulterlanges rotbraunes Haar mit den blonden Strähnen war unverwechselbar.
Eine Minute später kam Mayor Camden aus der Nische heraus und wirkte weniger gelassen als sonst.
„Hi, Mayor Camden“, zwitscherte Nellie.
Camden nickte kaum merklich und murmelte auf dem Weg zur Tür etwas, das man als „Morgen“ hätte verstehen können. Von seinem gewohnten Charme keine Spur, er wirkte abgelenkt.
Als er durch die Eingangstür nach draußen ging, weiteten sich Nellies Augen und sie lehnte sich in meine Richtung.
„Na so was“, flüsterte sie. Dann gab sie mir mit einer diskreten Trinkgeste stumm zu verstehen, dass er wohl vergangene Nacht zu tief ins Glas geschaut hatte, ehe sie ihre Brauen voll diebischer Freude hob.
***
Meine Eltern trafen gegen acht Uhr abends ein. Mom betrat mein Apartment und hielt zwei ihrer allerschönsten Quilts in den Armen: Gingersnaps und Polka-dot Joy. Die lebhaften Muster und Farbkombinationen rundeten jedes Schlafzimmer perfekt ab. Dad folgte ihr und kämpfte mit zwei riesengroßen Koffern, die fest entschlossen zu sein schienen, vor der Wohnungstüre zu verbleiben.
„Oh, Parker, es ist so schön, dich zu sehen“, rief Mom aus und umfing mich mit einer festen Umarmung, die nach Zuhause und Weichspüler roch.
Dad, der die Koffer schlussendlich bezwungen hatte, ließ sich mit einem dramatischen Seufzen auf das Polstersofa fallen. Er wippte prüfend auf und ab, und ein Grinsen breitete sich auf seinem Gesicht aus. „Sieh an, sieh an. Diese Couch ist so bequem, ich könnte glatt Wurzeln schlagen. Versteht ihr? Wie eine Couch-Potato.“
Ich seufzte. Manche Dinge änderten sich nie, und Dads Hang zu schlechten Witzen gehörte dazu.
„Sehr lustig, Dad. Wie dem auch sei, ich bin sicher, ihr seid nach der Fahrt bestimmt erschöpft. Also, statt noch mal rauszugehen, habe ich ein paar Sandwiches gemacht. Da morgen ein anstrengender Tag wird, würde ich gerne zeitig zu Bett gehen. Ich muss früh aufstehen, um meine Weihnachtsmischung vorzubereiten und Hazel beim Backen der Kekse zu helfen. Oder um ihr hinterherzuputzen …“
Mom nahm auf der Sitzbank Platz. „Wann beginnt das feierliche Einschalten der Weihnachtsbaumbeleuchtung?“
Ich brachte ihr ein Hühnchen-Käse-Sandwich auf Sauerteigbasis und eine Portion Kartoffelsalat – nach einem Rezept von Maggie Thomas; ihre geheime Zutat war Gewürzgurkenwasser.
„Um sieben Uhr, aber wir werden früher hingehen, um, wie alle anderen, unseren Stand aufzubauen.“ Ich drehte mich um in Richtung Wohnzimmer, weil ich Dad zu Tisch bitten wollte, doch er saß mit nach hinten gelehntem Kopf da und schnarchte.
Mom griff nach ihrem Sandwich. „War eine lange Fahrt.“
Ich ließ mich auf der Sitzbank nieder, nahm mir ein Sandwich und biss hinein.
„Nicht übel.“
„Parker, mein Schatz, es schmeckt köstlich.“
„Die Käsemanufaktur Feta & Friends bringt meine Sandwiches wirklich auf ein neues Level.“
Ich nahm einen weiteren Bissen und bemerkte erst jetzt, wie hungrig ich war, nachdem ich den ganzen Tag im Café gearbeitet hatte. Das Letzte, was ich gegessen hatte, waren ein paar Happen Zimtkeks gewesen, als ich die seltsame Unterhaltung zwischen Eleanor Green und Mayor Camden belauscht hatte. So wie ich die Situation einschätzte, hatte der Bürgermeister möglicherweise in der Vergangenheit etwas mit Eleanor am Laufen gehabt. Immerhin war Mayor Camden ein Mann von der untreuen Sorte.
Nachdem Mom und ich fertig mit dem Essen waren, halfen wir meinem Dad vom Sofa auf und geleiteten ihn ins Gästezimmer, wo er erholsam schlafen können würde.
„Bin stolz auf dich, Sherlock.“
„Danke, Dad. Und nun schlaft euch erst mal aus. Wir haben morgen einen großen Tag vor uns.“
Mom umarmte mich und strich mir eine Strähne hinters Ohr. Sie strahlte mich voller Stolz an, was mir die Tränen in die Augen trieb.
„Du hast dir etwas Schönes aufgebaut, Parker. Ich könnte nicht glücklicher sein. Das Café, dieses reizende Apartment, deine neuen Freunde … Alles ist perfekt.“
Ich drückte sie. „Es war all die Mühe wert. Und jetzt freue ich mich darauf, mich einzugewöhnen und das einfache Leben zu genießen. Gute Nacht, ihr zwei.“
Dad lag schon im Bett und war eingeschlafen, ohne seine Kleidung ausgezogen zu haben.
Mom deckte ihn mit dem Quilt zu und hauchte einen Kuss in meine Richtung, ehe sie sich bettfertig machte.
Ich ging den Flur entlang und widmete mich meiner Abendroutine, indem ich mein Gesicht wusch, mir die Zähne putzte und mir anschließend meinen gemütlichsten Pyjama anzog und dann ins Bett hüpfte. Das einfache Leben hatte endlich begonnen, dachte ich, ehe ich allmählich wegdöste. Das war ein schöner Gedanke … theoretisch.
Zweites Kapitel
Am nächsten Morgen, gleich nachdem der „Bringen-Sie-mir-schnell-einen-Kaffee“-Andrang vorüber war und nur wenige Kunden im Café verblieben waren, machte ich mich daran, mehrere Kannen meiner Weihnachtsmischung für das Fest aufzubrühen. Hazel schlüpfte wieder in ihre Rolle als Küchenschreck und fuhr mit dem Backen ihrer Weihnachtskekse fort.
Irgendwann gegen Mittag klingelten die Türglöckchen, und ein junger Mann im Collegealter kam herein. Er trug sein dunkles Haar, das ihm fast über die Augen reichte, zu einem Seitenscheitel gekämmt. Seine schwarze Jeans, die karierte Hemdjacke und die eleganten Herrenschuhe verliehen ihm die Ausstrahlung eines Künstlers. Die große Mappe, die er bei sich hatte, trug ebenso dazu bei.
Ich winkte ihm von meinem Platz hinter der Theke aus zu. „Willkommen im Catch You Latte.“
Er schlenderte zur Theke und lächelte mich schüchtern an.
„Hi, ich bin Oliver. Oliver Green. Meiner Mom gehört das Blossom and Bloom, der Blumenladen gleich um die Ecke.“
„Hi, Oliver. Freut mich, ich bin Parker. Deine Mom habe ich bereits kennengelernt, dich hingegen habe ich in der Stadt noch nie gesehen.“
„Ich gehe auf die Kunsthochschule in Savannah und bin über die Feiertage hier.“ Er nahm die große Kunstmappe in die andere Hand.
„Ah, schön. Kann ich dir eine Tasse Kaffee anbieten? Wir haben eine besondere Weihnachtsmischung.“
„Eigentlich bin ich geschäftlich hier“, sagte Oliver.
„Geschäftlich?“
„Meine Mom meinte, Sie stellen die Kunstwerke der Ortsansässigen aus, also habe ich mich gefragt, ob Sie vielleicht Interesse an meiner Arbeit hätten. Ich brauche Geld für das zweite Semester an der Kunsthochschule. Sie ist wirklich teuer.“ Oliver blickte zu Boden.
Olivers Worte weckten mein Mitgefühl. Ich wusste nur zu gut, wie schmerzhaft finanzielle Belastungen waren. Keinesfalls würde ich ihm meine Hilfe verweigern. Ich schenkte ihm eine Tasse meiner Weihnachtsmischung ein.
„Keine Sorge, die erste Tasse geht aufs Haus. Und jetzt lass mal sehen, was deine Kunstmappe so hergibt.“
Oliver strahlte, als er die Mappe auf die Theke legte und den Reißverschluss öffnete. Im Innern befand sich ein dicker Stapel seiner Arbeiten. Er schob ihn näher zu mir heran und nippte an seinem Kaffee, während ich begann, die Blätter behutsam durchzugehen. Er nutzte vielfältige Malmittel, sowohl Aquarell- als auch Acrylfarben. Jedes Gemälde zeigte bezaubernde Motive in Magnolia Grove im Laufe der Jahrzehnte. Oliver hatte sich offensichtlich von seiner Heimatstadt inspirieren lassen. Ich hielt inne, als ich auf ein Werk stieß, das die malerische Main Street zum Motiv hatte, mit strahlenden Weihnachtslichtern und Festtagskränzen an den Straßenlaternen.
„Das ist wunderschön.“
„Es trägt den Namen ‚Weihnachten auf der Main Street‘.“
„Es ist perfekt. Und ich habe den richtigen Platz dafür.“ Ich zeigte auf die nackte Wand neben dem Weihnachtsbaum. „Ich habe nach etwas gesucht, womit ich die Lücke füllen kann, und dieses Bild ist genau das Richtige.“
„Ich habe noch mehr in meiner Sammlung.“
Oliver ging den Stapel durch und zeigte mir noch andere weihnachtliche Gemälde.
„Hör zu, lass uns ,Weihnachten auf der Main Street‘ und dieses hier, das den Marktplatz zeigt, ausstellen.“
Oliver warf mir ein breites Grinsen zu und strich sich das Haar aus der Stirn. „Es heißt ,Funkelnder Marktplatz.‘ Ich werde beide sofort einrahmen.“
„Einverstanden.“
Bevor er seine Kunstmappe schloss, fiel mir ein anderes Bild ins Auge.
„Da sieh mal einer an.“
Es war ein reizendes Gemälde, auf dem die Außenansicht meines Hauses zu sehen war, als es noch Elliots Apotheke beherbergte. Die altertümliche Fassade und die dreiköpfige, Milchshake trinkende Familie, die an einem Tisch vor dem Schaufenster saß, verkörperten eine einfachere Zeit.
„Ich denke, das hier muss ich für mich selbst kaufen.“
Oliver neigte den Kopf zur Seite. „Wirklich?“
„Es ist eine Hommage an mein Haus, und es ist wunderschön. Wie viel kostet es?“
„Äh … Ich weiß nicht …“
„Du solltest den Wert deiner Arbeit immer zu schätzen wissen. Wie wäre es damit: Du denkst über den Preis nach, und wenn du das Bild gerahmt zurückbringst, nennst du ihn mir.“
„Okay.“
Ich blickte auf die Uhr; es war fast Mittag. „Ich mache mich besser wieder daran, die Thermosflaschen aufzufüllen für die Feier zum Einschalten der Weihnachtsbaumbeleuchtung. Ich hoffe, wir sehen uns dort.“
Oliver schloss den Reißverschluss seiner Kunstmappe. „Ich werde mit dem Einrahmen der Bilder beschäftigt sein.“
„Ach, das kann bis morgen warten. Du darfst dir den Spaß nicht entgehen lassen.“
Er kicherte leise. „Ist schon gut, Miss Parker. Ich bin nicht gerade der Typ Mensch fürs Weihnachtsbaumanknipsen. Außerdem möchte ich die hier schnell anbringen. Hoffentlich verkaufen sie sich.“
„Ich bin sicher, das tun sie. Nur damit du’s weißt, ich werde keine Vermittlungsprovision verlangen.“
Oliver strich sich wieder die Haarsträhnen aus der Stirn und schenkte mir ein breites Grinsen. „Danke schön. Ich kann Ihnen gar nicht sagen, wie sehr ich das zu schätzen weiß.“
Er eilte nach draußen, während ich mit dem Brühen des Kaffees fortfuhr. Das angenehme Aroma von Vanille, Zucker und Butter umgab mich von allen Seiten, zusätzlich zu der leisen Weihnachtsmusik und den gedämpften Stimmen der Kunden. Es war genauso, wie ich es mir vorgestellt hatte.
***
Der kleine Stand des Catch You Latte war einer von vielen, die sich auf dem Marktplatz befanden. Hazel stand neben mir und trug einen niedlichen rot-grünen Parka, der gut zu ihrer festlichen Haarfarbe passte. Wir ließen die Blicke über die Szenerie schweifen, die aussah, als sei sie einem Film entsprungen: Weiße, funkelnde Lichter hingen von den Bäumen herab, ein akustisches Trio – The Tall Pines – spielte weihnachtliche Folkmusik, und die Luft war erfüllt von Lachen und den köstlichen Aromen herzhafter Speisen und süßer Leckereien.
Einige Stände von uns entfernt verteilte eine strahlend lächelnde Nellie kleine Schachteln mit Evergreen-Delights-Weihnachtspralinen. Ihre fröhliche Stimme war inmitten des festlichen Trubels gut zu hören: „Es ist für einen guten Zweck“, sagte sie zu jeder Person, die ihr eine Schachtel abnahm.
Hazel und ich versorgten die Besucher mit einem stetigen Fluss an kostenlosem Weihnachtskaffee, Kakao und leckeren Keksen. Einige Kinder kamen für eine zweite Runde heißen Kakaos zurück. Wer konnte ihnen verdenken, dass sie mehr von dem göttlichen Gebräu wollten, das aus reichhaltiger Schokolade, Nutella und einem Sahnehäubchen bestand?
Während einer kurzen Pause taumelte Mayor Camden auf unseren Stand zu. Er wirkte blass und mitgenommen, und von seinem sonst so adretten Äußeren war nicht viel übriggeblieben. Ich dachte daran, dass Nellie gesagt hatte, er habe am vergangenen Abend „zu tief ins Glas geschaut“. Es sah so aus, als hätte der Bürgermeister es mit dem Feiern ziemlich übertrieben.
„Abend, Mayor, hätten Sie gerne eine Kostprobe?“
Er lehnte sich gegen den Stand und tupfte sich die schweißnasse Stirn mit einem Taschentuch ab. „Mh-hm.“
Ich wechselte einen Blick mit Hazel, als ich ihm einen Keks reichte.
„Bitte schön.“ Ich lehnte mich nach vorn und servierte ihm eine Tasse Kaffee. Sein Atem hatte eine seltsame, fast chemische Note, und ich rümpfte die Nase. „Alles in Ordnung mit Ihnen, Mayor Camden?“
Er winkte ab. „Ja, ja, alles gut. Alles gut …“ Dann stolperte er davon.
„Mayor Camden scheint ein bisschen durch den Wind zu sein“, sagte Hazel.
„Hm.“
Nach dem seltsamen Aufeinandertreffen mit dem Bürgermeister kam Whit durch den Park geschritten. In seinem marineblauen Wollmantel und dem karierten Schal sah er aus wie aus einem Modemagazin. Er trat an den Stand, beugte sich zu mir und gab mir einen flüchtigen Kuss auf die Wange. Diesmal allerdings einige Zentimeter näher an meinen Lippen als bei den vorherigen Küssen, weshalb ich die Hoffnung hatte, dass sich die Dinge in eine gute Richtung entwickelten.
„Das Fest ist dieses Jahr wirklich fantastisch“, sagte er.
„Es ist magisch.“
„Und aus einem bestimmten Grund ist es ganz besonders gut.“ Whit bedachte mich mit einem vielsagenden Augenzwinkern, das mir ein Kribbeln im Bauch bescherte.
Ich reichte ihm eine Tasse. „Das ist heißer Kakao.“
„Was ist mit der Weihnachtsmischung?“, fragte er.
„Probier ein Schlückchen.“
Es bedurfte nicht viel an Überredungskunst, damit Whit dem nachkam.
„Oh, wow, Parker, du hast wirklich ein Händchen für so was.“
Hazel servierte ihm einen ihrer Ingwer-Weihnachtskekse. Whit biss hinein und schloss die Augen.
„Jetzt verstehe ich, warum an eurem Stand so viel los ist. Ihr zwei ergänzt euch wirklich perfekt.“
Ich ließ den Blick über den Marktplatz schweifen und beobachtete die Bewohner dabei, wie sie von einem Stand zum anderen bummelten. Obwohl es ein wenig kühl war, herrschte eine warme und heitere Atmosphäre.
„Die Weihnachtszeit fühlt sich so viel … festlicher an in einer Kleinstadt“, sagte ich.
Clyde schlängelte sich zu unserem Stand durch und hatte Major bei sich, der eine reizende rote Fliege zur Schau stellte. Für einen Moment verließ ich meinen Platz, um Major zu streicheln und ihm ein Leckerli zu geben. Ich hatte damit angefangen, für etwaige Begegnungen mit meiner Lieblingsfellnase immer extra Leckerchen bei mir zu tragen.
„Hallo, Kumpel. Ich habe dich so vermisst. Du siehst sehr hübsch aus mit deiner roten Fliege.“
Clyde räusperte sich.
„Hi, Clyde. Dich habe ich auch vermisst.“
Ich ging zurück zum Stand und reichte ihm einen Weihnachtskeks.
Clyde nahm einen Bissen und stieß einen Pfiff aus. „Hazel, du hast dich selbst übertroffen.“
„Danke, Clyde“, sagte Hazel.
„Nun, ich werde mal weiterziehen, Major und ich wollen uns nämlich alle Stände ansehen. Und Parker, Major fragt ständig, wann er das nächste Mal vorbeikommen und bei dir übernachten darf.“
Ich lehnte mich aus dem Stand und bedachte Major mit einem breiten Lächeln. „Jederzeit, Kumpel.“
Clyde winkte und zog mit Major davon.
Einige Minuten später kamen Mom und Dad zum Stand geschlendert. Sie hielten Händchen und kuschelten sich verliebt aneinander. Der Festagszauber der Kleinstadt war also auch auf sie übergesprungen.
„Hi, ihr zwei Turteltäubchen“, sagte ich.
„Guten Abend allerseits“, rief Dad laut.
„Hallo, Mr. und Mrs. Hayes.“ Whit schüttelte Dads Hand.
„Nun, Whit, hatten wir Ihnen nicht gesagt, dass wir Daniel und Beth heißen?“
Whit kicherte. „Alles klar. Ich hoffe, es gefällt Ihnen, Daniel und Beth.“
Mom blickte zwischen den vielen festlich dekorierten Ständen umher. „Es ist einfach großartig, ein Weihnachtsspektakel!“
Ich reichte jedem der beiden eine heiße Schokolade, da ich nicht wollte, dass sie wegen meines Kaffees die ganze Nacht wachblieben.
Mom nippte an ihrem Kakao und lächelte. „Wir sind so froh, dass du hierhergezogen bist, Parker. Wir sind ganz vernarrt in diese Stadt.“
Dad trank seinen Kakao in einem Zug aus und stellte den leeren Pappbecher ab. „Sie gefällt uns so gut, dass wir mit dem Gedanken spielen, auch herzuziehen.“
Mein Herz setzte für einen Schlag aus. „Wirklich? Denn nichts würde mich glücklicher machen. Nun ja, ein oder zwei Dinge könnte ich mir schon vorstellen.“ Ich hielt inne und warf Whit einen verstohlenen Blick zu. „Aber im Ernst, es wäre wundervoll, euch in der Nähe zu haben.“
Hazel schaltete sich in die Unterhaltung ein. „Es würde Ihnen hier sehr gefallen. Magnolia Grove ist der beste Ort, um gemeinsam alt zu werden.“
Dad legte seinen Arm um Mom und zog sie dicht an sich heran. „Es ist ein durchaus reizvoller Gedanke … Hey, haben Sie uns eben ,alt‘ genannt?“
Wir lachten und teilten den feierlichen Moment miteinander.
Whit nahm sein Handy heraus und ließ den Finger über das Display gleiten. „Wenn es Ihnen ernst ist, kann ich Sie mit unserem örtlichen Immobilienmakler Brooks Waverly bekanntmachen.“
Mom horchte auf. „Wir meinen es durchaus ernst.“
„Todernst“, fügte Dad hinzu.
Fast hätte ich sie gebeten, vorsichtig mit ihrer Wortwahl zu sein, doch ich wollte ihnen nicht den Abend vermiesen.
Ich sah auf mein Mobiltelefon. „Es ist fast sieben Uhr. Also, Whit, wie läuft das Einschalten der Weihnachtsbaumbeleuchtung ab?“
Whit ließ sein Handy zurück in die Manteltasche gleiten. „Nun, Parker, es ist ein ziemlich komplizierter und mehrstufiger Prozess. Zuerst versammeln sich alle um den riesigen Baum dort drüben im Zentrum des Parks. Und dann … nun, das ist der knifflige Teil, denn man muss konzentriert und präzise vorgehen. Der Bürgermeister nimmt das Kabel für die Baumbeleuchtung zur Hand und verbindet es mit einem Verlängerungskabel.“
Ich lachte. „Und das war’s?“
„Das war’s. Na ja, es könnte sein, dass es Applaus und Jubel gibt.“
Die Menge begann, sich um den gigantischen Weihnachtsbaum in der Mitte des Marktplatzes zu versammeln. Hazel und ich verließen unseren Stand, und wir schlenderten alle fünf in Richtung des Baumes, während die kalte Abendluft um uns herum von Kiefernduft erfüllt war. Die Band stimmte eine Akustikversion von „O Christmas Tree“ an. Es herrschte ein fröhliches Treiben, während wir auf den großen Auftritt des Bürgermeisters warteten, der die Lichter einschalten sollte.
Wir warteten. Und warteten noch etwas länger.
Ich blickte noch einmal auf mein Handy und drehte mich dann zu Whit um. „Es ist schon zehn nach sieben.“
Er ließ den Blick durch die Menge schweifen. „Komisch. Der Bürgermeister mag zwar einen fragwürdigen moralischen Kompass haben, aber pünktlich ist er immer.“
Und dann hörten wir es …
Ein markerschütternder Schrei erklang von der Nordseite des Marktplatzes aus.
Wie eine Biene, die es zum Honig zieht, flog ich geradezu durch die Menge. Whit folgte mir. Alles, an was ich denken konnte, war: Nein, nein, nicht schon wieder …
Wir traten neben eine Frau, die wie gelähmt dastand. Sie hielt den Blick starr auf Mayor Camden gerichtet, der zusammengebrochen war und ein schauriges Bild abgab, wie er da leblos am Boden lag. Ein zur Hälfte gegessener Keks und ein leerer Pappbecher von meinem Stand lagen neben ihm.