Leseprobe Ein Gentleman für einen Mord

Kapitel 1

Samstag, 20. Februar 1937

Eynsleigh Manor, Sussex, England

Liebes Tagebuch: Es war ein seltsamer Start in dieses Jahr. Ich habe erlebt, wie sich mein Cousin David, der ehemalige König, aus England fortgestohlen hat, um sich nach Frankreich zu Mrs. Simpson zu flüchten, nachdem er für sie den Anspruch auf seinen Thron aufgegeben hatte. Ich hoffe, es ist ihm bewusst, was er damit opfert. Und ich hoffe von ganzem Herzen, dass er glücklich wird. Ich glaube allerdings nicht, dass sie glücklich ist. Diese Entwicklung ist ganz und gar nicht das, was sie sich erträumt hatte. Sie hatte Königin werden wollen. Wie töricht. Auf jeden Fall haben wir jetzt ein neues Königspaar auf dem Thron. Und ich glaube, die beiden werden sich bestens schlagen. Sie sind ein wirklich anständiges Paar und ihre Töchter sind liebe, kleine Mädchen. Ich habe sie sehr gern.

Ich war dieses Jahr nachlässig, was dieses Tagebuch angeht, da in meinem Leben nicht viel passiert ist, über das es sich zu schreiben lohnt. Ich war zu Hause und habe mich um meinen kleinen Sohn gekümmert. Ich sah ihn heranwachsen, und habe jeden seiner Entwicklungsschritte beobachtet. Darcy musste immer wieder für die Arbeit nach London fahren. Oder sich um das Gehöft kümmern. Sir Hubert ist wieder auf Reisen. Mein Großvater ist nach Essex zurückgekehrt. Alles ist still und friedlich.

10:30 Uhr. Ich hätte das hier niemals schreiben sollen.

Diese Geschichte nahm ihren Anfang, als ich an einem frischen Morgen aus dem Fenster des blauen Zimmers an der Vorderseite des Hauses schaute und ein uraltes Taxi sah, das die Auffahrt heraufkam. Ich sah eine großgewachsene, ältere Frau, die aus dem Fahrzeug ausstieg. Sie schaute sich mit einem derart hochmütigen und missbilligenden Gesichtsausdruck um, dass es sich wohl mindestens um eine russische Großherzogin handeln musste, die womöglich von meiner Freundin Zou Zou zu uns geschickt worden war; formell auch bekannt als die Prinzessin Zamanska. Ich richtete hastig mein Haar, strich meinen Rock glatt und eilte die Treppe hinunter, um sie persönlich zu empfangen. Ich öffnete die Haustür, als sie gerade anklopfen wollte.

„Hallo“, sagte ich.

Ihr Gesichtsausdruck wurde bloß noch missbilligender. „Ist es allen Bediensteten dieses Hauses gestattet, so vertraut mit Gästen umzugehen und sich so unangemessen zu kleiden?“, fragte sie mit einer Stimme, die Glas hätte schneiden können.

„Ich möchte mit Lady Georgiana sprechen. Bitte informieren Sie sie über mein Eintreffen.“

Mir fiel auf, dass sie einen grauen Umhang, einen grauen Rock und einen grauen Pillbox-Hut trug, der zu ihrem grauen Haar und ihrem grauen Gesicht passte. Nur ihre Augen wiesen einen dunkleren stahlgrauen Farbton auf. Donnerwetter, dachte ich. Hätte ich wissen müssen, dass sie zu uns kommen würde? Hatten Darcy oder ein Bediensteter vergessen, mich darüber zu informieren, dass eine Person von Bedeutung an meiner Haustür auftauchen würde?

„Ich bin Lady Georgiana“, sagte ich. „Kommen Sie bitte herein.“

Sie hob ob dieser Worte eine Augenbraue. „Eure Schwägerin, Ihre Hoheit, die Duchess, sagte mir bereits, dass dies ein nachlässiger Haushalt sei. Doch ich hätte mir nie ausgemalt, dass die Dame des Hauses selbst die Tür öffnen muss.“

„Ich sah nur zufällig aus dem oberen Stock, wie das Taxi vorfuhr, also kam ich herunter, um Sie zu empfangen“, sagte ich. „Sie kennen also Fig, ja?“

„Ihre Hoheit, Hilda, Duchess of Rannoch? Ja. Wir sind sehr vertraut. Eine wundervolle Frau. Das Salz der Erde.“

Jeder, der dazu imstande war, Fig als wundervolle Frau zu beschreiben, war in meinen Augen sofort verdächtig. „Und dürfte ich Ihren Namen erfahren?“

Wieder hob sie die Augenbraue. „Heißt das, Ihr habt mich nicht erwartet? Eure Schwägerin, Ihre Hoheit, die Duchess, sagte mir, dass sie Euch schreiben würde, um mein Eintreffen anzukündigen. Offensichtlich ist die Post nicht mehr das, was sie einst war. Oder womöglich ist bei den Unwettern in Schottland wieder einmal der Postwagen steckengeblieben. Ich bin Euer neues Kindermädchen. Nanny Hardbottle.“

Ich glaube, mein Kiefer klappte herunter, und irgendwie war ich nicht imstande, ihn wieder zu schließen.

Jetzt musterte sie mich mit einem finsteren Blick.

„Aber da muss ein Fehler vorliegen. Ich habe nie verlangt, ich meine, ich habe niemanden eingestellt …“

„Exakt“, sagte sie. „Ihre Hoheit sagte mir, dass Ihr seit der Geburt Eures Kindes noch kein anständiges Kindermädchen hattet, und es sei an der Zeit, das zu ändern. Also nahm sie es selbst in die Hand, um Euch den Ärger zu ersparen. Und zum Glück erfuhr sie, dass der letzte der Aubrey-Fulton-Söhne gerade auf eine Militärakademie gegangen ist und ich jetzt zur Verfügung stehe.“

Ich konnte meinen Mund immer noch nicht dazu bewegen, Worte hervorzubringen.

„Ich hatte in Erwägung gezogen, mich zur Ruhe zu setzen“, fuhr sie fort, „und in einem Cottage im Lake District Begonien zu züchten. Doch angesichts Eurer offensichtlichen Bedürftigkeit und der Tatsache, dass Ihre Hoheit, die Duchess, mich beinahe auf Knien angefleht hat – wie könnte ich da verneinen? Immerhin wird der junge Master einst eine führende Persönlichkeit des Empire werden.“ Sie hielt inne und musterte mich mit unverhohlener Verachtung. „Währt Ihr jetzt so gut, einen Bediensteten damit zu beauftragen, mir mein Quartier zu zeigen? Ich nehme an, es gibt ein angemessenes Zimmer, direkt neben dem Kinderzimmer des jungen Masters.“

In diesem Augenblick befand sich der junge Master nicht einmal in seinem Kinderzimmer. Er lag in der Krippe in meinem Schlafzimmer, da ich ihn immer noch stillte und keine Lust darauf hatte, mitten in der Nacht durch Flure und über Treppen zu laufen. Ich hatte ihn in der Nähe haben wollen, für den Fall, dass er aufwachte und weinte. In der Theorie wusste ich, dass ich ein Kindermädchen brauchte. Wie sie es gesagt hatte, würde James zu einer zukünftigen Führungsperson des Empire heranwachsen. Und von Familien wie der meinen erwartete man es, ein Kindermädchen einzustellen. Doch ich hatte es aufgeschoben, da ich die Nähe zu meinem Sohn genossen hatte, und die Möglichkeit, jeden neuen Meilenstein seiner Entwicklung, jedes Lächeln und jedes Glucksen mitzuerleben. Bislang hatte mir meine Zofe Maisie dabei geholfen und die weniger angenehmen Aufgaben übernommen, wie die Wäsche, das Wechseln der Windeln und auf ihn aufzupassen, wenn ich außer Haus war. Meine Gedanken rasten, während ich versuchte, mir eine Möglichkeit einfallen zu lassen, um dieser Frau zu sagen, dass sie der letzte Mensch auf Erden war, in dessen Obhut ich mein Kind geben wollte. Doch mein Verstand verweigerte mir die Arbeit.

Ich öffnete den Mund, um ihr zu sagen, dass sie verschwinden und nie mehr wiederkommen solle, doch stattdessen hörte ich mich sagen: „Bitte begleiten Sie mich ins Tageswohnzimmer. Ich werde meine Haushälterin rufen. Sie wird wissen, wo wir ein Kindermädchen unterbringen können.“

Ich führte sie in besagtes Zimmer, bedeutete ihr, sich zu setzen, und betätigte den Klingelzug. Augenblicklich tauchte unser Lakai Phipps in der Tür auf. „Ihr habt geläutet, Mylady.“

„Ja, Phipps. Bitte richten Sie Mrs. Holbrook aus, dass ich mit ihr sprechen möchte.“

Mir entging nicht, dass Nancy Hardbottle ihren stahlgrauen Blick durch den Raum schweifen ließ. Da es das schönste Zimmer im Haus war mit seinen hellblau und gelb gemusterten Tapeten, den mit blassblauer Seide bezogenen Möbeln und den großen Fenstern mit Blick über das Gelände, bot es ihr keinen Stein des Anstoßes.

„Ist dies der Familienwohnsitz Ihres Ehemannes?“, fragte sie. „Das Haus hat eine angenehme Einrichtung.“ (Ich hätte beinahe damit gerechnet, dass sie von einer „netten, kleinen Wildnis“ sprechen würde. Die Ähnlichkeit mit Lady Catherine de Bourgh war verblüffend.)

„Nein, dieses Haus gehört Sir Hubert Anstruther, dem berühmten Bergsteiger und Entdecker. Er hat uns angeboten, hier zu leben. Ich bin seine Erbin.“

„Wirklich? Er hat keine Verbindung zur Königsfamilie, oder? Ich weiß, dass Ihr eine Verbindung habt. Ihre Hoheit hat sehr deutlich hervorgehoben, dass Ihr eine Urenkelin von Queen Victoria seid. Also nehme ich an, dass Ihr durch die Familie Eurer Mutter zu Eurem Erbe kommen werdet, ja?“

Ich versuchte, einen gelassenen Gesichtsausdruck zu wahren. Ich brannte geradezu darauf, ihr zu erzählen, dass meine Mutter aus einem bescheidenen Reihenhaus im East End Londons stammte und dass ihr Vater früher Polizist gewesen war. Vielleicht hätte sie das in die Flucht geschlagen. Doch gleichzeitig wollte ich nicht, dass sie meiner Mutter und meinem Großvater Verachtung entgegenbrachte. Also antwortete ich: „Sir Hubert ist mein Patenonkel. Er war früher mit meiner Mutter verheiratet.“

„Oh, ja, die Schauspielerin.“ Sie hatte also von ihr gehört; und da die Informationen von Fig stammten, wahrscheinlich auch viele reißerische Einzelheiten. „Welch ein Glück, ein so schönes Anwesen zu erben. Der junge Master muss lernen, dass solche Privilegien mit Verantwortung einhergehen.“

Ich wünschte, Mrs. Holbrook würde sich beeilen. Ich entschied, dass es der richtige Zeitpunkt sein könnte, um die unterwürfige Ehefrau zu spielen. „Wir werden natürlich die Zustimmung meines Ehemannes einholen müssen, ehe wir Sie einstellen“, sagte ich. „Er hält sich zurzeit in London auf.“

„Zweifellos in seinem Club.“

„Nein, er arbeitet für die Regierung“, sagte ich. „Er nimmt dieses Wochenende an irgendeiner Konferenz teil.“

„Er arbeitet?“ Sie hätte selbst dann nicht missbilligender klingen können, wenn ich ihr erzählt hätte, dass er an den Docks Muscheln und Schnecken aus einer Schubkarre verkaufte. Sie klang wie Lady Bracknell, die ihre berühmte Textzeile zum Besten gab: „Eine Handtasche?“

„Mr. O’Mara ist kein Mann für das müßige Leben“, sagte ich. „Er hat seinem Land bereits große Dienste erwiesen.“

Nicht einmal das vermochte es, ihr den kritischen Blick aus dem Gesicht zu wischen. „Mr. O’Mara? Heißt das, Euer Ehemann ist ein Bürgerlicher?“

„Keinesfalls. Ich hätte sagen sollen: der ehrenwerte Darcy O’Mara, Erbe von Lord Kilhenny of Ireland.“

„Oh. Ein irischer Adliger. Ich verstehe.“

Kurz wünschte ich mir beinahe, ich hätte getan, was meine Familie von mir erwartet hatte, und Prinz Siegfried von Rumänien geheiratet, auch bekannt als Fischgesicht. Selbst sie hätte auf einen zweiten Platz in der Thronfolge nicht herabblicken können. Auch wenn es ein ausländischer Thron war. Ich entschied, dass ich genug hatte.

„Wenn Sie befürchten, dass dieser Haushalt nicht der richtige für Sie ist, Nanny, dann steht es Ihnen frei, in den Lake District zu gehen und ihre Begonien zu pflanzen“, sagte ich.

Damit schien ich einen Treffer gelandet zu haben. Sie wirkte kurz verstimmt, fing sich dann aber und sagte: „Das werden wir noch sehen müssen, nicht wahr? Wollen wir der Sache wenigstens eine Chance geben, bis die Duchess eintrifft.“

„Die Duchess?“ Ich glaube, dieses Mal kam mir meine Stimme in einem Quietschen über die Lippen. „Meine Schwägerin kommt her?“

Ich glaube, sie wirkte ein wenig selbstgefällig ob dieser Reaktion. „Sie versicherte mir, sie würde sich die Mühe machen, selbst nach England zu kommen, um zu schauen, ob ich mich gut in meiner neuen Anstellung eingefunden habe; nur für den Fall, dass Ihr Anleitung braucht, bezüglich der Rolle eines Kindermädchens in einem Haushalt dieses Kalibers. Sie gab mir zu verstehen, dass sie Euch all das in einem Brief schreiben würde, der auf wundersame Weise noch nicht eingetroffen ist.“

In ihrem Blick schien der Verdacht zu liegen, ich könnte ihn verbrannt haben. Ich seufzte erleichtert, als Mrs. Holbrook hereinkam.

„Ihr wolltet mich sprechen, Mylady?“, fragte sie und erstarrte dann. „Oh, wir haben Besuch. Verzeihung. Ich war nicht informiert. Ich habe die Türklingel nicht gehört.“

„Keine Sorge, Mrs. Holbrook. Ich habe die Tür geöffnet, da ich zufällig vorbeikam. Das hier ist Nanny Hardbottle. Sie wurde von meiner Schwägerin geschickt und soll sich um James kümmern.“

Mrs. Holbrook warf mir einen fragenden Blick zu. „Sehr wohl, Eure Ladyschaft.“

„Sie muss zu ihrem Quartier geführt werden.“

„Ihr Quartier, Eure Ladyschaft?“

„Ich nehme doch an, dass es beim Kinderzimmer ein angemessenes Schlafzimmer und ein Wohnzimmer für ein Kindermädchen gibt, oder?“

„Ja, natürlich. Aber wie Ihr wisst, werden diese Räume zurzeit nicht benutzt.“ Mrs. Holbrook wirkte besorgt.

„Sie werden nicht benutzt?“, fragte Nanny Hardbottle. „Haben Sie denn keine Amme? Wo schläft sie? Wer kümmert sich um den jungen Master, wenn er nachts aufwacht?“

Die ganze Situation wurde von Minute zu Minute unangenehmer.

„Tatsächlich schläft James nachts in einer Krippe in meinem Schlafzimmer“, sagte ich. „Ich stille ihn selbst, und das kam mir so am praktischsten vor.“

Hätte sie ihre Augenbraue nur noch ein kleines bisschen höher gehoben, wäre sie unter dem stahlgrauen Haar verschwunden. „Nein, sowas“, sagte sie. „Ich hörte davon, dass solche Praktiken modern sein sollen. Wie alt ist der junge Master?“

„Fast sieben Monate“, antwortete ich.

„Und er nimmt noch keine feste Nahrung zu sich?“

„Er hat mit fester Nahrung angefangen. Ich bin gerade dabei, ihn abzustillen. Doch das Stillen wirkt sehr beruhigend auf ihn. Und auch auf mich.“ Ich wollte ihr gegenüber nicht zugeben, dass James immer weniger Interesse am Stillen zeigte, und die Tatsache, dass er Zähne entwickelt hatte, den Prozess auch für mich weniger angenehm machte.

„Nun, ich schätze, es lässt sich einrichten, ihn zur angemessenen Zeit nach unten zu bringen, solltet Ihr diese eigenartige Praxis aufrechterhalten wollen“, sagte Nanny Hardbottle. „Und dürfte ich fragen, ob schon mit der Sauberkeitserziehung angefangen wurde?“

„Noch nicht.“ So langsam kam ich mir vor wie bei der spanischen Inquisition.

„Sämtliche Kleinkinder in meinen Haushalten waren mit acht Monaten von der Windel entwöhnt“, sagte sie. „Das ist nur eine Frage der Routine. Und man muss dem Kind vermitteln, was von ihm erwartet wird. Jedes Kind sollte spätestens mit einem Jahr die Regeln kennen.“

„Wenn Ihr mich entschuldigen würdet, Mylady“, sagte Mrs. Holbrook. „Ich werde Maisie suchen und mit ihr das Quartier des Kindermädchens vorbereiten, wenn Ihr das wünscht.“

„Vielen Dank, Mrs. Holbrook“, sagte ich. „Wir werden der Nanny etwas Zeit geben, um herauszufinden, ob dies die richtige Stelle für sie ist. Könnten Sie in der Zwischenzeit vielleicht etwas Tee heraufschicken lassen?“

„Natürlich.“ Mrs. Holbrook verbeugte sich ernst und zog sich zurück.

„Ihr scheint gut ausgebildete Bedienstete zu haben“, merkte Nanny Hardbottle an. „Ich nehme an, sie gehören zum Haus und zu Sir Hubert?“

Diese Frau war wirklich unausstehlich. Warum fand ich nicht den Mut, ihr zu sagen, dass sie hingehen sollte, wo sie hergekommen war, und meiner Schwägerin ausrichten sollte, wohin sie sich ihr Kindermädchen stecken konnte? Stattdessen saßen wir unter unbehaglichem Schweigen da, bis vor der Tür das Klappern von Teetassen zu hören war.

„Ah, gut, der Tee“, sagte ich.

Die Tür flog auf und Queenie kam mit einem Tablett herein.

„Aufpassen, Missus“, sagte sie.

Kapitel 2

Samstag, 20. Februar

Eynsleigh

Donnerwetter! Was soll ich nur tun? Ich kann sie ja wohl nicht fortschicken, ehe Fig eintrifft, oder? Und mir fällt keine Möglichkeit ein, um Fig von ihrem Besuch hier abzuhalten. Hilfe!

Meine ehemalige Zofe, die jetzt unsere Hilfsköchin war, kam mit ihrer üblichen Darstellung eines durchgegangenen Zugpferdes in den Raum. Die Tassen klapperten besorgniserregend, als sie schlitternd zum Stehen kam und unseren Gast mit offenem Mund anstarrten. „Potz Blitz!“, sagte sie. „Ich wusste nicht, dass Sie jemanden von außerhalb hier haben. Ich hätte noch eine Scheibe von meinem Lardy Cake dazulegen können.“ Ihre Haube saß schief und einer der Knöpfe an der Vorderseite ihrer Uniform hatte sich geöffnet oder war abgerissen, sodass darunter ein recht grauer und unerfreulicher Stoff zum Vorschein kam.

„Das ist schon in Ordnung, Queenie“, sagte ich. „Dies ist Nanny Hardbottle. Sie ist hergekommen, um sich um Master James zu kümmern.“

„Aber Sie hatten doch gesagt, dass Sie kein Kindermädchen wollen“, fuhr Queenie in ihrer üblichen, taktlosen Art fort. „Sie haben gesagt, dass Sie Ihr Kind auf keinen Fall von einer vertrockneten, alten Schachtel erziehen lassen würden. Das habe ich mit eigenen Ohren gehört.“

„Das wäre dann alles, Queenie“, sagte ich. „Bitte stell das Tablett vorsichtig auf dem kleinen Tisch ab.“

„Ich kann auch einschenken, wenn Sie wollen“, sagte sie.

„Nein, das schaffe ich schon. Danke.“ Ich teilte ihr mit meinem Blick mit, dass sie schnellstmöglich verschwinden sollte. Queenie war jedoch noch nie sonderlich aufmerksam gewesen, wenn es um solche Hinweise ging. „Das macht mir nichts aus“, sagte sie. „Ich habe nichts mehr zu tun, da ich die Kartoffeln für heute Abend schon geschält habe. Der Koch bereitet einen seiner französischen Puddings zu. Er nannte ihn Po de Crème.“ Sie kicherte bei dem Wort „Po“. Cockneys scheinen alles, was mit Toiletten oder Körperfunktionen zu tun hatte, überaus amüsant zu finden.

„Du kannst gehen, Queenie“, sagte ich.

„Klar wie Kloßbrühe.“ Sie grinste Nanny Hardbottle breit an. „Bestimmt schön, Sie kennenzulernen.“

Es herrschte Schweigen, während ich den Tee einschenkte.

„Was für eine außergewöhnliche Frau“, sagte Nanny Hardbottle. „Wer in aller Welt ist sie? Gewiss keines Eurer Dienstmädchen, oder?“

„Meine Hilfsköchin“, antwortete ich. „Ich fürchte, sie ist ein wenig unorthodox. Aber sie backt ziemlich gut. Normalerweise bleibt sie sicher verwahrt in der Küche, aber ich schätze, die anderen Bediensteten waren anderweitig beschäftigt. Oder, so wie ich Queenie kenne, wollte sie unbedingt selbst den Tee nach oben bringen.“

„Wirklich außergewöhnlich“, wiederholte Nanny Hardbottle. „Eure Haushälterin scheint eine kompetente Frau zu sein. Könnte sie dieser Person nicht die Grundlagen höflichen Verhaltens beibringen?“

Ich musste lächeln. „Sie hat es bestimmt versucht. Wir haben es alle versucht. Aber entweder bleibt nichts davon hängen oder Queenie möchte es einfach nicht lernen.“

„Warum entlasst Ihr sie dann nicht?“

„Weil sie früher meine Zofe war und sich als überaus mutig erwiesen hat. Sie hat mir in Rumänien das Leben gerettet. Ich fühle mich für sie verantwortlich. Und wie ich schon sagte, macht sie recht gute Kuchen und Kekse.“

Dieses Mal sagte die Hardbottle nichts mehr, sondern schüttelte bloß den Kopf. Ich reichte ihr eine Tasse Tee. Sie nippte argwöhnisch daran, als könnte Queenie irgendetwas Unaussprechliches damit angestellt haben. Ich trank meine Tasse zügig leer. Als wir fertig waren, stellte Nanny Hardbottle ihre Tasse mit einer nachdrücklichen Bewegung ab. „Ich würde vorschlagen, dass Ihr mir den jungen Master vorstellt. Ihr sagtet, sein Name sei James?“

„Genau. James Albert Darcy.“

Sie nickte. „Benannt nach dem alten König, eurem Urgroßvater. Sehr angemessen.“

„Tatsächlich ist er nach meinem Großvater und meinem Ehemann benannt“, sagte ich. „Und James nach meinem Onkel, der im Weltkrieg gefallen ist. Ich habe ihn nie kennengelernt.“

„Wir haben im Weltkrieg so viele junge Männer verloren“, sagte sie und klang dabei ausnahmsweise einmal fast menschlich.

Ich erhob mich. „Maisie hat ihn mittlerweile bestimmt gebadet und ihn nach oben ins Kinderzimmer gebracht. Wenn Sie mir folgen würden.“

Ich führte sie die prächtige Haupttreppe hinauf, den Flur entlang und dann eine zweite, weniger prächtige Treppe nach oben. „Am anderen Ende des Flurs befindet sich eine Dienstbotentreppe“, sagte ich und deutete in die Richtung. „Die führt direkt nach unten zur Küche und dem Gemeinschaftszimmer der Bediensteten.“

Sie drehte sich um und starrte mich an. Offensichtlich hatte sie etwas dagegen, als Bedienstete eingestuft zu werden oder die Dienstbotentreppe benutzen zu müssen.

„Ich erwarte, dass die Mahlzeiten für den jungen Master und mich auf einem Tablett zu mir heraufgebracht werden“, sagte sie. „Und ich erwarte heißes Essen, also keine Bummelei. Und bitte lasst mir das Essen nicht von dieser Person bringen.“

„Sie würde es gar nicht die drei Stockwerke hinaufschaffen“, sagte ich mit einem Kichern.

Ich hörte eine Unterhaltung an dem Ende des Flurs, wo sich das Kinderzimmer befand: Maisies sanfte hohe Stimme und Mrs. Holbrooks tiefere Stimme mit ihrer kultivierten Aussprache. „Und wie ist sie so?“, fragte Maisie. „Soll ich etwa mit ihr zusammenarbeiten? Jamie wird es nicht gefallen, wenn sich jemand anders um ihn kümmert. Er hat sich an mich gewöhnt.“

„Ich bin mir sicher, die Nanny wird dankbar für deine Unterstützung sein“, sagte Mrs. Holbrook taktvoll.

„Ich bringe die Nanny nach oben, damit sie James kennenlernen kann“, rief ich als Warnung, damit sie nichts sagten, was wir alle später bereuen würden. „Er ist doch wach, oder?“

Maisie streckte den Kopf aus dem Kinderzimmer. „Oh, ja, Mylady. Er wurde gebadet und spielt jetzt mit seinem Spielzeug. So ein lieber kleiner Kerl. Er beschäftigt sich ganz von selbst.“

Wir betraten das Kinderzimmer. Im Kamin brannte ein Feuer und der Raum war angenehm warm. Das große Schaukelpferd, auf dem schon ich als Kind geritten war, stand immer noch am Fenster. James saß auf dem handgeflochtenen Teppich in der Mitte des Raums und vergnügte sich mit Bauklötzen in verschiedenen Formen und Farben. Er drehte sich um, als er mich sah, und kam auf mich zu gekrabbelt.

„Ma, ma, ma“, sagte er, während er die Arme ausstreckte und offensichtlich hochgehoben werden wollte. Er lernte gerade seine ersten Wörter und versuchte sich gelegentlich an „Mama“, nachdem er schon „Papa“ und „Ball“ gemeistert hatte.

„Hallo Liebling“, sagte ich. „Ich habe eine Dame mitgebracht, die dich kennenlernen möchte. Sie heißt Nanny. Sie wird sich um dich kümmern.“

James starrte sie argwöhnisch an, schaute dann wieder zu mir und sprach dann ein neues Wort zum ersten Mal in seinem Leben aus: „Nein, nein, nein!“

„Wie ich sehe, hat Master James schon seinen eigenen Willen“, sagte die Nanny. „Nein, hebt ihn nicht hoch, Eure Ladyschaft. Ein Kind darf sich nicht daran gewöhnen, seinen Willen durchsetzen zu können. Dürfte ich jetzt vorschlagen, dass Ihr nach unten geht, damit ich mich besser mit Eurem Sohn vertraut machen kann?“ Daraufhin schob sie mich beinahe aus dem Raum. Ich stand wütend und hilflos im Flur und schämte mich, weil ich mich von ihr hatte herumkommandieren lassen.

„Also junger Mann“, hörte ich ihre Stimme aus dem Zimmer. „Wie ich sehe, ist es höchste Zeit, dass du dich an einen anständigen Tagesablauf gewöhnst.“

Ich ging wieder nach unten. Ein Teil von mir flüsterte, dass sie recht hatte. James würde eines Tages einen Adelstitel erben. Er musste die gleiche Erziehung erhalten, wie alle anderen Mitglieder unserer Klasse. Und Maisie war ja noch da, um James ausreichend Liebe und Umarmungen zukommen zu lassen. Ich kehrte ins Tageswohnzimmer zurück und versuchte gerade, die Ruhe zu finden, um die Morgenausgabe der Zeitung zu lesen, als Phipps auf einem Silbertablett die Mittagspost hereinbrachte.

„Ein Brief für Euch, Mylady.“

Ich nahm ihn entgegen und erkannte sofort das Wappen sowie die kühne, zackige Handschrift meiner Schwägerin. Beklommen öffnete ich den Brief.

Liebe Georgiana,

Ich hoffe, dieses Schreiben erreicht dich bei guter Gesundheit und guter Laune. Hier in Schottland ist alles bestens, auch wenn wir gerade besonders heftige Stürme erleben, die auf dem Anwesen einige Bäume umgeworfen haben. Binky hat sich schwer erkältet, aber zum Glück die Kinder nicht angesteckt. Podge macht gute Fortschritte bei seinen Studien, und wir hoffen, dass er im September bereit ist, am Lynnwood House in deiner Nähe zur Schule zu gehen. Addy scheint ihren Spaß zu haben, wenn sie an seinem Unterricht teilnimmt, also werden wir wohl darüber nachdenken müssen, eine Gouvernante für sie einzustellen. Das alles kostet natürlich Geld, das wir nicht haben.

Ich schreibe dir, meine liebe Georgiana, weil es mir endlich gelungen ist, ein angemessenes Kindermädchen für dich zu finden. Ich war sehr verstört, als ich bei meinem letzten Besuch feststellte, dass du überhaupt kein ausgebildetes Kindermädchen für James hast und er in großer Gefahr schwebt, schrecklich verwöhnt zu werden. Deshalb habe ich es mir zur Aufgabe gemacht, ein Kindermädchen für dich zu suchen, und hatte endlich Erfolg. Sie kommt mit besten Referenzen, nachdem sie sich für die Aubrey-Fulton-Familie um alle sechs Söhne gekümmert hat, und davor um den Sohn des Duke of Huntington. All diese jungen Männer wurden erfolgreich an der Sandhurst oder Darthmouth aufgenommen und werden bei der Armee oder der Navy Karriere machen.

Nanny Hardbottle wird wenige Tage nach Ankunft dieses Briefes bei dir eintreffen, und ich hoffe, dass du sie willkommen heißt und ihr augenblicklich die Hoheit über das Kinderzimmer überlässt. Auch wenn es ein großes Opfer ist, habe ich beschlossen, den Lohn für ihre ersten sechs Monate zu zahlen, damit sie sich in ihrer neuen Stelle eingewöhnen kann. Außerdem habe ich beschlossen, so umständlich das zu dieser Jahreszeit auch sein mag, kommende Woche selbst nach Sussex reisen, um sicherzugehen, dass Nanny von deinen Bediensteten die angemessene Hilfe und Unterstützung erhält. Und ich werde dich dabei unterstützen, die Erziehung deines Sohnes ihren fähigen Händen zu überlassen. Macht das Beste aus ihr, Georgiana. Ich sende dir einen wahren Schatz.

In Liebe, deine Schwägerin

Hilda, Duchess of Rannoch

P.S.: Binky lässt liebe Grüße ausrichten. Er wäre auch mitgekommen, ist aber mit den Hochlandrindern beschäftigt.

Ich ließ den Brief sinken. „Du liebe Güte“, sagte ich. Der Gedanke, nicht nur ein furchteinflößendes Kindermädchen, sondern auch noch Fig im Haus zu haben, war gelinde gesagt beängstigend. Wenn Darcy doch nur nach Hause kommen würde. Wenn mein Großvater doch nur im Haus wäre. Ich brauchte einen Verbündeten. Tatsächlich konnte ich die ruhige Stimme meines Großvaters mit seinem Cockney-Akzent schon beinahe hören: „Es ist dein Haus, meine Liebe. Wenn du sie nicht da haben willst, sag ihr, dass sie sich verziehen soll.“ Genau das würde er sagen. Aber diese Entscheidung oblag nicht allein mir, sondern auch Darcy. Vielleicht wollte er ja, dass sein Sohn zu einer Führungsperson des Empire erzogen wurde.

Ich aß allein zu Mittag und ging dann um zwei Uhr nach oben, um James zu füttern. An der Tür wurde ich von Nanny abgefangen, die einen Finger hob, um mir zu bedeuten, dass ich leise sein solle.

„Ich habe Master James gerade für sein Schläfchen hingelegt“, sagte sie. „Wir wollen ihn doch nicht stören, oder?“

„Aber normalerweise füttere ich ihn um diese Zeit“, protestierte ich. Sie schüttelte ruhig den Kopf und führte mich in ihr Wohnzimmer. Im Kamin war ein Feuer entzündet worden und der Raum fühlte sich gemütlich an. Ich hatte dieses Zimmer zuvor schon einmal betreten, ohne ihm allzu viel Aufmerksamkeit zu schenken, hatte es allerdings als recht unscheinbar in Erinnerung. Jetzt wirkte der Raum, als hätte sie nur kurz ihren Zauberstab geschwenkt und ihn so zu ihrem eigenen gemacht. Sie bot mir einen Platz auf einem mit Chintz bezogenem Sessel an und ich setzte mich.

„Ich bin nach oben gekommen, um ihn zu füttern“, sagte ich. „Normalerweise isst er um zwei Uhr.“

„Master James hat pürierte Karotten und ein wenig Grieß bekommen“, sagte sie. „An beidem hat er recht schnell Gefallen gefunden. Ich würde sagen, dass er schon seit einer Weile dazu bereit ist, erwachseneres Essen zu sich zu nehmen. Ich würde vorschlagen, dass wir das Beste aus seinem neu entwickelten Interesse machen und von der Vorstellung ablassen, die Brust wäre gut für ihn.“

„Aber ich kann nicht einfach aufhören“, sagte ich. Ich fühle mich gerade sehr unwohl.“

„Das verstehe ich durchaus“, sagte sie. „Der Prozess muss langsam vonstatten gehen. Ich werde ihn um sechs Uhr morgens für seine erste Fütterung zu Euch bringen, und um sechs Uhr abends, bevor er gebadet wird und zu Bett geht. Außerdem werde ich ihm warme Milch aus einer Flasche anbieten, bis wir zu einer Tasse wechseln können. Sobald dieser Übergang geschafft ist – sagen wir, in einem Monat – werde ich ihn um Punkt vier Uhr zum Tee nach unten bringen. Damit er eine Stunde lang mit seinen Eltern verkehren kann. Ich hoffe, Ihr stimmt dem zu.“

„Sie wollen, dass ich mein Sohn nur eine Stunde am Tag zu Gesicht bekomme?“, verlangte ich zu wissen.

„Es ist Euch gewiss bekannt, dass dies eine normale Prozedur in Adelshäusern ist. Seid Ihr nicht selbst mit einem ähnlichen Zeitplan aufgewachsen?“

„Ich habe meine Eltern kaum kennengelernt“, sagte ich. „Mein Vater hielt sich meistens an der Riviera auf und meine Mutter verschwand, als ich noch recht jung war. Zum Glück hatte ich ein gütiges und fürsorgliches Kindermädchen, sodass mir nie der Eindruck entstand, mir würde etwas fehlen. Ich möchte, dass auch James mit Liebe und Wärme aufwächst.“

„Er ist ein Junge, Mylady“, sagte sie. „Er muss von Anfang an lernen, Stärke und Mut zu beweisen. Euer Ehemann wird mir da gewiss zustimmen. Ich nehme an. Er wurde schon in jungem Alter auf eine Schule geschickt.“

„Er ging auf ein Internat“, sagte ich. „Aber ich hörte auch, dass seine Mutter eine herzliche und sanfte Frau war, die sich intensiv an der Erziehung ihrer Kinder beteiligt hatte. Leider ist sie jung verstorben.“

„Eine irische Familie, sagtet Ihr.“ Ihre Stimme klang eisig. „Da drüben ist man gewiss ein wenig nachlässiger. Wenn Ihr mich jetzt entschuldigen würdet …“ Sie erhob sich. „Ich werde den Jungen nach unten in Euer Schlafzimmer bringen, damit ihr ihn füttern könnt.“ Sie verschwand, ohne auf meine Zustimmung zu warten.

***

Der Nachmittag verging nur langsam. Mit einem Ohr lauschte ich, ob James weinte, doch ich vernahm nichts. Ich schaute immer wieder auf die Uhr und betete dafür, dass Darcy bald nach Hause kommen würde. Der Tee wurde serviert, doch ich hatte keinen Appetit und Queenies Spritzgebäck konnte mich nicht in Versuchung führen. Um kurz vor sechs begab ich mich nach oben in mein Schlafzimmer. Ich hörte Schritte im Flur, ein Klopfen an meiner Tür und dann kam Nanny mit James im Arm herein. Er sah mich, stieß einen klagenden Schrei aus und klammerte sich an mich wie eine Klette.

„Es ist alles in Ordnung, mein Schätzchen. Mama ist ja hier“, sagte ich, während ich ihm durch die dunklen Locken strich.

„Master James, vergesst nicht, was ich Euch gesagt habe“, sagte das Kindermädchen. „Ihr seid jetzt ein großer Junge, und große Jungen weinen und jammern nicht.“ Sie warf mir einen warnenden Blick zu. „Ich komme ihn in einer halben Stunde holen.“

Sie ließ mich mit meinem Sohn allein. Ich weiß nicht, ob er wegen des veränderten Tagesablaufs aufgebracht war, doch er quengelte viel und wollte sich nicht richtig füttern lassen. Ich fragte mich, ob ihm diese Frau noch eine große Portion vorgesetzt hatte, ehe sie ihn zu mir brachte. Das hätte ich ihr durchaus zugetraut. Am Ende gab ich nach, wiegte ihn sanft an meiner Schulter und sang ihm leise etwas vor. Seine zarte Wange an meiner fühlte sich einfach perfekt an. Als ich erneut Schritte vernahm, wappnete ich mich für den Auftritt des Kindermädchens. Stattdessen kam Darcy herein. Er hielt in der Tür inne und ein Lächeln breitete sich auf seinen Lippen aus. „Nun, das ist doch ein schöner Anblick für meine müden Augen“, sagte er. „Meine beiden liebsten Menschen.“ Er kam herüber und gab uns beiden einen Kuss. „Wie war dein Tag?“

Dann hielt er inne und starrte mich an. „Was ist passiert?“, fragte er.

„Zu viel“, antwortete ich und kämpfte gegen die Tränen an. „Fig hat uns ein Kindermädchen geschickt. Die Frau hat die Herrschaft über das Kinderzimmer übernommen und versucht, mich davon abzuhalten, James zu füttern oder zu viel Zeit mit ihm zu verbringen.“

Darcy setzte sich zu mir aufs Bett. „Fig hat sie geschickt?“

Ich nickte. „Sie schrieb, sie habe nach dem richtigen Kindermädchen gesucht, seit sie erfuhr, dass ich keines habe.“

„Ich schätze, ich könnte das als ‚verdammte Frechheit‛ bezeichnen, aber es ist wahr. Wir haben die Suche nach einem Kindermädchen aufgeschoben. Ich nehme an, die Frau kommt mit guten Referenzen?“

„Sie hat mehrere Generationen von Jungen auf die Militärschule vorbereitet“, sagte ich. „Sie ist furchteinflößend, Darcy. Sie will James einen strengen Tagesrhythmus aufzwingen und ihn nur zum Tee zu uns nach unten bringen.“

Darcy streichelte meine Schulter. „Ich schätze, das musste irgendwann passieren, meine Liebe“, sagte er. „So wird das eben bei Leuten wie uns gemacht.“

„Ich möchte aber nicht das tun, was eben so gemacht wird!“, brach es aus mir hervor. James regte sich an meiner Schulter und wimmerte. „Ich möchte mein Kind bei mir haben. Ich möchte jeden Augenblick mit ihm genießen.“

Darcy legte mir einen Arm um die Schultern.

„Das verstehe ich“, sagte er, „aber es sollte doch einen guten Mittelweg geben. James wird irgendwann zur Schule gehen. Wir wollen doch nicht, dass er zu anhänglich oder abhängig wird, oder? Und was ist mit dir? Du brauchst auch manchmal die Freiheit, ihn zurückzulassen, um etwa mit mir auf Reisen zu gehen.“

„Als ich das letzte Mal mit dir auf Reisen war, wäre ich beinahe in einen Aufzugschacht gestoßen worden“, rief ich ihm ins Gedächtnis.
„Na dann eben Reisen, die du allein unternimmst“, sagte er lachend. „Ausflüge nach London, um Zou Zou oder deinen Großvater zu besuchen, ohne dass du dir Sorgen darum machen müsstest, rechtzeitig wieder hier zu sein, um dich um James kümmern zu können.

„Na schön“, lenkte ich ein. „Ich gebe ja zu, dass wir ein Kindermädchen brauchen. Aber keine strenge und schreckliche Person wie diese. Ich wünsche mir ein Kindermädchen wie ich eines hatte. Eine Frau, die mich auf ihr Knie gesetzt und mir vorgesungen hat.“

„Dann musst du dich darum bemühen, eine solche Person zu finden“, sagte Darcy.

Ich schaute ihn mit einem Stirnrunzeln an. „Ich dachte, du würdest mich unterstützen“, sagte ich.

„Ich unterstütze dich immer“, antwortete er und strich mir über die Wange. „Ich versuche nur, vernünftig zu sein. Wir wissen beide, dass wir ein Kindermädchen brauchen. Ich arbeite in London und muss das Gehöft führen. Das Haus und die Bediensteten liegen in deiner Verantwortung. Wenn du dir also ein anderes Kindermädchen wünschst, wirst du selbst eines finden müssen.“

Ich runzelte immer noch die Stirn. Eine leise Stimme flüsterte mir zu, dass er recht hatte. Ich hatte die Sache mit dem Kindermädchen von mir geschoben, so wie ich alles von mir schob, was versprach unangenehm zu werden. „Ich weiß nicht einmal, wo ich anfangen soll …“, hob ich an.

„Statte doch Zou Zou einen Besuch ab“, schlug Darcy vor. „Sie hat Beziehungen in alle Welt. Vermutlich wird sie bloß einmal mit ihrem Zauberstab wedeln und dann wird ein Kindermädchen aus einem Schrank treten.“

Ich musste lachen. „Nicht unwahrscheinlich“, sagte ich. „Genau das werde ich tun. Allerdings … kann ich hier nicht einfach verschwinden, weil Fig bald hier auftauchen wird.“

„Fig kommt her?“ Ein Ausdruck des Schreckens trat auf sein Gesicht.

Ich nickte. „Sie hat mir einen Brief geschrieben. Um das Eintreffen von Nanny Hardbottle anzukündigen – lach nicht, Darcy, so heißt sie, und der Name passt zu ihr – und dabei hat sie erwähnt, dass sie persönlich aus Schottland herkommen würde, um mich in den Umgang mit einem Kindermädchen einzuarbeiten.“

„Eine verdammte Frechheit“, murmelte Darcy und verbesserte sich dann. „Entschuldige den Ausdruck. Einarbeiten, ja, genau. Dann schätze ich, du solltest dich gleich auf die Suche nach einem anderen Kindermädchen machen. Wenn Fig dann hier auftaucht, kannst du ihr für ihre Mühen danken und ihr sagen, dass du schon eine andere Person im Sinn hast und sie ihre Kandidatin wieder nach Schottland mitnehmen kann.“

Ich schmiegte mein Gesicht an Darcys Wange. „Oh ja. Genau das werde ich tun“, sagte ich. „Am Montag fahre ich nach London und lasse Zou Zou ihre Magie wirken.“

Kapitel 3

Montag, 22. Februar

Eynsleigh

Ich fasse ein wenig Hoffnung, da ich mich heute nach London aufmache. Zou Zou kann wirklich Wunder vollbringen und sie kennt einfach jeden. Sie wird mir das wundervollste Kindermädchen der Welt suchen, und dann wird alles gut.

Entsprechend dieser Pläne stieg ich am Montagmorgen zusammen mit Darcy in den Zug von Haywards Heath nach London. Es fühlte sich irgendwie verboten und aufregend an, mit meinem Ehemann von zu Hause abzuhauen, und ich musste mir eingestehen, dass es schön wäre, ab und zu solche Dinge tun zu können. Zou Zou würde mich zu einem fantastischen Mittagessen einladen. Sie würde sogar mit mir einkaufen gehen und es mir ermöglichen, einen Blick in ihre glamouröse Welt zu erhaschen. (Für all jene von euch, die Zou Zou noch nicht kennengelernt haben: Sie ist eine polnische Prinzessin, die aus ihrem Heimatland floh, nachdem ihr Ehemann, der Prinz Zamanska, von Bauern in Stücke gehackt worden war; zum Glück erst nachdem er sein Vermögen in die Schweiz gebracht hatte. Zou Zou führte seitdem in London ein Leben, das von Spaß, Abenteuer und Extravaganz erfüllt war, wenn sie nicht gerade in dem kleinen Flugzeug, das sie selbst lenkte, auf dem europäischen Festland herumreiste.)

Darcys und meine Wege trennen sich, als er sich von der Victoria Station aus gen Whitehall aufmachte, wo er jetzt ein Büro hatte. Ich legte einen Zwischenstopp bei Lyons ein, wo ich mir eine Tasse Tee und ein Brötchen genehmigte, da Zou Zou um halb zehn bestimmt noch nicht wach und in der Verfassung war, Besuch zu empfangen. Danach machte ich mich auf den Weg zu Zou Zous Haus am Eaton Square. Es war nur ein kurzer Fußmarsch und ich genoss jeden Augenblick. Es war ein herrlicher, frischer Tag mit einer leichten Brise. An den Platanen, die die Straßen säumten, zeigten sich bereits erste grüne Knospen. Im Park am Eton Square blühten Narzissen, und die Vögel zwitscherten in fröhlichem Überschwang. Ich fühlte mich lebendig. Ich hatte zwar ein schlechtes Gewissen, weil ich James zurückgelassen hatte. Doch ich sagte mir, dass er in Sicherheit und gut versorgt war. Ihm würde nichts zustoßen. Ich warf einen Blick auf meine Uhr, ehe ich die Stufen zu Zou Zous Haus erklomm. Es ähnelte stark der Londoner Residenz meiner eigenen Familie. Ein großes, weißes Gebäude mit einem Säulenvorbau in der Mitte von Belgravia – dem nobelsten Teil Londons. Viertel nach zehn. Zou Zou sollte mittlerweile wach und auf den Beinen sein. Ich atmete tief durch und drückte auf den Klingelknopf. Ich hörte das entfernte Läuten, und dann öffnete mir Clotilde, Zou Zous Zofe.

„Lady Georgiana“, sagte sie, und kurz zeichnete sich Überraschung auf ihrem Gesicht ab. „Wie schön, Euch zu sehen“, fügte sie mit ihrem starken französischen Akzent hinzu. „Bonjour, Clotilde. Ist Prinzessin Zamanska zu Hause?“

„Ja, Mylady“, antwortete sie. „Ihr habt Glück. Sie bereitet sich gerade auf eine Reise vor.“

„Sie wird verreisen?“, fragte ich. „Davon hat sie mir bei unserer letzten Begegnung nichts erzählt.“ Das war allerdings nicht allzu überraschend. Zou Zou war ein impulsgesteuertes Wesen. Sie konnte an einem Tag bei einer Anprobe für ein neues Kleid plötzlich entscheiden, mit ihrem kleinen Flugzeug nach Monte Carlo zu fliegen. Oder in Irland vorbeizuschauen, um ihre Rennpferde zu besuchen (und Darcys Vater, auch wenn sich diese Romanze nicht allzu gut zu entwickeln schien).

„Würden Sie bitte ausrichten, dass ich da bin?“, fragte ich. „Ich werde auch nicht allzu viel von ihrer Zeit in Anspruch nehmen.“

„Aber natürlich. Kommt bitte herein.“ Clotilde trat zur Seite, nahm mir Hut und Handschuhe ab und führte mich dann in ein gut ausgestattetes Wohnzimmer an der Vorderseite des Hauses. Die Heizkörper an den Wänden strahlten Wärme aus, am Boden lagen Perserteppiche und über dem Kamin hing ein Monet. Der ganze Raum strahlte Reichtum und guten Geschmack aus. Ich setzte mich auf einen Sessel am Fenster, schaute zum verlockend blauen Himmel hinauf und stellte mir vor, wie sich Zou Zous Flugzeug dort hinaufschwang und über den Ärmelkanal segelte. Ich war einigermaßen überrascht, als ich das Pochen hoher Absätze hörte und Zou Zou in einem schicken, schwarzen Chanel-Kostüm und einem kleinen, schwarzen Hut mit Schleier hereinkam. Ihr dunkles Haar, das frei von jedem Grau war, hatte sie zu einem ordentlichen Knoten zusammengenommen und sie trug nur ein Minimum an Rouge und Lippenstift.

„Georgie, meine Liebe.“ Sie streckte mir ihre Hände entgegen. Ich erhob mich und ließ mir einen Kuss auf beide Wangen geben, ehe sie sich aufs Sofa setzte und mich neben sich zog. „Du siehst wundervoll aus! Du erblühst geradezu. Das Leben als Mutter steht dir gut. Und das Eheleben natürlich. Wer könnte als Ehefrau des entzückenden Darcy auch unglücklich sein?“

Ich hegte die Vermutung, dass sie vor vielen Jahren eine kurze Affäre mit meinem Ehemann unterhalten hatte. Es musste sich also um eine fundierte Meinung handeln.

„Es tut mir leid, dass ich ohne Vorwarnung vor deiner Tür aufgetaucht bin“, sagte ich.

„Du weißt, dass ich mich unter anderem Umständen immer freuen würde, dich zu sehen.“ Sie hielt immer noch meine Hände und lächelte mich an. „Doch leider bin ich in Eile. Ich muss um halb zwölf den Zug nach Norden erwischen.“

„Hast du irgendein aufregendes Ziel?“, fragte ich. „Du bist erschreckend schick gekleidet.“

„Nichts Aufregendes.“ Ihr Lächeln verblasste. „Eher deprimierend, fürchte ich. Ich gehe zu einer Beerdigung. Ausgerechnet in Derbyshire. Dort wird es zu dieser Jahreszeit kalt und trostlos sein. Vermutlich liegt sogar Schnee.“ Sie seufzte dramatisch. „Normalerweise störe ich mich nicht an Beerdigungen. Ich mag sie sogar. Auch wenn Zigmunds Beerdigung mit all diesen Bischöfen und schluchzenden Menschen ein wenig überzogen war. Es ist immer eine Gelegenheit, alte Freunde zu treffen, die man nur selten sieht. Und normalerweise gibt es danach immer ein anständiges Besäufnis.“ Sie zeigte mir ihr markantes, freches Grinsen. „Aber diesmal wird es sehr traurig. Eine tragische Geschichte. Es ist die Beerdigung des Sohnes einer alten Freundin. Sie war einer der ersten Menschen, die ich kennengelernt habe, als ich nach Zigmunds Tod nach London kam. Und sie war sehr gütig zu mir. Ihr Sohn Sebastian war damals ein schrecklicher kleiner Junge – du weißt schon, so ein Bursche mit laufender Nase, der ständig Dinge treten muss – aber er wurde zur Schule geschickt und hat sich ganz ordentlich entwickelt. Er war in Cambridge und hat danach in der ganzen Welt abenteuerliche Dinge unternommen. Ganz ähnlich wie dein liebenswerter Patenonkel. Ich habe ihm zu seinem einundzwanzigsten Geburtstag ein Geschenk geschickt, ihn danach aber nicht mehr gesehen.“

Sie hielt inne, um Luft zu holen, und starrte an mir vorbei auf das wundervolle Blumenarrangement auf dem niedrigen Glastisch. „Wir haben uns irgendwie aus den Augen verloren, nachdem sie von hier weggezogen ist. Ihr Ehemann hat ein recht prächtiges Anwesen in Derbyshire geerbt und sie sind dort eingezogen. Wir haben uns Weihnachtskarten geschickt, aber viel mehr auch nicht; bis ich diese Einladung zur Beerdigung erhielt. Natürlich muss ich hingehen. Die arme Tilly wird am Boden zerstört sein. Er war ihr einziger Sohn, musst du wissen.“

„Dann war er noch ein junger Mann?“

Sie nickte. „Er kann nicht älter als dreißig gewesen sein. Soweit ich weiß, war er noch nicht verheiratet.“

„Wie ist er gestorben?“, fragte ich behutsam, da ich den Schmerz in ihrem Gesicht sehen konnte.

„Ein tragischer Unfall. Mehr hat sie nicht geschrieben.“ Sie stand auf. „Ich muss losflitzen. Lass dich von Clotilde mit Essen und Getränken versorgen; was immer du möchtest. Und wir sollten uns treffen, wenn ich zurückkomme. Ich werde wohl nicht länger als eine Nacht dort bleiben. Nicht in Derbyshire.“

Während sie sprach, lief sie im Raum herum, sammelte ihre Handtasche auf und richtete vor dem Spiegel ihren Hut. „Bist du aus einem besonderen Grund zu mir gekommen, oder ist es nur ein Freundschaftsbesuch, weil du zufällig in der Stadt bist?“, fragte sie.

„Ich wollte dich um einen Gefallen bitten“, sagte ich. „Ich wollte mir ein paar Ideen von dir holen. Aber das kann warten.“

„Stell mir deine Fragen doch jetzt, während ich auf das Taxi warte“, sagte sie, „dann kann ich während der Zugfahrt darüber nachdenken.“

Ich folgte ihr zur Haustür. Dort stand Clotilde bereit und hielt ihr einen dunklen Nerzmantel entgegen. Zou Zou zog ihn an und nickte zufrieden ihrem Spiegelbild zu. „Immerhin will ich nicht erfrieren. Meine Reisetasche, Clotilde?“

„Ich bringe sie für Euch zur voiture“, sagte Clotilde. „Ich habe einen Jungen losgeschickt, um ein Taxi zu rufen.“

„Ausgezeichnet“, sagte Zou Zou. „Du bist ein Schatz, Clotilde.“

Clotilde errötete. „Vielen Dank, Madame.“

„Also, mit welchem Problem bist du zu mir gekommen?“, fragte Zou Zou, während sie auf die Stufen hinaustrat.

„Ich wollte dich bei der Suche nach einem Kindermädchen für James um Hilfe bitten.“

Zou Zou lachte. „Ich hätte mich für eine der letzten Personen gehalten, die etwas über Kindermädchen weiß, da ich selbst keine Kinder habe und versuche, sie wenn möglich zu meiden. Für so etwas muss es doch Agenturen geben.“

Ich war ein wenig geknickt. „Aber du kennst doch immer jemanden, der jemanden kennt.“

„Ich werde darüber nachdenken“, sagte sie. „Ich weiß noch, dass Tillys Sohn Sebastian ein Kindermädchen hatte. Vielleicht weiß Tilly noch, wo sie die Frau gefunden hat. Oh, das Taxi ist da. Ich muss flitzen, meine Liebe. Ich rufe an, sobald ich weiß, wann ich zurückkomme. Und dann gehen wir irgendwo zu Mittag essen.“ Sie gab mir rasch einen Kuss auf die Wange, stieg in das Taxi und winkte, als sich das Fahrzeug in Bewegung setzte.

Ich stand allein auf dem Bürgersteig des menschenleeren Platzes und fühlte mich im Stich gelassen und allein. Dann sprach ich mir selbst ein paar aufmunternde Worte zu: Ich habe nicht oft die Gelegenheit, nach London zu kommen, sagte ich mir. Also sollte ich das Beste aus diesem freien Tag machen. Bei Harrods oder Selfridges gab es bestimmt Dinge, die ich gebrauchen konnte. Ob ich sie mir auch leisten konnte, war eine andere Frage, aber es schadet ja nicht, sich ein wenig umzuschauen. Also lief ich los, in Richtung Knightsbridge und Harrods. Auf dem Weg kam ich an den zu Wohnhäusern umgebauten Stallungen vorbei, in denen meine beste Freundin Belinda wohnte, wenn sie sich in London aufhielt. Ich starrte sehnsüchtig die schmale Kopfsteinpflasterstraße hinunter. Ich vermisste sie. Sie war ganz anders als ich – wagemutig, begehrenswert, quirlig, intellektuell … Sie war das unartige Mädchen unserer Schule gewesen, war aus dem Fenster des Schlafsaals geklettert, um sich mit dem Skilehrer zu treffen, und hatte mir das Rauchen beigebracht. Seit etwa einem Jahr lebte sie in Paris und übte unter keiner Geringeren als Coco Chanel ihre Fähigkeiten im Modedesign. Ich hatte schon seit einer Weile nichts mehr von ihr gehört – Belinda war nicht die Beste darin, Briefkontakt zu halten – doch ich nahm an, dass sie sich immer noch in Paris befand und bis zum Hals in den Vorbereitungen für die Frühlingskollektion steckte.

Ich weiß nicht genau, was mich dazu bewegte zu den ehemaligen Stallungen zu gehen und an ihre Haustür zu klopfen. Erst als ich es getan hatte, kam mir der Gedanke, dass Belinda das Haus womöglich an Fremde vermietet hatte. Ich kam mir albern vor und wollte gerade wieder gehen, als die Tür geöffnet wurde. „Georgie“, sagte jemand mit erfreuter Stimme, und vor mir stand Belinda in einem wunderschönen, violetten und mit Straußenfedern besetzten Seidenkleid. Ihr sonst glattes, gepflegtes, schwarzes Haar stand in alle Richtungen vom Kopf ab und sie blinzelte mich an, während sich ihre Augen an das helle Sonnenlicht gewöhnten.

„Belinda, du bist wieder da!“, rief ich. „Wie schön!“ Dann beherrschte ich mich. „Entschuldige“, sagte ich. „Ich wollte dich nicht wecken. Ich bin nur mit der winzigen Hoffnung vorbeigekommen, du könntest vielleicht zu Hause sein. Und da bist du.“

„Ganz recht. Da bin ich“, wiederholte sie. „Du musst eine Hellseherin sein. Ich bin erst gestern zurückgekommen und wollte dich heute anrufen, sobald das Telefon wieder angeschlossen ist. Komm rein. Es ist schrecklich unordentlich und überall stehen Kisten und Koffer herum, aber ich schätze, wir können irgendeinen Sitzplatz für dich finden, während ich mich anziehe.“

Sie führte mich in ein winziges Wohnzimmer, in dem sich in der Tat das Gepäck stapelte. Doch sie warf schnell eine Hutschachtel vom Sofa und sagte: „Setz dich da hin. Und beweg dich nicht. Ich ziehe mich an und komme dann wieder runter. Ich will alles hören, was du zu erzählen hast.“

Dann hörte ich ihre Schritte auf der Treppe und das Geräusch laufenden Wassers; vermutlich, weil sie ein Bad nahm oder duschte. Ich wartete geduldig. In diesem Raum war es recht kalt, da im Kamin kein Feuer entzündet worden war, und falls es im Haus eine Zentralheizung gab, war sie wohl nicht eingeschaltet. Nach einer Weile kehrte Belinda zurück. Sie trug jetzt einen Kaschmirpullover und eine schön geschnittene Wollhose. Es war ein schlichtes Outfit, sah aber eindeutig nach Paris und ihrer Mentorin Chanel aus. Es fehlte eigentlich nur noch eine Perlenkette. Belinda räumte noch ein Gepäckstück beiseite und ließ sich in einen Sessel sinken.

„Bist du für einen Besuch in die Heimat zurückgekehrt?“, fragte ich. „Du scheinst eine Menge Gepäck bei dir zu haben.“

„Es ist nicht nur ein Besuch, meine Liebe. Ich kehre dauerhaft nach Hause zurück. Ich habe entschieden, dass ich von Paris die Nase voll habe. Ich glaube, ich habe alles gelernt, was Chanel mir beibringen kann. Außerdem hat sie einen neuen Liebhaber und verbringt eine Menge Zeit auf seiner Yacht im Mittelmeer. Ich wollte mich definitiv nicht in der Rolle der unbezahlten Handlangerin wiederfinden, während sie fort ist. Und ich bin der Franzosen müde geworden.“

„Wirklich?“ Ich bemühte mich, nicht allzu amüsiert auszusehen. Belinda und ihre Männergeschichten waren für mich ein nie versiegender Quell der Unterhaltung, da ich selbst ein schrecklich behütetes Leben geführt hatte.

„Und auch der Italiener und generell der europäischen Männer“, fügte sie hinzu. „Sämtliche Franzosen, die ich kennenlernte, erzählten mir, dass sie mich verehren, schrieben mir lange, leidenschaftliche Briefe und wollten mich dann als ihre Maitresse installieren, während sie eine reine, jungfräuliche und katholische junge Frau von guter Abstammung heiraten. Oder sie leben noch bei ihrer Mutter. Ich sehne mich sehr nach einem einfachen, britischen Kerl, der im Pub sein Bier trinkt, Rugby spielt und die Dinge beim Namen nennt.“

„So einen hattest du mal“, merkte ich an. „Du hast ihn bloß ziehen lassen.“ (Belinda hatte einen sehr netten Mann aus Cornwall kennenlernt. Und die beiden schienen wie füreinander gemacht zu sein. Doch der Klassenunterschied war ihnen in die Quere gekommen.)

Sie rümpfte die Nase. „Ich weiß, das war töricht von mir. Ich schätze, er hat mittlerweile eine andere gefunden.“

„Du könntest nach Cornwall fahren und das herausfinden …“

„Ich werde es in Betracht ziehen.“ Sie spielte mit dem Saum eines Kissens.

„Und was hast du vor, jetzt da du wieder hier bist?“, fragte ich. „Willst du in London eine Boutique eröffnen?“

„Auch das weiß ich noch nicht“, sagte sie. „Ehrlich gesagt bin ich es leid, mich mit verwöhnten, reichen Frauen herumzuschlagen. Sie verlangen, dass an einem Kleid alles nach ihren Wünschen geändert wird, und versuchen sich dann aus dem Staub zu machen, ohne zu bezahlen. Vielleicht ziehe ich nach Cornwall und renoviere das alte Haus meiner Großmutter. Aber zuerst werde ich für eine Weile London genießen und mich mit meinen alten Freundinnen treffen. Ich muss auch dich besuchen und mir deinen kleinen Sohn anschauen. Er muss mittlerweile schon ein paar Monate alt sein und ich habe ihn noch nicht zu Gesicht bekommen. Wie schrecklich von mir.“

„Ja, bitte komm vorbei. Das würde mich freuen. Du wirst mich davor retten, den Verstand zu verlieren.“

„Erzähl mir nicht, dass Darcy dich in den Wahnsinn treibt“, sagte sie.

„Nicht Darcy. Er ist immer noch wundervoll. Nein. Ich habe ein furchteinflößendes neues Kindermädchen und meine Schwägerin Fig kommt zu Besuch. Ich muss die beiden ertragen, bis ich ein anderes Kindermädchen finden kann.“

„Du lieber Himmel. Wie grauenvoll. Warum hast du dieses furchteinflößende Kindermädchen überhaupt ausgewählt, meine Liebe?“

„Habe ich nicht. Das ist ja der Punkt.“ Ich hörte, wie meine Stimme lauter wurde. „Fig hat sie ausgewählt und zu mir geschickt. Und sie hat schon für sechs Monate ihren Lohn gezahlt. Außerdem wird sie sehr bald bei uns auftauchen, um zu überprüfen, ob sich das Kindermädchen gut eingewöhnt und ich lerne, mich anständig zu verhalten.“

„Eine verdammte Frechheit“ sagte Belinda wie es schon Darcy getan hatte. „Ist das Kindermädchen wirklich so grauenvoll?“

„Schlimmer“, sagte ich. „Ein Gesicht wie geronnene Milch. Sie hat vor, James einen strengen Tagesablauf aufzuzwingen, und will ihn nur zum Tee zu mir bringen. Ich hasse das, Belinda. Ich möchte bei der Erziehung meines Sohnes eine Rolle spielen.“

„Lass dir das nicht gefallen, Schätzchen. Du lässt dich von dieser fürchterlichen Schwägerin schikanieren. Teile ihr mit, dass du ihr für die freundliche Idee dankst, aber dass sie wieder abreisen und ihr fürchterliches Kindermädchen mitnehmen kann.“

Ich kaute auf meiner Unterlippe herum, was ich nur tat, wenn ich überaus angespannt war. „Ich möchte kein riesiges Zerwürfnis in der Familie verursachen“, sagte ich. „Aber dieses Kindermädchen will ich auch nicht haben. Darcy schlug vor, ich solle ein Kindermädchen finden, das mir gefällt, damit wir Figs Kindermädchen sagen können, dass wir andere Pläne haben. Deshalb bin ich in der Stadt. Ich hatte gehofft, Zou Zou könnte mir sagen, wo ich ein gutes Kindermädchen finde, doch sie ist zu einer Beerdigung im Norden aufgebrochen.“

Belinda hatte mitfühlend vor sich hingenickt. „Ich sage dir was“, sagte sie und ihr Gesichtsausdruck wurde heiterer. „Ich muss mir ohnehin ein neues Dienstmädchen suchen. Ich habe es satt, mich selbst um alles zu kümmern. Lass uns doch den Vormittag damit verbringen, zusammen ein paar Agenturen aufzusuchen.“

„Oh ja, sehr gern“, sagte ich. „Hast du schon Erfahrungen mit guten Agenturen gemacht?“

„Als ich mein letztes Dienstmädchen eingestellt habe, ja“, sagte sie. „Doch das ist Jahre her. Wir können es ja dort versuchen, und wenn sie nicht auf Kindermädchen spezialisiert sind, bitten wir um eine Empfehlung. Hast du den ganzen Tag Zeit?“

„Ich bin so frei wie ein Vogel. Um fünf Uhr treffe ich mich mit Darcy und wir fahren zusammen mit dem Zug nach Hause.“

„Dann lass uns erst nach Bediensteten suchen und dann gehen wir etwas zu Mittag essen. Ich verzehre mich geradezu nach dem guten, englischen Essen: Fish and Chips, Shepherd’s Pie …“

„Wenn du uns besuchen kommst, kann Queenie all das für dich kochen.“

Sie warf mir einen besorgten Blick zu. „Queenie? Die ist immer noch bei dir?“

„Als Hilfsköchin. Ich habe ja Pierre, den Koch, den wir in Paris kennengelernt haben. Und er kocht himmlisch.“

„Oh, ja, natürlich. Und Queenie hat noch niemanden vergiftet?“

„Hat sie nicht. Allerdings wurde Pierre einmal verdächtigt, bei einer Dinnerparty Gäste vergiftet zu haben. Er war es natürlich nicht. Und Queenie ist keine schlechte Köchin, wie sich herausstellt. Wenn du zu Besuch kommst, gibt es bestimmt einen leckeren Strudel oder einen Steak-and-Kidney-Pudding.“

„Das klingt himmlisch.“ Belinda streckte den Arm aus und ergriff meine Hand. „Ich habe dich vermisst, meine Liebe.“

„Du hättest uns jederzeit besuchen kommen können“, merkte ich an.

„Ich weiß, aber ich war in Paris sehr beschäftigt. Und ehrlich gesagt kam ich mir beim Gedanken an dich und deine glückliche Familie irgendwie überflüssig vor.“

„Sei doch nicht albern. Ich habe dich auch sehr vermisst.“

Sie sprang auf und zog mich auf die Beine. „Komm, wir machen uns auf die Suche nach einem Kindermädchen und dann gehen wir irgendwo schick essen. Das Dorchester? Das Ritz?“

Ich lachte nervös. „Belinda, muss ich dich daran erinnern, dass ich eine Hausfrau bin, deren Geld in Lätzchen und Windeln investiert wird?“

„Aber Schätzchen. Ich schwimme im Geld“, sagte sie. „Und ich habe in Paris einige meiner Kreationen verkaufen können, also lade ich dich natürlich ein. Vielleicht machen wir sogar einen kleinen Einkaufsbummel in der Bond Street.“

„Sie schnappte sich ein schickes, aber männlich wirkendes Tweedjackett, das offensichtlich auch von Chanel stammte, und schleifte mich dann geradezu aus dem Haus. Wir machten uns auf den Weg zur Kreuzung Hyde Park Corner, wechselten dann nach Mayfair hinüber und liefen die Park Lane hinauf. Die Agentur befand sich in der Mount Street, zwischen einem kostspielig aussehenden Hutladen und einer Anwaltskanzlei. Ich warf Belinda einen Blick zu, als wir näherkamen.

„Diese Orte machen mir Angst“, sagte ich. „Sie werden immer von Frauen geleitet, die auf eine so furchteinflößende Art hochnäsig sind, dass ich das Gefühl habe, vor ihnen knicksen zu müssen.“

„Denk einfach daran, dass du die Arbeitgeberin bist und ihnen einen Gefallen tust, indem du sie vor dem Bankrott bewahrst“, sagte Belinda. „Und außerdem bist du mit dem König verwandt, um Himmels willen. Lass sie das wissen. Einem Mitglied der Königsfamilie gegenüber kann niemand hochnäsig sein. Wenn du möchtest, übernehme ich das Reden.“

Mit diesen Worten lief sie zur Tür der Agentur, warf sie auf und trat ein.