Kapitel 1
Über dem äußersten Osten der Finnmark lag an jenem Morgen ein unendlich scheinender Himmel, der sich in kaltem Blau spannte und nur am Horizont von dünnen, milchigen Schleiern durchzogen war.
Darunter erstreckte sich eine endlose Wildnis, die nur wenige Menschen je betraten: der Øvre-Pasvik-Nationalpark.
Grenzenloser Fichtenwald und feuchte, morastige Tundra wechselten sich mit steinigen Hügelketten ab. Dazwischen schlängelten sich unzählige Wasserläufe und allerseits blitzte das glasklare Wasser der Seen, die von eiszeitlichen Granitfelsen eingerahmt wurden. Auf dem Stein wucherten rote und goldene Flechten.
Die Gegend lag unweit der russischen Grenze und galt selbst für die Finnmark als abgelegen.
Die Luft war klar und kühl. Es war einer jener Herbsttage, an denen die Kälte noch nicht erbarmungslos zubiss, sondern nur mahnend daran erinnerte, wie der Winter hier oben aussehen würde. Die Myriaden von Moskitos, die im Sommer über das Gebiet herfielen, waren weitgehend verschwunden. Es roch nach feuchtem Moos, Harz und nach dem ersten Frost, der sich in den Nächten auf die verwelkte Heide legen würde.
Ein Windstoß fuhr über einen flachen See, dessen dunkles Wasser sich kräuselte. Am Ufer standen einige gedrungene Laubbäume. Als der Wind sie erreichte, lösten sich einzelne gelbe und kupferfarbene Blätter und glitten lautlos zu Boden.
Am unteren Ende des Sees schlängelte sich ein schmaler Bach durch die Seerosen und verschwand über einen kleinen Wasserfall zwischen den niedrigen Felsrücken irgendwo im verzweigten Wassersystem des Pasvik.
Dort, wo der Boden leicht anstieg und sich dichterer Bewuchs aus Heidelbeersträuchern, jungen Birken und Vogelbeersträuchern sammelte, war das Lager nur schwer auszumachen. Äste waren in so durchdachter Anordnung übereinandergestapelt worden, dass sie dennoch zufällig wirkten. Dazwischen spannte sich eine dunkle Plane, niedrig gezogen und mit Laub und Zweigen abgedeckt.
Nur ein Beobachter mit einem geübten Blick hätte eine menschliche Konstruktion ausmachen können.
Vor dem Unterschlupf glomm ein kleines Feuer, dessen Rauch flach über den Boden zog und sich rasch im Wind verlor.
Neben dem Lagerfeuer lag ein Junge. Er war in einen Schlafsack gehüllt, der Reißverschluss bis zum Kinn geschlossen. Seine Stirn unter den dunklen Locken glänzte feucht und neben ihm, eng an ihn geschmiegt, wachte ein drahtiger Hund. Er war kein Welpe mehr, sein Fell grau und borstig an den Flanken und an einigen Stellen von dunkleren Streifen durchzogen. Er trug ein Halsband mit einer metallenen Plakette. Der Blick des Tieres war wachsam auf den Wald hinter dem Lager gerichtet.
Ein paar Schritte entfernt stand der Mann.
Er hatte die Hände in den Taschen seiner verschlissenen Trekkingjacke vergraben und prüfte ebenfalls die Umgebung. Er lauschte. Dann ging er zu dem Jungen hinüber und kniete sich neben ihn.
„Es ist gut hier“, sagte er und lächelte verbissen. „Hier hört man nichts außer dem Wald. Das wird dir helfen. Geht es dir schon besser?“
Der Junge blinzelte. Seine Lippen waren trocken. „Mir ist kalt.“
„Das ist nur der Übergang“, antwortete der Mann und zog den Schlafsack ein Stück höher. Er tätschelte ihm unbeholfen die kalte Stirn. „Dein Körper arbeitet.“
Der Mann öffnete eine Metallflasche und hielt sie dem Jungen an den Mund. „Langsam trinken. So ist es gut.“
Der Hund hob kurz den Kopf und beobachtete ihn dabei. „Mama sagt, ich muss meine Medizin nehmen“, murmelte der Junge.
Der Mann hielt inne. Sein Gesicht blieb weich, aber seine Stimme wurde fester.
„Deine Mutter hat Angst“, sagte er. „Sie weiß nicht, was dein Körper wirklich kann.“ Er strich ihm über die Stirn. „Du musst der Ordnung der Natur vertrauen.“
Der Schlafsack war unten geöffnet und ein dünnes Seil verlief fast unsichtbar zwischen Moos und Laub von einer schmalen Lederschnalle vom Knöchel des Jungen zu einem Baum hinter dem Unterstand. Der Mann prüfte die Schnalle, sie war nicht zu fest. Wenn der Knabe im Fieber aufstand, würde sie ihn aufhalten, ihm aber nicht wehtun.
Aus dem Rucksack drang ein kurzes, elektronisches Piepen. Der Mann richtete sich auf und ging hinüber, öffnete den Reißverschluss, nahm das kleine Gerät heraus und drückte schließlich eine Taste, bis das Piepen verstummte.
„Nicht nötig. Wir wissen, was dein Körper braucht“, sagte er und schloss den Rucksack, der neben dem großkalibrigen Jagdgewehr an einem Baum lehnte.
Dann setzte er sich auf einen umgestürzten Baumstamm und nahm ein Smartphone aus der Hosentasche, suchte eine App und scrollte. Seine Miene verfinsterte sich, nichts hatte sich verändert. Er schob das Gerät in den Rucksack.
Als er sich wieder umdrehte, hatte der Hund sich aufgesetzt. Das Tier leckte über das Gesicht des Jungen.
Ein Windstoß fuhr dem Mann durchs Haar und die Blätter eines Busches raschelten. Er wischte sich eine Haarsträhne aus der Stirn und trat zu dem Hund, legte ihm die Hand auf den Nacken. Er streichelte sanft das Fell. „Es ist bald so weit.“
Der Junge öffnete erneut die Augen. „Finn soll hierbleiben“, flüsterte er. Seine Mundwinkel waren nach unten gezogen. Er kämpfte mit den Tränen.
Der Mann schüttelte langsam den Kopf. „Es tut mir leid. Aber es muss sein. Tiere sind kein Spielzeug.“ Er deutete hinüber in den Wald. „Finn gehört hier nicht her, in unser Lager. Er ist Teil der Ordnung.“
Der Hund legte den Kopf schief, als verstünde er das Gesagte.
Der Mann ging ein paar Schritte vom Lager weg und blieb am Rand der Felsen stehen. Vor ihm lagen die Heideflächen, das gekräuselte Wasser und dahinter der Wald, der sich zwischen den Bäumen verlor. An seinem Gürtel hing ein Messer in einer schlichten, langen Lederscheide. Er berührte den Griff nur kurz und ließ die Hand dann wieder sinken.
Als er zum Lager zurückging, war sein Gesicht wie versteinert.
Kapitel 2
Kommissar Karl Sortland öffnete den Kühlschrank in der Teeküche im dritten Stock des Polizeipräsidiums in Kirkenes. Das Fach, in dem sich die Milch befinden sollte, war leer. Er beugte sich weiter vor, als könnte sich hinten noch ein Tetra Pak von Tine verstecken. Doch da war nichts, nur eine halbe Zitrone und ein Glas Senf.
„Das kann nicht wahr sein“, murmelte er. „Schon wieder ist die verdammte Milch leer.“
Mikkel Kuhmunen lehnte im Türrahmen, die Arme verschränkt. „Du weißt, dass du der einzige Polizist nördlich des Polarkreises bist, der seinen Kaffee nicht schwarz trinkt, oder?“
Karl richtete sich auf. „Milch gehört da rein.“
Mikkel war etwas älter als Karl, Mitte vierzig. Er hatte sich im Vorjahr von Spitzbergen nach Kirkenes versetzen lassen und verstand es wie kein anderer, Karl zu necken, wenn sich eine Möglichkeit bot. Trotzdem mochte er den hageren Mann mit den samischen Wurzeln.
„Vielleicht liegt es daran, dass du in Trondheim geboren wurdest“, fuhr Mikkel fort. „Du bist kein echter Nordländer wie ich.“
Elin Samuelsson trat hinter Mikkel ins Zimmer und stieß ihn sanft mit dem Ellbogen in die Seite. „Deine Männlichkeit ist wirklich überwältigend, Nordländer“, sagte sie trocken.
Mikkel blieb ernst. „Ich bemühe mich, wo ich kann.“
Karl stellte seinen Becher mit dem Logo von Rosenborg Trondheim unter die Maschine und Elin griff nach einer zweiten Tasse und reichte sie ihm. Ihre Finger berührten sich kurz, keiner von beiden zog die Hand sofort zurück. Elin war die kleine Schwester von Karls Partner, Mats Samuelsson. Beide hatten nach der Polizeiausbildung keine Festanstellung in ihrer Heimat Schweden finden können und waren so in Kirkenes gelandet. Die junge Schwedin bildete seit etwas über einem halben Jahr ein Team mit Mikkel. Zuletzt waren Karl und Elin sich zunehmend nähergekommen.
„Du warst früh hier“, sagte sie verhalten.
„Ach, ich konnte nicht schlafen.“
Sie lächelte und wandte sich ab. Der Duft ihres Parfums hing süß in der Luft. Einen Moment lang sah Karl ihr nach, dann konzentrierte er sich wieder auf den Kaffee. Die dünne braune Flüssigkeit lief langsam und ratternd in die Tasse.
Karl gähnte und machte die Augen zu. Aus dem Großraumbüro hinter ihm klang gedämpftes Lachen. Telefone klingelten, eine Tür fiel ins Schloss und alles wirkte wie ein normaler Montagmorgen.
„Zwölf Tage“, sagte Mikkel plötzlich. Der Kollege stand noch immer an den Schrank gelehnt neben ihm.
„Was meinst du?“
„Der Junge, Tobias.“
Tobias Solum war vor fast zwei Wochen in Bjørnevatn, einem kleinen Ort südlich von Kirkenes, als vermisst gemeldet worden. Er war auf dem Nachhauseweg vom Fußballtraining zusammen mit seinem Hund verschwunden und die groß angelegte Suche nach dem Sechsjährigen war bisher erfolglos geblieben. Man ging davon aus, dass er sich verlaufen hatte.
„Zwölf Tage ist er jetzt weg“, wiederholte Mikkel und die Worte blieben schwer im Raum hängen. „Die operative Leitung hat die Suche gestern offiziell zurückgefahren.“
„Das hatte ich noch nicht gehört“, sagte Karl. „Hat Aino euch das gesagt?“
„Ja, die großen Teams sind raus. Jetzt läuft alles noch über Hinweise.“
„Die Entscheidung kam vom Polizeipräsidenten“, warf Elin ein. „Wir waren gerade bei Aino.“
„Aino hat nichts mehr drehen können“, sagte Mikkel.
Karl nahm seinen Becher aus der Maschine und stellte Elins Tasse hinein. Er kannte ihre Vorliebe und drückte auf Cappuccino. „Das hat nichts mit Drehen zu tun“, sagte er und gähnte erneut. „Selbst Ainos Möglichkeiten sind da begrenzt.“
„Es fühlt sich trotzdem falsch an“, antwortete Elin. „Jetzt einfach einzupacken, meine ich.“
Es wurde still um die Kaffeemaschine.
„Na ja“, sagte Mikkel schließlich. „Ich kann das schon irgendwie verstehen, auch wenn es grausam ist. Der Junge ist eben Diabetiker. Wenn sie ihn bisher nicht gefunden haben, dann besteht von nun an kaum noch eine Chance, ihn lebend zu finden. Das hat wohl auch der Polizeipräsident einsehen müssen.“
„Er hatte aber doch einen Insulin-Pen im Rucksack, oder?“, fragte Karl. „Wenn er den noch hat.“ Er reckte sich und blickte den Flur hinab. Auch wenn ihre Abteilung bisher nicht in den Fall involviert gewesen war, so hing dort dennoch ein Foto des Jungen mit seinem Hund am Schwarzen Brett. Karl hatte sich das Bild mehrmals angesehen; Tobias hatte dunkle, lockige Haare und wirkte klein und schwächlich für sein Alter. Der Hund war ein Elchhund, mittelgroß, graues Fell. Am Hals baumelte eine silberne Hundemarke.
Durch die Glastür war Aino Petersen, die Leiterin der Ermittlungseinheit für Kapitalverbrechen, in ihrem Büro zu sehen. Erst jetzt bemerkte Karl, dass Mats vor ihrem Schreibtisch stand und mit einer Hand gestikulierte, wie immer etwas stärker als nötig. In der anderen Hand hielt er sein Handy. Karl schmunzelte: Mats und er waren nicht nur Kollegen, sie verband seit ein paar Jahren eine tiefe Freundschaft und er würde für den jungen Schweden durchs Feuer gehen. Mats schien ebenso zu denken, denn er hatte ihn im Frühjahr, als sein Sohn geboren worden war, gefragt, ob er nicht dessen Patenonkel werden wolle. Karl hatte, genau wie Elin für die Rolle der Patentante, sofort zugesagt. Er hatte gar nicht ablehnen können, zumal die jungen Eltern den Knirps in Anspielung auf Karl Kalle genannt hatten. Mats hatte erklärt, dass es Siljas Idee gewesen war, da Karl ihm im letzten Sommer an der Grenze zu Russland das Leben gerettet hatte.
Aino schien an diesem Morgen ausnahmsweise immun gegen den Charme seines Partners zu sein. Sie wirkte ungerührt, während sie Mats mit grimmigem Gesichtsausdruck zuhörte.
Karl runzelte die Stirn und musterte die Szene. „Was macht er da immer bei ihr im Büro?“, murmelte er. „Schon so früh am Montagmorgen.“
Elin folgte seinem Blick. „Wahrscheinlich zeigt er ihr wieder Babyfotos.“
Karl verdrehte leicht die Augen. „Dann würde sie aber doch nicht so stinkig dreinschauen.“
Im nächsten Moment deutete Aino auf die Mappe auf ihrem Schreibtisch. Mats’ Lächeln verschwand.
„Nein. Sie reden über den Jungen“, sagte Mikkel. „Ich denke, dass wir jetzt stärker in eingebunden werden.“
Der Fall war durch das Einschränken der Suchmaßnahmen natürlich nicht abgeschlossen, hatte aber an Dringlichkeit verloren. Es machte Sinn, dass er nun an die Ermittlungseinheit abgegeben werden würde. Für die Familie des Jungen musste diese Nachricht unerträglich sein und wie eine Kapitulation wirken, auch wenn ihre Abteilung natürlich jedem Hinweis nachgehen würde.
Karl stellte die halbleere Tasse in die Spüle.
Zwölf Tage.
Draußen drückte ein kühler Herbstwind vom Fjord gegen die Scheiben und die Stadt ging wieder ihrem Alltag nach.
Kapitel 3
Am Morgen lag Tiefnebel auf dem Fjord, der die Konturen der felsigen Küstenlinie und die der herbstlichen Vegetation darüber verwischte. Über dem Dunst spannte sich ein heller Himmel, der vom Polizeipräsidium aus nur andeutungsweise durch den Schleier zu erkennen war.
Im Besprechungsraum der Ermittlungseinheit im dritten Stock roch es nach salziger und kalter Morgenluft, die durch das geöffnete Fenster hineinströmte. Aino stand am Kopfende des Tisches und legte eine Mappe ab, während Karl sich neben Elin setzte. Sie lächelten sich zu, als ihre Beine sich berührten.
Ihnen gegenüber saß Mats Samuelsson. Er war dünner geworden, hatte auch an diesem Morgen dunkle Ringe unter den Augen und wirkte erschöpft. Kalle hatte die jungen Eltern sicher die Nacht über wachgehalten. Außerdem war Mats seit der Lungenverletzung, die er sich bei dem Angriff an der Grenze zugezogen hatte, noch nicht hundertprozentig der Alte.
Ihr Dienstwagen war damals von Unbekannten von der Straße abgedrängt worden. Davor war der Schwede beeindruckend sportlich gewesen; momentan aber hatte Karl bei längeren Läufen durch den Wald die Oberhand. Er konnte nicht leugnen, dass ihm diese Momentaufnahme gefiel, obwohl er nur zu gut wusste, dass dieser Zustand der Verletzung und dem Baby geschuldet war und dass sein Partner ihm schon bald wieder wegrennen würde.
Neben Mats saßen Mikkel Kuhmunen und Therese Thorstensen. Therese war der Einheit von der kriminaltechnischen Abteilung als ständige Unterstützung zugeteilt worden. Die junge Frau war mittlerweile ein vollwertiges Teammitglied der Ermittlungseinheit geworden.
Die Abteilungsleiterin räusperte sich. „Ihr wisst, worum es heute geht, nicht wahr?“, begann Aino sachlich, „Tobias Solum. Ich weiß, dass ihr es schon gehört habt, aber noch einmal von mir: Die operative Leitung hat die Suche offiziell verkleinert. Der Hubschrauber ist abgezogen, die großen Suchmannschaften arbeiten nur noch begrenzt und die Freiwilligen wurden nach Hause geschickt. Wir übernehmen von nun an die Ermittlungen. Das heißt nicht, dass die Polizei aufgibt. Wir werden Tobias finden.“
Karl verzog den Mund; sie hatte es verständlicherweise nicht aussprechen wollen, aber was Aino sicher dachte, war: tot oder lebendig. Dreizehn Tage war Tobias Solum nun verschwunden. Auf der Tischplatte vor Karl waren feine Kratzer im Holz, die von Jahren voller Meetings und Kaffeetassen stammten.
„Wo fangen wir an?“, fragte Therese vorsichtig. „Wir haben keinerlei Hinweise, wo er sich befinden könnte.“
„Das ist das Problem“, sagte Aino. „Wir wissen so gut wie nichts. Wir gehen davon aus, dass er sich verlaufen hat. Und die Wildnis um Bjørnevatn ist nahezu unendlich, das sind riesige Wälder.“
Karl war als Junge oft mit seinem Vater Olav in der Natur südlich von Kirkenes unterwegs gewesen. „Es gibt dort nicht nur Wald und Seen. Bei Bjørnevatn befinden sich auch mehrere alte Grubenbereiche“, sagte er. „Das Gelände ist groß und unübersichtlich. Einige der Gruben sind mit Wasser vollgelaufen. Wenn jemand dort hineinrutscht …“ Er ließ den Satz offen.
„Die zugänglichen Schächte sind kontrolliert worden“, erwiderte Aino. „Und sie sind abgezäunt. Die Suchtrupps haben da alles abgesucht, gleich in den ersten Tagen. Wir vermuten daher, dass Tobias nicht da drin ist.“
Karl hatte von seinem Vater viel über die stillgelegten Mienen gehört. Schließlich hatte Olav selbst in einer anderen Grube gearbeitet. Früher hatte man bei Bjørnevatn Eisen aus dem Boden geholt. Die Grubengesellschaft hatte die Landschaft umgegraben und, als es nicht mehr wirtschaftlich rentabel war, zurückgelassen wie eine Narbe. Es würde lange dauern, bis das großräumige Gebiet wieder renaturiert sein würde.
Aino schlug eine weitere Seite in ihrer Mappe auf. „Es hilft nichts. Wir schalten in der Suche nun einen Gang zurück und arbeiten etwaige Anhaltspunkte ab. Und dabei kommt die Ermittlungseinheit ins Spiel. Aber wir müssen auch realistisch und ehrlich sein: Es besteht durchaus die Möglichkeit, dass der Junge bereits tot ist. Auch dann werden wir ihn finden und seiner Familie Gewissheit geben.“ Sie nahm ihre modische Brille ab. „Apropos Hinweise: Wir haben wie gesagt nicht viel. Von daher nehmen wir alles ernst, egal wie klein und unbedeutend es wirken mag. In diese Kategorie fällt wohl auch die Tatsache, dass in der Kristensedalen in Bjørnevatn in den letzten Tagen drei Haustiere verschwunden sind. Zwei Katzen und ein Hund. Alle aus derselben Straße.“
Karl hob den Kopf. „Seit wann befassen wir uns mit vermissten Vierbeinern? Was hat das mit Tobias zu tun?“
Aino begegnete seinem Blick ohne Schärfe. „Es sind drei Tiere aus einer Straße, nicht weit von Tobias’ Elternhaus. In einem Ort mit etwas über zweitausend Einwohnern. Und es ist derselbe Ort, in dem vor dreizehn Tagen ein Junge zusammen mit seinem Hund verschwunden ist. Also schauen wir uns das an. Oder hast du eine bessere Idee?“
„In Ordnung“, sagte Karl, da er keine hatte. „Mats und ich fahren hin und gucken uns mal um.“
***
Die Straße nach Bjørnevatn führte an den alten Anlagen der Sydvaranger-Grube vorbei. Links erhoben sich die Abraumhalden wie erstarrte Wellen aus grauem Gestein, dazwischen schimmerten rostrote Flächen, auf denen sich nur spärlich Gras hielt. Außerdem standen dort noch verschieden große Fördertürme, die nach der Aufgabe der Gruben ebenfalls der Korrosion und dem Verfall preisgegeben worden waren.
„War das hier, wo dein Vater gearbeitet hat?“, fragte Mats und deutete auf die Anlagen, als ob er Karls Gedanken gelesen hätte. Karl schüttelte den Kopf. „Nein. Olav hat weiter westlich in einer Salzmiene malocht.“
Sie bogen in die Kristensedalen ein. Karl kurbelte das Fenster herunter und atmete die Luft ein, die nach feuchtem Laub roch. Die Straße war breit genug für zwei Fahrzeuge, doch der Asphalt war an den Rändern ausgefranst und die Grünfläche daneben matschig gefahren. Flache Holzhäuser standen in großzügigem Abstand zueinander, viele mit Kiesauffahrten und niedrigen Zäunen. Vor einem Carport parkte ein alter dunkelblauer Pick-up, dessen Ladefläche von einer Plane bedeckt war. Darunter lugte ein Boot hervor, das wohl für den Winter aus dem Wasser geholt worden war.
Unmittelbar hinter den letzten Gärten begann die Wildnis. Erst niedriges Gestrüpp, dann dichter Fichtenwald und weiter links das offene, graue Areal der alten Grube.
Die erste Eigentümerin, die ein Tier als vermisst gemeldet hatte, war eine ältere Frau mit schmalem Gesicht und einem weißen Zopf. Ihre Katze sei nie länger als ein paar Stunden fort, erklärte sie. Seit vier Tagen sei sie aber nicht mehr zurückgekommen.
„Und ist Ihnen etwas Ungewöhnliches aufgefallen?“, fragte Karl.
Die Frau überlegte. „Neben den Suchtrupps, die hier die letzten Tage durchgezogen sind?“ Sie guckte auf den Boden. „Ich hoffe, Sie finden den armen Jungen.“
„Natürlich“, sagte Mats, „wir geben unser Bestes. Aber ist Ihnen noch etwas anderes aufgefallen rund um den Zeitpunkt, zu dem Ihre Katze verschwunden ist? Irgendetwas?“
Die Dame überlegte. „Da stand öfter ein Wagen. Er war weiß. Ein Kastenwagen. Ich dachte, jemand arbeitet hier in der Gegend. Aber in der Straße hatte niemand einen Elektriker im Haus, soweit ich weiß. Daran erinnere ich mich, dass ich das komisch fand. Kann das etwas mit meiner Katze zu tun haben, meinen Sie?“
„Sie haben nicht zufälligerweise das Kennzeichen notiert?“, fragte Mats, ohne auf die Frage einzugehen.
Sie schüttelte den Kopf. „Nein. Nur das Logo, daran kann ich mich erinnern. Ein Blitz oder so, eben wie bei einem Elektriker.“
Karl notierte es.
Das junge Paar zwei Häuser weiter hatte keinen Kastenwagen bemerkt. Ihre Katze sei am Abend nicht zurückgekommen, sagten sie, und sie hätten zunächst gedacht, sie habe sich irgendwo verkrochen. Das kam immer mal wieder vor. Erst als die Nachbarin von ihrem Tier erzählt habe, sei ihnen bewusst geworden, dass es vielleicht kein Zufall war.
Das dritte Haustier, ein Hund, gehörte einem Mann Mitte fünfzig. Er führte sie sogleich in den hinteren Teil seines Gartens. Dort stand ein stabiler Zwinger aus Draht mit einer Holzhütte im Inneren.
„Er war hier“, sagte der Mann und zeigte auf den Boden im Gehege. „Ich habe ihn am Abend noch gefüttert. Am nächsten Morgen war er einfach weg.“
„Und das Tor?“, fragte Mats.
„Das war zu. Wie immer.“
Karl beugte sich vor und prüfte das Schloss. Es war robust und aus rostfreiem Stahl. An der Tür war eine Feder angebracht, die sie zudrückte und selbstständig ins Schloss fallen ließ. Es bestand also kaum die Möglichkeit, dass jemand vergessen hatte, den Zwinger zu schließen. Dann rüttelte er an dem soliden Zaun und das metallische Scheppern hallte von der Hauswand zu ihnen zurück. Sofort begann ein Hund irgendwo in der Nachbarschaft zu bellen.
„Wie soll er da von alleine raus sein?“, fragte der Mann.
„Das Tor war zu, da bin ich mir ganz sicher. Ist er etwa zwei Meter hoch über den Zaun gesprungen?“
Karl biss sich auf die Unterlippe; im Garten waren auch sonst keine sichtbaren Spuren zu erkennen. „Hast du in jener Nacht etwas gehört?“, fragte er.
Der Mann überlegte, schüttelte dann den Kopf. „Nein, ich habe nichts bemerkt. Ich habe geschlafen und wäre sicher beim kleinsten Geräusch aufgewacht. Wisst ihr, seit der Junge verschwunden ist, passt hier jeder auf und ich habe sowieso keinen tiefen Schlaf. Der Hund hätte außerdem gebellt, wenn jemand gekommen wäre. Das ist ja das Seltsame.“
„Oder ist dir ein weißer Kastenwagen mit einem Blitz im Logo aufgefallen?“, fragte Mats.
Der Mann kratzte sich im Nacken. „Ja, jetzt, wo du es erwähnst. So einen Wagen habe ich irgendwann hier in der Straße gesehen. Meine Frau hatte sich aufgeregt, dass er im Gras neben dem Weg geparkt hat.“ Er lachte verhalten. „Ich kann euch aber nicht sagen, an welchem Tag das gewesen ist.“
Karl und Mats verabschiedeten sich und gingen zurück zur Straße. Am Ende der Kristensedalen blieb Karl stehen. Ein schmaler Weg führte zwischen zwei Grundstücken hindurch und verlor sich wenige Meter weiter im Wald.
Links davon erstreckte sich hinter einem Zaun das offene Gelände der alten Mine. Rechts begann der Wald, dicht und dunkel, und dahinter zog sich das Land hinüber in Richtung Pasvik.
Karl warf einen Blick die Straße hinunter, die etwas weiter hinten in einem Wendeplatz vor dem Wald endete.
Mats trat neben ihn. „Viele Zufälle für einen so kleinen Ort.“
„Vielleicht“, entgegnete Karl und atmete langsam einen Schwall Luft aus.
Dann gingen sie zurück zum Wagen.