Prolog
Paris, 1794
„Manon Cecile Tremblay Blanchet!“, zischte Michel Blanchet.
Cecile wusste, wenn ihr Vater ihren ganzen Namen nannte, war sie in Schwierigkeiten.
„Ich beeile mich doch schon, Papa!“, protestierte sie.
„Du musst dich noch mehr beeilen!“, flüsterte er, packte sie schmerzhaft am Arm und zerrte sie mit sich.
Cecile beschwerte sich nicht. Sie und ihr Vater waren schon seit Monaten nicht mehr am helllichten Tag in Paris unterwegs gewesen – seit der Wohltäter ihres Vaters, der Duc de La Fontaine, sich eines Abends auf den Weg gemacht hatte, um einen Mann zu treffen, der sie alle aus Frankreich heraus schmuggeln sollte. Doch er war nicht wieder zurückgekommen.
Ihr Vater hatte bis gestern nichts über den Verbleib des Ducs gehört,– da war eine Nachricht von dem alten Adligen persönlich gekommen.
Man hatte den Duc verhaftet und in das berüchtigte Gefängnis La Force geworfen. Er war wie ein Großvater für Cecile und sie liebte ihn sehr, aber sie wünschte, ihr Vater hätte eine andere Möglichkeit gefunden, den alten Mann zu besuchen … und sie wäre lieber nicht dabei gewesen.
„Er liegt im Sterben“, hatte ihr Vater gesagt, als sie fragte, warum sie sich in das furchterregende Gefängnis wagen mussten. „Er hat uns all die Jahre am Leben gehalten. Ihn zu besuchen, wenn er uns sehen will, ist das Mindeste, was wir für ihn tun können. Uns wird nichts passieren, die Wachen wurden fürstlich bezahlt, damit sie uns und den Priester zu ihm lassen! Gott wird seine schützende Hand über uns halten.“
Cecile war erst vierzehn, aber sogar sie begriff, dass Gott der Kirche und ihren Priestern den Rücken gekehrt hatte – jedenfalls in Frankreich. Erst vor ein paar Wochen hatte sie von einem Massaker an unbewaffneten Mönchen und Nonnen gelesen, das in staatlichem Auftrag begangen worden war.
Doch selbst die Handlanger des Staates waren in Frankreich nicht mehr sicher. Die Revolution fraß ihre Kinder; erst letzten Monat hatte der verhasste, gefürchtete Robespierre selbst Bekanntschaft mit Madame Guillotine gemacht.
Cecile wusste nicht, ob ihr Vater die Wahrheit sagte. Ihr war, als hätte sie nie etwas anderes erlebt als Gewalt und Tod. Gab es wirklich ein Land, in dem man aus dem Haus gehen konnte, ohne dass man Angst haben musste, verhaftet zu werden?
„Pass doch auf, wo du hintrittst!“ Die zornige Stimme ihres Vaters riss sie aus ihren Gedanken.
Cecile blickte auf und sah, dass sie fast mit drei Gendarmen zusammengestoßen wäre, während sie in Gedanken versunken gewesen war.
„Es tut mir leid, Papa“, flüsterte sie und schaute sich vorsichtig um, ob sie unerwünschte Aufmerksamkeit erregt hatte. Aber die drei Männer gingen einfach weiter, lachten heiser und kümmerten sich nicht um die Menschenmassen, die ihnen schleunigst auswichen.
Vor ihnen ragte das Gefängnis La Force drohend in den Himmel. Es war schon beängstigend, bei Tageslicht auf die Straße zu gehen, aber das berüchtigtste Gefängnis von Frankreich zu betreten – denn das war es nach dem Sturm auf die Bastille –, war noch schlimmer.
„Schlag die Augen nieder, Tochter“, murmelte ihr Vater. „Und denk daran, dass du nicht sprechen kannst!“
Sie nickte heftig, setzte eine stumpfsinnige Miene auf und ließ die Schultern hängen. Ihr Vater hatte ihr einen hässlichen „Buckel“ angeheftet. Ihre Nachbarin, Madame Dubois, hatte ihrem Vater gezeigt, wie man sich verkleidete und schminkte, und sie hatten Cecile verwandelt, bis sie sich im Spiegel selbst nicht wiedererkannte. Sie hatten sogar ihr Haar bearbeitet und es so mit Kohlenstaub gepudert, dass ihre beinahe schwarzen glänzenden Locken zu graubraunen Strähnen geworden waren. Sie sah aus wie eine gebrechliche alte Frau. Madame Dubois hatte ihr auch noch die Zähne geschwärzt, und wenn sie den Mund aufsperrte, wirkte sie völlig verrückt.
Cecile schlurfte neben ihrem Vater her, der – jedes Mal mit klingender Münze – einen Wachmann nach dem anderen passierte. Das neue Frankreich hatte die ausbeuterische Aristokratie gestürzt, doch jetzt wucherte das Unkraut der Bürokratie.
Endlich waren sie bis zum Gefängnis vorgedrungen.
Cecile wollte gerade ihrem Vater und dem Wachposten, der sie begleitete, in einen der engen finsteren Gänge folgen, die zu den Zellen führten, als ein anderer Wachmann sie am Arm festhielt. „Die Alte bleibt hier!“
Cecile blieb fast das Herz stehen. Ihr entfuhr ein Wimmern.
„Ich habe dafür bezahlt, dass sie mitkommen darf“, sagte ihr Vater.
„Aber nicht mich!“
Cecile blickte nicht auf, doch sie hörte das schmierige Grinsen aus der Stimme des Mannes heraus.
Ihr Vater fasste mit zitternder Hand in die Tasche seines zerlumpten Mantels. Er musste lange suchen, bis er eine Münze fand. „Mehr habe ich nicht“, sagte er und übergab sie.
Der Wachposten brummte unzufrieden. „Was ist mit ihr?“
„Sie ist nicht bei Verstand. Ich gebe ihr kein Geld.“
Der Wärter knurrte angewidert. „Nun kommt, Ihr habt nur eine Viertelstunde.“
Ihr Vater packte sie an der Schulter, und Cecile trottete neben ihm her. Sie gingen an mehreren Zellen vorbei, in denen Dutzende Gefangene zusammengepfercht waren. Die Leute riefen ihnen alles Mögliche zu, bettelten um Essen und baten sie, Nachrichten zu überbringen, einer lauter als der andere.
Sie wollten schneller gehen, um dem Lärm zu entkommen, doch ihr Begleiter schien das Geschrei nicht zu hören und schlich wie eine Schnecke.
Cecile biss die Zähne zusammen, um nicht aufzuschreien. Wenn es so weiterging, würde die Viertelstunde um sein, bevor sie bei dem Duc waren – und dann mussten sie umkehren!
Nach einem gefühlten Äon blieb der Mann stehen und kramte in der Tasche des schweren grauen Wollmantels, den alle Wachleute trugen. Das Rasseln eines Schlüsselbundes unterbrach die Stille. Er hantierte wiederum eine Ewigkeit am Schloss, dann stieß er die Tür auf. Sie quietschte so laut in den Angeln, dass Cecile und ihr Vater zusammenfuhren.
Sie fanden sich in fast völliger Finsternis wieder. Das einzige matte Licht in der Zelle kam von einer qualmenden Kerze in der Ecke.
Als die Tür hinter ihnen zufiel, kam Cecile sich vor wie in einer Gruft.
„Michel?“ Die schwache Stimme kam aus der Nähe der Kerze.
Ceciles Augen gewöhnten sich an die Dämmerung, und sie sah, dass der Priester vor dem Duc kniete. Die beiden Gestalten waren zu einem großen Umriss verschmolzen.
„Ich bin hier, äh … Bürger.“
Cecile wand sich, denn ihr Vater hätte beinahe aus Versehen den Titel des Ducs genannt. Sie waren anscheinend allein, doch sie wussten aus bitterer Erfahrung, dass die Wände Ohren hatten.
„Er hat nicht mehr viel Zeit“, sagte der Priester, stand auf und drehte sich zu ihnen um. Er war nicht so leichtsinnig, den Kragen seines Standes zu tragen, aber er hielt einen schlichten Rosenkranz in der Hand. Das Kerzenlicht fiel auf seine verkniffenen Züge, und er runzelte die Stirn, als sein Blick auf Cecile fiel. „Ich bin nicht sicher, was ich davon halte. Das Mädchen ist noch so jung, die Ehe kann nicht vollzo…“
Ihr Vater unterbrach den Mann mit einem Räuspern. Das war unhöflich und sah ihm gar nicht ähnlich. Was hatte der Priester sagen wollen? Über sie? Warum war …
„Ihr wisst, warum wir das hier machen“, flüsterte ihr Vater hitzig. „Ihr habt bereits zugestimmt. Und jetzt, nachdem ich meinen letzten Sou geopfert habe, überlegt Ihr es Euch anders? Ist Euch klar …“
Der Geistliche hob beschwichtigend die Hand. „Ich nehme mein Wort nicht zurück. Ich will nur sicher sein, dass sie weiß, was hier heute passieren wird.“
Cecile sah verwirrt von einem zum anderen. „Vater? Was …“
„Pst.“ Er führte sie an dem Priester vorbei und zu dem Duc. Dieser lag auf einer Pritsche unter einer schmutzigen, zerlumpten Decke und war so dünn und blass, dass sie ihn kaum wiedererkannte.
Ihr Vater senkte den Kopf, sank unbeholfen vor seinem einstigen Gönner auf die Knie und zog Cecile mit sich.
„Euer Gnaden“, flüsterte er. Dann beugte er sich vor und nahm die magere Hand des alten Mannes. Er küsste die Stelle, an der so lange der Siegelring des Adligen gesteckt hatte, dass der Finger immer noch eine Delle hatte. „Es ist mir eine Ehre, dass Ihr mich in der Stunde der Not zu Euch ruft.“
Die halb geschlossenen Augen des Ducs sahen Cecile an, nicht ihren Vater. „Habt Ihr Manon die Wahrheit gesagt, Michel?“
Cecile hätte gern alle drei Männer daran erinnert, dass sie persönlich anwesend war. Sie wollte auch sagen, dass sie Cecile genannt wurde und ihren ersten Vornamen hasste. Aber das wäre ihrem Vater peinlich gewesen, also schwieg sie.
Michel Tremblay öffnete den Mund, zögerte und wandte sich dann an Cecile. „Der Priester ist hier, um dich mit Seiner Gnaden zu verheiraten.“
Cecile fiel die Kinnlade herunter. Sie versuchte etwas zu sagen, brachte aber keinen Ton heraus.
Ein leises, heiseres Lachen ertönte. „Ich nehme es dir nicht übel, dass du so entsetzt aussiehst, Manon.“
Scham überkam sie. Sie hatte einen sterbenden Mann beleidigt, der sich jahrelang um sie und die Ihren gekümmert hatte wie um eine eigene Familie. „Es tut mir leid, Euer Gnaden. Ich wollte nicht …“
„Sei still, Kind. Ich verlange nicht von dir, dass du dich freust, eine Leiche zu heiraten.“ Der erloschene Blick seiner blauen Augen schweifte wieder zu dem Priester und zurück. „Ich fürchte, wir haben wenig Zeit. Abgesehen von ein paar entfernten Verwandten, die in alle Winde verstreut sind, bin ich der Letzte meines Geschlechts, Manon. Wenn ich sterbe, fällt alles den Schakalen zu, die mich jahrelang gehetzt haben. Wahrscheinlich wird man mein Testament für ungültig erklären, aber eine Ehefrau hat Rechte, die berücksichtigt werden müssen – sogar von dem gottlosen Gesindel, das unser großes Land an der Gurgel gepackt hat. Dieser … dieser Albtraum wird nicht ewig dauern, und wenn er vorüber ist, bekommst du, Manon, alles, was ich hinterlassen habe.“
Cecile konnte ihren Vater nur anstarren. Er drückte ihr den Arm. Sie würde eine Duchesse werden? Vor langer Zeit – als kleines Mädchen – hätte sie sich vielleicht darüber gefreut, aber jetzt? Jetzt war ein solcher Titel ein Todesurteil.
„Sprich, Cecile“, flüsterte ihr Vater mit zornbebender Stimme.
„Natürlich sage ich ja … es ist mir eine Ehre“, fügte sie hinzu, denn ihr Vater drückte ihren Arm so fest, dass es wehtat.
Der Duc sah so dankbar aus, dass sie sich für einen Moment schuldig fühlte. Schließlich tat er es, um ihr seinen Reichtum zu hinterlassen.
Ihr aller Leben bestand ohnehin nur noch aus Lügen, Versteckspiel und Geheimnissen. Auf ein Geheimnis mehr kam es wirklich nicht an.
Zwei Wochen später
Der Wind blies so heftig, dass die zerfetzte Trikolore waagerecht flatterte.
Cecile musste schreien, um sich Gehör zu verschaffen. „Er wird doch nicht bei diesem Wetter in See stechen?“
„Er wird kommen“, brüllte ihr Vater zurück. Dann schüttelte ihn einer der Hustenanfälle, die in der letzten Woche immer schlimmer geworden waren.
„Papa! Das ist nicht sicher, lass uns ins Dorf zurückkehren. Wir haben genug …“
Er machte eine Handbewegung, die sagte: Genug!
Cecile seufzte und zog ihren zerlumpten schwarzen Umhang fester um sich. Ihr Vater hatte ihr versprochen, dass sie diese schreckliche Verkleidung heute zum letzten Mal tragen müsste. Sie hatte es satt, wie fünfzig auszusehen, wenn sie gerade erst vierzehn war. Sie hatte es satt, sich Tag und Nacht zu verstecken. Sie hatte es satt …
„Da!“ Ihr Vater wies auf ein winziges Boot, das versuchte an die Küste zu gelangen.
Cecile starrte in die Richtung. Es sah aus wie die Papierboote, die sie als Kind immer gefaltet hatte. „Mon Dieu! Da können wir doch nicht einsteigen?“
Ihr Vater hörte sie entweder nicht oder würdigte sie keiner Antwort, stattdessen stapfte er auf das Wasser zu. Sie sah an seiner Haltung, dass er schon wieder gegen einen Hustenanfall kämpfte.
Cecile eilte ihm nach und legte ihm den Arm um die schmalen, gebeugten Schultern. Noch vor einem Monat war er ihr stämmiger, lebendiger Papa gewesen. Er war immer klein gewesen, dafür aber kräftig. Jetzt war er nur noch eine Hülle, die jeden Tag leerer wurde.
Aber immer noch dickköpfig. Sie sollten hierbleiben, und er gehörte ins Bett.
Cecile biss die Zähne zusammen, als ihr Vater versuchte ins Wasser zu steigen, um das kleine Boot zu fassen zu bekommen.
„Bleib, wo du bist“, rief sie. „Ich helfe ihm!“
Er nickte und hustete.
Cecile hob ihre Röcke an und stopfte sich den Saum ins Mieder, wobei sie ihre Beine bis zu den Knien entblößte. Unter anderen Umständen wäre das skandalös gewesen, doch in diesem Moment achtete niemand darauf.
Aus der Nähe wirkte das Boot sogar noch kleiner. War ihr Vater verrückt geworden? Die beiden Insassen waren so breit, dass sie nur knapp hineinpassten. Allerdings müssten beide rudern, da ihnen das winzige Segel in diesem heulenden Sturm nichts nützen würde.
Cecile half ihrem Vater hinein, stieg dann selbst ein und stieß das Boot von dem Steinstrand ab. Obwohl sie ihren Rock hochgehoben hatte, war sie bis zu den Hüften durchnässt.
Sie kauerten sich im Bug des Bootes zusammen, während die beiden Riesen ruderten.
Ihr Vater drückte ihr etwas in die Hand, es war die kleine Lederbörse, die er immer bei sich trug.
„Papa, was …“
Er gab ihr noch etwas in die Hand, diesmal war es das Päckchen aus Ölzeug, das er stets bei sich trug. Darin befanden sich seine Waffenentwürfe, einige Familienurkunden, Ceciles Trauschein und eine Abschrift des Testamentes des Ducs.
Cecile fing keine Diskussion mit ihrem Vater an, denn das ging bei diesem Wetter nicht. Sie stopfte die Börse in ihren Unterrock, der von drei Knöpfen gehalten wurde. Das Päckchen war zu groß, also steckte sie es in den abgenutzten Lederrucksack, in dem sie Kleider zum Wechseln und eine Miniatur ihrer Mutter verwahrte.
Ihr Vater hatte eine ähnliche Tasche, doch die enthielt seine letzten Werkzeuge. Michel Charles Tremblay war einst der persönliche Waffenschmied des letzten Königs von Frankreich, Louis XVI., gewesen.
Cecile nahm die Tasche ihres Vaters und warf sie sich über die andere Schulter. Er hielt ihre Hand und drückte sie kraftlos. Sie klammerten sich aneinander, und ihr Vater zitterte immer heftiger, je länger sich die dunkle, sternenlose Nacht hinzog. Der Sturm dachte nicht daran, nachzulassen, sondern wurde schlimmer. Die Wellen trieben das Boot aufs Meer hinaus statt in den Kanal.
Sie ahnte, dass die Männer nicht vorgehabt hatten, die ganzen zwanzig Meilen zu rudern, sondern zu segeln, wenn das Wetter es zuließ. Sie waren bald erschöpft und mussten sich mit dem Rudern abwechseln. Eine elende Stunde reihte sich an die andere, und Cecile dachte nur noch an ihr eigenes Ungemach – ihre steifgefrorenen Hände, die durchweichten Kleider und den heulenden Wind.
„Wir kehren um!“
Die Stimme riss sie aus ihrer persönlichen Hölle, und sie schaute die beiden Männer an. Sie wusste nicht, wer sie angeschrien hatte, aber sie sahen beide halb tot aus. Ein Blitz nach dem anderen teilte den Himmel, als hätte das Unwetter es auf sie abgesehen.
Die Männer ruderten panisch und lieferten sich ein Wettrennen mit Mutter Natur.
Cecile wandte sich an ihren Vater. „Papa! Wir kehren um!“, schrie sie.
Doch er ließ den Kopf hängen und rührte sich nicht.
„Papa?“ Sie packte ihn an der Schulter und schüttelte ihn.
Sein Kopf fiel leblos in den Nacken. Ihr Vater rutschte von der Bank und landete auf dem Rücken. Er starrte sie mit aufgerissenen Augen an, die nichts mehr sahen.
„Papa!“
Ein greller Blitz erleuchtete den Himmel, und ihr standen die Haare zu Berge. Einer der Männer sprang mit einem Schrei auf, wobei ihm das Ruder aus der Hand fiel. Der Mann, der neben ihm gesessen hatte, war nach vorn gesunken. Aus seinem Körper schlugen Flammen.
Das Boot geriet gefährlich ins Wanken, denn der andere Fischer stolperte und brachte es aus der Balance.
Cecile klammerte sich an den Rand des Bootes, als die Welt Kopf stand und sie mitriss. Das Wasser ertränkte ihre Schreie, und sie verhedderte sich mit einem Arm in den Taschen, die sie am Körper trug. Sie war unter dem Boot gefangen.
Sie verschluckte sich am Wasser und versuchte sich loszureißen. Der Riemen einer Tasche hatte ihre Hand irgendwie an ein Ruder gebunden. Cecile zerrte verzweifelt und schrie auf, als sie sich das Handgelenk verrenkte.
Sie trat um sich und versuchte an die Oberfläche zu kommen. Dann stieß sie mit dem Kopf gegen Holz und begriff, dass sie unter dem Boot gefangen war, dort hatte sich eine Luftblase gebildet.
Cecile fasste mit ihrer unversehrten Hand nach oben und entdeckte ein Seil, das am Boot befestigt sein musste. Sie umklammerte es und strampelte im Wasser. Es war totenstill, nur das Rauschen des Wassers und ihr eigener keuchender Atem waren zu hören.
Papa ist tot.
Der plötzliche Gedanke traf sie wie ein Stich ins Herz. Cecile hatte seit Jahren nicht mehr geweint – seit die Sansculotten das Schloss des Ducs niedergebrannt hatten. Der Duc war zu dem Zeitpunkt in Paris gewesen, aber das hatte das Gesindel nicht davon abgehalten, Dienstboten umzubringen – Menschen, die jahrelang Freunde und Familie für sie gewesen waren.
Und nun war ihr Vater tot.
Selbst wenn sie überlebte, würde sie allein sein.
Wir haben einen Cousin in England, Cecile, hatte ihr Vater mehr als einmal gesagt. Solltest du jemals in Not sein, kannst du dich an ihn wenden.
Aber ihr Cousin Curtis war nur ein Name. Er war ein Fremder.
Sie hatte niemanden.
Dieser schreckliche Gedanke lastete schwerer auf ihr als die durchnässten Kleider, die sie in die Tiefe zogen. Es wäre so leicht gewesen, einfach loszulassen … ins Nichts zu versinken und wieder bei ihrem Vater zu sein.
Doch ihre Hand wollte das Seil nicht loslassen. Und als die Luft in ihrer Blase immer dünner wurde, ließ sie nicht etwa los, sondern kämpfte sich unter dem Boot hervor und klammerte sich an den Rumpf, während der Sturm immer noch tobte.
Stunden später war der strömende Regen zu einem leichten Tröpfeln abgeebbt und der heulende Wind nur noch eine frische Brise. Cecile hielt sich immer noch am Boot fest, als der Morgen über Englands Küste dämmerte.
Teil 1: Die Gegenwart
Kapitel eins
Whitechapel, London
Februar 1816
Zweiundzwanzig Jahre später
Cecile schoss dem gut aussehenden jungen Mann die Spielkarte aus der Hand, der machte einen Satz und kreischte vor Schreck.
Sie brach in einen Schwall englischer und französischer Flüche aus.
„Es tut mir leid! Es tut mir leid!“, sagte Gerry Wheeler und zog angesichts ihres Zorns den Kopf ein.
Gerry war dreiundzwanzig und mit Abstand der schönste Mann, den Cecile je gesehen hatte. Leider auch der größte Feigling.
Cecile steckte die Pistole in ihr Halfter, atmete tief durch und zwang sich, langsam und in mildem Ton zu reden – beides fiel ihr schwer.
„Gerry, ich glaube, unsere Wege sollten sich trennen.“
„Oh, bitte, bitte, bitte nicht, Miss Tremblay! Ich werde mich bessern, ich schwöre es!“
„Du bist schon seit zwei Monaten hier, Gerry, und schreist lauter als am ersten Tag!“
Er biss sich mit seinen makellosen schneeweißen Zähnen auf die volle Unterlippe. „Das ist keine Absicht … ich weiß nicht, was mit mir nicht stimmt.“
Cecile musste lachen. „Mit dir stimmt alles, Gerry. Kein normaler Mensch findet es schön, wenn auf ihn geschossen wird.“
„Aber ich arbeite so gern im Fayre, Miss Tremblay. Ich fühle mich hier zu Hause.“
Da war er nicht der Einzige. Auch Cecile fühlte sich in Farnham’s Fantastical Female Fayre zu Hause.
Sie seufzte und klopfte ihm auf die breite Schulter, wofür sie sich auf die Zehenspitzen stellen musste. „Wir werden schon eine andere Arbeit hier für dich finden. Ich rede morgen mit Beryl und Wilfred, dann sehen wir, was es für dich zu tun gibt.“
Beryl und Wilfred waren Ceciles Organisatoren und sorgten dafür, dass The Fayre mit all seinen verschiedenen Darbietungen reibungslos lief.
„Oh, danke, Miss Tremblay! Sie werden es nicht bereuen!“
Wahrscheinlich würde sie das doch, aber darum konnte sie sich kümmern, wenn es so weit war.
Es war Sonntag, der einzige Abend, an dem kein Auftritt im Theater stattfand, und so war hinter der Bühne nicht viel los.
Cecile übte sich sonntags gern im Messerwerfen und sah die Rechnungsbücher durch. Sie fand es schön, das ganze Gebäude für sich zu haben. Ihr Gebäude und ihr Geschäft.
Aber das stimmte nicht ganz. Obwohl sie Farnham’s Fantastical Female Fayre leitete – den allerersten rein weiblichen Zirkus in England, auch wenn es mittlerweile mehrere Nachahmer gab –, gehörte er ihr nicht allein. Sie waren zu viert. Die drei anderen waren reiche Investoren, die sie überredet hatte, Marianne Simpson The Fayre abzukaufen.
Marianne, Ceciles engste Freundin, hatte The Fayre von ihrem Onkel Barnabas geerbt, der letztes Jahr gestorben war. Mariannes erster Gedanke war gewesen, Cecile das Geschäft einfach zu schenken.
„Ich kann es nicht weiter betreiben, Cecile. Und verkaufen? Ich brauche doch kein Geld.“
Marianne hatte nämlich den steinreichen Duke of Staunton geheiratet.
Ihre großzügige Geste hatte Cecile gerührt, doch das Theater in der Newcastle Street und das große Haus, das dazu gehörte, waren viel wert. Cecile fand es nicht richtig, ein so großes Geschenk anzunehmen.
Wie die Dinge lagen, würde sie ihre drei Parter bezahlen, bis sie alt und grau war. Aber was sollte sie auch sonst mit ihrem Leben anfangen?
Cecile schritt ungestört durch das stille Theater und ging in das winzige Zimmer, in dem sie ihr Büro hatte. Sie hatte einen Frisiertisch und einen Paravent aufstellen lassen, und so musste sie sich nicht mit den anderen Künstlerinnen in den Umkleideraum zwängen, der sowieso schon überfüllt war.
Heute hatte sie nur Übungen gemacht und musste nur ihr Halfter mit den zwei Pistolen ablegen. Bei einem richtigen Auftritt hätte sie dicke Schminkschichten und ihr aufreizendes Kostüm getragen – ein Kleid, das Barnabas Farnham entworfen hatte.
Vor vier Jahren, als sie im Fayre anfing, hatte Cecile das freizügige Kleid gehasst, doch jetzt, da sie den Laden selbst betrieb, wusste sie, dass ihr Aussehen – exotisch, sinnlich und gefährlich – wichtig war, wenn es darum ging, reiche, privilegierte Männer anzulocken. Die Karten für ihren Auftritt waren teuer.
Als Erstes säuberte sie ihre Pistolen – diese Lektion hatte sie von ihrem Vater gelernt. Cecile putzte eifrig drauflos und dachte wieder einmal über etwas nach, das sie in letzter Zeit sehr beschäftigte: ihre Erscheinung und was sie für ihre Einnahmen bedeutete.
Sie war mit sechsunddreißig immer noch schön – warum eine offensichtliche Wahrheit leugnen? –, aber ihre besten Jahre lagen hinter ihr. Wer weiß, wie lange noch Männer zu ihren Auftritten kommen würden?
Sie brauchte eine Assistentin – eine Künstlerin, die hübsch genug war, um ihren Platz einzunehmen, wenn sie keine Attraktion mehr war. Eine Frau zu finden, die schießen konnte, war ihre geringste Sorge. Sie brauchte eine Darstellerin mit Ausstrahlung und einer gewissen … Verve. Schießen konnte mit genug Übung fast jedes Mädchen lernen.
Cecile war inmitten von Waffen aufgewachsen – zuerst denen, die ihr Vater hergestellt, und dann denen, die sie selbst angefertigt hatte. Aber sie hatte nie vorgehabt, ihr Brot als Zielscheibe in einem Zirkus zu verdienen.
Leider hatte der Cousin, der einst schwor, Cecile bei ihrer Arbeit als Waffenschmiedin zu unterstützen, stattdessen die Entwürfe ihres Vaters gestohlen – Entwürfe, die Cecile mit viel Mühe aus dem Gedächtnis rekonstruiert hatte, nachdem sie das kostbare Päckchen mit Papieren in jener stürmischen Nacht vor langer Zeit verloren hatte – und sie dann aus dem Haus geworfen.
Die Waffen, die ihr Cousin Curtis Blanchard – so lautete die anglisierte Version von Blanchet – produzierte, waren minderwertig, und es machte Cecile wütend, dass sie den Namen Blanchard trugen, auch wenn nur wenige Leute „Blanchard“ mit „Blanchet“ in Verbindung brachten.
Aber Cecile konnte kaum etwas tun, um ihn zu bremsen. Es machte ihr jedoch diebische Freude, dass seine Firma vor fünf Jahren pleite gegangen war.
Cecile runzelte die Stirn über ihre unfruchtbaren Grübeleien, ölte die zweite Pistole und legte sie wieder in den lackierten Kasten. Der Gedanke an Curtis machte sie nur wütend und unzufrieden. Sie führte jetzt ein anderes Leben – es war nicht das, was sie sich erhofft, aber immer noch besser als das, was sie befürchtet hatte. Sie betrieb ein erfolgreiches Geschäft und machte ihre Arbeit gut, auch wenn sie sie nicht liebte.
Sie hatte sogar zum ersten Mal in ihrem Leben eine Freundin gefunden. Marianne und Cecile arbeiteten und wohnten nicht mehr zusammen, aber sie standen sich immer noch so nahe wie Schwestern.
Cecile hoffte immer noch, dass sie jetzt, nach Mariannes Abschied, noch eine gute Freundin finden würde – Josephine Brown, ihre geheimnisvolle, verschwiegene Expertin für Klingen, die deshalb auch von allen „Blade“ genannt wurde. Doch selbst nach den gefährlichen Monaten im letzten Jahr – sie waren gemeinsam in Frankreich unterwegs gewesen, und das ausgerechnet zu der Zeit, in der Napoleon Bonaparte die Flucht von Elba gelang – war Blade immer noch so verschlossen wie eine Auster, wenn es darum ging, wer sie war und woher sie kam.
Blade war der selbstgenügsamste und zäheste Mensch, dem sie je begegnet war. Sonst wusste Cecile nur, dass sie als Söldnerin arbeitete. Und sie war so gut darin, dass mindestens ein europäischer Monarch sie angeheuert hatte.
Cecile gab es nur ungern zu, aber sie wusste, dass sie Blade wohl nie richtig kennenlernen würde, denn es war nahezu unmöglich, mit dieser Frau ins Gespräch zu kommen. In Ceciles eigener Vergangenheit gab es ja weiß Gott genug eigene Geheimnisse, aber sie hatte noch nie eine Frau getroffen, die so reserviert und verschlossen war wie Josephine Brown.
Sie starrte ihren Schreibtisch an, bis ihr Gewissen vorwurfsvoll sagte: Du schiebst deine Arbeit vor dir her.
Cecile seufzte und wandte sich dem Stapel Briefe zu, der nie schrumpfte. Das gehörte zum Geschäft. Sie sah die Bewerbungsschreiben hoffnungsvoller Künstlerinnen und die eingegangenen Rechnungen durch.
Als sie schon fast ganz unten angekommen war, fand sie die gestrige Ausgabe des London Examiner, einer Zeitung, die drei Mal wöchentlich erschien.
Cecile hatte ihr Abonnement vor drei Monaten gekündigt. Seit Anfang des Jahres las sie gar keine Zeitungen mehr. Wahrscheinlich hatte einer ihrer Angestellten ihr die Zeitung hingelegt und geglaubt, ihr damit einen Gefallen zu tun.
Sie starrte die Zeitung an und bekam beinahe so etwas wie Hunger.
The London Examiner war einst ihre Lieblingszeitung gewesen – aus dem peinlichen Grund, dass sie von allen Zeitungen des Landes die beste Gesellschaftsrubrik zu bieten hatte.
Jahrelang – vor allem, als sie im fernen Massachusetts quasi im Exil gelebt hatte – waren Klatschkolumnen trotz aller Gewissensbisse ihr Labsal gewesen. Man konnte dem eigenen Leben entfliehen, wenn man in die Geschichten über die schönen, reichen, mächtigen Männer und Frauen der oberen Zehntausend eintauchte. Doch der Glanz war verblasst, als sie letztes Jahr in Frankreich einige dieser schillernden Figuren persönlich kennengelernt hatte.
Das war jetzt fast ein Jahr her, und Marianne hatte einen der Adligen geheiratet, mit denen sie gereist waren. Aber Cecile konnte immer noch nicht glauben, dass all das wirklich passiert war. Sie waren den Armeen Europas ausgewichen, zerlumpten Partisanen entkommen und hatten den opportunistischen Kriegsgewinnlern nicht in die Hände gespielt. Vor allem konnte sie nicht glauben, dass sie die Geliebte Gaius Darlingtons gewesen war, des Mannes, den die Skandalblätter Darling of the ton nannten. Des Mannes, von dem Cecile – ebenso wie mindestens die Hälfte aller Frauen in England – gelesen und geträumt hatte.
Wie bei allen Affären war am Anfang alles wunderbar gewesen. Sie hatten sich sofort darauf geeinigt, dass es nur um fleischliche Gelüste gehen sollte. Keine Vertrautheit, keine Erwartungen, keine feste Bindung. Und das Wichtigste: Sie hatten vereinbart, dass alles vorbei sein würde, sobald sie wieder in England waren. Es war nicht ganz schmerzlos, aber doch leicht gewesen, sich mit diesen Grenzen abzufinden. Schließlich war Cecile vor allem Realistin. Und die Wirklichkeit sah so aus, dass Cecile Zirkuskünstlerin war und Guy ein Adliger des Königreiches, der seiner Familie und seinem Stand gegenüber Pflichten hatte. Er würde nie frei sein, um Cecile zu heiraten. Auch das war ihr recht gewesen, denn das Letzte, was sie wollte, war ein Mann, der sie bevormundete und wie sein Eigentum behandelte. Ihr Cousin Curtis hatte ihr ja gezeigt, wie so etwas für eine Frau ausging!
Und bis sie die Fähre nach Dover bestiegen hatten, hielt Guy sich an ihre Abmachung. Dann, im letzten Augenblick, hatte er sein wahres Gesicht gezeigt.
Cecile merkte, dass sie die Zähne zusammenbiss, und versuchte sich zu entspannen. Doch selbst ein Jahr später brachte die Erinnerung an ihren letzten gemeinsamen Morgen ihr Blut in Wallung. Wie alle mächtigen Männer dieser Welt wollte Guy seinen Kuchen essen und ihn gleichzeitig behalten. Er hatte ihr eine carte blanche angeboten und wollte sie irgendwo einquartieren, wo es ihm passte und sie ihm jederzeit zur Verfügung stand. Kurzum, er wollte sie als seine eigene persönliche Hure behalten – aber heiraten würde er eine junge, unberührte, ehrenwerte Erbin, die seine Familie vor dem Ruin retten und ihm einen ganzen Wurf Kinder schenken würde.
Cecile war weder jung noch ehrenwert. Sie war Scharfschützin in einem Zirkus und ging auf die Vierzig zu.
Und unberührt?
Sie wusste nicht einmal genau, was das Wort bedeutete, aber es ging sicher um körperliche Liebe. Sie sprach seit ihrem vierzehnten Lebensjahr fast nur noch Englisch, dachte aber immer noch auf Französisch, wenn Englisch – oder die Engländer – sie frustrierten. Und besonders einer hatte sie frustriert.
Warum denkst du schon wieder an ihn? Wirf diese dumme Zeitung weg und geh wieder an die Arbeit!, befahl die tyrannische innere Stimme.
Sie knurrte und wollte gerade gehorchen, hielt jedoch inne. Cecile las schon seit Monaten keine Klatschzeitungen mehr, weil sie fürchtete, etwas über Guy darin zu finden, das ihr wehtat. Es war schlimm genug, alle darüber reden zu hören, dass er sich endlich eine Frau suchen und sich häuslich niederlassen würde.
Aber jetzt war sie plötzlich wütend auf sich selbst, weil sie seinetwegen auf ein solches Vergnügen verzichtete.
„Du bist ein Feigling, wenn du dich seinetwegen änderst“, warf sie sich vor. Es machte ihr Mut, die Worte laut zu hören.
Ohne ihr Rechnungsbuch zu schließen oder die Feder aus der Hand zu legen, schlug sie mit rascher Hand die Zeitung auf und blätterte sie durch, bis sie gefunden hatte, was sie suchte.
Ein paar Sekunden später stockte ihr der Atem. Die Worte schienen auf der Seite zu tanzen und sie auszulachen.
Es war geschehen – das, was sie befürchtet hatte, der Grund, aus dem sie die verdammten Zeitungen nicht mehr las: The Darling of the ton war verlobt.
Cecile hörte ein Knacken, schaute nach unten und sah, dass sie ihre Lieblingsfeder zerbrochen hatte. „Merde!“
Das kam davon, wenn man an Gaius Darlington dachte – Kostbarkeiten gingen kaputt!
Warum bist du überrascht? Du wusstest, dass das passieren würde. Warum benimmst du dich wie ein Schulmädchen, das seinen ersten Liebeskummer erlebt?
Cecile wusste, dass all das stimmte, und sie versuchte den Gedanken an ihn zu verdrängen – und den Schmerz, den es ihr bereitete. Aber sie dachte doch an ihn und sah ihn vor sich.
Seltsamerweise sah er vor ihrem inneren Auge nicht so aus wie an jenem letzten Tag auf der Fähre von Frankreich nach England – verzweifelt, gekränkt und wütend, als hätte sie ihn verraten. Nein, Cecile sah – in den leuchtenden Farben eines Ölgemäldes – den Guy, den sie vor über einem Jahr kennengelernt hatte.