Leseprobe Die Träume einer neuen Zeit

1. Kapitel

Charlotte

Charlotte blieb so abrupt stehen, dass ein Passant hinter ihr einen Laut ausstieß, dennoch im Vorübergehen grüßend den Hut lüpfte und den Rennweg weiter hinab lief. Charlotte kümmerte sich nicht um ihn. Sie bestaunte die Staude mit den hellen Blüten, die soweit sie wusste, Duftschneeball hieß. Sie sog deren himmlischen Duft ein. Und da vorne blühten bereits die ersten Fliederbüsche. Ein Sehnsuchtsduft, eine Sehnsuchtsjahreszeit. Sie riss sich von deren Anblick los, schlenderte gemächlich weiter. Es war erst acht Uhr an diesem Montagmorgen. Noch blieb reichlich Zeit bis zur Arbeit im KAWA.

Ihre rechte Hand Ute hatte ein paar Tage Urlaub genommen und das im April! Nicht nur, dass sich das Wetter wechselhaft präsentierte, es war auch noch ausgesprochen kühl. Nicht aber heute. Gerade schien die Sonne von einem strahlend blauen Himmel und, so hoffte sie für Ute, dass das schöne Wetter die paar Urlaubstage anhielt, die sie hier in der Stadt verbringen wollte. Weil auch Tante Sophia mehr und mehr zu Hause arbeitete, hielt Charlotte die Stellung alleine im Büro.

Zudem hatte sich Christian auch für ein paar Tage von ihr verabschiedet, um einen ehemaligen Studienkollegen in Frankfurt zu besuchen. Christian erhoffte sich von seinem Kollegen Ratschläge für eine freiberufliche Tätigkeit als Anwalt. Nun, im Grunde übte er die bereits aus, vor allem für das Kaufhaus, aber anscheinend suchte er weiteres Wissen. Sie vermisste ihn und verbrachte die Abende mit ihrer Familie in der Villa. Alleine war sie da nicht, denn außer Tante Sophias Familie, wohnten ihre Eltern, ihr Cousin und dessen Eltern sowie Opa Heinrich und sein Freund David dort. Charlotte ging gemächlich zur Arbeit.

Katharinas Büro war leer. Charlotte schüttelte den Kopf. Offenbar arbeitete sie heute als Einzige. Sie stieß die Tür zu ihrem kleinen Büro auf, das von dem großen Tisch völlig eingenommen war. Meistens stapelten sich darauf die Entwürfe für die nächste Kollektion, doch momentan waren die größtenteils bereits bei den Schneiderinnen in Arbeit.

Charlotte legte Mantel und Tasche ab, setzte sich an den Schreibtisch und hielt inne. Seit Wochen brodelte eine Idee in ihr. Tante Katharina würde aus allen Wolken fallen, wenn sie davon erfuhr. Sie zog ihren Zeichenblock aus der Schublade und legte los. Nach einer Weile lehnte sie sich im Stuhl zurück und betrachtete ihre Entwürfe, als plötzlich Katharina hinter ihr stand. Sie hatte sie nicht kommen hören. Ihre Tante grinste. „Was wird das? Bist du schwanger?“

Charlotte räusperte sich, stand auf und schaute Katharina in die Augen. „Seit einiger Zeit spukt mir im Kopf herum, auch eine Kollektion für Kinderkleidung zu entwerfen.“ Katharina runzelte die Stirn und schwieg, was ein gutes Zeichen war. Also fuhr sie fort. „Du sagtest selbst, dass die Kundschaft sich nun auch Luxus leisten kann, also warum nicht auch für Kinder? Ich habe einige Kundinnen angesprochen und die sagten mir, sie besorgen sich die Kleidung für ihre Kleinen in anderen Städten. Und warum wohl? Weil wir sie ihnen nicht bieten können.“

„Aha.“ Katharina nickte. „Schön, deine Idee finde ich grundsätzlich gut.“ Dann deutete sie auf die Entwürfe. „Aber das da ist kein Luxus, das ist das, was die Kleinen bereits auf der Straße tragen.“ Sie fixierte Charlotte. „Entwirf Edles!“

Charlotte umarmte ihre Tante kurz. „Danke. Du hast recht. Ich werde das ändern.“

Katharina verließ den Raum, Charlotte setzte sich wieder. „Luxus!“ Sie stützte das Kinn auf die Hände und schloss die Augen. Tatsächlich edle Kleidung? Für Kinder?

Sie zerriss die vorigen Entwürfe und betrachtete die Modelle ihrer eigenen Kollektion für Erwachsene. Unschlüssig legte sie die Stifte beiseite.

Ein Blick auf die Uhr verriet ihr, dass es Zeit für die Mittagspause war. Gerade, als sie das Kaufhaus durch den Haupteingang verlassen wollte, stieß sie beinahe mit einer jungen Frau zusammen, die sich abmühte, ein Werbeplakat von dem einen Flügel der Tür abzukratzen. Wieder und wieder weichte sie das Plakat mit einem nassen Putzlappen ein und versuchte, mit einem kleinen Messer wenigstens ein Fitzelchen des Aufklebers abzubekommen.

Charlotte stellte sich neben sie. „Das wird so nicht klappen.“

Die junge Frau strich sich ihre Locken aus der Stirn. „Das habe ich Frau Engelhardt auch gesagt, aber sie hat mir aufgetragen, das wegzubekommen.“

Die junge Frau arbeitete also in der Kosmetikabteilung; auf dem Plakat wurde für ein Parfum geworben. Charlotte musterte sie. Ihre braunen Locken umrahmten ein herzförmiges, kaum geschminktes Gesicht, was ungewöhnlich für die Mannschaft von Frau Engelhardt war.

„Ich glaube, ich habe eine Idee, wie wir das hinbekommen.“ Charlotte lächelte, eilte in die Kosmetikabteilung, kaufte Rasierklingen und lief zurück zu der jungen Frau. „So, nun schnappt sich jede von uns eine Klinge und beginnt an einem Ende zu kratzen. Feucht genug ist das Ganze ja.“

Die junge Frau strahlte. „Das ist eine gute Idee, aber das schaffe ich jetzt alleine.“

„Ich helfe gerne, Fräulein …“

„Brehm, Julia.“

Charlotte ließ sich nicht beirren, begann zu kratzen und im Nullkommanichts hatten sie das Plakat entfernt. Fräulein Brehm wischte noch einmal mit dem Lappen darüber, dann glänzte die Tür wie zuvor.

„Na bitte.“ Charlotte lächelte, als Frau Engelhardt durch die Tür trat. „Grüß Gott, Fräulein Schmidt.“ Sie schaute von ihr zu Julia Brehm. „Ah, haben Sie das Plakat endlich abbekommen.“

„Ja, Frau Engelhardt.“

Charlotte sagte rasch: „Fräulein Brehm hat sich mit Rasierklingen zu helfen gewusst.“

„Doch wohl nicht aus der Kosmetikabteilung!“ Frau Engelhardt stemmte die Hände in die Hüften.

„Na, bei den Schreibwaren bekommt man die nicht.“ Charlotte fixierte die Abteilungsleiterin.

Die regte sich sofort auf. „Fräulein Brehm, Sie können sich nicht einfach wahllos in der Abteilung bedienen.“

Nun zitterte die Stimme der jungen Frau. „Das habe ich auch nicht.“

„Sie hat die Klingen von mir.“ Charlotte deutete auf sich. „Wie sonst hätte sie das Plakat denn abbekommen sollen?“

Frau Engelhardt riss die Augen auf. „Aber, Fräulein Schmidt, Sie sollten doch nicht von ihr belästigt werden!“

Charlotte schaute von Fräulein Brehm zu der Abteilungsleiterin. Hier stimmte etwas nicht. „Sie hat mich keineswegs belästigt. Ich habe ihr gerne geholfen, schließlich arbeiten wir hier alle zusammen und unterstützen uns gegenseitig, nicht wahr, Frau Engelhardt?“

„Natürlich. Das tun wir.“ Sie wandte sich an Julia Brehm. „Räumen Sie das Zeug hier weg und gehen Sie dann in die Pause.“

„Wollen wir die Mittagspause zusammen verbringen, Fräulein Brehm?“ Charlotte nickte ihr aufmunternd zu.

„Ähm …“ Die junge Frau warf Frau Engelhardt einen fragenden Blick zu, als müsste sie sich deren Einverständnis holen, dann nickte sie, verschwand mit Eimer und Lappen im Haus. Frau Engelhardt folgte ihr. Nach wenigen Minuten kam Julia Brehm wieder heraus. Unsicher blieb sie vor Charlotte stehen. „Ja, und jetzt?“

„Gehen wir zum Ringpark? Unterwegs können wir uns beim Bäcker etwas holen.“

Julia hielt eine kleine Papiertüte hoch. „Ich habe ein Brot dabei. Den Besuch beim Bäcker mittags kann ich mir nicht leisten.“

Nachdem sie den Park erreicht hatten, setzten sie sich auf eine Bank. Charlotte schluckte einen Bissen hinunter. „Wie lange arbeiten Sie schon fürs KAWA?“

„Seit September.“

„Gefällt Ihnen die Arbeit?“

„Was soll ich jetzt sagen? Sie gehören zu den Chefs.“

Charlotte lachte. „Das stimmt, aber deswegen müssen Sie nicht lügen.“

Fräulein Brehm stieß die Luft aus. „Eigentlich wollte ich studieren, irgendwas Künstlerisches. Aber dann starb Mama und ich wohne bei meiner großen Schwester. Die arbeitet auch im Kaufhaus in der Damenabteilung. Sie hat mir die Lehrstelle bei Frau Engelhardt besorgt.“

„In welche Richtung sollte das Studium gehen?“

„Ich wollte malen. Im Kunstunterricht war ich gut. Auch in Deutsch.“ Sie seufzte. „Am liebsten hätte ich Bilderbücher geschrieben. Ich habe schon einmal eines entworfen.“

Wie das Leben einem doch manchmal den geplanten Weg abschnitt.

Fräulein Brehm fuhr fort. „Jedenfalls bin ich jetzt bei Frau Engelhardt, tja –“

„Aber Sie würden lieber Bücher schreiben.“

Die Frau schüttelte den Kopf. „Das ist es nicht. Frau Engelhardt kritisiert mich oft. Ich kann sie auch verstehen. Sie möchte, dass ich mich mehr schminke und die Haare schneiden lasse und so was. Nur dazu fehlt mir das Geld. Das Bisschen, das ich verdiene, brauche ich zum Leben. Und außerdem … die anderen Verkäuferinnen sagen, dass Frau Engelhardt mich nicht mag, weil ich eben schon 19 bin und Abitur habe. Sie hat lieber jüngere Lehrlinge und … ich weiß nicht, mehr auf sie hören?!“

Da stimmte doch was nicht. Frau Engelhardt war eine strenge, aber gerechte Frau. „Was hat sie denn an Ihnen auszusetzen?“

Julia Brehm malte mit einem Fuß Halbkreise auf den Boden. „Na ja. Mich interessiert mehr die Dekoration in der Abteilung.“ Sie machte ein zerknirschtes Gesicht. „Ich bin wohl nicht die geborene Verkäuferin.“ Dann schaute sie auf die Armbanduhr und sprang auf. „Ich muss zurück.“ Sie streckte die Hand aus. „Vielen Dank für Ihre Hilfe vorhin und das Gespräch. Sie werden doch nichts zu Frau Engelhardt sagen?“

Charlotte schüttelte den Kopf. „Natürlich nicht.“

Nachdem die junge Frau im Stechschritt zurück zum Kaufhaus lief, blieb Charlotte noch einen Augenblick auf der Bank sitzen. Fräulein Brehm war in der Kosmetikabteilung fehl am Platze. In Charlotte stieg ein Gedanke auf, wo sie besser aufgehoben sein würde.

Sie schlenderte zurück zum Kaufhaus, blieb vor dem Eingang stehen und warf einen Blick zum Firmenschild darüber, auf dem die Lettern KAWA standen. Dann grinste sie. Jedes Mitglied aus der Familie verhielt sich so: Vor dem Eingang schaute man zu dem Schild hinauf.

Sie wählte den Weg durch die Kosmetikabteilung und beobachtete Julia Brehm, wie sie lustlos die Ware aus dem Regal nahm, abstaubte und wieder hineinstellte.

Als Charlotte den Weg durch die Lederwarenabteilung einschlagen wollte, hielt Frau Engelhardt sie auf und bat um ein Gespräch.

In deren Büro bot sie Charlotte einen Platz an. „Ich möchte nicht, dass sie denken, ich behandle unsere Lehrlinge nicht alle gleich, aber Fräulein Brehm macht es mir nicht einfach. Schauen Sie, Fräulein Schmidt, gerade in unserer Abteilung müssen alle Mitarbeiterinnen gepflegt auftreten. Fräulein Brehms Frisur lässt zu wünschen übrig und Schminke benutzt sie neuerdings auch nicht mehr.“

Charlotte räusperte sich. „Wie sie mir erzählte, reicht ihr das Geld weder für den Friseur noch für Kosmetik.“

Frau Engelhardt knetete die Hände. „Das ist natürlich bedauerlich, leider wusste ich das nicht.“

Charlotte beugte sich etwas vor. „Warum nicht?“

Frau Engelhardt blickte auf den Schreibtisch. „Nun … Aber auch sonst tut sich das junge Fräulein schwer. Statt sich für die Ware zu interessieren, schlägt sie mir vor, die Regale umzuräumen, Halstücher in die Regale zu legen und passende Lippenstifte daneben zu stellen. So was halt.“

„Und was halten Sie von den Vorschlägen?“

Frau Engelhardt seufzte. „Das ist nicht die Aufgabe von einem Lehrmädchen.“ Frau Engelhardt presste die Lippen aufeinander. „Solche Mädchen sind schwierig auszubilden. Sie haben durch die höhere Schule Flausen im Kopf und meinen, die Welt verbessern zu müssen.“

Charlotte stieß die Luft aus. „Ach. Darf eine Frau keine höhere Schule besuchen?“

Frau Engelhardt winkte ab. „Doch, natürlich. Aber dann ist sie eben nicht für eine Lehrstelle als Verkäuferin geschaffen.“

Charlotte erhob sich. „Manchmal müssen aber solche Mädchen Geld verdienen, um zu überleben.“

Frau Engelhardt seufzte. „Ja, ich weiß. Ich werde Fräulein Brehm helfen, wo ich kann. Aber solange sie Flausen im Kopf hat, ist –“

„Ist sie fehl am Platze, ich weiß.“ Charlotte lächelte. „Ich verstehe Sie. Fräulein Brehm ist überqualifiziert. Ich werde sehen, was ich tun kann.“

Charlotte stieß die Tür zu Katharinas Büro auf. Ihre Tante schaute auf.

„Hast du einen Moment Zeit?“

„Für dich immer.“ Katharina lächelte und bot ihr einen Platz an.

Charlotte schüttelte den Kopf. „Ich habe nur eine Frage. Ist es schwierig, eine Lehrstelle zu kündigen?“

Katharina zog eine Augenbraue hoch. „An wen denkst du da?“

So rasch wollte sie ihr nicht davon erzählen, aber nun hatte sie keine Wahl. „An eine junge Frau in der Kosmetikabteilung.“

Katharina rollte die Augen. „Das Fräulein Brehm. Von ihr habe ich bereits gehört. Sie hört nicht auf Frau Engelhardt.“

Charlotte lachte. „Ja, und deswegen habe ich mir etwas überlegt.“

Ein Anruf unterbrach ihr Gespräch und Charlotte ging an ihre Arbeit im kleinen Büro nebenan. Erst am späten Nachmittag schaute Katharina nach ihr. „Ich muss gleich weiter, ein Essen mit irgendeinem Mitarbeiter der Handelskammer und Joseph natürlich. Zu deiner Frage: Bei uns hat noch keiner seine Lehrstelle gekündigt und das wird hoffentlich auch so bleiben.“

„Aber, ich dachte –“

Katharina hob eine Hand. „Nein, und das ist mein letztes Wort.“ Dann verabschiedete sie sich und ließ Charlotte zurück.

Sie starrte die Tür an. Nicht einmal ausreden durfte sie. Fräulein Brehm sollte doch nicht kündigen. Sie hatte ganz andere Pläne mit ihr. Sie stieß die Luft aus. Das würden noch zähe Verhandlungen werden, so viel stand fest.

Dann räumte sie den Schreibtisch auf. Für heute würde sie Schluss machen. Am besten war es, wenn sie noch bei der Kinderstube vorbeischaute, möglicherweise konnte sie Birgitta, die nicht nur die Kindergärtnerin des Hortes war, sondern auch eine Freundin, unter die Arme greifen.

Vor dem Seiteneingang der Grundschule blieb sie einen Augenblick stehen. Sie legte die Hand auf die Türklinke, als sich ein Lächeln auf ihrem Gesicht ausbreitete. Das Projekt, Kinder über die Mittagszeit zu beaufsichtigen, während ihre Mütter arbeiteten, war das Herzerwärmendste für sie, was sie im letzten Jahr geschaffen hatte.

Kaum trat sie in den Raum, in dem die Kleinen spielten, lief ihr Sabine entgegen. Heute hatte die Kleine ihr Haar zu Zöpfen geflochten, die mit ihren Schritten auf und ab wippten. „Da bist du ja, Charlotte.“

Sie ging in die Hocke und umarmte Sabine. „Was spielst du gerade?“

„Ich hab ein Bild für Oma gemalt.“

Charlotte betrachtete das Werk. Ein kleines Mädchen stand vor einem Apfelbaum, in dem eine Frau saß. „Bist du das Mädchen?“

Sabine nickte. „Und im Baum sitzt Oma und wirft mir einen Apfel herunter.“

Charlotte lächelte. „Das ist aber toll von deiner Oma.“

Mit einem Mal verschwand das Lächeln aus Sabines Gesicht. „Das schafft Oma nicht, also auf den Baum zu klettern. Auch auf der Treppe muss ich immer auf sie warten. Sie muss schwer atmen, sagt sie.“

In dem Augenblick ging die Türe auf, eine Frau im Alter Katharinas trat ein. Sie grüßte und stellte sich als Frau Enders vor, die Nachbarin von Sabines Oma. „Heute hole ich dich ab, Sabinchen. Deine Oma hat sich etwas hingelegt.“ Sie warf Charlotte einen langen Blick zu.

Birgitta stand vom Stuhl auf. „So, jetzt räumen wir fertig auf, weil gleich eure Mamas oder Omas kommen werden.“

Heute waren noch zwei Jungen da, die ihre Schultaschen einräumten und die Stühle auf die Tische stellten, einzig Sabine klammerte sich noch immer an Charlotte. Die Kleine hatte sie wohl ab der ersten Begegnung ins Herz geschlossen und umgekehrt war es genauso. Dachte Charlotte daran, dass Sabine ihre Eltern bei einem Unfall verloren hatte und seitdem bei der Großmutter lebte, zog sich ihr Herz zusammen.

Sabine löste sich von Charlotte, trottete zu ihrem Platz und schnappte sich die Schultasche, ging dann zur Garderobe und schlüpfte in ihren Mantel, blieb stehen und starrte auf den Boden.

Charlotte nahm Frau Enders zur Seite. „Wie geht es Frau Groß?“

Die Nachbarin seufzte. „Was soll ich sagen? Gar nicht gut. Ich helfe halt, wo ich kann. Vor allem um das kleine Hascherl muss sich ja jemand kümmern.“ Sie flüsterte. „Die Kleine weiß Bescheid und seitdem ist sie noch stiller als sonst.“

Charlotte wisperte. „Was weiß Sabine?“

Frau Enders zuckte die Schultern. „Ja, was wohl? Dass ihre Oma schwer krank ist und es ihr von Tag zu Tag schlechter geht.“

Charlotte war, als habe man ihr ein Messer in die Brust gerammt. „Was?“

Die Frau schüttelte traurig den Kopf. „Die Kleine verliert ihre letzte Verwandte. Und was dann?“ Sie ging zu Sabine und streckte die Hand nach ihr aus. „Na, komm, Mäuschen. Ich habe dir leckere Nudeln gekocht.“

Sabine hob den Kopf und schaute Charlotte direkt in die Augen. In ihrem Blick lag so viel Ernst und Trauer, dass sich in Charlottes Kehle ein Kloß bildete. Sie stellte sich rasch vor die Kleine, ging in die Hocke und nahm sie in den Arm. „Übermorgen machen wir einen Ausflug, ja?“

Sabine lächelte. „Ja, das ist fein.“ Dann begleitete sie die Nachbarin hinaus.

Charlotte schluckte, doch sie konnte die Tränen nicht zurückhalten. Damit die Kinder sie so nicht sahen, verabschiedete sich rasch und verließ die Kinderstube.

Draußen lehnte sie sich an die Hauswand und ließ den Tränen freien Lauf. Warum traf es ausgerechnet dieses kleine Mädchen so hart?

Die Tür schwang auf und Birgitta kam heraus. Sie stellte sich zunächst stumm neben sie, und das spendete Trost. Dann räusperte sich Birgitta. „Soll ich dir sagen, was ich denke? Es bringt keinem was, die Kleine zu bedauern.“

Sie fuhr herum. „Wie bitte? Also, wenn Sabine nicht –“

Birgitta hob eine Hand. „Klar, sie wird vom Schicksal gebeutelt und man kann sie beweinen, aber was nutzt ihr das? Hm? Richtig. Es bringt ihr nichts.“ Sie stupste sie an. „Willst du noch immer wissen, was ich denke?“

„Ja, natürlich.“ Charlottes Stimme brach und sie räusperte den Kloß weg.

„Sabine braucht jemanden, auf den sie sich verlassen kann. Jemanden, der sie mag und der für sie da ist. Das ist nichts Neues, ich weiß. Lass mich aber weiterreden. Ihre Oma wird sich nicht erholen, sie wird das Kind zurücklassen. Also was bleibt der Kleinen? Tatsächlich ein Heim. Eventuell wird sie jemand adoptieren, wo sie es guthaben wird oder auch nicht.“

Charlotte legte die Hand auf Birgittas Arm. „Hör mal, ich weiß das alles. Warum –“

„Warum ich dir das vorkaue?“ Birgitta schnaubte. „Weil es einen Menschen gibt, den Sabine liebt und der ihr das ersparen könnte.“

Charlotte blinzelte. „Wen meinst du? Die Nachbarin?“

Birgitta schlug sich die Hand an die Stirn. „Die Nachbarin? Das fasse ich nicht.“ Sie streckte den Zeigefinger aus und piekste auf Charlottes Brust. „Ich meine dich.“

Charlotte starrte sie an. „Was hast du gerade gesagt?“

„Bist du heute schwer von Begriff?“ Birgitta machte gerade den Mund zum Sprechen auf, als die Mutter des kleinen Michas kam und freundlich grüßte. Birgitta begleitet sie hinein, drehte sich an der Tür aber noch einmal um. „Bitte, warte noch kurz. Ich muss dir noch etwas Wichtiges sagen.“

Charlotte wäre am liebsten nach Hause gelaufen, blieb aber an der Hauswand gelehnt stehen und dachte über Birgittas Worte nach.

Als das letzte Kind abgeholt worden war, schloss Birgitta die Tür ab, nahm ihren Sohn Stefan an die Hand, ließ dessen Hand wieder los und fummelte an ihrem Halstuch. „Charlotte, es tut mir furchtbar leid, aber …“ Birgitta räusperte sich, machte eine ausholende Bewegung. „Du weißt, wie wichtig mir das hier ist, aber jetzt verlangt meine Chefin eine Zusatzausbildung von mir.“

Charlotte schüttelte den Kopf. Das konnte doch nicht wahr sein.

Birgitta legte ihr die Hand auf den Arm. „Damit ich nicht meine Stelle verliere, muss ich einen Kurs zur Kinderpflege machen und den kann ich ja nur nachmittags machen, weil ich am Vormittag arbeite. Charlotte, wirklich, es tut mir sehr leid, aber ab Juni kann ich nicht mehr kommen.“

Charlotte fixierte ihren Blick. „Seit wann weißt du das?“

„Seit heute. Meine Chefin hat es mir heute früh erzählt.“

Angst stieg in Charlotte auf. „Ist dir klar, dass wir hier schließen müssen? Was soll aus den Kindern werden?“

Stefan drückte sich fest an seine Mutter, die ihm übers Haar strich. „Du musst jemanden finden, der das hier macht. Wir können die Kinder und auch deren Mütter nicht im Stich lassen.“

Charlotte ballte die Hände zu Fäusten. „Du weißt, dass das eine ausgebildete Kindergärtnerin sein muss und die sind, so wie du, bereits irgendwo angestellt.“ Sie drehte sich um, wollte los. Weg, nur noch weg!

„Warte, Charlotte. Ich werde mich umhören. Vielleicht gibt es eine ehemalige Kindergärtnerin, die diese Zusatzausbildung hat und gerne ein paar Stunden am Nachmittag arbeiten möchte.“

Charlotte nickte. „Danke.“

Birgitta holte tief Luft. „Jetzt gib doch bitte nicht auf. Dafür haben wir hier zu viel Herzblut hineingesteckt.“

„Wie lange dauert der Kurs?“

Birgitta schaute zu Boden. „Meine Chefin meint, den Kurs würde ich verkürzen können, weil ich ja schon Kindergärtnerin bin, vielleicht kann ich ihn in einem Jahr schaffen, dann komme ich ganz bestimmt wieder.“

„Ein Jahr!“ In Charlotte breitete sich eine Leere aus. Sie verabschiedete sich und ging die Straße hinab, obwohl ihr Zuhause in der anderen Richtung lag. Aber was spielte das für eine Rolle? Wie sollte sie das den Kleinen sagen? Wie ihren Eltern? Die Kleinen wären gezwungen, nach ihrem Vormittag in der Schule in ein leeres Zuhause zurückzukehren, wo sie aßen und auf ihre Mutter warteten, alleine.

Dann schob sich Sabines schmales Gesicht vor ihr inneres Auge. Nie wieder würde die Kleine auf ihren Schoß krabbeln und sich an sie drücken. Sie schnaubte. Als ob das Sabines größtes Problem war!

Abrupt blieb sie stehen und ballte erneut die Hände zu Fäusten. Nein! So durfte das nicht enden. Eine Lösung musste her. Sie kehrte um, lief in Richtung Residenz und dort zum Eingang des Hofgartens. Der Duft der blühenden Stauden und Blumen in den Rabatten schlug ihr entgegen. Der Frühling zeigte sich in den leuchtenden Farben der Narzissen, Tulpen und Hyazinthen. Zu bunt für ihre jetzige Stimmung und doch schien die Blütenpracht ihr ein wenig von der Schwere zu nehmen. Sie holte tief Luft. Birgitta würde sie unterstützen bei der Suche nach einer Kindergärtnerin, schön und gut, aber die Zusammenarbeit würde nicht mehr dieselbe sein. Birgitta war eine Freundin.

Charlotte verließ den Hofgarten und ging hinauf zur Villa.

In ihrem Zimmer riss sie das Fenster auf und betrachtete den Nussbaum. Noch stand er recht kahl da. Wie hatte Opa ihn genannt? Einen Spätblüher. War sie auch ein Spätblüher? Sie war nun 25 Jahre alt, unverheiratet und hatte keine Kinder. Und wenn schon. In ein paar Tagen würde der Baum seine ersten grünen Blätter bekommen und danach seine Blütenpracht entfalten. Auch in ihrem Leben würde sich alles finden. Sie liebte einen Mann und an Kinder hatte sie bisher nie gedacht, weil sie ihre in der Kinderstube hatte und für sie musste sie kämpfen. Allein schon wegen Sabine, die es so schwer im Leben hatte. Wie klein waren dagegen ihre eigenen Probleme.

***

Am nächsten Morgen betraten Emilia und Charlotte Simons Büro und nahmen Platz. Emilia hatte um ein Gespräch gebeten, etwas lag ihr auf dem Herzen.

Simon schaute von einer zur anderen Cousine. „Schießt los!“

Emilia faltete die Hände im Schoß und öffnete sie wieder. „Mich lässt der Brand im Versandhaus nicht los. Ich weiß, es ist ziemlich aussichtslos, den Täter zu finden, trotzdem mag ich nicht aufgeben.“

Charlotte zuckte die Schultern. „Das will ich auch nicht. Aber ich habe keinen Schimmer, wo wir noch nachforschen können.“

Emilia nickte. „Ja, ich weiß. Aber ich war gestern im Versandhaus, weil Tante Maria Fragen an mich hatte wegen einer Abrechnung, und als wir alles beredet hatten, bin ich durchs Lager gelaufen. Da hat mich Herr Schicker angesprochen. Der muss mich verwechselt haben, denn er meinte, ich suche den Herrn Koch umsonst. Der wäre entlassen worden.“

Charlotte stutzte. „Ich verstehe nicht.“

Emilia nickte. „Eben, ich verstand auch nichts. Aber ich spielte mit und bedauerte dessen Entlassung und meinte, das wäre ja schon länger her, dass ich ihn hier getroffen hätte. Daraufhin erzählte Schicker, das sei doch kurz vor dem Brand gewesen, dass ich zusammen mit Koch hier gewesen war.“

Simon lehnte sich nach vorne. Eine tiefe Zornesfalte bildete sich auf seiner Stirn. „Und warum hat er uns das damals nicht erzählt?“

„Gute Frage.“ Emilia fuhr fort. „Ich beteuerte, mit dem Brand nichts zu tun zu haben. Das schien Herrn Schicker völlig klar zu sein. Dann fragte ich, wo ich Herrn Koch denn finden könnte. Aber das wusste er nicht. Ich sagte noch, Koch hätte mir ja damals das gesamte Lager gezeigt und ich hätte angenommen, dass er hier der Chef sei. Da lachte Schicker und meinte, im Angeben sei Koch groß gewesen und im Saufen. Und hübsche Frauen hätte er immer beeindrucken wollen. Von wegen Chef und so.“

Charlotte erhob sich und ging auf und ab. Sie konnte jetzt unmöglich stillsitzen. Vor dem Brand war Herr Koch öfters im Versandlager aufgetaucht, obwohl er bereits entlassen worden war. Nach dem Brand hatten Simon und sie ihn befragt, woraufhin er plötzlich seine Wohnung gekündigt hatte und verschwunden war. Sie murmelte. „Da war also noch eine Frau im Spiel, die man eventuell fragen könnte. Bloß wer könnte das sein?“

Emilia holte tief Luft. „Ich habe versucht, ihren Namen von Schicker zu erfahren, indem ich sagte, er wisse ja, wer ich sei, aber er kannte den Namen offensichtlich nicht. Ich sei die Hübsche, mit der Koch angegeben habe.“ Sie schaute zu Simon und drehte sich zu Charlotte um. „Wir müssen die Frau finden.“

Simon rollte mit den Augen. „Nichts leichter als das. Sie ist jung und blond.“

Emilia seufzte. „Ja, ich weiß, aber Simon, mehr haben wir nicht.“

Er lehnte sich zurück. „Die Frau muss etwas mit unserer Familie zu tun haben oder eben uns so sehr hassen, dass sie sich sogar mit Koch abgibt, um uns zu schaden.“

Charlotte setzte sich wieder. „Oder sie hat nichts mit dem Brand zu schaffen.“

Simon zog eine Augenbraue hoch. „Würdest du dich mit Koch treffen, bloß weil du deine Zeit mit ihm verbringen willst?“

Charlotte fixierte seinen Blick. „Nein, natürlich nicht. Gut, wir müssen sie finden. Außer, dass sie jung und blond ist, scheint sie auch hübsch zu sein.“ Sie lächelte Emilia an.

Die winkte ab. „Ach, hört schon auf.“

Emilia war eine Schönheit. Sie schaute nicht nur wie ein Model aus, sie lief auch auf den Modenschauen, die Charlotte veranstaltete. Emilias Mutter, Tante Sophia, war auch blond und attraktiv, trotzdem ähnelte Emilia weder ihr noch ihrem Onkel Richard. Aber was spielte das auch für eine Rolle? Emilia war die Liebenswürdigkeit in Person und deshalb mochte Charlotte sie so gerne.

Alle schwiegen. Simon starrte zum Fenster hinaus, als die Tür aufschwang und Onkel Joseph hereinschneite. Er schaute sich um. „Oh, störe ich gerade?“

Emilia und sie standen gleichzeitig auf. Emilia lächelte Joseph an. „Aber nein, wir wollten gerade gehen. Simon, ich melde mich wieder bei dir, ja?“

Der blinzelte, als ob er aus einem Traum erwachte. „Ja, mach das bitte.“

Charlotte schloss die Tür hinter ihnen. „Emilia, wie können wir die Frau nur finden?“

Emilia zuckte die Schultern. „Vielleicht haben aber noch andere Mitarbeiter im Versand sie gesehen und sich bei unseren Befragungen nicht daran erinnert.“

„Du meinst, wir sollten sie noch einmal befragen?“ Charlotte seufzte. „Katharina wird damit nicht einverstanden sein. Papa auch nicht.“

„Vermutlich nicht. Lass uns noch einmal darüber nachdenken.“

„Ja, das machen wir. Aber endlich haben wir wieder einen Hinweis, oder nicht?“

„Ich hoffe es.“

Sie trennten sich und Charlotte ging an ihre Arbeit. Sie nahm Papier und Stifte zur Hand und zeichnete. Nach einer Weile lehnte sie sich im Stuhl zurück. Die Wahrscheinlichkeit, diese Frau zu finden, war gering. Aber das Ganze war ein Fingerzeig, um die Suche nach dem Täter nicht im Sande verlaufen zu lassen.

Sie arbeitete bis gegen Mittag, als das Telefon läutete. Johannes, ihr bester Freund, war dran. Als sie ihn kennengelernt hatte, war sie bereits mit Christian zusammen gewesen. „Grüß dich, Charlotte. Wie geht es dir?“

„Es geht so.“ Dann sprudelte es nur so aus ihr heraus und sie erzählte ihm ihre Sorge um Sabine und dass Birgitta ein Jahr ausfiel. „Ach, Johannes. Jetzt belaste ich dich auch noch damit.“

„Dafür sind Freunde da, oder nicht?“

„Danke dir.“

Johannes war ihr wirklich ein guter Freund gewesen, als sie sich im letzten Jahr nicht mehr sicher gewesen war, ob Christian sie noch liebte. Zudem hatte er ihr mit der Kinderstube geholfen, ohne dass sie sich dafür jemals revanchiert hatte. „Charlotte, das kleine Mädchen tut mir sehr leid. Was sie schon alles durchgemacht hat und nun muss sie wieder Angst um ihre Zukunft haben. Sollte es der Oma sehr schlecht gehen, dann sag mir bitte Bescheid. Ich würde mich sofort umhören, wo die Kleine untergebracht werden kann.“

Charlotte schluckte. „Sie darf auf keinen Fall in einem Heim landen.“

„Ja, eben.“ Er schwieg eine Weile. „Mal was anderes. Ich gebe demnächst mit meinen Schülern ein kleines Konzert in der St. Bruno Kirche. Hast du Lust zu kommen?“

Sie lächelte. Da hatte Johannes stets behauptet, er gebe nur etwas Gitarrenunterricht und nun fand sogar ein Konzert statt. „Ja, gerne. Wann findet das denn statt?“

„Übermorgen, um drei Uhr.“

„Das ist am Freitag. Da mache ich früher Schluss und dann klappt das. Weißt du was? Ich bringe Sabine mit, ich habe ihr ohnehin einen Ausflug versprochen. Da kommt sie auf andere Gedanken.“

„Das ist eine gute Idee. Denn nach dem Konzert können die Kinder noch im Gemeindesaal spielen oder malen und Würstchen gibt es auch. Also falls dich die Musik nicht lockt, dann hoffentlich die Würstchen.“

Sie lachte. „Aber natürlich komme ich nur der Würstchen wegen.“

„Wusste ich es doch.“

Sie verabschiedeten sich und Charlotte trat ans Fenster. Kinder im Alter von sechs oder sieben Jahren, auf den Schultern die Schulranzen, standen in einer Gruppe auf dem Bürgersteig. Dann lachten sie und rannten die Straße hinab. Wie fröhlich sie waren, sorglos und ausgelassen. Ob Sabine das auch war, wenn sie mit anderen Kindern zusammen war? Charlotte holte tief Luft. Ihre Sorgen um Sabine waren allgegenwärtig, und doch hatte sich eine Ruhe in ihr ausgebreitet. Johannes hatte versprochen, ihnen zu helfen, und das würde er, so wie er es immer getan hatte. Zusammen würden sie eine Lösung für die Kleine finden. Sie lächelte. So lange hatte sie sich Freunde gewünscht und nun gab es jemanden, jenseits der Familie, der sie unterstützte.

Natürlich konnte sie sich mit ihren Problemen jederzeit an Simon wenden, doch der riet ihr stets, das Richtige zu tun. Doch was sollte das sein, wenn Sabine keine Wahl hatte, weil ihre Oma schwer erkrankt war? Aber wenigstens wollte er sich nach einer Kindergärtnerin umhören.

Sie wandte sich vom Fenster ab, nahm ihre Handtasche und den Mantel und verließ das Büro, weil es Zeit war, in die Mittagspause zu gehen.

Sie verließ das Kaufhaus durch den Hauptausgang, zog dabei ihren Mantel an und lief los. Nach wenigen Minuten erreichte sie die Kreuzung am Barbarossa Platz, als die Uhr des Stifts Haug einmal schlug. Wo sollte sie die Pause verbringen? In einem Café? Oder sollte sie sich eine Bratwurst auf dem Marktplatz gönnen und am Main spazieren gehen? Ja, das war ein guter Einfall.

Am Mainufer flanierten viele Menschen, offenbar hatte die Sonne sie herausgelockt. Charlotte schaute hoch zum Käppele, dann zur Marienburg. Sie galt in ihrer Familie als Wächter über die Stadt, leider hatte sie Würzburg nicht davor bewahrt, im Krieg dem Erdboden gleichgemacht zu werden. Doch nun war die Stadt größtenteils wieder aufgebaut, die Einwohner konzentrierten sich darauf, in ein neues Leben aufzubrechen.

Auf dem Rückweg rempelte sie versehentlich eine ältere Frau an und entschuldigte sich. An der Hand hielt sie ein Mädchen in Sabines Alter. Die Kleine winkte und rief ihrer Mutter zu, die auf der gegenüberliegenden Straßenseite wartete. Schließlich überquerte das Kind mit der älteren Frau die Straße, warf sich dann gleich in die Arme der Mutter und ließ sich von ihr hochheben. Die küsste es, streichelte es und drückte es fest an sich. Die Kleine rief: „Mama, du darfst nie mehr so lange weggehen.“

Die Mutter lachte. „Ich war doch nur zwei Tage weg.“

Charlotte ging weiter, in ihr stieg ein seltsames Gefühl auf. Freude? Trauer? Wie die Kleine gestrahlt hatte, als sie ihre Mutter wahrnahm. Die hatte ihr ebenso das breiteste Lächeln geschenkt. Wie es sich wohl anfühlte, ein kleines Kind zu umsorgen? Natürlich schulterte man da einen Berg von Verantwortung, auch würde es Arbeit bedeuten, aber welches Gefühl weckte die Liebe eines Kindes in einem?

Jemand rief ihren Namen. Es war Katharina. Wie eine Königin schritt sie auf Charlotte zu, blieb stehen, legte sich eine Hand auf die Brust und holte tief Atem. „Puh! Heute schwirrt mir der Kopf. Ich war gerade zu Hause bei Opa.“

„Bei Opa? Geht es ihm nicht gut?“

Katharina zuckte die Schultern. „David hat mich angerufen. Opa schien kraftlos, deshalb hat er auch direkt den Arzt verständigt.“

Charlottes Herz hämmerte. „Und? Was sagt der?“

Ihre Tante atmete einige Male tief ein und aus. „Er meinte, Opas Nieren arbeiten nicht so gut, das hätte er ihm das letzte Mal schon gesagt. Natürlich weiß außer Opa keiner etwas davon. Der Arzt hat ihm Tabletten dagelassen, die soll er von nun an regelmäßig nehmen.“ Sie rollte mit den Augen. „Opa und Tabletten. Aber dieses Mal muss er nachgeben und auf den Arzt hören. Außerdem soll er weniger Salz essen und viel trinken.“

Charlotte bekam einen trockenen Hals und räusperte sich. „Soll ich zu ihm?“

Katharina schüttelte den Kopf. „Nein, Sophia ist bei ihm. Sie schaute kurz vorbei, weil sie sich Farben bei uns im Kaufhaus besorgen wollte und ist dann gleich bei ihm geblieben, sonst wäre ich nicht wieder auf dem Weg zur Arbeit.“

„Dann mache ich früher Schluss, damit Tante Sophia nach Hause fahren kann.“

Katharina drückte ihr die Hand. „Das ist lieb von dir.“

Sie liefen die Kaiserstraße weiter. Charlotte seufzte. Was war denn momentan nur los?

Katharina hatte es eilig, zurück zur Arbeit zu kommen. Gut, sie konnte es ihr nicht verdenken. Seit Onkel Joseph Präsident der Handelskammer war, erledigte sie einen Teil seiner Arbeit mit. Bestimmt würde ihr oder ihm das Ganze über den Kopf wachsen. Sie traten in Katharinas Büro und ihre Tante riss gleich das Fenster auf. „Ich brauche jetzt unbedingt einen Kaffee. Möchtest du auch einen?“

Charlotte nickte. „Ich setze gleich welchen auf.“

Wieder nahm sie ihren Stapel an Zeichnungen zur Hand. Wie sollte sie sich darauf nur konzentrieren? Sie legte ihn in eine Schublade, griff nach dem der Kindermode und betrachtete sie. Dabei schob sich das Bild der Mutter, die ihr Kind geherzt hatte, vor ihr inneres Auge. In ihr stieg ein sehnsüchtiges, aber auch warmes Gefühl auf, das ihr ein Lächeln entlockte. Sie nahm Stift und Papier zur Hand und legte los, zeichnete bunte Sommerkleider, ebenso geblümte Röcke und Blusen in knalligen Farben. Charlotte hielt inne. Sie stand auf und trat ans Fenster. Gerade hatte sie das Gefühl, all die Kleidung für Sabine zu entwerfen. Dabei galt es für die Kleine wirkliche Probleme zu lösen und nicht darüber zu brüten, welche Kleider sie anzog. Sabine ließ sich nicht aus ihrem Kopf verbannen. Sie würde sich erkundigen, wie es der Großmutter der Kleinen ging und dann  weitersehen. Doch zuerst musste sie nach Opa schauen. Sie packte zusammen und verließ das Kaufhaus.

Wie eine Gejagte rannte Charlotte den Rennweg hinauf, dann blieb ihr beinahe die Luft weg und sie hielt inne. Mit weniger Hetze würde sie auch nach Hause gelangen, was sollte also diese Rennerei? Sie setzte ihren Weg langsamer fort und als sie das Tor des Vorgartens öffnete, trat Sophia aus dem Haus. Sie begrüßten sich und ihre Tante entschuldigte sich, dass sie sich zurzeit so wenig im Kaufhaus sehen ließ. „Richards Lunge geht es nicht gut.“ Sie schüttelte den Kopf. „Irgendwie kränkelt er, aber ich werde die nächsten Tage wieder voll einsteigen und dich entlasten.“

Charlotte winkte ab. „Lass nur. Kümmere dich um Onkel Richard. Ich schaffe das schon.“

Dann musterte Sophia sie, die Augen zu Spalten zusammengekniffen. „Du wirkst etwas mitgenommen. Ist dir die Arbeit wirklich nicht zu viel?“

Charlotte schüttelte den Kopf. „Nein.“ Sie holte tief Luft. „Wirklich nicht.“

Sophia nickte. „Gut, ich werde morgen wieder nach Opa schauen.“

Dann verabschiedete sie sich und Charlotte trat ins Haus. Sie legte den Mantel ab und stieg langsam die Treppe hinauf. Sie konnte mit Sophia nicht über ihre Sorgen sprechen, denn außer Simon wusste keiner von der Kinderstube, weil es ihr Herzensprojekt war, das sie für sich behalten mochte.

Jetzt war aber erst einmal Opa an der Reihe. Sie klopfte an dessen Zimmertür und trat ein.

Opa lag mit geschlossenen Augen im Bett, die Vorhänge waren zugezogen, aber das Licht auf dem Nachtisch brannte. Auf einem Stuhl neben dem Bett saß David mit überschlagenen Beinen und drehte sich zu Charlotte. Er schaute so ernst drein, dass sie schlucken musste.

Sie trat näher ans Bett und flüsterte: „Hallo, ihr beiden.“

Opa schlug die Augen auf. „Was ist das für ein Gruß?“

Noch bevor sie sich verbesserte, murmelte David: „Glaub nicht, dass er weniger stur ist, nur weil es ihm heute nicht gut geht.“

Allein der Satz nahm ihr etwas Schwere von der Seele und sie lächelte. „Ich meine natürlich: Guten Abend, ihr beiden.“ Dann trat sie zur anderen Seite des Bettes und nahm Opas Hand. „Wie geht es dir?“

Opa rollte mit den Augen. „Ach was. Alle machen ein Trara um mich, nur weil mir etwas übel war. Selbst Katharina lässt ihre Arbeit liegen und kommt zu mir heim, als ob mein letztes Stündchen geschlagen hätte.“

„Unsinn, Opa.“ Charlotte setzte sich auf die Bettkante. „Davon kann keine Rede sein. Aber wenn es dir nicht gut geht, dann sorgen wir uns, weil wir dich lieb haben.“

Ein Lächeln stahl sich auf sein Gesicht. „Und weil ich euch lieb habe, sollt ihr euch nicht sorgen.“

David stand vom Stuhl auf und holte vom Nachtisch eine Schachtel Tabletten. „Damit deine Lieben sich keine Sorgen machen müssen, wirst du jetzt deine Medizin nehmen, so wie es der Doktor gesagt hat.“

Opa zog ein gequältes Gesicht. „Davon wird mir doch erst recht schlecht.“

David drückte eine Tablette aus dem Blister und holte noch ein Glas Wasser. „Nur weil du nichts isst.“

„David.“ Opa stöhnte. „Ihr habt den Arzt gerufen, weil mir übel ist. Wie um alles in der Welt soll ich da etwas essen? Das müsstest selbst du in deinem Alter verstehen.“

Charlotte grinste. Opa und David waren im gleichen Jahr geboren, doch sie nutzten jede Gelegenheit, sich zu frotzeln.

David stellte das Glas seufzend wieder auf dem Nachtschrank ab und legte die Tablette daneben.

„Weißt du was, Opa?“ Charlotte streichelte ihm die Hand. „Ich werde dir jetzt etwas Nudelsuppe bringen, auch ein wenig Zwieback und davon isst du, so viel du magst. Danach wird das mit der Tablette klappen.“

Opa nickte. „Na schön. Schon damit David endlich Ruhe gibt und ich ein wenig schlafen kann.“

David grinste. „Das nächste Mal streichle ich auch deine Hand, das scheint zu wirken.“

Alle drei lachten und Charlotte eilte hinaus, flitzte in die Küche zu Rosa und bat sie eine Nudelsuppe zuzubereiten. „Etwas Brühe und Nudeln rein, das reicht.“

Rosa stemmte die Hände in die Hüften. „Die habe ich schon vor Stunden gekocht, aber bis jetzt wollte Herr Wagner ja keine.“ Rosa hielt ihre Hand an einen großen Topf. „Ist noch warm.“

Nachdem Opa murrend etwas Suppe und einen Zwieback gegessen hatte, schluckte er endlich die Tablette. „Seid ihr jetzt zufrieden?“

David nickte. „Das sind wir. Zum Glück musst du nur eine davon am Tag nehmen.“

Opa zog die Bettdecke bis zum Hals. „Darf ich jetzt schlafen?“

Charlotte lächelte. „Mach das, Opa. Ich schaue später noch mal nach dir.“

2. Kapitel

Simon

Als Simon sein Zimmer betrat, fiel sein Blick auf einen Briefumschlag auf seinem Sekretär. Bestimmt hatte ihm David die Post dorthin gelegt. Ihr früherer Bediensteter war mittlerweile zum Freund der gesamten Familie geworden, aber besonders der seines Opas. Weil er nun auch im Alter von Opa war, erledigte die Haushälterin Rosa die meiste Hausarbeit, doch David half noch, wo er konnte.

Simon stellte seine Tasche neben den Sekretär, nahm den Umschlag zur Hand und drehte ihn um. Er war von Inga. Schon seit einer Ewigkeit hatte er keine Post mehr von ihr erhalten. Er setzte sich auf den Schreibtischstuhl und schloss die Augen. Wie hatte er Inga geliebt, ihre Lebensfreude und die Leichtigkeit, mit der sie durchs Leben ging, bis sie beschloss, im Osten des Landes glücklicher zu werden. Beinahe wäre er mit ihr dorthin gezogen. Er öffnete die Augen wieder, riss den Umschlag auf und begann zu lesen. Rechts oben stand das Datum vom 19. Februar 1969. Da war aber der Brief lange unterwegs gewesen.

Lieber Simon,

seit November letzten Jahres lebe ich in einem kleinen Dorf in Rumänien, wie du es meiner Adresse entnehmen kannst.

Er schaute noch einmal auf den Absender. Richtig! Inga wohnte in Satu Nou in Rumänien. Er las weiter:

Hier bin ich nun wirklich angekommen. Ich wohne im Dorf in einer kleinen Gemeinschaft zusammen mit Deutschen, hier lebt jede Familie in einem kleinen Haus mit großem Garten. Traumhaft sage ich dir. Mich hat ein sehr gastfreundliches Ehepaar aufgenommen, dem ich natürlich zur Hand gehe, wo ich kann. Zum Haushalt gehören, neben Katzen und Hund, eine Ziege, ein Hausschwein und eine Schar von Hühnern. Obst und Gemüse bauen wir im Garten an, kochen ein und sind so für den Winter gerüstet. Also das Ernten und Einkochen habe ich noch nicht erlebt, das wurde mir so erzählt, aber ich war beim Verwerten des geschlachteten Schweines dabei. Wurst und Sülze haben wir zubereitet und der Rest wird im kühlen Keller gelagert oder geräuchert. Du wirst es nicht glauben, Strom gibt es keinen, sondern einen großen Ofen und eben Petroleumlampen. Wasser schöpfen wir aus dem Brunnen im Hof. Auf die Weise haben wir alles, was wir zum Leben brauchen. Himmlisch!

Besonders den Zusammenhalt der Einwohner im Dorf liebe ich. Ich fühle mich wie in einer großen Familie. Weihnachten wurde zusammen im Gottesdienst gefeiert, danach besuchen sich die Familien gegenseitig. In unserer buken wir Kuchen, aßen eingelegtes Sauerkraut mit Geräuchertem und Maisgrieß. Auf Geschenke wird kein Wert gelegt, sondern auf das Zusammensein, so wie es sein sollte. Simon, ich bin so glücklich. Das wärst du hier auch.

Er hielt inne. Es war das erste Mal, das Inga ihn in einem Brief direkt ansprach. Er lehnte sich zurück, schloss die Augen und rief sich Erlebnisse mit Inga ins Gedächtnis. Wie sie sich seinerzeit im Keller kennengelernt hatten, er hatte sich zufällig neben sie gesetzt, und sie hatte ihn geküsst, vor den Augen Utes, die damals noch seine Freundin gewesen war. Später, wenn sie sich zufällig begegneten, gab sie ihm jedes Mal einen Kuss, obwohl sie bestimmt noch mit anderen Männern zusammen gewesen war. Wie unbeschwert sie das Leben genossen hatte. Als sie sich aber in ihn verliebt hatte, schien es für sie keine anderen Männer mehr zu geben. Zu zweit waren sie um die Häuser gezogen oder hatten sich in ihre Wohnung zurückgezogen und sich ihren Gefühlen hingegeben. Er hatte sie von Herzen geliebt, hatte in ihr die Frau fürs Leben gesehen, doch dann war alles anders gekommen. Und nun dachte sie wieder über eine Zukunft mit ihm nach. Sie hatte ihn einst abgelegt, wie einen vergessenen alten Mantel und das hatte ihn brutal geschmerzt. Doch mittlerweile hatte der Schmerz einer Gleichgültigkeit Platz gemacht. Oder? Nein, so stimmte es nicht. Noch immer ärgerte er sich über sie. Sie war ihm also noch nicht gleichgültig, dennoch wollte er sie nicht wieder zur Freundin haben, da gab es keine liebevollen Gefühle mehr in ihm.

Er las den letzten Absatz:

Wie geht es dir denn? Magst du mir wenigstens ein einziges Mal zurückschreiben? Ich würde und werde dir noch mehr von dem Paradies hier erzählen.

Liebe Grüße,

Inga

Simon legte den Brief zu den anderen von ihr in die Schublade. Nein, er dachte nicht daran, ihr zurückzuschreiben. Wozu auch? Wieder schwärmte sie vom Leben im Osten und von einem neuen Paradies. Sie lebte also zusammen mit Bauern in einem kleinen Dorf, das von Deutschen besiedelt war. Was von ihrem Gedankengut fand sie dort? Gleichstellung aller Einwohner? Wohl kaum. Denn sie gehörten doch einer Minderheit an. Freiheit? Auch nicht. Wo sollte in dem politischen System Meinungsfreiheit herrschen? Da war doch eher anzunehmen, dass Deutsche nach dem Krieg diskriminiert wurden. Hatte nicht Opa sogar erzählt, dass ein Teil der Deutschen aus Rumänien umgesiedelt worden waren? So viel zu dem Thema Freiheit. Was berufliche Perspektiven anging, ganz zu schweigen. Die Bauern würden Bauern bleiben. Inga war bestimmt damit auch zufrieden, Besitz war ja bei ihr verpönt. Hier im Westen hatte sie sich vom Konsum erschlagen und erdrückt gefühlt und wollte sich davon befreien.

Zugegeben, er hatte es ähnlich gesehen, er hasste das Anhäufen von Geld nach wie vor, doch nun hatte er die Gelegenheit, es sinnvoll auszugeben. Seit Ende des Jahres gab es eine Stiftung, die er gegründet hatte, und die ausschließlich Kindern half. Sein Geld floss in ein Waisenhaus, auch für Kinder mit Behinderungen.

Er stand auf und ging ein paar Schritte auf und ab. Kinder lagen ihm am Herzen und Charlotte auch. Am besten würde er ihr helfen, indem er sich bei dem Verwalter der Stiftung, Herrn Wölke, erkundigte, der möglicherweise eine Kindergärtnerin kannte, die für einige Stunden arbeiten würde, und das nicht ehrenamtlich, sondern gegen einen angemessenen Lohn.

Simon schaute auf die Uhr auf seinem Sekretär. Es war Zeit aufzubrechen. Heute Abend würde er sich mit Alina treffen, er hatte sie seit einer Ewigkeit nicht mehr gesehen. Bestimmt war sie wieder ausgehungert und sie würden in einem Gasthaus landen, wo sie sich zuerst den Bauch vollschlagen würde, bevor sie ihm Neuigkeiten präsentierte. Er schloss das Geheimfach des Sekretärs auf, nahm die Mappe heraus, die ihm Alina zur Aufbewahrung gegeben hatte, und schlug sie auf. Dort stand es schwarz auf weiß. Ihr Familienanwalt Herr Dr. Krug hatte nach dem Krieg dem damaligen Gauleiter Carstens geholfen, als Mitläufer eingestuft zu werden. War es zu fassen!

Diese Akte hatte Alina aus Krugs Archiv entwendet. Um was damit zu machen? Ihn anzuklagen? Wenn dem so war, würde Simon sie unterstützen. Wollte sie aber den Anwalt erpressen, würde er alles daransetzen, sie davon abzuhalten. Aber eine Erpressung passte nicht zu ihr. Dafür erschien sie ihm zu aufrichtig. Er legte die Akte zurück in die Schublade, schob diese zu und verschloss sie. Ob Alina ihm heute ihre Pläne offenlegen würde?

Er ging ins Bad, machte sich frisch und verließ die Villa.

Er lief die Rottendorfer Straße hinab, grüßte den Nachbarn von gegenüber und überquerte die Kreuzung zum Rennweg. Alina hatte ihm gesagt, dass ihre Eltern Sinti waren. Soviel er wusste, wurden damals Sinti und Roma aus dem Land vertrieben. Zuvor hatten sie gewiss Leid erfahren, Schikanen und Elend, so auch Alinas Eltern, ansonsten würde sie nicht einen dermaßen Hass auf den ehemaligen Gauleiter verspüren.

Als die Uhr des Doms acht Mal schlug, erreichte Simon den Vorplatz der Residenz. Alina konnte er nicht entdecken, doch einige junge Leute standen in Gruppen zusammen, redeten und lachten. So hatte er sich mit Inga und den anderen Studenten zu den Demonstrationen getroffen. War das wirklich schon ein Jahr her, als sie für das Mitspracherecht demonstriert hatten und gegen den Krieg in Vietnam? Es fühlte sich alles so weit weg an, als wäre er nun richtig erwachsen als Juniorchef des KAWAs, der einer geregelten Arbeit nachging. Er schnaubte. Wer hätte das noch vor einem Jahr gedacht!

Wieder schaute er sich suchend um und da eilte Alina im Stechschritt heran. Etwas atemlos entschuldigte sie sich für ihr Zuspätkommen. „Kennst du das? Du willst aus dem Haus, aber da muss dir die Vermieterin aus dem Erdgeschoss noch den neuesten Klatsch erzählen, den du gar nicht hören willst?“

Er schmunzelte. „Tatsächlich nicht? Wo es doch bestimmt um eine wichtige Person ging?“

Sie lächelte. „Um den Hund eines Nachbarn.“

Jetzt lachte er und sie stimmte mit ein. Simon betrachtete die großen dunklen Augen, die vollen Lippen. Mein Gott! Alina war noch schöner geworden, als er sie in Erinnerung hatte.

Sie zog die Augenbrauen hoch. „Ist was?“ Dann strich sie sich die schwarzen Locken aus der Stirn.

„Du siehst …“ Er räusperte sich. Was sollte er sagen?

Sie wischte sich um den Mund. „Habe ich noch Schokoladenflecken im Gesicht?“

Er schüttelte den Kopf. „Nein, hast du dir etwa eine Tafel gegönnt? Wo ich dich doch zum Essen einladen wollte?“

Sie zeigte mit Daumen und Zeigefinger eine kleine Menge an. „Nur ein Stück. Keine Sorge, ich habe immer Hunger und nehme gerne die Einladung an.“

Er nickte. „Wusste ich es doch. Wollen wir zum Stachel?“

Sie hakte sich bei ihm unter. „Gerne. Ich könnte eine richtige Mahlzeit vertragen.“

Unterwegs erzählte Alina von ihrem Studium und er von seiner Arbeit. Sie stupste ihn an. „Hey, dann bist du jetzt Chef des Ladens. Es freut mich, dass dir die Arbeit gefällt.“

Er blieb stehen und grinste. „Merkst du, dass wir den ganzen Weg über nett zueinander waren?“

Ihre Augen blitzten. „Stimmt. Wir werden uns doch nicht in Langweiler verwandeln, jetzt, wo wir seriösen Tätigkeiten nachgehen.“

„Ach?“ Er lachte laut. „War unsere Arbeit in der Kanzlei etwa unseriös?“

Sie wiegte den Kopf hin und her. „Das kann man sehen, wie man will.“

Mittlerweile hatten sie den oberen Marktplatz erreicht, die Uhr des Doms schlug Viertel nach acht. Simon schwieg. Damals, als sie ihr Praktikum in der Kanzlei Krug absolvierten, hatte Alina ihm beinahe täglich patzige Antworten gegeben und ihm dennoch bei privaten Problemen zur Seite gestanden. Am Ende ihrer Zeit bei Dr. Krug hatte sie die Akte gestohlen und er hatte sich unrechtmäßigen Einblick in die seines Vaters verschafft, wofür er sich noch immer schämte.

Alina stupste ihn in die Seite. „Na komm. Heute wollen wir uns amüsieren.“

Er nickte. Folglich gab es keine Neuigkeiten seitens des Gauleiters.

Sie überquerten den Marktplatz und erreichten den Stachel nach wenigen Minuten. Der Duft nach herbem Bier und Braten schlug ihnen entgegen. Alina legte ihre Hand auf den Bauch. „Mein Magen knurrt so laut wie ein Wolf.“

Simon nahm ihr den Mantel ab und schaute ihr nach, als der Kellner sie an einen Tisch führte. Alina trug ein kurzes rotes Kleid, das sich eng an ihren Körper schmiegte. Sie drehte sich lächelnd zu ihm um. „Was ist? Kommst du?“

Nachdem sie ihre Bestellung aufgegeben hatten, rieb sich Alina die Hände. „Hoffentlich bringen sie uns das Essen schnell.“

Er schüttelte den Kopf. „Wie kannst du ständig essen und trotzdem deine schlanke Figur behalten?“

Sie schnaubte. „In deinem Haushalt gibt es vermutlich ständig was zu essen, bei mir nicht.“

Er riss die Augen auf. „Hungerst du etwa?“

Da winkte sie ab. „Natürlich nicht. Aber mir fehlt die Zeit zum Kochen. Unsereins muss das nämlich selbst machen, weißt du?“

Er tat, als atmete er erleichtert aus. „Puh! Und ich dachte schon, das Studium hätte dich in ein sanftes Wesen verwandelt.“

„Die Uni unterzieht keinen einer Gehirnwäsche, auch wenn man das bei dir beinahe vermutet hätte.“

Er richtete sich auf. „Wie bitte?“

Sie hob die Hand. „Stopp! Wir wollten uns heute vertragen.“

Als er gerade nachhaken wollte, brachte der Kellner die Getränke. Sie stießen an und tranken einen Schluck, dann lehnte sich Alina zurück. „Du hast doch ein wenig Jura studiert. Wie würdest du an meiner Stelle weiter vorgehen? Einen Anwalt hinzuziehen?“

Er schaute sich um und flüsterte: „Alina! Du hast die Akte gestohlen! Dafür kannst du trotz allem belangt werden.“

Sie beugte sich vor, sie duftete nach Blumen. „Krug hat sich bei mir bis jetzt nicht gemeldet.“

„Ja, das dachte ich mir.“

„Ich hoffe, dass er das tut, denn –“

Der Kellner brachte das Essen und somit war das Gespräch zunächst beendet. Alina schaufelte in sich hinein, als würde ihr der Teller gleich wieder abgenommen werden. Als sie fertig war, hatte Simon noch nicht einmal die Hälfte gegessen. Alina tupfte sich mit der Serviette den Mund ab. „Mmmm, war das köstlich. Wollen wir uns noch einen Nachtisch gönnen?“

„Gerne, aber erst esse ich noch auf.“

Sie rieb sich den Magen. „Ja, natürlich. Mein größter Hunger ist ja gestillt.“ Dann lachte sie und Simon musste sich von ihrem strahlenden Gesicht losreißen. Es war klar, dass es Alina nie um sich selbst ging. Sie kümmerte sich stets um ihr Gegenüber, auch wenn sie das nicht zugeben wollte. Es gab die kratzbürstige und die gut gelaunte Alina, deren Augen strahlten, so wie jetzt. Er schluckte den letzten Bissen hinunter. Er mochte alle Seiten an ihr. „Wir können uns gerne noch einen Nachtisch bestellen. Übrigens, keine Sorge, du verwandelst dich nicht in eine Langweilerin.“

Sie zog die Augenbrauen nach oben. „Nicht? Dabei hauen mir die Professoren beinahe nur noch Zahlen um die Ohren und einmal heißen sie Erlöse, dann Umsatz, dann Gewinn. Von den ganzen Steuern nicht zu reden.“

„Du hast dir das Studium ausgesucht.“

Sie grinste verschmitzt. „Doch nur, weil es so viele männliche Kommilitonen in dem Studiengang gibt.“

„Wie in jedem anderen halt auch.“

„Das schon. Aber bei uns Wirtschaftswissenschaftler tragen die Jungs so schöne Anzüge wie du.“

Er schüttelte den Kopf. „So schöne wie ich hat keiner.“

Nun legte sie den Kopf zurück und lachte laut. Als sie sich beruhigt hatte, schaute sie ihm so tief in die Augen, dass ihm die Kehle trocken wurde. Rasch trank er von seinem Wein. Sie stützte das Kinn auf die Hand. „Was Süßes?“

Er räusperte sich. „Wie bitte?“

„Wollen wir uns noch ein Eis mit roter Grütze gönnen?“

„Klar, mit Grütze.“ Was redete er denn da?

Alina winkte dem Kellner und bestellte das Dessert. Sie rutschte auf der Sitzbank herum, bis sie eine bequeme Position gefunden hatte. „Erzähl mir von deiner Arbeit.“

Er berichtete ihr von den Aufgaben als Juniorchef des Kaufhauses. „Ich hätte nicht gedacht, dass die Arbeit so spannend und vielfältig ist. Ich hatte von meinem Vater vorher das Bild vor Augen, wie er am Schreibtisch auf der Rechenmaschine seinen Gewinn eintippt.“

Sie schmunzelte. „Und das macht er nicht?“

„Nein, den rechnet mein Onkel für ihn aus.“

Sie richtete sich auf. „Das ist natürlich etwas anderes.“

„Du weißt schon, dass du dich später mit genau dem Aufgabengebiet beschäftigen musst.“

Sie zuckte die Schultern. „Mal sehen, wo es mich hinzieht. Das Steuerfach durchblicke ich bis jetzt nicht.“

Den Nachtisch aß sie langsam, leckte sich wieder und wieder über die Lippen und tupfte sie ab Ende ab. „Lecker. Manchmal brauche ich etwas Süßes. Du auch?“

„Manchmal schon.“

Er bezahlte und sie verließen das Gasthaus. Alina drehte sich zu ihm. „Gehen wir noch ein Stück spazieren?“

„Am Main?“

Sie nickte. „Gerne.“

Alina plauderte über die unterschiedlichen Professoren und ihre Vorzüge und Nachteile. Als sie schwieg, blieb er stehen. „Alina, was hast du vorhin damit gemeint, mich habe man zu Zeiten des Studiums einer Gehirnwäsche unterzogen.“

Sie schluckte. „Vergiss den Satz, in Ordnung?“

„Sag schon!“

„Na ja. Du und Scholte! Wie passt ihr denn zusammen?“

Er ließ ihre Hand los und fuhr sich durch das Haar. Christian Scholte war sein bester Freund, auch wenn er ihn kaum mehr zu Gesicht bekam, weil der entweder Arbeiten für das Kaufhaus erledigte oder mit Charlotte seine Zeit verbrachte. „Ich verstehe nicht, was du meinst.“

Sie seufzte. „Simon. Du scheffelst jetzt zwar Geld, aber du denkst sozial.“

„Und Christian nicht?“

Sie schaute ihn mit zusammengeschobenen Augenbrauen an. „Ist deine Cousine noch immer mit ihm zusammen?“

„Ja.“

„Na dann …“ Sie zuckte mit den Schultern. „Womöglich hat er sich ja geändert, aber solche tun das normalerweise nicht.“

„Solche?“

„Solche, die nur an Macht denken.“

„Was? Christian war auf sämtlichen Demos, weil er etwas ändern wollte.“

Sie ging weiter. „Was der ändern will, das kann ich mir denken.“

Simon drehte sie an den Schultern zu sich. „Jetzt sag mir, was du über ihn denkst!“ Er ließ sie los. „Entschuldige, bitte.“

„Finde es doch selbst heraus. Ich werde nichts über deinen künftigen Schwager sagen.“

„Künftiger Schwager?“ Er schüttelte den Kopf. „So weit ist es noch nicht.“

„Das sollte es auch nicht werden, denn er …“ Sie holte tief Luft. „Egal, du wirst dir selbst ein Bild von ihm machen.“ Sie zog ihn weiter. „Riechst du die gute Luft? Schön rein, nicht verpestet.“

„Alina!“

„Schon gut! Wir wollten einen schönen Abend.“

Für ihn war die Freude am Abend wie weggewischt. Er schaute die Domstraße hinunter. Weit und breit war kein Mensch zu sehen. Dann konnte er genauso gut über ernste Themen reden. „Was hast du wegen der Akten vor?“

Sie schaute ihm direkt in die Augen. „Aha. Die Leichtigkeit ist verpufft. Na gut.“ Sie drehte ihr Gesicht weg. „Ich möchte, dass Krug zur Rechenschaft gezogen wird.“

„Dann musst du dich an die entsprechenden Behörden wenden.“

Sie blickte zu Boden und dann wieder in seine Augen. „Ja, das werde ich. Zuvor aber möchte ich wissen, ob dieses Schwein noch am Leben ist.“

„Wen meinst du? Doch nicht etwa den ehemaligen Gauleiter?“

Eine Zornesfalte bildete sich auf ihrer Stirn und gleichzeitig ballte sie die Fäuste. „Genau den.“

„Mach keinen Quatsch. Das kann gefährlich werden. Übergib die Unterlagen den Behörden und dann nimmt das Ganze seinen Lauf.“

Sie schwieg, schien das, was sie sagen wollte, hinunterzuschlucken.

Er nahm sie in die Arme. „Bitte, bring dich nicht in solche Gefahr.“ Simon hielt sie fest und nach und nach schien sie sich zu entspannen.

Dann löste sie sich aus seiner Umarmung, drückte ihm einen Kuss auf die Wange. „Danke, dass du für mich da bist.“

„Bevor du etwas unternimmst, komm bitte zu mir. Egal, was du vorhast, ich werde dich dabei begleiten. Hörst du? Unternimm bitte nichts alleine.“

Sie schien mit sich zu ringen. „Na gut.“

„Versprochen?“

Sie hob drei Finger zum Schwur. „Ja.“

Sie liefen bis zur Alten Mainbrücke und stiegen dort hinab ans Flussufer. Alina deutete hinauf zum Marienberg. „Witzig, dass der Hügel Berg genannt wird.“

Simon neigte den Kopf hin und her. „Bist du dort schon einmal hinaufgestiegen?“

„Hinaufgegangen meinst du.“ Sie winkte ab. „Du hast wohl noch keine richtigen Berge gesehen.“

„Doch, habe ich. Aber ich verspüre keinerlei Lust, sie zu besteigen.“

Alina drehte ihr Gesicht zum Fluss. „Dabei hat man vom Gipfel eines richtigen Berges einen so schönen Ausblick, hinab ins Tal, hinauf auf den nächsten Berg, von einer Gipfelspitze zur nächsten. Man fühlt sich fern der Menschen mit ihren Sorgen, befreit vom Alltag, einfach auf sich selbst reduziert.“

Simon schwieg, jedes Wort, das er hätte sagen wollen, erschien ihm falsch. Nach einer Weile durchbrach er doch die Stille. „Bist du oft in den Bergen?“

Sie nickte. „Meine Eltern sind von Amerika nach Südtirol gezogen. Mama liebt das einfache Leben und dort hat sie das wiedergefunden. Es gibt da keine Hektik, die Menschen bestellen ihre Gärten, füttern das Vieh, helfen sich gegenseitig und tun das, was notwendig ist, ansonsten leben sie.“

Die Beschreibung erinnerte an das Leben, das sich Inga erträumte, mit dem Unterschied, dass Alinas Eltern nicht in einem Land eingesperrt waren. „Das klingt schön.“

„Das ist es auch.“ Sie schaute ihm in die Augen. „Die Frage ist nur, wie lange es noch auf die Weise funktioniert. Die ersten Bauernhöfe vermieten bereits Zimmer an Urlauber, um über die Runden zu kommen.“ Sie breitete die Arme aus. „Auch dort dringen die Menschen aus dem Ausland ein.“

„Na ja, für die, die das Gebirge mögen, ist es ja auch verlockend.“

Sie stupste ihn an. „Und die anderen liegen irgendwo faul am Strand und lassen sich in der Sonne brutzeln.“

Er schüttelte den Kopf. „Soll ich dir etwas verraten? Ich hasse Urlaube. Andere verreisen gerne, ich aber kehre gerne nach Hause zurück.“

Sie legte den Kopf schief. „Vielleicht bist du nur mit den falschen Leuten unterwegs. Mit den richtigen würde dir eine Auszeit womöglich Spaß bereiten.“

Er grinste. „Ist das eine Einladung nach Südtirol?“

„Vielleicht.“ Sie strahlte ihn an, dann blickte sie auf ihre Armbanduhr. „Ich muss los.“

„Noch eine Verabredung?“

Sie schüttelte den Kopf. „Bedienen im Café. Von irgendwas muss ich ja leben.“

Simon begleitete sie noch bis zum Marktplatz, dann verabschiedeten sie sich. Er schaute ihr nach, wie sie in dem kleinen Café verschwand, schlug anschließend den Weg in Richtung Kaufhaus ein. Er hatte nie zu den Studenten gehört, die neben dem Studium Geld verdienen mussten. Das einzige, das von ihm verlangt worden war, war, sich Wissen anzueignen. Darin war er auch gut gewesen, obwohl ihn das Studium angeödet hatte. Zum Glück hatte er das abgebrochen und hinter sich gelassen. Aber die Zeit mit den anderen Kommilitonen war schön gewesen. Sich auszutauschen, zusammen etwas zu unternehmen, Freundschaften zu pflegen. Geblieben war ihm Christian als Freund und die Freundschaft mit Alina war dazugekommen. Er bog von der Juliuspromenade in die Kaiserstraße ab. Hatte sie vorhin mit ihm geflirtet? Vielleicht. In jedem Fall hatte sie heute lediglich Zeit mit ihm verbringen wollen und das fühlte sich gut an.

Er trottete den Rennweg hinauf bis in die Rottendorfer Straße. Alinas Familie musste Schlimmes zugestoßen sein, wenn sie so viel auf sich nahm, um diesen – wie hieß er noch gleich? – Carstens zu bestrafen. Außerdem schwang viel Verletztheit bei Alina mit, persönliche Betroffenheit. Sie hasste den Mann. Und Hass war gefährlich. Er führte zu unbedachtem Handeln.

***

Am Morgen saß Großvater Heinrich über der Zeitung gebeugt, mit einer Lupe in der Hand. Als er Simon wahrnahm, legte er die Lupe beiseite, faltete die Zeitung zusammen und lächelte ihn an. „Guten Morgen, mein Junge.“

Simon goss sich Kaffee ein. „Wo sind denn die anderen?“

„Es ist noch früh am Morgen. Nur deine Eltern sind bis jetzt auf und schon losgefahren. Der Rest schlummert wohl noch.“

Simon nahm sich ein Brot, belegte es mit Käse und biss hinein. Sollte er Opa nach der Zeit im Krieg fragen? Lieber nicht. Opa sollte sich nicht aufregen. In dem Augenblick trat David ins Esszimmer und wünschte allen einen guten Morgen.

„David …“, Opa warf ihm einen belustigten Blick zu, „… hast du heute etwa verschlafen?“

Der schüttelte den Kopf. „Im Gegensatz zu dir, bin ich schon im Park spazieren gegangen.“

Opa zuckte mit den Schultern. „Und wenn schon. Eile mit Weile, heißt es.“

David setzte sich an den Tisch und begann sein Frühstück. Wären nicht noch Charlotte und ihre Eltern, Onkel Edgar und Tante Maria dazugestoßen, hätte Simon das Gespräch vorsichtig auf den Krieg gelenkt. So aber ließ er es bleiben. Ein Gespräch zwischen vier Augen wäre ihm am liebsten, unterhielten sie sich zu dritt darüber, wäre das auch in Ordnung. Aber er mochte nicht die gesamte Familie einbeziehen.

Nach dem Frühstück brachen Charlottes Eltern auf, um nach Heidingsfeld ins Versandhaus zu fahren, wo sich ihre Büros befanden, während er und Charlotte zu Fuß zum Kaufhaus liefen. Sie unterhielten sie sich über die neue Rolltreppe im KAWA, die größere Markthalle im Untergeschoss und schließlich über Christian, der gestern angerufen hatte.

Charlotte strich sich eine Haarsträhne hinters Ohr. „Frankfurt gefällt ihm, da pulsiere das Leben, meinte er.“

„Aha. Ich liebe unsere Stadt, auch wenn sie vermutlich gegen eine Großstadt verschlafen wirkt. Ich mag die Ruhe, die Übersichtlichkeit und dass man auf grüne Hügel und Weinberge schauen kann.“

Charlotte nickte. „So geht es mir auch. Auf das Leben in einer Großstadt kann ich verzichten.“

Nach der Mittagspause stürmte seine Mutter ins Büro. „Opa ist wieder krank. Sophia ist bei ihm und hat den Arzt gerufen. Es sind wohl die Nieren. Aber du kennst ihn ja.“

Er nahm sie in die Arme. „Dann muss Opa dieses Mal vernünftig sein und seine Medikamente nehmen.“

Seine Mutter nickte. „Ja, dafür müssen wir sorgen.“

Den Nachmittag über fehlte ihm die nötige Konzentration auf die Arbeit. Opa musste sich auskurieren und wieder richtig gesund werden.

Als Simon am Abend Opas Zimmer betrat, legte David den Zeigefinger auf den Mund. Opa schlief. Also schlich Simon wieder aus dem Zimmer und stieg die Treppe hinab ins Esszimmer, wo die Familie sich zum Abendessen versammelt hatte. Alle, außer Onkel Edgar. Simon fragte nicht nach ihm, denn ein Blick zu Tante Maria genügte. Sie starrte auf die Tischplatte, als gäbe es dort etwas Interessantes zu sehen. Auch Charlotte hatte die Augenbrauen zusammengeschoben. Edgar ging wohl wieder alleine aus.

Simon nahm Platz und Rosa trug das Essen auf. Das Gespräch während der Mahlzeit drehte sich natürlich zuerst um Opa und dann um das Kaufhaus.

Nach dem Essen klopfte Simon bei Charlotte an und steckte den Kopf zur Tür hinein. „Störe ich?“

Sie schüttelte den Kopf. „Natürlich nicht. Komm rein.“

Er setzte sich neben sie auf das Bett. „Wir müssen Opa klar machen, dass wir ihn lieben und brauchen. Er muss also seine Tabletten nehmen.“

„Ja, lass uns gleich morgen früh mit ihm reden.“ Sie ließ sich zurück auf das Bett fallen. „Was für ein furchtbarer Tag das heute war.“

„Gibt es noch mehr außer Opas Krankheit?“ Er schaute über die Schulter, da richtete sie sich auf und erzählte von Sabine.

Er musterte sie. „Was hat Birgitta dazu gesagt?“

Charlotte stieß die Luft aus. „Darüber möchte ich jetzt noch nicht sprechen. Ich muss das erst sacken lassen.“

Simon nickte. „Was die Kleine ertragen muss, ist furchtbar. Im Grunde zu viel für so ein kleines Kind.“

„Ja, so ist es.“ Charlotte knetete ihre Hände. „Ich möchte nicht, dass sie in ein Kinderheim muss, falls mit ihrer Oma etwas passiert.“

Er stand auf, trat ans Fenster und drehte sich dann zu ihr um. „Hast du darüber nachgedacht, dass es auch andere Möglichkeiten für Waisenkinder geben sollte?“ Er hob die Hand. „Ich weiß, dass Sabine kein Waisenkind ist, ich meine das unabhängig von ihr.“

Charlotte schüttelte den Kopf. „Was genau stellst du dir vor?“

„Konkret habe ich noch keinen Plan ausgearbeitet. Wie wäre es aber, wenn es Frauen gäbe, die Waisenkinder bei sich aufnähmen? Die Frauen sollten den Lebensunterhalt der Kinder und auch ihren eigenen entlohnt bekommen, dafür müssten sie sich gut um die Kleinen kümmern, wie um eigene Kinder halt. Verstehst du? Es wäre ein Beruf für diejenigen, einer, der eben rund um die Uhr ginge.“

Charlotte starrte ihn an. „Ich halte das für eine großartige Idee.“

Seit er die Stiftung gegründet hatte, spukte ihm die Idee im Kopf herum. Nun hatte er zum ersten Mal versucht, seinen Einfall zu formulieren, und Charlotte gefiel er. Natürlich musste das Ganze ausgearbeitet werden, von den Behördengängen ganz zu schweigen, aber das ließe sich bewerkstelligen.

Er lächelte, dann wurde er ernst. „Hör mal, aber bis ich das umsetzen kann, wird es Jahre dauern. Sabine braucht vermutlich früher Hilfe.“

Charlotte rieb sich die Schläfen. „Das ist mir klar.“ Dann schaute sie ihm in die Augen. „Du sagtest einmal zu mir, ich sollte mir den richtigen Weg für die Kleine überlegen, jedenfalls hast du das so ähnlich formuliert.“

Er nickte, ohne zu antworten. Nach wie vor war er der Meinung, dass seine Cousine selbst den Weg finden musste, der für Sabine und sie der beste war. Wie er sie einschätzte, würde sie den auch wählen, so großherzig, wie sie stets handelte.

„Welcher ist der richtige Weg?“ Sie schaute ihn dabei nicht an, also sprach sie mit sich selbst, oder? „Hm, Simon?“

„Dafür müsste ich mehr über Sabine wissen. Wie ist sie? Wie gibt sie sich? Da bist du weiter als ich, denke ich. Ich unterstütze dich aber, sobald du deine Gedanken sortiert hast.“

„Unterstützen? Auch praktisch, wenn ich Hilfe brauche?“

„Das weißt du doch.“ Er nahm sie in die Arme, weil sie zusammensank wie ein Häufchen Elend. Mit einem Mal schluchzte sie, löste sich aus der Umarmung und versuchte zu lächeln, was gründlich misslang. „Ich heule dir dein Hemd voll.“

Er winkte ab. „Da hängen noch zehn andere im Schrank, vermutlich aus der Kollektion der begabten Charlotte Schmidt.“

Sie wischte sich mit dem Handrücken über das Gesicht. „Sabines Probleme lassen mich nicht los. Dann ist noch Opa krank. Und Papa scheint wieder mit seinen Sperenzien anzufangen. Was ist denn bloß los? Dabei wollten wir doch weiter nach dem Brandstifter suchen.“

„Was Letzteren betrifft, hast du schon mal darüber nachgedacht, dass auch eine Frau das Feuer gelegt haben kann? Es war doch von einer Frau die Rede, die Koch besucht hatte.“

Charlotte hielt die Hand auf den Mund und nahm sie dann herunter. „Mensch, du hast recht. Es muss nicht Koch gewesen sein. Klar, der wurde weggebracht, aber vielleicht auch nur, weil er über die Tat Bescheid weiß. Genauso gut kann diese ominöse Frau den Brand gelegt haben. Aber wann und wie?“

„Für heute hast du genug nachgedacht. Ruh dich jetzt aus.“

Er wünschte ihr eine Gute Nacht und ging in sein Zimmer. Dort machte er sich Notizen zu seinen Plänen bezüglich der Waisenkinder, dann lehnte er sich in seinem Schreibtischstuhl zurück. Wer konnte die Frau sein, die Koch besucht hatte? Welche Frau, die Emilia ähnelte, gab sich mit dem Trunkenbold ab? Eine, die ihn für ihre Zwecke benutzen wollte. So viel stand fest. Zudem musste sie seine Familie hassen. Auf wen das zutraf, war ihm ein Rätsel. Hatte womöglich jemand aus der Familie irgendwann andere beleidigt, gekränkt oder hing das noch mit Menschen aus der Zeit des Krieges zusammen? Was wusste er denn schon? Die Familie schwieg sich ja meist darüber aus. Was er erfahren hatte, war, dass offenbar seine Tanten Menschen damals geholfen hatten. Passte das jemandem nicht?

Er rieb sich die Augen, weil sie ihm zufielen. Es war Zeit, ins Bett zu gehen.

***

Am nächsten Morgen schaute Simon zuerst nach Opa Heinrich. David saß an dessen Bett und las ihm aus der Zeitung vor. Studenten hatten das Verwaltungsgebäude der Universität Harvard besetzt und es war zu zahlreichen Verhaftungen gekommen. Opa gab daraufhin bloß einen Brummlaut von sich. David warf Simon einen langen Blick zu. „Er hat heute etwas Temperatur. Das gefällt mir nicht.“

„Dann rufen wir den Arzt.“ Simon wollte bereits hinauseilen, da rief Opa: „Ich bin hier, ihr könnt mit mir und nicht über mich reden.“

Simon trat ans Bett und nahm Opas Hand. „Wie fühlst du dich denn?“

„Unruhig, und mir ist noch immer übel, bestimmt von den Tabletten.“ Opa schaute blass aus, das Gesicht eingefallen, die Augen geschwollen.

Simons Herz hämmerte. „War Mama schon bei dir?“

„Nein. Außer David und dir hat mich heute noch keiner besucht.“

David deutete zum Nachttisch. „Sein Frühstück rührt er auch nicht an.“

Opa brummte: „Bis jetzt nicht. Ich werde schon noch essen und die verflixte Tablette nehmen.“

David warf Simon wieder einen hilfesuchenden Blick zu. Simon gab ihm daraufhin ein Zeichen, dass er sich auf seinen Platz setzen wollte. „Opa, wir schicken David jetzt zum Frühstücken und ich bleibe bei dir, solange du isst. Was hältst du davon?“

„David muss nicht Tag und Nacht hier sitzen. Ich brauche kein Kindermädchen.“

Durch Simon ging ein Ruck. „Du warst die ganze Nacht hier, David?“

Der gähnte herzhaft. „Wenn Heinrich mit der Übelkeit kämpft, ist es besser, wenn jemand bei ihm ist.“

Simon drückte ihm die Hand. „Ich danke dir. Geh jetzt etwas essen und leg dich dann hin. Ich kümmere mich ein Weilchen um Opa und dann wird mich jemand anderes ablösen.“

David schüttelte den Kopf. „Ihr müsst alle arbeiten. Ich habe doch Zeit.“

„Nix da. Bevor du auch noch krank wirst, ruhst du dich jetzt aus. In Ordnung?“

David gähnte erneut. „Gut, ein Weilchen werde ich mich hinlegen.“

Opa schaute seinen besten Freund an. „Endlich hörst du auf jemanden.“

Nachdem David das Zimmer verlassen hatte, nahm Simon das Tablett vom Nachttisch. „Und du hörst jetzt auch auf mich und isst etwas.“

Es war mühsam, Opa wenigstens eine halbe Scheibe Brot einzuverleiben, er trank auch nur wenig vom Tee. „Opa, du sollst gerade viel trinken. Vor allem, wenn du auch noch Fieber bekommen hast.“

„Wenn ich hier nur herumliege, habe ich weder Hunger noch Durst.“ Er seufzte. „Jetzt gib schon die Tablette her, damit ich das hinter mich bringe.“

Opa so unwirsch zu erleben, war etwas Neues. Zwar frotzelten er und David sich oft, doch ansonsten kannte er seinen Opa stets ausgeglichen. Die Krankheit schien ihn zu nerven.

Als Simon das Tablett wegräumte, trat Charlotte ins Zimmer. „Guten Morgen, ihr beiden. Opa, wie geht es dir?“

Opa winkte ab. „Ihr solltet nicht so viel Aufhebens um mich machen. Unkraut vergeht nicht.“

Simon erzählte ihr von Davids Nachtwache. „Den Tag über werden wir zwei uns abwechseln, damit David etwas Schlaf bekommt.“

Charlotte war sofort einverstanden. „Und wegen Opas Fieber werde ich jetzt gleich dem Arzt Bescheid geben.“

„Jetzt macht sich das Mädchen auch noch wegen mir altem Zausel verrückt!“

Simon drückte wieder Opas Hand. „Wir wollen, dass du wieder gesund wirst, weil wir dich lieben.“

Endlich verschwand der mürrische Gesichtsausdruck aus Opas Gesicht und er lächelte. „Ihr wart schon immer gute Kinder wie meine Mädchen. Sie haben auch das Herz am rechten Fleck.“

„Erzähl mir von ihnen.“

Opa schwieg eine Weile. „Was soll ich dir Neues sagen, was du noch nicht weißt?“ Wieder machte er eine Pause. „Deine Mutter war und ist die Zielstrebige. Sie sorgt dafür, dass alle gut leben können. Sophia ist jetzt nur noch künstlerisch tätig, versucht, auf Ausstellungen mit ihren Bildern auf Missstände aufmerksam zu machen. Aber früher, da war sie die Rebellin.“ Er holte tief Luft und schloss kurz die Augen. „Im Krieg hat sie auf ihre Weise gegen das System rebelliert.“

Simon horchte auf. „Auf welche Weise?“

„Alles, was man damals so tat. Flugblätter verteilen, auf denen sie entsprechende Zeichnungen versehen hatte, bis sie dann noch Menschen zur Flucht verhalf.“ Er richtete sich kurz auf und hob den Zeigefinger. „Das sollten du und Charlotte wissen. Auf eure Familie könnt ihr stolz sein.“

Simon hörte wohl nicht recht. Tante Sophia war eine Fluchthelferin?! „Sie gehörte einer Gruppe von Fluchthelfern an?“

„Nenn es, wie du willst. Sie arbeitete jedenfalls nicht alleine.“ Opa lachte. „Und stell dir vor. Wir alle haben Menschen geholfen, das Land zu verlassen. Jeder für sich und es den anderen verheimlicht, bis wir uns versehentlich bei einer Unternehmung trafen.“

„Wie bitte?“

„Ja, Tante Maria war die Klügste. Sie plante jede Flucht bis ins Kleinste. Niemals hätte ich gedacht, dass sie so etwas machte. Weißt du, Maria gab sich immer als Sonnenschein, immer gut gelaunt. Dabei war sie damals schon so wie heute. Klug, vorausschauend, mutig. Ihr gutes Aussehen half ihr aus mancher Patsche, sie machte dem ein oder anderen Soldaten schöne Augen und kam so davon.“

„Und was hat Mama getan?“

Opa starrte ihn an. „Was sie getan hat? Sie hat das Kaufhaus Joseph abgekauft, bevor ihn diese Mistkerle aus der Partei enteignen konnten. Ha! Carstens hat das nicht gefallen, aber er konnte nichts dagegen machen. Hätte er sowieso nicht, denn ihm gefiel Katharina. Als ob sie sich mit dem Gauleiter, diesem Teufel in Person, abgeben wollte.“

Simon schluckte. Wieder war der Name Carstens gefallen. „Wie war das damals? Die Partei hatte doch die meisten Anhänger –“

„Ach was. Jeder, der Verstand besaß, hasste diese Leute. Aber natürlich lebten wir alle in Angst vor ihnen. Und Verräter gab es auch, wie es sie überall gibt.“

„Inwieweit wurdet ihr gehasst für das, was ihr tatet?“

„Du glaubst doch nicht, dass jemand etwas davon mitbekam. Wäre das so gewesen, gäbe es uns nicht mehr.“ Opa holte tief Luft. „Charlotte und du, ihr dürft darüber mit keinem sprechen, hörst du? Schweigt, so wie es alle in der Familie tun.“

Simon verstand nicht. „Warum? Im Grunde seid ihr doch Helden.“

„Nein, mein Junge. Wir haben uns gegen Unrecht gewehrt. Das ist etwas Natürliches, kein Heldentum.“

Simon schüttelte den Kopf. „Ihr habt euer Leben riskiert, wenn das nicht lobenswert ist, was dann?“

„Bitte, hör auf mich. Schweigt! Zum einen gibt es immer Neider. Stell dir vor, wir würden dafür geehrt werden. Nicht auszudenken. Es hieße sofort: Die kriegen nie genug. Zum anderen leben noch zu viele von diesen Mistkerlen unter uns. Sie würden versuchen, uns zu schaden.“

„So wie der Brandstifter?“

Opa nickte. „So wie der. Das ist jemand, der uns hasst.“ Dann fielen ihm die Augen zu.

Simon zog ihm die Decke bis zum Hals. Das Gespräch hatte Opa angestrengt. In Zukunft wollte er leichtere Themen anschlagen. Doch das, was er erfahren hatte, war unglaublich. Dann gierten seine Eltern nicht nach Geld, sie versuchten nur, alle versorgt zu wissen. Da steckte ihnen womöglich die Angst vor Verlust in den Knochen. Tante Sophia war auch nicht die, die sich die Zeit mit Malen vertrieb, sondern hatte auf ihre Weise aufbegehrt und dabei ihr Leben riskiert, wie auch Maria. Sie hatte also Pläne ausgearbeitet, um Menschen aus dem Land zu schaffen, vielleicht sogar ihren biologischen Vater, Samuel, der in der Schweiz lebte. Verrückt! Und Opa hatte mitgeholfen. Sein ausgeglichener Opa war ein Fluchthelfer gewesen.

Simon ließ sich auf dem Stuhl an Opas Bett nieder. Die Neuigkeiten musste er jetzt sacken lassen. Wie aber konnte das Verhalten seiner Familie im Krieg mit der Brandstiftung im letzten Jahr zusammenhängen? Natürlich musste es da keine Verbindung geben, aber die Möglichkeit bestand. Wollte sich da jemand rächen? Weil seine Familie Menschen zur Flucht verholfen hatte? Oder hatten sie es nicht mehr geschafft, Menschen zur Ausreise zu verhelfen, die gesucht worden waren?

Er schüttelte den Kopf. Das kam einem Fischen im Trüben gleich.

In dem Augenblick klopfte es leise an der Tür und Charlotte trat zusammen mit dem Arzt ein. Doktor Korn untersuchte Opa gründlich, nahm ihm noch eine Blutprobe ab, dann wandte er sich an Simon und Charlotte, die an Opas Bett stand. „Ich werde das Blut noch einmal untersuchen lassen, doch da wird noch nicht viel passiert sein. Ebenso beim Urin, auch der wird unverändert sein. Das Fieber rührt von der Entzündung der Nieren her. Ich hoffe, dass die Tabletten nach wenigen Tagen anschlagen. Was Sie noch machen können, ist, ihm Umschläge in der Nierengegend anzulegen. Ich werde das Rosa erklären, denn sie ist ja immer da. Wenigstens zwei Mal am Tag sollte er sie angelegt bekommen.“

Opa räusperte sich. „Doktor Korn, Sie dürfen auch zu mir sprechen.“

Der entschuldigte sich und erklärte Opa das Gesagte noch einmal. „Wichtig ist, dass Sie nicht immer auf dem Rücken liegen.“

„Eigentlich will ich gar nicht mehr liegen.“

„Dann stehen Sie ruhig auf, aber halten Sie sich warm. Zu den Umschlägen müssen Sie natürlich das Bett aufsuchen.“

Kaum hatte sich der Arzt verabschiedet, wandte sich Charlotte an Simon. „Jetzt möchte ich auch eine Weile Opa für mich haben.“

Simon tat sich schwer damit, sich auf die Arbeit zu konzentrieren, wieder und wieder dachte er an seine Familie. Es war unglaublich, was sie riskiert hatte. Da war er stets stolz darauf gewesen, an den Studentendemonstrationen teilzunehmen, hatte sich wie ein Rebell gefühlt, doch im Vergleich zu dem, was seine Familie riskiert hatte, waren das Kinkerlitzchen gewesen. Er stand vom Schreibtisch auf und ging ein paar Schritte auf und ab. Da fiel ihm Sabine ein. Die Kleine hatte tatsächlich Angst um ihre Zukunft und um ihre geliebte Oma, dabei war sie noch ein kleines Mädchen. Er setzte sich wieder an den Schreibtisch. Wie würde Charlotte Sabine helfen? Im Grunde lag diese Entscheidung doch auf der Hand.

Das Telefon läutete. Herr Wölke war am Apparat. „Ich suche nach einer Kindergärtnerin, habe aber noch keine gefunden. Ich bleibe aber dran.“

Simon bedankte sich und legte auf. Das Projekt Charlottes war großartig und das musste fortgeführt werden. Jahrelang hatte er darüber geklagt, dass seine Eltern wenig Zeit für ihn gehabt hatten, sein Vater so gut wie keine, aber dafür stets gute Leistungen forderte, die er ihm nie recht machen konnte. So hatte er geglaubt. Doch im Grunde hatte er seinen Vater erst letztes Jahr wirklich kennengelernt, als er zu ihm gehalten, ihn zu sich geholt und ihm gezeigt hatte, dass er ihn so liebte, wie er war. Erst da war ihm klargeworden, wie viel Liebe er erfahren hatte und das während seines gesamten bisherigen Lebens.