Leseprobe Die Hexe von Suffolk

Prolog

Fressingfield, November 1884

Ein leises Wimmern, kaum hörbar über dem Morgengezwitscher, riss ihn aus dem Schlaf. Dann schrie das Kind. Jonathan fuhr aus der Sicherheit des Schlafs ins Bewusstsein. Wässriges Licht der frühen Sonne fiel spärlich in die winzige Kammer, die er von seiner Schwester gemietet hatte.

Er schlug die dünne Decke von der Brust, wischte sich den Schweiß von der Stirn und musterte das für die Jahreszeit viel zu warme Zimmer. Wieder Albträume, vermutete er, auch wenn er sich nicht sicher erinnern konnte. Seit er die erste Krähe gefunden hatte, war sein Gedächtnis wie ausgelöscht. Es war ersetzt durch eine unnachgiebige Angst, die alles überlagerte.

Die Treppe knarrte. Harriet brachte eines ihrer Enkelkinder nach unten. Jonathan versuchte nicht, wieder einzuschlafen. Der Raum war zu trostlos, das Licht zu düster. In den Ecken lauerte die Dunkelheit und er konnte sich nur ausmalen, was sich dort verbarg. Lieber unten bei den anderen. Wie konnten Kinder in diesem Haus ruhig schlafen, in diesem verdammten Dorf, so nah bei der Hexe?

Jonathan schnürte seine genagelten Stiefel, knöpfte eine Jacke aus Kammgarn zu und zog sich einen abgetragenen Kittel über den Kopf. Er hatte seit Jahren nicht mehr auf dem Feld gearbeitet. Doch das Tragen des Kittels war ihm geblieben – egal bei welchem Wetter. Es erinnerte ihn an bessere Zeiten, an Heulieder, Gesellschaft und Sonnenschein. Harte Tage, aber glückliche – bevor er verwitwet wurde, bevor er verhext wurde.

Er stapfte die Treppe hinunter in die Stube, wo Harriet die Glut im Kamin aufstach. Ein schmutzig gekleidetes Kind ruhte in ihrer Armbeuge.

„Du siehst müde aus“, sagte sie. „Wieder schlimme Träume?“

„Jede Nacht, Schwester“, murmelte er. „Die Krähen …“ Seine Stimme verklang. Er starrte gedankenverloren in die Ferne.

„Vergiss die verfluchten Krähen“, seufzte Harriet. „Das ist doch alles Unsinn. Ein erwachsener Mann sollte es besser wissen.“

„Was weißt du schon, Weib?“, fuhr er sie an. „Ich bin es, der der Hexe zum Opfer gefallen ist.“

„Es gibt keine Hexen, Jon Carter.“ Harriet schüttelte den Kopf und setzte das Kind unsanft auf den Boden vor dem Feuer. Es streckte die Hand nach der Glut aus.

„Nein“, rief sie scharf und schlug die Hand weg. Das Kind legte das Kinn auf die Knie und wiegte sich vor und zurück, während es finster in die Feuerstelle starrte.

„Solches Gerede bringt dir nichts“, fuhr Harriet fort. Sie stellte einen schwarzen Kessel auf den Herd. „Du bist alt genug, es besser zu wissen.“

„Nichts anderes erklärt die Krähen.“ Jonathan hob den Kopf. Seine milchig blauen Augen waren blutunterlaufen vom Schlafmangel.

„Jetzt beruhig dich.“ Harriet setzte sich mit ihrer massigen Gestalt auf die Holzbank und rückte näher. Sie nahm seine Hand. „Es war ein Schock, Jon, und eine gemeine Art, jemanden zu erschrecken. Aber das ist bloßer Unfug, nichts weiter. Von Menschenhand gemacht.“

„Aber warum ich und warum Krähen?“, murmelte er. „Krähen deuten den Tod an und davon gibt es genug im Dorf.“

„Ach komm, Jon“, erwiderte Harriet. „Dieses Jahr gab es nichts Unerwartetes, außer dass die kleine Polly Gable Scharlach hatte und Harry Roper vom Wagen gefallen ist. Alle anderen Todesfälle waren altersbedingt oder durch langwierige Krankheiten. Nichts Unheimliches.“

„Das kannst du leicht sagen, Schwester. Aber dich plagen die Krähen ja nicht.“

„Woher willst du das wissen, Jon? Die letzten lagen verwest auf der Türschwelle dieser Hütte. Vielleicht hat sie jemand dort hingelegt, um mir Angst zu machen.“

„Du weißt, warum“, sagte Jonathan leise. „Ich war allein, als die verfluchte Krähe kam. Sie wartete an meinem Rastplatz auf mich.“

„Mehr Leute als du machen an dem alten Baumstumpf am Bach eine Pause, Jonathan Carter“, entgegnete Harriet. „Warum glaubst du, dass die Krähe für dich dort war?“

„Weil Elijah Scoggins es sagt“, antwortete Jonathan. „Die Krähe war für meinen Namensvetter oder mich.“

„Und woher willst du das wissen, so lange, nachdem du sie gefunden hast?“

„Ich habe den Zettel zu Scoggins gebracht“, sagte Jonathan. „Er kann lesen und schreiben und er weiß, wie man den Mund hält.“

„Welcher Zettel? Du hast nie einen Zettel erwähnt.“

„Ich fand einen Zettel, der oben aus dem Stock ragte, der in der Brust der Krähe steckte. Ich habe ihn behalten.“

„Wozu denn das?“

„Ich konnte ihn nicht lesen und es war mir peinlich, ihn jemandem zu zeigen, der es konnte. Dann kam die zweite Krähe.“ Jonathan hob zitternd die Hand an die Stirn. „Und die jagte meinen Stolz in die Flucht. Ich brachte den Zettel zum Kirchenschreiber und bat ihn, ihn vorzulesen.“

„Was stand drauf?“, fragte Harriet und tätschelte die Hand ihres Bruders.

„Es stand …“ Jonathan schluckte. „Es stand: ‚Ich verfluche dich, Jonathan Carter. Der Tod ist dir auf den Fersen.‘“ Er sah Harriet tief in die Augen. „Ich bin verhext.“

Harriet seufzte, stand von der Bank auf und stocherte erneut im Feuer. Nach ein paar Momenten sagte sie: „Ich bezweifle nicht, dass sich jemand Gemeines gegen dich verschworen hat, Bruder. Aber Hexen gibt es nicht mehr. Wahrscheinlich hat es sie nie gegeben. Du musst aufhören, solchen Unsinn zu glauben und erkennen, dass es nur ein grausamer Streich ist.“

„Das ist kein dummer Streich. Ich kann kaum schlafen. Mein Körper brennt, dann friert er. Und mein Herz schlägt so heftig und unregelmäßig, dass ich fürchte, es platzt. Vor der ersten Krähe war ich gesund. Jetzt bin ich schwach und verängstigt.“

„Ich bin es nicht“, sagte Harriet. Sie schnappte sich einen Besen aus der Ecke und begann, energisch den Boden zu kehren. „Du bist älter als ich, Jon Carter. Du solltest es besser wissen, als dich von einer alten Klatschbase in den Glauben an Märchen treiben zu lassen. Und du bist obendrein ein großer, kräftiger Mann. Mich würden ein paar verweste Krähen nicht aus der Ruhe bringen.“

„Vielleicht nicht“, sagte Jon langsam. „Aber George fürchtet die Vögel genauso wie ich.“

„George Corbyn? Mein Mann?“ Harriet hörte auf zu kehren und wischte sich die Hände an der Schürze ab. „George fürchtet niemanden.“ Sie presste die Lippen zusammen und zog eine Augenbraue hoch – eine stumme Herausforderung an ihren Bruder, ihr zu widersprechen.

„Er sagt mir etwas anderes“, meinte Jonathan. „George behauptet, Krähen seien Todesboten. Seine Familie erzählte Geschichten von Hexerei, Ritualen, Elstern, Dämonen und Ähnlichem. Er sagte, das seien Warnungen, die von seinen Vorfahren überliefert wurden. Natürlich glaubt George an das Böse.“

„Wir alle glauben an das Böse“, sagte Harriet. „Alle gottesfürchtigen Menschen tun das. Aber der Rest ist Unsinn. Es überrascht mich nicht, dass George wieder dummes Zeug redet. Seine Verwandten waren schon immer ein abergläubischer Haufen. Unsere Familie war das nicht und du solltest es auch nicht sein.“

Jonathan legte eine Hand an den unteren Rücken und richtete sich auf. Dabei verzog er vor Anstrengung das Gesicht. „Zweifellos hast du recht, Schwester“, sagte er. „Ich gehe jetzt ins Dorf zu meiner wöchentlichen Rasur. Ich möchte morgen in der Kirche die gottesfürchtigen Leute von Fressingfield nicht verärgern.“

Harriet lächelte. „Los mit dir“, sagte sie. „Sonst finden sie noch unbekannte Kreaturen in deinem Bart, wenn du ihn nicht bald rasierst.“

Obwohl er bereits in seinem siebten Jahrzehnt war, ging Jonathan regelmäßig die Meile bis ins Dorfzentrum mit Leichtigkeit. Das galt trotz gelegentlicher Herzstolperer. Heute war es eine Last. Sein Herz war nicht dabei. Der lange, gerade Weg ins Dorf wirkte wie ein unüberwindbares Hindernis. Mit gesenktem Kopf trottete er dahin, die Hände tief in den Taschen seines Kittels vergraben. Keine Menschenseele war zu sehen.

Inzwischen lag der Sonnenaufgang schon Stunden zurück. Doch der von Bäumen und Hecken gesäumte Weg wirkte düster und bedrückend. Hohe Bäume wölbten sich über den Pfad und drohten, den Himmel zu verdecken. Jonathan schüttelte die aufkommende Schwermut ab, während er den trostlosen Weg betrachtete. Dann setzte er seinen einsamen Gang fort. Er beobachtete, wie die Baumwipfel im stürmischen Wind flimmerten. Als er sich dem Ende des Weges näherte, fröstelte er. Die ersten Regentropfen fielen. Aus dem Nieseln wurde ein kräftiger Schauer, der durch seine Kleidung sickerte.

Er wandte sich dem Dorfzentrum zu und betrachtete die blassen Schornsteine des Pfarrhauses. Diese hoben sich hell vom düsteren Schwarz der Bäume ab – wie Hoffnungsschimmer in einer bedrohlichen Finsternis. Jonathan rieb sich die Brust, um seinen keuchenden Atem zu beruhigen. Sein Herz setzte einen Schlag aus, fing sich wieder und stolperte erneut. Obwohl seine Finger vor Kälte taub waren, rann ihm eine Schweißperle die Koteletten hinab. Jonathan schlug sich kräftig gegen die Brust, um das aufkeimende Panikgefühl zu vertreiben, das seine unregelmäßigen Herzschläge begleitete. Die Palpitationen wurden häufiger, sobald er an die Krähen dachte.

Er erreichte das hölzerne Tor oberhalb des Kirchhofs und blickte auf die vertraute Fachwerkrückseite des Fox and Goose Inn. Das rotziegelige Gebäude mit dem moosbedeckten Dach wirkte seltsam beruhigend. Es gab schnellere Wege zum Barbier, aber Jonathan liebte seine Gewohnheiten. Sein Rasurritual am Samstagmorgen führte ihn immer denselben Weg vom Hintertor zum Vordereingang der Kirche. Sobald er das Fox and Goose erreicht hatte, war es nur ein kurzer Spaziergang zur Church Street, wo der Barbier wohnte. Dort konnte er sitzen, seine müden Beine ausruhen und versuchen, seinen Herzschlag zu normalisieren.

Er schlängelte sich über den steinigen Pfad durch den Kirchhof an den Gräbern seiner Vorfahren vorbei. Links von ihm ragte die aus Feuerstein gebaute Kirche mit ihrem quadratischen Turm fest und unbeweglich auf. Der Novemberhimmel war indigoblau und von dunklen, sturmträchtigen Wolken bedeckt. Jonathan hatte noch nie so früh am Tag einen derart unheilvollen schwarzen Himmel gesehen. Die unregelmäßigen Grabsteine schienen sich zu kräuseln, während er vorbeiging. Er betrachtete sie mit müden Augen im immer stärker werdenden Wind.

Nachdem er die Kirche hinter sich gelassen hatte, den Kopf gegen den peitschenden Regen gesenkt, wandte sich Jonathan dem Fox and Goose zu. In einem Eckpfosten war eine kunstvoll geschnitzte Figur eingelassen. Als kleiner Junge hatte er sie immer berührt, um Glück herbeizurufen, und fragte sich nun, ob er es wieder tun sollte. Ein wenig Glück könnte den Fluch vielleicht brechen. Doch seine Gedanken gingen nicht weiter.

Ein plötzliches Geräusch durchbrach die Stille des Kirchhofs. Erschrocken starrte Jonathan zur Vorhalle in der Erwartung, dort eine Bewegung zu sehen – doch niemand war da. Ein weiterer gellender Schrei zerschnitt die Luft. Diesmal erkannte er ihn: das schrille Krächzen einer Krähe. Er beschleunigte seine Schritte und eilte auf das Kirchentor zu, das nur wenige Meter entfernt war. Auf der anderen Straßenseite sah er eine Frau mit schwarzer Haube die Church Street hinunterhuschen. Wenn er sich beeilte, würde er in wenigen Minuten in ihrer Nähe Sicherheit finden.

Als Jonathan taumelnd auf das Tor zuging, entdeckte er eine Pfütze aus schwarzem Schlamm auf dem Steinweg. Er trat näher, bemüht, nicht hinzusehen, während eisige Angst seine Brust zusammenschnürte. Es durfte nicht sein – nicht hier auf Gottes Kirchhof. Gott bewahre. Doch ein ängstlicher Blick ließ keinen Zweifel mehr zu. Die dunkle Masse war alles, was von drei Krähen übrig war – faulig, stinkend und von Würmern durchsetzt. Jonathan griff sich ans Herz, als er gegen einen schrägen, moosbedeckten Grabstein stürzte und auf den Boden fiel. Sein Herzschlag wurde schwächer. Das letzte Bild, das sich in seine Augen brannte, war eine Krähe, die auf einen angespitzten Stock gespießt war und neben seinem Kopf zu Boden fiel.

Kapitel eins

EIN UNGEWÖHNLICHER FALL

„Schön, dich zu sehen, Francis.“ Der große, dunkelhaarige Mann streckte die Hand nach seinem elegant gekleideten Freund aus, der mit Zylinder und Wollmantel beeindruckte. Sie schüttelten sich herzlich die Hand.

„Ganz meinerseits“, erwiderte sein Begleiter. „Schön, dass du unter diesen Umständen gekommen bist.“

„Ja, es ist lange her, dass ich jemanden von der Polizei gesehen habe. Du verstehst sicher“, sagte Lawrence.

„Natürlich“, murmelte Francis. „Ich wünschte, ich hätte mehr tun können, aber …“ Seine Worte verhallten. „Gehen wir hinein?“, fragte er.

Die Männer standen neben dem Obelisken, der den Chequer Square in der historischen Stadt Bury St Edmunds beherrschte. Lawrence fuhr mit der Hand über die einst verzierten Steinplatten am Sockel des Monuments. Nun waren sie verwittert, die Details für immer verloren.

„Hier entlang“, sagte Francis und deutete auf ein quadratisches Gebäude aus roten Ziegeln neben dem Torbogen des Saint James Towers. „Ich dachte, du möchtest vielleicht die neue Freimaurerloge sehen, bevor sie eröffnet wird“, fügte er hinzu.

„Sehr gern“, sagte Lawrence. „Es ist schon lange her, dass ich eine Loge betreten habe. Meine Mitgliedschaft ist ja abgelaufen. Genau genommen dürfte ich mich gar nicht hier aufhalten.“

„Normalerweise stimmt das“, sagte Francis. „Aber da ich die Renovierung organisiert habe, ist es mein Vorrecht, ausgewählten Gästen das Ergebnis meiner Arbeit zu zeigen. Es ist fast fertig. Meine Leute haben nur noch Kleinigkeiten zu erledigen. Die Eröffnungsfeier ist erst in ein paar Wochen. Heute ist es leer und daher perfekt, um es dir zu zeigen.“

Die beiden Männer überquerten den Platz und traten an die zentral gelegene Tür mit sechs Paneelen heran. Über ihr befand sich ein halbkreisförmiges Oberlicht mit radialen Streben. Francis zog ein Schlüsselbund aus der Tasche und steckte den größten Schlüssel ins Schloss. Sie gingen durch einen Gang, der nach frischer Farbe roch. Am anderen Ende öffnete Francis eine Doppelflügeltür und winkte Lawrence in einen hellen Raum, der vollständig mit freimaurerischen Insignien dekoriert war.

„Sehr schick“, sagte Lawrence, während er den Raum mit schwarz-weiß gefliestem Boden durchquerte. Licht strömte durch eine Reihe länglicher Fenster und erhellte den sonst dunklen Raum. Über dem Kamin hing ein großer, goldverzierter Spiegel, der das Tageslicht reflektierte. Fahnen und Banner der Freimaurerbewegung schmückten die weiß gestrichenen Wände. Lawrence betrachtete die prächtigen, mit Stoff bedeckten Tische, die sich unter Leuchtern, Kelchen und anderem freimaurerischen Zubehör bogen. Er bemerkte die dunkel mahagonifarbenen, gepolsterten Stühle, die in Abständen um den opulenten Raum verteilt waren.

„Ich sehe nicht, was du hier noch machen musst“, sagte Lawrence und schritt auf den Kamin zu. Er blieb stehen und strich mit der Hand über die glatte Oberfläche einer steinernen Säule mit kugelförmigem Abschluss. „Es ist wirklich wunderschön geworden“, fuhr er fort. „Die Loge scheint den Verlust meines Mitgliedsbeitrags gut verkraftet zu haben.“ Dabei deutete er auf mehrere hohe, kunstvoll geschnitzte Stehlampen mit teuren Silberfassungen und riesigen Kerzen.

Francis lächelte. „Es mangelt uns weder an Mitgliedern noch an Geld“, gab er zu. „Es gibt sogar eine Warteliste. Aber du bist bereits aufgenommen worden, also heißen wir dich jederzeit wieder willkommen.“

„Ich denke darüber nach“, sagte Lawrence. „Vielleicht irgendwann, aber noch nicht jetzt.“

Francis insistierte nicht. Er deutete auf einen Stuhl am Fenster. „Setz dich“, sagte er. „Etwas zu trinken?“

Lawrence nickte und Francis zog ein Tuch von einem der Schränke. Er öffnete die rechte, kunstvoll geschnitzte Tür, griff nach einer Karaffe und zwei Gläsern und schenkte eine kleine Menge Schnaps ein. „Zum Wohl“, sagte er und reichte Lawrence das Glas.

Lawrence nippte an der bernsteinfarbenen Flüssigkeit und beobachtete, wie Francis seinen Spazierstock unter den Stuhl schob. Dabei bewunderte er den vergoldeten Griff mit eingeprägtem Winkelmaß und Zirkel.

Francis lächelte. „Gefällt er dir?“, fragte er.

„Du weißt doch, dass ich feine Handwerkskunst zu schätzen weiß.“

„Ich gebe dir gern den Namen meines Ausstatters, wenn du willst.“

„Nicht nötig“, sagte Lawrence. „Warum bin ich hier?“

Francis verzog das Gesicht. „Wie immer direkt zur Sache“, sagte er. „Bist du im Moment beschäftigt?“

„Einigermaßen“, antwortete Lawrence. „Ich habe gerade einen großen Fall abgeschlossen. Es bleiben nur ein paar kleinere Dinge. Warum fragst du?“

„Erinnerst du dich an meinen Bruder Michael?“, fragte Francis.

„Natürlich.“

„Dann weißt du, dass er in den geistlichen Stand eingetreten ist.“ Lawrence nickte.

„Michael hat vor einiger Zeit in Cambridge seinen Abschluss gemacht“, sagte Francis. „Er war danach zwei Jahre als Missionar in Südamerika. Anschließend kehrte er nach Ridley Hall zurück, um sich weiter ausbilden zu lassen. Vor einigen Monaten ist er erneut aufgebrochen und wird bald eine eigene Gemeinde übernehmen. In der Zwischenzeit wurde er einer Pfarrei in Suffolk zugewiesen, um den dortigen Pfarrer zu unterstützen.“

„Michael hat ein interessantes Leben geführt“, murmelte Lawrence und rieb sich mit der behandschuhten linken Hand über die Narbe. Eine Angewohnheit, die er sich seit dem Brand zugelegt hatte, ohne es zu merken.

„Was ich dir jetzt erzähle, ist vertraulich“, sagte Francis. „Ich darf darüber eigentlich nicht sprechen. Aber wenn du dich entscheidest zu helfen, ist es das Brechen meines Wortes wert. Wenn du nicht helfen kannst, hoffe ich, dass du mit niemandem darüber redest.“

„Selbstverständlich nicht“, sagte Lawrence. „Informationen aus einer Voruntersuchung bleiben streng unter uns.“

Francis nickte. „Ich musste fragen. Du verstehst das sicher. Jedenfalls wohnt Michael derzeit im Pfarrhaus des Dorfs Fressingfield. Kennst du es?“

Lawrence nickte.

„Er lebt mit Reverend Raven, dessen Familie und Bediensteten. Letzte Woche reiste er nach Bury, um mich zu besuchen – und zwar nicht bloß aus gesellschaftlichem Anlass. Er bat mich, als Oberhaupt der Familie, um Rat und Unterstützung.“

„Natürlich“, sagte Lawrence. „Du bist ihm zehn Jahre voraus. Ich bin sicher, er schätzt deine Meinung umso mehr, seit euer Vater gestorben ist.“

„Das tut er“, stimmte Francis zu. „Allerdings belastet Michael mich selten mit seinen Problemen. Dass er sich an mich wandte, hat mich überrascht – und was er mir erzählte, hat mich, ehrlich gesagt, fassungslos gemacht. Um ganz offen zu sein, Lawrence: Ich war skeptisch und fühlte mich genötigt, seinen Bericht zu überprüfen. Ich habe Nachforschungen angestellt und kann bestätigen, dass seine Darstellung der Wahrheit entspricht.“

„Wenn du die Sache bereits geprüft hast, brauchst du keinen Privatdetektiv“, sagte Lawrence verwundert. „Oder willst du eine Einschätzung deiner Ergebnisse?“

„Nein“, sagte Francis. „Meine Nachforschungen sollten lediglich klären, ob das Ereignis tatsächlich so stattgefunden hat, wie Michael es schilderte. Aber ich brauche Unterstützung bei der eigentlichen Angelegenheit – in der Hoffnung, dass du helfen kannst, weiteres Leid zu verhindern.“

„Jetzt bin ich neugierig“, sagte Lawrence. „Was ist in Michaels Gemeinde passiert?“

„Hexerei“, sagte Francis mit ernster Miene.

„Ach wirklich“, prustete Lawrence. „Wir schreiben das Jahr 1890, wir sind doch nicht im Mittelalter. Das meinst du doch nicht ernst.“

„Ich wünschte, ich täte es nicht“, sagte Francis. „Schon der Gedanke an Hexerei ist ebenso lächerlich wie abscheulich. Weder Michael noch Reverend Raven schenken dem Verdacht Glauben, doch Gerüchte und Spekulationen machen die Runde. Die Anschuldigungen müssen untersucht und widerlegt werden.“

„Kein vernünftiger Mensch würde so einen Gedanken überhaupt in Erwägung ziehen“, sagte Lawrence. „Wir haben das Glück, in aufgeklärten Zeiten zu leben. Selbst die ungebildetsten Männer glauben nicht mehr an Dämonen und Geister.“

„Ich auch nicht“, sagte Francis, „wenn da nicht dieses Gerücht über Hexerei wäre, das bereits weitläufig in der Presse aufgegriffen wurde. Die Einheimischen reden von nichts anderem als der angeblichen Hexe. Das ganze Dorf steht Kopf. Es wimmelt nur so von Berichten über Flüche und Ähnliches. Es ist, als wären die Bewohner in die Zeit der Hexenprozesse zurückversetzt worden. Reverend Raven ist mit seinem Latein am Ende. Er möchte die Gerüchte im Keim ersticken, doch sie verbreiten sich mit jedem Tag weiter. Ich musste sofort an dich denken, als Michael seine Bedenken äußerte. Ich habe deinem Urteilsvermögen immer vertraut, Lawrence.“

„Ich weiß dein Vertrauen zu schätzen. Aber was erwartest du von mir? Es gibt keine Hexerei, Francis. Was soll ich untersuchen? Das alles spielt sich nur in den Köpfen ab. Und ich bin kein Psychiater. Der Pfarrer ist für geistliche Angelegenheiten besser geeignet. Wenn er gegen diese Unwissenheit nichts ausrichten kann, wie soll ich es dann schaffen?“

„Da stimme ich dir zu. Wenn es nur ums Überzeugen ginge, könnte der Reverend das Problem selbst lösen. Aber es geht um mehr“, sagte Francis. „Zwischen all dem Gerede gibt es etwas, das tatsächlich einer Untersuchung würdig ist. Vor allem in Anbetracht der Spekulationen über andere, früher ungeklärte Todesfälle.“

„Das ist sicher beunruhigend“, sagte Lawrence. „Aber du hast mir noch nicht gesagt, woher die Idee der Hexerei stammt.“

Francis schüttelte den Kopf. „Das werde ich. Aber zuerst muss ich sagen, dass es keinerlei Grundlage für einen Zusammenhang zwischen den alten Todesfällen und den neuen gibt – außer für die besonders Leichtgläubigen. Ohne das Ergebnis der gerichtlichen Untersuchung wären die Gerüchte längst wieder verschwunden.“

Lawrence stand auf, ging zum Spiegel und richtete seine Krawatte. „Welche Untersuchung?“, fragte er.

Francis griff in die Innentasche seines Jacketts und zog einen Zeitungsausschnitt aus der Sunday Times hervor. „Lies das“, sagte er und hielt ihn Lawrence hin.

Lawrence setzte sich wieder und entfaltete den Zeitungsbericht.

Sunday Times, 13. April 1890.

Eine Untersuchung fand in Fressingfield statt wegen eines kleinen Mädchens, das plötzlich gestorben war. Die medizinischen Befunde zeigten, dass der Tod durch einen Schock verursacht wurde. Dieser wurde durch die äußere Anwendung eines starken Reizmittels ausgelöst. Was genau es war, warum oder von wem es aufgetragen wurde, konnte nicht geklärt werden. Die Eltern schworen beide, dass ihr Kind von seiner Stiefgroßmutter, Mrs Corbyn, verhext worden sei. Mrs Corbyn starb am selben Tag und hatte ihnen auf dem Sterbebett gesagt, das Baby würde sie nicht lange überleben.

Einige Stunden später nahmen sie das Kind in seinem Kinderwagen mit nach draußen. Plötzlich erschraken sie, als sie Rauch daraus aufsteigen sahen. Kaum waren sie wieder zu Hause, starb das Kind. George Corbyn sagte der Jury, er habe immer geglaubt, seine Frau sei eine Hexe. Deshalb habe er stets versucht, ihr jeden Wunsch zu erfüllen und sie unter allen Umständen nicht zu verärgern.

„Ich bin überrascht, dass irgendjemand diesen Bericht ernst genommen hat“, sagte Lawrence nach einer langen Pause. „Selbst wenn der Verdacht auf Hexerei sich verbreitet hat – die Frau ist tot. Warum ist die Spekulation nicht mit ihr gestorben?“

„Weil die Untersuchung ergebnislos war und die Obduktion keine Todesursache feststellen konnte. Die Dorfbewohner glauben, dass Schwefel den Verletzungen des Kindes zugrunde liegt und die Obduktion hat das nicht widerlegt. Das bestärkt die Vorstellung, dass Mrs Corbyn das Kind verflucht hat. Die endlosen Gerüchte haben inzwischen hohe Kreise innerhalb der Kirche von England erreicht. Diese missbilligen die Berichterstattung der Boulevardpresse und wünschen sich, dass das Thema bald verschwindet. Stattdessen wird es immer populärer. Die Öffentlichkeit will mehr über diese Geschichte erfahren, Lawrence. Man hat Reverend Raven beauftragt, sich darum zu kümmern, bevor das Ansehen der Kirche Schaden nimmt.“

„Ich verstehe“, sagte Lawrence. „Aber ich bin mir nicht sicher, was du glaubst, was ich tun kann.“

„Es ist eine einfache Frage der Psychologie“, sagte Francis. „Fahr ins Dorf. Sprich mit der Familie, den Ärzten und den Bewohnern. Dann verfasst du einen eindeutigen Bericht, in dem du den Tod auf ein Reizmittel zurückführst. Du kannst schreiben, dass es von der Großmutter des Kindes verabreicht wurde, während sie sich in einem Zustand vorübergehenden Wahnsinns befand. Klare Fakten, Harpham. Das sollte genügen.“

„Könnte funktionieren“, stimmte Lawrence zu. „Für wen arbeite ich dann? Und noch wichtiger:

Wer bezahlt mein Honorar?“

„Die Kirche wird zahlen. Es liegt in ihrem Interesse, die Angelegenheit so schnell wie möglich abzuschließen. Wenn du den Fall übernimmst, wohnst du bei Michael und der Familie des Reverends im Pfarrhaus.“

„Und wenn ich die Untersuchung nicht annehme? Was dann?“

„Dann suchen wir einen anderen Mann, der es tut. Sie müssen rasch handeln, sonst wird das Gerede über Hexen nie verstummen. Mir wäre es lieber, du übernimmst die Ermittlungen, als jemanden einzusetzen, den ich nicht kenne. Aber ich werde dich nicht drängen, es als Gefallen zu tun. Ich weiß, dass du deine Fälle sorgfältig auswählst und mir ist bewusst, dass du Bury ungern so kurz vor dem Maifeiertag verlässt.“

Lawrence verzog das Gesicht und blickte durch das Fenster zum Obelisken hinüber. „Ich bin in den letzten drei Jahren jedes Mal zum Jahrestag in Bury geblieben. Es bringt mir keinen Frieden. Vielleicht ist es an der Zeit.“

Francis sprang auf, griff nach der Karaffe auf dem Schrank und füllte ihre Gläser nach. Er hob sein Glas in Richtung Lawrence. „Das werte ich als deine Zusage“, sagte er.

Kapitel zwei

FRESSINGFIELD

Lawrence fuhr erschrocken hoch. Er war während der Fahrt eingenickt. Das rhythmische Klappern der Hufen hatte die unbequemen Stöße der gefederten Kutsche übertönt. Er rieb sich die Augen und blickte aus dem Fenster. Sie müssten jetzt bald das Dorf erreichen.

Für eine Kutschenfahrt war es eine angenehme Reise gewesen – nicht zuletzt dank der Qualität des Gefährts. Francis hatte ihm großzügig seine kürzlich erworbene Doppelbrougham-Kutsche geliehen. Die marokkanischen Ledersitze verströmten einen herben Duft. Die wohlige Wärme machte schläfrig. Gummireifen an den Rädern milderten das unvermeidliche Ruckeln.

Noch angenehmer war die stille Reise, ohne gezwungenen Small Talk mit Mitreisenden. Lawrence war von Natur aus ein Einzelgänger und hielt sich mit Worten lieber zurück. Ein gutes Buch oder eine durchdachte Diskussion befriedigten ihn mehr als eine Gesellschaft, in der er sich unter Leute mischen musste. Catherine hatte sich besser mit gesellschaftlichen Gepflogenheiten ausgekannt. Sie hatte ihn stets ermutigt, an Zusammenkünften teilzunehmen. Erträglich war das nur gewesen, wenn sie an seiner Seite war. Nun, da sie fort war, hatte er sich wieder zurückgezogen. Es gefiel ihm, allein mit seinen Gedanken zu sein.

Die Hufschläge verlangsamten sich und verstummten, als die Kutsche auf der Cratfield Road zum Stehen kam. Zu seiner Linken sah Lawrence das georgianische Pfarrhaus. Es war umgeben von hohen Bäumen, deren frisches Laub in der Sonne glänzte. Die Strahlen fielen durch den klaren blauen Himmel auf den hellen Stein.

Der Kutscher stieg ab und öffnete die Holztür der Brougham. „Da wären wir, Sir“, sagte er. „Ich nehme Ihr Gepäck.“

„Vielen Dank“, erwiderte Lawrence. „Für die angenehme Fahrt.“

Der Kutscher lächelte. „Freut mich, Sir. Genießen Sie Ihren Aufenthalt.“

Lawrence schlenderte auf den Eingang des Pfarrhauses zu. Auf dem Rasen davor lag eine ältere Frau ausgestreckt in einem Korbstuhl. Ihre Begleiterin kniete neben ihr und legte gerade eine rot-grün karierte Decke über ihren Schoß, als Lawrence näherkam.

„Guten Tag“, sagte Lawrence.

Die jüngere Frau erhob sich. „Hallo.“ Sie lächelte. „Sie müssen Mr Harpham sein.“ Eine Bestätigung erwartete sie nicht. „Das ist Mrs Harris“, fuhr sie fort und deutete auf ihre ältere Begleiterin. „Reverend Raven ist in seinem Arbeitszimmer. Ich bringe Sie hin.“

Sie beugte sich zu der alten Dame. „Ich bin gleich zurück“, flüsterte sie.

Lawrence folgte ihr und fragte sich, warum sie sich nicht vorgestellt hatte. Sie schien eine Art Gesellschafterin zu sein. Vielleicht hielt sie ihre Stellung für zu gering, um eine Vorstellung zu rechtfertigen. Sie eilte durch die Haustür in einen hellen Flur. „Hier entlang.“ Sie deutete nach vorn.

Lawrence ging durch einen Gang in Richtung des hinteren Teils des Hauses. Er folgte der Frau, die einen Kopf kleiner war, auffallend schlicht wirkte und eine zierliche Figur hatte. Ihr hellbraunes Haar war lose zu einem unordentlichen Knoten gesteckt. Dichte Augenbrauen dominierten ihr Gesicht. Ihr Kiefer war ungewöhnlich kantig. Wie alt mochte sie sein? Dreißig? Vierzig? Es war unmöglich zu sagen.

Schließlich erreichten sie eine Tür. Die Frau klopfte zweimal und eine Stimme rief laut von drinnen: „Herein.“

„Danke“, sagte Lawrence. Die Begleiterin nickte und ging den Gang zurück.

Lawrence öffnete die Tür und betrat ein großes, quadratisches Arbeitszimmer. Ein massiver Eichenschreibtisch stand zentral vor ihm. Rechts daneben befand sich ein kleinerer Schreibtisch, sodass ein L entstand. Fenster auf zwei Seiten boten herrliche Ausblicke auf den Garten. Die beiden fensterlosen Wände waren vom Boden bis zur Decke mit Bücherregalen bedeckt. Auf dem Eichenschreibtisch balancierten wackelige Stapel von Fachzeitschriften. Überall lagen Pergamente und Manuskripte. Reverend Canon Raven saß hinter dem Schreibtisch. Ein jüngerer Mann, den Lawrence als Michael Farrow erkannte, beugte sich über ihn und zeigte auf ein Dokument.

„Mr Harpham, nehme ich an“, sagte Reverend Raven, sprang auf und streckte die Hand aus. Lawrence schüttelte sie, murmelte seinen Dank und begrüßte dann Michael Farrow.

„Schön, dich wiederzusehen. Es ist lange her.“

„Ganz meinerseits“, sagte Michael. „Viel zu lange. Ich hoffe, die Reise war angenehm?“

„Ja, durchaus“, sagte Lawrence. „Die Kutsche deines Bruders war äußerst bequem.“

Michael lächelte. „Ich hatte bisher noch keine Gelegenheit, in ihr zu fahren“, sagte er. „Aber Francis redet von kaum etwas anderem als von dem neuen Brougham und seiner wiederbelebten Freimaurerloge. Ich nehme an, ich werde bald mit beidem vertrauter sein. Wie ging es meinem Bruder?“

„Er ist bei guter Gesundheit, macht sich aber Sorgen um die Lage hier“, sagte Lawrence. Er kam direkt zur Sache.

Der Reverend nickte. „Genau darüber haben wir eben gesprochen“, sagte er. „Setzen Sie sich, Mr Harpham.“ Er zog einen geschnitzten Stuhl von der Vorderseite des Schreibtischs.

Lawrence setzte sich ihm gegenüber. „Nennen Sie mich ruhig Lawrence, wenn Sie möchten“, sagte er.

„Mr Harpham, Lawrence. Danke, dass Sie gekommen sind.“ Der Reverend legte die Fingerspitzen aneinander und stützte das Kinn darauf. „Francis Farrow hat Sie sicher über die Lage informiert.“

Lawrence nickte. „Hat er. Ich bin im Großen und Ganzen mit dem Fall vertraut und ich weiß, was Sie sich erhoffen.“

„Gut“, sagte der Reverend. „Zuerst das Wichtigste: Michael – bitte läuten Sie für Tee.“ Michael zog an einer blau-rot gestreiften Kordel in der Ecke des Raums, woraufhin in der Ferne leise eine Glocke erklang. Kurz darauf trat eine junge Frau ein und Michael flüsterte ihr Anweisungen zu.

Der Reverend fuhr fort. „Sie verstehen sicher, dass manche Gemeindemitglieder in einem kleinen Dorf schwieriger sind als andere. In der kurzen Zeit, die ich hier diene, sind mir bestimmte Bewohner durch ihre exzentrischen und wenig fundierten Ansichten aufgefallen. Diese wenigen schüren Gerede über Hexerei – ein Thema, das nicht abreißt und meiner Einschätzung nach ohne Eingreifen auch nicht verschwinden wird.“

„Müssen diese Personen von ihrem Irrtum überzeugt werden?“, fragte Lawrence.

„Ja“, antwortete der Reverend. „Genauer gesagt geht es um George Corbyn und seine Tochter Sarah Hammond. Sie üben übermäßigen Einfluss auf die übrigen Dorfbewohner aus. Schon als sich die Gerüchte nur auf Fressingfield beschränkten, war die Lage heikel. Doch seit die Zeitungen darüber berichten, ist das Dorf zur Lachnummer geworden. Noch schlimmer ist, dass die Menschen den Respekt vor der Kirche verlieren. Ihre Vertreter haben mich gebeten einzugreifen.“

„Wer?“, fragte Lawrence.

Die Tür öffnete sich, bevor der Reverend antworten konnte. Ein junges Dienstmädchen trug ein silbernes Tablett mit mehreren Dingen zum Schreibtisch. Der Reverend schob einige Papiere beiseite und sie stellte das Tablett mit einem leisen Seufzer ab. „Danke, Anna“, sagte er.

Während der Reverend sprach, schenkte Michael Tee aus der silbernen Kanne ein.

„Ich möchte ungern ins Detail gehen“, erwiderte er. „Es reicht zu sagen, dass eine rasche Lösung eher eine Anweisung als eine Bitte ist.“

„Die Angelegenheit sollte keine große Ermittlung erfordern“, sagte Lawrence. „Francis deutete an, dass eine oberflächliche Prüfung ausreichen würde. Wenn das Ergebnis öffentlich gemacht wird, dürfte das weitere Spekulationen verhindern. Das lässt sich mit wenig Aufwand in kurzer Zeit erreichen.“

„Eine kurze Ermittlung ist unser Wunsch“, sagte der Reverend. „Doch sie könnte komplizierter sein, als Sie glauben.“ Er warf Michael einen Blick zu und die beiden tauschten einen stummen Moment.

„Warum?“, fragte Lawrence.

„Es gab weitere Todesfälle“, sagte der Reverend. „Alle erklärbar, nichts Ungewöhnliches. Aber vielleicht ein wenig zu passend.“

Lawrence griff in die Innentasche seines Jacketts und zog ein Notizbuch hervor. „Bitte erläutern Sie das.“

„Ein Jahr bevor ich in die Gemeinde kam, starb ein Arbeiter namens Jonathan Carter auf dem Kirchhof.“ Der Reverend deutete vage in Richtung des Pfarrhauses. „Carter war alt und litt an einem angeborenen Herzfehler. Daher war sein plötzlicher Tod nicht überraschend. Ungewöhnlich war jedoch die Art seines Ablebens.“

Lawrence hob den Kopf. „Inwiefern?“

„Nicht der Tod selbst, sondern die Krähen, die ihn in den Wochen davor heimsuchten.“

Lawrence zog die Augenbrauen hoch. „Sie meinen, er wurde von Vögeln angegriffen?“

„Nein. Der arme Mann hatte offenbar jemanden verärgert. Diese Person legte ihm tote, verwesende Krähen hin. Damit sollte der Eindruck erweckt werden, er sei verflucht worden.“

„Aber er starb eines natürlichen Todes?“

„Vollkommen. Die Untersuchung ergab plötzlichen Herzstillstand als Todesursache. Danach kursierten jedoch Gerüchte über tote Krähen in seiner Nähe.“

„Sicher nur ein Zufall, weiter nichts.“

„Vielleicht. Aber das sehen die Klatschmäuler anders. Eine Frau namens Harriet King hat ihn gefunden. Sie sollten vielleicht mit ihr sprechen.“

„Dafür gibt es momentan keinen Grund. Die Krähen spielen keine Rolle, wenn er eines natürlichen Todes gestorben ist. Gibt es noch etwas?“

„Zwei Jahre später starb Jonathans Schwester Harriet. Sie war George Corbyns erste Ehefrau.“

„George Corbyn, der Hauptverbreiter der Hexerei-Gerüchte?“

„Genau der“, antwortete der Reverend. „Auch Harriet Corbyn starb an Herzversagen. Noch im selben Jahr heiratete Corbyn Mary Ann Riches – die Frau, die er zuvor der Hexerei bezichtigt hatte.“

„Eine schnelle Hochzeit“, murmelte Lawrence.

„Das war sie. Aber verwitwete Männer heiraten oft rasch, um ihren Kindern eine Mutter oder dem Haus eine Hüterin zu geben.“

„Nicht alle Männer“, sagte Lawrence mit Nachdruck. Michael blickte verlegen zu Boden.

„Mag sein“, fuhr der Reverend fort. „Wie dem auch sei: Er heiratete Mary Ann Corbyn. Und vor drei Wochen starb sie. Auf dem Sterbebett verfluchte sie ihr Stiefenkelkind und sagte, das Mädchen werde sie nicht lange überleben – und so kam es. Beide starben am selben Tag.“

„Woran starb Mary Ann Corbyn?“, fragte Lawrence. „Man schrieb ihren Tod einer Herzerkrankung zu“, sagte Reverend Raven. „Sie war alt, wie die anderen auch. Und es könnte stimmen. Aber ich kann nicht leugnen, dass es mich beunruhigt.“

„Es ist kaum ungewöhnlich, dass drei ältere Menschen an Herzkrankheiten sterben“, sagte Lawrence. „Ohne Krähen und Flüche gäbe es keinen Grund, die Todesfälle zu verbinden.“

„Vielleicht gibt es keinen konkreten Grund, aber das Gerede über Hexerei begann mit Jonathan Carter und hat sich mit jedem weiteren Todesfall verstärkt. Ich will nichts Unlauteres andeuten. Doch ich werde ruhiger schlafen, wenn ich sicher bin, dass kein Verbrechen im Spiel war. Ich glaube, dass die Spielereien mit den Krähen zu Carters Tod beigetragen haben. Der arme Mann war von Angst völlig außer sich.“

„Es geht also nicht nur darum, die Dorfbewohner zu überzeugen. Sie wollen, dass ich auch richtig ermittele?“, fragte Lawrence.

„Ja“, sagte der Reverend, „aber unabhängig davon muss das Ergebnis sein, dass Sie alle Gerüchte über Übernatürliches im Keim ersticken. Wie Sie das anstellen, überlasse ich Ihnen.“

„Ich werde sofort Nachforschungen anstellen und Ihnen täglich Bericht erstatten.“

„Das wird nicht nötig sein“, sagte der Reverend und wandte sich an Michael, der während des gesamten Gesprächs geschwiegen hatte. „Bitte geben Sie Ihre Berichte an Michael weiter. Er wird Ihnen bei allem zur Seite stehen, was Sie benötigen. Ich bin ungewöhnlich stark eingespannt und Michaels Anwesenheit im Pfarrhaus war von unschätzbarem Wert. Wenn es weitere Ablenkungen gibt, werde ich die Abgabefrist für meine Forschungsarbeit verpassen. Ich habe dem Suffolk Institute of Archaeology versprochen, dass sie diesen Monat fertig wird. Außerdem muss ich die letzten Kapitel von „Die Kirchenglocken von Suffolk“ schreiben.“ Er deutete auf einen großen Papierstapel, der ungeordnet in einer Ecke des Raums lag. „Zeit ist kostbar.“

„Dann lasse ich Sie in Ruhe“, sagte Lawrence und erhob sich von seinem Stuhl.

„Danke“, erwiderte der Reverend. „Michael wird Ihnen Ihre Unterkunft zeigen und Sie dem Rest des Haushalts vorstellen.“

Michael und Lawrence verließen den Raum und ließen Reverend Raven über seine Unterlagen gebeugt zurück. Als sich die Tür schloss, blickte der Reverend unruhig in den Garten. Dann ging er zum Fenster und schaute hinaus. Graue Wolken verdeckten stellenweise die Sonne, während die Schatten der Saatkrähenkolonie den Rasen mit dunklen Flecken überzogen. Diese wurden durchzogen vom Schatten der alten Gaslaterne. Die Bäume, gekrönt von wuchtigen Krähennestern, wirkten zu schmal, um deren Gewicht zu tragen. Eine Krähe krächzte zornig von oben und der Reverend runzelte die Stirn. Seine Hände umklammerten das Kruzifix, während er schweigend in die Ferne starrte.

Kapitel drei

NEMESIS

Der Hass brodelte und brannte in mir. Er kratzte mit Klauen an meinem Herzen und fraß sich durch mein Fleisch. Einst ruhte er, doch verschwunden war er nie. Seine Macht blieb bestehen. Er wuchs, eiterte und wartete geduldig auf seine Stunde. Es war schließlich mein Geburtsrecht.

Ich war der Hüter des Hasses. Es war meine Aufgabe, ihn zu schüren und hell brennen zu lassen. Und wenn er flackerte und zu vergehen drohte, musste ich mich erinnern – an das, was sie taten, an sie – und das Versprechen der Rache erfüllen.

Der Hass lag jahrelang still, nachdem er mich in einem brennenden Schmerz durchfuhr, als ich erwachsen wurde. Als meine Mutter mir erzählte, was ihre Mutter ihr erzählt hatte – eine Geschichte, weitergegeben über zehn Generationen. Ich ließ ihn in mein Herz, wo er sich einnistete und ein Zuhause fand. Wir lebten friedlich zusammen und ich vergaß fast, dass er überhaupt da war.

Er war still – so leise, dass ich glaubte, er hätte mich verlassen. Das Leben war erträglich. Ich wurde geliebt und war zufrieden. Es gab keine Kinder, aber das machte nichts. Dennoch blieb die Last des Hasses. Sie klammerte sich an mich wie eine Klettenfrucht.

Ich spielte mit dem Gedanken, ihn aufzugeben und mein Herz seinem heimtückischen Ruf zu verschließen. Ich begrub ihn tief, lebte ein gutes Leben und hätte ihn vielleicht für immer ignoriert. Bis das Schicksal eingriff und mich aus meiner Zufriedenheit riss.

Es quälte mich mit Verlust. An einem Tag war ich lebendig und voller Hoffnung, am nächsten allein, ungeliebt, mit einer eiternden Wunde anstelle meines schlagenden Herzens. Mitgefühl und Hoffnung wurden mir aus der Brust gerissen. Der Hass bahnte sich seinen Weg in die Welt – brennend, zornig und schwarz wie der Flügel einer Krähe.

An jenem Tag, in jenem Moment, schwor ich Rache an denen, die meiner Familie geschadet hatten. Ich nahm den Hass an und beschloss, jene zu bestrafen, die meinen Vorfahren Unrecht getan hatten. Dann gab ich ihm eine neue Aufgabe: die zu bestrafen, die mir Unrecht getan hatten.