Prolog
23. Dezember 2010
Den kleinen weißen Sarg zierte ein herzförmiger Kranz aus rosafarbenen Blumen. Freunde und Familie hatten sich in der Friedhofskapelle versammelt. Zu Ehren des unschuldigen Babys trugen alle etwas Weißes. Zusammen mit ihren beiden anderen Kindern, Harry und Zoe, folgten Claudia und James Bell dem Sarg den kurzen Gang hinunter in Richtung Altar und nahmen dann auf der linken Seite auf den vom Bestatter für sie reservierten Stühlen Platz. Entsetzen, Ungläubigkeit und tiefe Verzweiflung standen ihnen ins Gesicht geschrieben. Der Tod des Babys hatte der gesamten Familie zugesetzt. Claudia suchte Halt am Arm ihres Mannes, während sie mit den Tränen kämpfte. Zoe klammerte sich an seinen anderen Arm, und Harry starrte nur vor sich hin. Mit seinen zwanzig Jahren hätte Harry sich auf vieles vorbereitet gefühlt – nicht jedoch auf den Tod eines Neugeborenen. Zoe, drei Jahre jünger als ihr Bruder, war völlig am Boden zerstört; sie konnte nicht begreifen, dass der Tod ein gerade einmal zwei Tage altes Baby ereilt hatte. Die Vorfreude auf ein besonderes Weihnachtsfest mit ihrem neuen Geschwisterchen zerplatzte wie eine Seifenblase, und fast ohne darüber nachzudenken, wurde Harry klar, dass sie nie wieder ein unbeschwertes Weihnachtsfest haben würden.
Von nun an würde Ella Mae an jedem Weihnachtsfest gegenwärtig sein – als eine grausame Erinnerung, die die Familie Bell nie wieder loslassen würde.
Man hatte James gefragt, ob er den Sarg selbst tragen wolle, aber er hatte das abgelehnt, wohl wissend, dass er seiner Frau und seiner Tochter physisch Halt würde geben müssen. So ging nun ein ganz in Schwarz gekleideter Herr vor ihnen den Gang entlang, den winzigen weiß lackierten Sarg mit einem Strauß rosafarbener Rosen darauf vor sich hertragend.
Später würde sich keiner von ihnen daran erinnern, was der Pfarrer gesagt hatte. Die Worte waren an ihnen vorbeigezogen wie der Winterwind über den Friedhof. Als man sie schließlich dazu aufforderte, folgten sie wie betäubt dem Sarg nach draußen, wo er zu jenem Teil des Friedhofs gebracht wurde, in dem sich die Gräber der verstorbenen Kinder befanden.
Sie stiegen aus dem Trauerfahrzeug aus und das Erste, was Claudia bewusst wahrnahm, waren die anderen Eltern, die sich um die Gräber ihrer Kinder kümmerten. Sie wimmerte. Das würde also von nun an ihr Leben bestimmen.
„Nein“, stöhnte sie, und James drückte sie fest an sich. Claudia bemerkte erst an der feuchten Bluse, dass ihre Milch wieder eingeschossen war. Zwei Tage – das war alles, was ihnen mit ihrem Baby vergönnt gewesen war, bevor sie es gehen lassen mussten. Doch Claudias Körper wollte das ebenso wenig wahrhaben wie ihr Geist, und so lief die Milchproduktion auf Hochtouren.
Eine weiße Rose in der Hand haltend, versammelten sich die Trauernden um das frisch ausgehobene Grab. Das dumpfe Geräusch, als der winzige Sarg auf den Gurten in die Erde sank, würde Claudia zeitlebens nicht mehr vergessen können. Die Eltern, die Claudia zuvor bemerkt hatte, stellten ihre Tätigkeiten ein, um dem kleinen Körper, der zur letzten Ruhe gebettet wurde, ihren Respekt zu erweisen. Während ihr die Tränen ungehindert über die Wangen rannen, würdigte sie in Gedanken diese mitfühlende Geste der Anteilnahme.
Der Pfarrer hatte seinen Teil der Zeremonie beendet. Heather, Claudias Freundin, trat vor. Die Hände, in denen sie das Blatt mit dem Gedicht hielt, zitterten so sehr, dass sie einen Moment brauchte, bis sie den ersten Satz vorlesen konnte. Ihre tränennassen Wangen waren gerötet, und eigentlich wollte sie in diesem Moment nur eines: Ihre beste Freundin in den Arm nehmen und sie festhalten, bis die Tränen versiegt waren. Sie begann zu sprechen, und die Menge verstummte.
„Die Welt mag nicht bemerken, wenn ein Schneeglöckchen erblüht,
nicht einmal innehalten, wenn ein Blütenblatt verglüht.
Doch jedes Leben, das entsteht, das in sein neues Dasein tritt,
berührt die Seele auf seine Art und klingt in ihr auf ewig mit.
Das kleine Glück, das wir ersehnten,
war nur sehr kurz auf dieser Welt.
Doch hat die Liebe, die es säte,
unsere Herzen ganz erhellt.
Und auch wenn unsere Arme leer sind,
sind unsere Herzen angefüllt,
mit Liebe, die wir für dich fühlen,
und die uns jeden Tag umhüllt.“
Die ganze Familie hielt sich an den Händen, als sie vortrat und ihre Rosen auf den Sarg fallen ließ. Heather, die noch immer am Rand der Grabstelle stand, tat es ihnen gleich, und einer nach dem anderen machten es ihr die Anwesenden langsam nach. Der winzige weiße Sarg war nun von dem berauschenden Duft der Rosen umhüllt, und nach und nach machten sich alle Trauergäste auf den Heimweg, um sich ihren Weihnachtsvorbereitungen zuzuwenden.
Es gab keine Totenwache. Während Familie Bell mit gesenkten Köpfen nach Hause fuhr, kehrten Heather und Owen Gower nicht minder betrübt in ihres zurück. Obwohl die Paare nun schon viele Jahre lang Tür an Tür gewohnt hatten, taten sie sich schwer damit, das Geschehene zu verarbeiten.
Im Haus der Bells wies nichts mehr auf das bevorstehende Weihnachtsfest hin. Niemandem war mehr nach Feiern zumute. Ella hätte am ersten Weihnachtstag zur Welt kommen sollen. Stattdessen war sie bereits am siebzehnten Dezember geboren worden – und zwei Tage später wieder von ihnen gegangen.
Der Baum hatte schon seit Wochen geschmückt im Wohnzimmer gestanden, die Weihnachtskarten hatten auf der Anrichte ihren Platz gefunden. Doch als sie an jenem Abend, an dem Ella gestorben war, nach Hause zurückkehrten, räumten James und Claudia schweigend alles fort. Den Baum. Die Karten. Den Weihnachtsschmuck. Als könnten sie zusammen mit der Weihnachtsatmosphäre auch ihren Schmerz in den Aufbewahrungskisten verpacken.
Als sie fertig waren, wirkte das Wohnzimmer seltsam kahl. Dort, wo eben noch der Baum gestanden hatte, blieb nur eine leere Ecke zurück. Die Flammen des Holzofens, in die alle vier starrten, konnten ihre trauernden Herzen nicht wärmen. So hingen sie ihren Gedanken nach, die sich allesamt um ihr eigenes Christkind drehten.
1
1. April 2017
Claudia Bell könnte mit ihrem Leben rundherum zufrieden sein. Ihr Job als Büroleiterin eines großen Transportunternehmens machte ihr Spaß, sie hatte nette Arbeitskollegen, hilfsbereite Nachbarn und genau die richtige Menge guter Freunde. Ihre vierundvierzig Jahre sah man ihr beileibe nicht an, und ihre Kinder lebten allem Anschein nach mit ihren eigenen Partnern ein glückliches Leben. Woher kam also diese innere Unruhe, durch die sie sich in ihrer Haut nicht so recht wohlfühlte? Was verursachte diese merkwürdige Orientierungslosigkeit?
Sie schwang die Beine aus dem Bett und streckte sich. Ein Blick auf den Wecker neben ihrem Bett verriet Claudia, dass es zehn nach acht war, und sorgte dafür, dass sie wie von der Tarantel gestochen ins Badezimmer stürzte. Nicht ohne die Schlummerfunktion ihres Weckers zu verfluchen.
Claudia hasste es, zur Arbeit hetzen zu müssen, und während sie unter der Dusche stand, machte sie sich Vorwürfe, nicht zusammen mit James um sieben Uhr aufgestanden zu sein. Gleichzeitig spürte sie Erleichterung darüber, dass sie in demselben Stadtteil von Sheffield arbeitete, in dem sie auch wohnte und sich nicht jeden Morgen und Abend durch den nervenaufreibenden Stau quälen musste, der sich durch die ganze Stadt zog.
Sie trocknete ihr kurzes dunkles Haar und verzog beim Blick in den Spiegel das Gesicht. Ihre Haare wirkten dünn und strähnig, und auch ihre Wangen hätten etwas mehr Farbe vertragen. Die kosmetische Schadensbegrenzung würde sie wie so oft im Büro erledigen.
Einen Thermosbecher mit Kaffee unter den Arm geklemmt und eine Scheibe Toast in der linken Hand startete sie wenige Minuten später das Auto und kam gerade noch rechtzeitig vor Arbeitsbeginn in der Firma an. Sie atmete erleichtert auf.
„Guten Morgen“, rief sie in die Runde und ein mehrstimmiger Chor echote: „Guten Morgen“.
Während sie ihr Büro betrat und sich ihres Mantels entledigte, verzog sie das Gesicht. Der Ärmel war über die schmerzende Stelle an ihrer Schulter gerutscht. Wieder nahm sie sich vor, James heute Abend endlich einen Blick darauf werfen zu lassen.
Sie schaltete ihren Computer ein und machte sich an die Arbeit.
Die vertrauten Abläufe des Arbeitsalltags taten ihr gut. Keine Pannen. Keine verspäteten Lieferungen. Nicht einmal Fiona und Sara gerieten aneinander. Obwohl Sara inzwischen mit Fionas Ex, einem ihrer Fahrer, zusammen war, blieb es ungewöhnlich friedlich.
Die Routine hatte sie wieder ein wenig ins Gleichgewicht gebracht. Während sie Sara nach Hause fuhr, vermied sie es, den Namen des großartigen Baz zu erwähnen. Vermutlich würde der Super-Hengst bald schon von Sara genug haben, so wie er auch Fionas schnell überdrüssig geworden war. Dann wäre Baz wieder ein ungebundener und sorgloser Fahrer, mit einem Mädchen in jedem Hafen und an jeder Laderampe, und seine beiden Geliebten könnten ihre verlorene Freundschaft erneut aufleben lassen.
Als sie in ihre Straße einbog, sah sie, dass im Haus bereits Licht brannte. Sie parkte ihren Fiesta hinter James’ Sportage, und ein vertrautes Lächeln huschte ihr übers Gesicht. Weil beide Fahrzeuge in demselben kräftigen Metallicblau lackiert waren, hatte sie jedes Mal das Gefühl, als sei ihr kleiner Flitzer dem großen Wagen entschlüpft. Sie schwang ihre Tasche über die Schulter und zuckte erneut zusammen, als der Riemen über die wunde Stelle rieb. Verdammt! Warum hatte sie nicht daran gedacht, dass da etwas war, das sie tunlichst nicht berühren sollte?
James öffnete die Vordertür, noch bevor sie sie erreichte. „Ich muss gleich noch mal los.“
Sie unterdrückte ein Seufzen. Für eine Auseinandersetzung fehlte ihr heute jede Kraft. „Okay. Ich setze mein Auto weg.“
Kurzerhand stellte sie ihre Tasche auf die Türschwelle und ging zurück zu ihrem Fiesta. Sie legte den Rückwärtsgang ein, manövrierte das Fahrzeug vorsichtig die Einfahrt hinunter – wohl wissend, dass er sie wahrscheinlich beobachtete und schon einen seiner sarkastischen Kommentare vorbereitete – und lenkte es auf die Straße hinaus. Sie parkte es am Straßenrand, schloss es ab und ging zurück zum Haus.
Er hatte die Tür wieder geschlossen, aber ihre Tasche stand immer noch auf der Türschwelle. Kurz verdrehte sie die Augen und seufzte nun doch. Hoffentlich würde er bald aufbrechen, damit sie es sich mit einem Buch und allen möglichen Dickmachern auf dem Sofa gemütlich machen konnte.
Als sie eintrat, waberte ihr der Geruch von Speck entgegen. Darauf bedacht, die wunde Stelle zu schonen, zog sie ihren Mantel mit größter Vorsicht aus, hängte ihn in der Garderobe auf und ging dann in die Küche.
„Speck?“
„Ja, ich hab einfach das Erstbeste genommen, was mir in die Finger kam“, sagte James, ohne sie auch nur anzusehen. „Ich muss um sieben in Leeds sein. Wenn das Meeting länger dauert und wir anschließend noch etwas trinken gehen, bleibe ich wahrscheinlich über Nacht. Wenn nicht, komme ich erst spät nach Hause. Ich sag dir noch Bescheid.“
„Worum geht es bei dem Treffen?“
„Offiziell geht es darum, mehr junge Leute für die Partei zu gewinnen, aber das haben wir schon in dem Moment erreicht, als wir Jeremy zum Parteivorsitzenden gewählt haben. Ich glaube, jetzt geht es vornehmlich darum, die jungen Leute zu schulen und ihnen zu zeigen, was eine politische Karriere ihnen zu bieten hat.“
James arbeitete für die Labour-Partei und nahm seinen Job äußerst ernst. „Zumindest war er ihm wichtiger als die Beziehung zu seiner Frau“, dachte Claudia bitter. Dennoch trat sie jetzt an seine Seite: „Kannst du bitte noch kurz einen Blick auf meine Schulter werfen, bevor du dich auf den Weg machst?“
„Warum?“
„Weil da irgendetwas schon seit einiger Zeit wehtut. Ich kann das aber selbst nicht erkennen, auch nicht im Spiegel. Ist das vielleicht ein Ausschlag?“
Sein abschätziges „Tss“ ließ sie kurz befürchten, dass er sich weigern würde, doch er stand auf, und sie schob den Ausschnitt ihres Pullovers zurück, sodass ihr rechter Oberarm und der Schulterbereich frei lagen.
Er warf einen kurzen Blick darauf. „Da ist nichts zu sehen.“
„James!“
Er sah genauer hin und zögerte. „Ja, da ist so ein kleiner Knubbel.“
„Ein Knubbel?“
„Keine Ahnung. Sieht aus wie ’ne platt gedrückte Rosine oder so. Drumherum ist es etwas gerötet, aber ich nehme an, das kommt vom Reiben deines Pullovers. Soll ich ein Pflaster draufkleben?“
Sie schüttelte den Kopf. „Nein, das macht mir schon seit ein paar Wochen zu schaffen. Ich werde einen Termin beim Arzt vereinbaren. Es muss wahrscheinlich entfernt werden.“
Ohne weiter darauf einzugehen, verließ er die Küche und ging nach oben. Claudia sah ihm nach, drehte sich dann um und öffnete den Kühlschrank.
Sie hatte keine Lust, für sich allein eine ganze Mahlzeit zu kochen, und so griff auch sie, ohne große Begeisterung, nach dem Speck. Brot suchte sie allerdings vergebens: James hatte die letzten beiden Scheiben verbraucht. Also legte sie den Speck zurück in den Kühlschrank, nahm einen Joghurt heraus und schlenderte ins Wohnzimmer.
Sie hörte, wie er die Treppe hinunterkam und die Haustür öffnete, die kurz darauf ins Schloss fiel. Als Nächstes vernahm sie ein Motorengeräusch, und ihr wurde wieder einmal klar, dass ihre Ehe in Wahrheit eine einzige große Farce war. Jahrelang hatte sie die Kälte um der Kinder willen ignoriert, doch nun waren sowohl Harry als auch Zoe ausgezogen – Harry, um mit seiner Partnerin Emma zusammenzuleben, und Zoe, um ihr Leben mit ihrem Ehemann David zu teilen.
Warum sollte sie dieses Theater noch länger aufrechterhalten? Aus Loyalität? Ganz sicher nicht. James hatte jedes Recht darauf verwirkt. Die blauen Flecken auf ihrer Haut sprachen für sich. Wegen der finanziellen Sicherheit? Dafür brauchte sie ihn längst nicht mehr. Und Gespräche? Wo er doch nicht einmal zum Abschied ein Wort herausbrachte?
Nein. Es war die Angst, die sie bei ihm bleiben ließ. Die Angst vor seiner Wut. Die Angst davor, wie schnell sein Ärger in Gewalt umschlagen konnte.
Sie wischte den Gedanken mit einem Kopfschütteln fort. Jetzt stand ihr erst einmal ein angenehmer Abend bevor. James würde nicht mehr nach Hause kommen. Selbstverständlich würde es Alkohol geben und er würde in Leeds bleiben. Niemals wäre er so leichtsinnig, seinen Führerschein zu riskieren. Dafür war ihm sein Job viel zu wichtig.
Kaum hatte sie die Telefonnummer eingetippt und einen kurzen Blick auf die Uhr geworfen, als sich am anderen Ende bereits die Stimme der Sprechstundenhilfe vernehmen ließ. „Oh“, sagte Claudia, „ich hatte fast schon mit dem Anrufbeantworter gerechnet.“
„Wir haben jetzt immer bis sechs geöffnet“, entgegnete die Dame, in deren frostigem Ton das Missfallen über die geänderten Öffnungszeiten zum Ausdruck kam.
„Oh, da habe ich ja Glück gehabt“, sagte Claudia erfreut. „Kann ich bitte so schnell wie möglich einen Termin bekommen? Am liebsten bei Dr. Walker.“ Sie mochte Dr. Walker; er hörte ihr zu, wenn sie einfach mal reden musste.
Nach einem kleinen Moment des Zögerns bot die Sprechstundenhilfe ihr Freitag, den 29. April um 9 Uhr an.
„Wie bitte? Heute ist der Erste. Wollen Sie mir sagen, dass ich vier Wochen warten muss?“
„Ja. Das ist der erste freie Termin bei Dr. Walker. Sie können jeden Tag zur Sprechstunde für Notfälle kommen, wenn Sie um acht Uhr anrufen, aber Sie werden nicht unbedingt ihn zu Gesicht bekommen – es könnte jeder unserer sechs Ärzte sein.“
Claudia seufzte schon wieder. Es schien ein Abend zum Seufzen zu sein. „Also, wenn ich am Montagmorgen anrufe, kann ich einen früheren Termin bekommen?“
„Wenn noch welche frei sind, ja. Und wenn es ein Notfall ist.“
„Danke.“ Claudia legte den Hörer auf und starrte das Telefon ungläubig an. Sie hatte eigentlich gedacht, dass man am Nachmittag keinen Aprilscherz mehr machte. Aber dann wurde ihr bewusst, dass die Sprechstundenhilfe es ernst gemeint hatte. Sie würde tatsächlich bis Montag warten müssen und hoffen, dass sie dann einen Termin bekäme.
Sie zog sich mit dem Joghurt und ihrem Buch ins Wohnzimmer zurück, schaltete Musik ein und versuchte zu lesen. Doch die schmerzende Stelle an ihrer Schulter ließ ihr keine Ruhe. Immer wieder rückte sie auf dem Sofa hin und her, damit sie bloß nicht mit irgendetwas in Berührung kam.
Schließlich gab sie auf. Im Schlafzimmer stellte sie sich vor den Ankleidespiegel, zog den Pullover aus und versuchte, einen Blick auf die schmerzende Stelle zu werfen. Vergeblich. Selbst mit dem Handy bekam sie kein brauchbares Foto zustande. In der Hoffnung, die Wärme würde helfen, ließ sie sich ein Bad ein. Doch selbst danach fühlte sich ihre Schulter kaum besser an. James meldete sich nicht. Kein Anruf, keine Nachricht. Schließlich ging sie früh zu Bett. Immer wenn sie sich umdrehte, fuhr ihr der Schmerz in die Schulter und riss sie aus dem Halbschlaf. Schließlich stand sie auf, aß eine Schüssel Cornflakes und versuchte, sich auf das bevorstehende Wochenende einzustellen.
Der Samstag versprach ein wunderschöner Frühlingstag zu werden. Claudia beschloss, im Garten aufzuräumen. Zwischen den frischen Trieben hingen noch die vertrockneten Reste des vergangenen Jahres. Behutsam schnitt sie die alten Hortensienblüten zurück und arbeitete sich Beet für Beet vor. Die Sonne hatte inzwischen genug Kraft, ihr den Rücken zu wärmen, und mit jedem Handgriff wirkte der Garten ein wenig aufgeräumter, bereit für neues Leben. Als James in die Einfahrt bog, hatte sie die Hälfte des Beetes geschafft. Eine große Menge an Pflanzenabfällen für den Komposthaufen wartete auf den Abtransport, und sie war gerade in Gedanken darüber versunken, ob es sinnvoll war, hierzu die Schubkarre aus der Garage zu holen.
Daher hatte sie ihn nicht kommen hören und zuckte nun zusammen, als sie seine Stimme hörte. „Ich bin wieder da.“ Nicht „Ich bin wieder zu Hause, Schatz“, sondern „Ich bin wieder da“.
Claudia erhob sich langsam aus den Knien. „Ich wollte schon mal anfangen.“ Mit der Gartenschere deutete sie auf das Beet.
„Es ist gestern Abend sehr spät geworden.“
„Das hatte ich mir gedacht.“
Er sah sie einen Moment lang wortlos an, drehte sich um und ging ins Haus.
Wenig später erschien er wieder in der Terrassentür.
„Kannst du Schluss machen und mir einen Kaffee kochen?“
Claudia legte die Schere auf das Kniekissen, streifte die Gartenhandschuhe ab und ging in die Küche. Schon allein der Klang seiner Stimme machte sie wütend. Sie nahm die French Press aus dem Schrank – löslichen Kaffee rührte James nicht an – gab die von ihm bevorzugte kräftige Mischung hinein und setzte den Wasserkocher auf, derweil sie ihm den Rücken zuwandte. Wenn er sich nicht höflich äußern konnte, dann würde sie sich eben in Schweigen hüllen. James saß am Küchentisch, und sie spürte seine Blicke auf ihr ruhen.
„Hast du abgenommen?“
„Nein, ich glaube nicht.“ Ihre Stimme klang ungewöhnlich leise. Sie ahnte, worauf das hinauslief. Sie hörte es an seinem Tonfall.
„Du siehst sehr fit aus. Zieh dein Oberteil aus.“
„Was?“
„Ich sagte, zieh dein Oberteil aus.“
„Ich mache doch gerade Kaffee.“
Sie konnte selbst das leichte Beben in ihrer Stimme vernehmen. James musste es ebenfalls hören. Musste merken, dass sie Angst hatte.
Er stand auf, trat hinter sie, griff nach der Knopfleiste ihrer Bluse. Mit einem Ruck riss er ihr die Bluse auf. Die kleinen weißen Knöpfe sprangen über die Arbeitsplatte und rollten in alle Richtungen davon. Er drehte sie zu sich herum.
„Oh, du trägst keinen BH“, sagte er fast beiläufig und starrte auf ihre Brüste.
Sie versuchte, sich mit dem Blusenstoff zu bedecken, doch er riss ihn ihr wieder vom Körper. Grob umfasste er die Brüste mit seinen Händen.
„Warum nicht? Hast du darauf gewartet, dass ich nach Hause komme?“
„Nein. Der Träger reibt an der wunden Stelle an meiner Schulter. Es war bequemer, ihn wegzulassen.“
„Vergiss den Kaffee. Ich habe es mir anders überlegt.“ Sein Tonfall hatte sich plötzlich merklich verändert. „Nach oben, sofort.“
„Nein, James, bitte …“
Er hob die Hand und schlug ihr ins Gesicht. Leise und tonlos wiederholte er: „Sofort.“ Sie ging zur Treppe und kämpfte gegen die Tränen an. Mit jedem Schritt nach oben wurde ihr bewusst, wie allein sie war.
2
„Sollen wir heute kurz bei Mama vorbeischauen?“ Zoe Kenwright beugte sich über ihn und küsste ihren Mann. Am liebsten hätte sie gar nicht mehr damit aufgehört.
„Wird dein Vater da sein?“ David, seit vier Monaten ihr Ehemann, sprach, ohne die Augen zu öffnen. Samstags stand eigentlich Ausschlafen auf dem Plan. Gegen Zoes Küsse hatte er allerdings nichts einzuwenden.
„Keine Ahnung. Warum fragst du?“
Er zuckte mit den Schultern, die Augen immer noch geschlossen. „Wenn dein Vater gut drauf ist, ist alles bestens. Wenn nicht … na ja.“
Sie schwieg einen Moment lang. „Also fahren wir hin?“
Er stöhnte. „Sag bloß, das stand auch in unseren Ehegelübden?“
„Nein,“ antwortete Zoe lächelnd. „Aber vom Wäscheeinsammeln stand dort auch nichts.“
Sie schwangen gleichzeitig die Beine aus dem Bett, und Zoe hüpfte unter die Dusche. David schmunzelte, ließ sich wieder in die Kissen sinken und zog sich die Decke bis unters Kinn. Fünf Minuten waren bestimmt noch drin.
Claudia, die am Küchentisch saß, hörte, wie die Haustür aufgeschlossen wurde.
„Mama?“
„In der Küche, Schatz.“
David im Schlepptau ging Zoe hinüber und begrüßte ihre Mutter mit einem Wangenkuss. „Was ist mit deinem Gesicht passiert?“, fragte sie.
Claudia wusste, dass die rote Stelle deutlich zu sehen war. „Dein Vater hat mich geschlagen.“
„Ach komm. Du bist doch irgendwo gegen gelaufen, oder?“
Claudia nickte. „Die Schranktür im Bad stand noch offen, als ich mich umgedreht habe. Sieht nicht gerade toll aus, verschwindet aber bestimmt bald wieder.“
„Ist Papa da?“
„Ja, er ist gerade in die Garage gegangen, um mir die Schubkarre zu holen. Ich habe schon mal damit begonnen, im Garten Platz zu schaffen für das neue Frühlingsgrün. Und jetzt haben wir einen Berg abgestorbener Pflanzen, der auf den Komposthaufen muss.“
Sie verkniff sich die Bemerkung: „Er ist hilfsbereit und nett, weil er wiedergutmachen will, dass er mich gerade geschlagen und vergewaltigt hat.“ Das war nichts für die Ohren ihrer Tochter.
David sah seine Schwiegermutter an. Dann fiel sein Blick auf die auffällig rote Stelle. Eine Schranktür? Er hörte James pfeifen, als dieser mit der Schubkarre um die Hausecke bog und sie dann quer über den Rasen schob, also ging er ihm entgegen.
„David.“
„James.“
James streckte ihm die Hand entgegen, und David schüttelte sie kurz. Das war ihre übliche Begrüßung.
„Viel zu tun?“
James nickte grinsend. „Claudia schon. Sie gibt die Anweisungen, ich führe sie aus.“
„Sie hat einen ganz schönen Fleck im Gesicht. Die Badezimmerschranktür, sagt sie.“
James nickte erneut. „Ja, sie ist wohl ziemlich heftig dagegen gestoßen. Das geht wieder weg.“
„Dann hoffen wir mal, dass sie künftig keine Türen mehr offen stehen lässt, James. Weder in der Küche noch im Badezimmer. Blaue Flecken stehen ihr nicht.“ David machte auf dem Absatz kehrt und ging zurück in die Küche, während James regungslos auf dem Rasen stehen blieb und seinem Schwiegersohn nachblickte.
David kehrte zu seiner Frau zurück, die mit Claudia am Tisch saß. Eine Tasse Kaffee stand für ihn bereit, und er setzte sich und lauschte ihrem Geplauder. Es war nicht das erste Mal, dass er blaue Flecken an Claudia bemerkt hatte, aber sie hatte immer eine gute Ausrede dafür gehabt. Genau wie jetzt.
James kam zur Tür herein und schenkte sich einen Kaffee ein.
Sofort stand Claudia auf und füllte die Kaffeekanne nach. Sie war sichtlich angespannt und wusste, dass er es bemerken musste. „Bleibt ihr zum Mittagessen?“ Sie bemühte sich um einen unbeschwerten Ton, der ihr nicht ganz gelang.
„Nein danke, Mama. Dazu haben wir keine Zeit. Wir müssen noch in den Supermarkt, unser Weinvorrat geht gefährlich zur Neige“, antwortete Zoe lachend. „Wir trinken nur noch aus und machen uns dann auf den Weg. Ich wollte nur mal nachsehen, ob bei euch beiden alles in Ordnung ist.“
„Ist es.“ Wieder bemühte sie sich um einen Ton, der nicht zu ihr passte.
„Prima. Sollen wir dir etwas aus dem Supermarkt mitbringen?“
„Nein danke, ich habe alles.“ Claudia lächelte ihre Tochter an. Ihr langes blondes Haar hatte sie zu einem Pferdeschwanz gebunden, und für einen Moment sah sie wieder aus wie das fünfzehnjährige Mädchen von früher. Ihre grauen Augen trafen die ihrer Mutter, und Zoe lächelte zurück.
„Ich hab dich lieb, Mama“, sagte sie und stand auf. „Ich hab mein Handy dabei, wenn du also doch etwas brauchst, ruf mich einfach an.“
Zoe gab ihren beiden Eltern einen Kuss, und David beugte sich vor, um Claudia auf die unverletzte Wange zu küssen. „Pass auf dich auf“, sagte er, drückte kurz ihre Hand und folgte seiner Frau zum Auto, ohne James Beachtung zu schenken.
David legte den Gang ein und fuhr vom Bordstein weg.
„Magst du meinen Vater nicht?“
„Ich mag keinen Mann, der einer Frau Angst macht.“
„Was?“
„Nichts – vergiss, dass ich das gesagt habe.“
„Nein – jetzt hast du es gesagt. Also, was meinst du damit? Mama hat keine Angst vor Papa.“
David zuckte mit den Schultern. „Okay, dann erkläre mir mal, warum sie in seiner Nähe ständig angespannt wirkt.“ Er hielt kurz inne. „Vielleicht täusche ich mich aber auch“, lenkte er ein, um den Frieden zu bewahren.
„Bestimmt sogar. Ich lebe seit über zwanzig Jahren mit den beiden zusammen, da hätte ich doch sicher mitbekommen, dass sie Angst vor ihm hat.“
„Lass es uns gut sein lassen, Zoe. Sicher ist zwischen ihnen alles in Ordnung.“
Zoe reagierte nicht darauf, starrte aber weiter aus dem Fenster. Sie hasste Streit zwischen ihnen beiden, und das hier war ein Streit. Und zu allem Überfluss wusste sie, dass er recht hatte; auch ihr war ihre Mutter nervös und angespannt vorgekommen.
***
Heather Gower blickte aus dem Schlafzimmerfenster auf den Nachbargarten. Claudia tat ihr von Herzen leid. Die beiden verband längst mehr als eine Freundschaft – sie waren wie Schwestern. Heather hatte miterlebt, wie Claudias Selbstvertrauen und ihre Lebensfreude in den vergangenen sieben Jahren Stück für Stück verblasst waren. Von dem Verlust ihres Kindes hatten sich weder Claudia noch James jemals erholt. Der Gedanke an die beiden schnürte ihr das Herz zusammen.
Sie wusste, dass sie sich gestritten haben mussten – oder Schlimmeres –, denn James half gerade dabei, die abgestorbenen Pflanzen zum Komposthaufen zu transportieren. Offensichtlich hatte er etwas gutzumachen, denn normalerweise wäre er drinnen gewesen, hätte Kreuzworträtsel gelöst, seine Zeitschriften durchforstet und sich von seiner Frau bedienen lassen. Er war so leicht zu durchschauen.
Heather seufzte und wandte sich vom Fenster ab. Owen stand in der Schlafzimmertür und wedelte mit einem T-Shirt. Was hatten sie sich da nur für zwei Exemplare angelacht, dachte sie.
„Das brauche ich heute“, sagte Owen Gower, und sie runzelte die Stirn.
„Warum?“
„Warum?“
„Ja, warum?“, wiederholte sie. „Warum gerade das? Du hast bestimmt zwanzig T-Shirts, alle in einwandfreiem Zustand und alle verdammt noch mal gebügelt. Also warum gerade das, Owen? Ich finde, das ist eine berechtigte Frage.“
„Weil mir dieses hier gefällt.“ In seiner Stimme lag nun ein leicht aggressiver Unterton, und Heather wurde klar, dass er bereits etwas getrunken hatte. Dabei war es noch nicht einmal Mittag.
„Am Wochenende bügele ich nicht“, sagte sie und schob sich an ihm vorbei. Er hielt sie fest und drehte sie zu sich um.
„Ich habe gesagt, ich will dieses hier.“
„Pech gehabt. Du weißt, wo das Bügelbrett steht.“
Heather ging die Treppe hinunter und hörte Sekunden später, wie Schubladen geöffnet und geschlossen wurden, während er sich aus seinem Vorrat an gebügelten T-Shirts für ein Exemplar entschied.
Sie lächelte, als sie die Küche betrat. Offenbar hatte sie ihm doch etwas zu viel zugetraut. Er hatte nicht die leiseste Ahnung, wo das Bügelbrett stand.
Heather schaltete zuerst den Wasserkocher ein und begann dann, ein Sandwich für sie beide zuzubereiten. In Gedanken versunken war sie überrascht, als er hinter ihr auftauchte und ihr einen kurzen Kuss auf den Nacken gab.
„Bis später“, sagte er.
„Wie jetzt?“
„Ich treffe mich mit den Jungs im Pub. Bin gegen drei wieder da.“
„Ich mache uns gerade ein Sandwich.“
„Ich esse etwas im Pub. Würdest du mich wohl dorthin fahren?“
Ein kurzer Blick in ihr Gesicht genügte, um sich die Frage selbst zu beantworten. „Nein, vielleicht doch lieber nicht. Bis später.“
Sie hörte, wie er die Tür hinter sich zuzog, und fragte sich, wie es so weit hatte kommen können. Er brauchte Hilfe; jeder bemerkte seinen Alkoholkonsum, und sein Verhalten war ihr zunehmend peinlich.
Mittlerweile hatten sie auch finanziell zu kämpfen. Alkoholismus hatte seinen Preis, und sie würde wohl oder übel bei ihrem Arbeitgeber vorstellig werden und um mehr Arbeitsstunden bitten müssen. Allerdings warf das kleine Bekleidungsgeschäft, das sie in Teilzeit leitete, nicht allzu viel Gewinn ab, und sie war fast sicher, dass ihr Chef Michael ihre Bitte abschlagen würde.
Heather hasste den Gedanken, den Job, den sie liebte, vielleicht aufgeben und sich etwas besser Bezahltes suchen zu müssen, doch sie wusste, dass das wohl bald ihre einzige Option sein würde.
Sie ging in den Garten hinter dem Haus und obwohl sie das wärmere Wetter so herbeigesehnt hatte, war sie von der Intensität der Sonne doch ziemlich überrascht. Heather lehnte am Zaun zwischen den beiden Gärten und beobachtete ihre Freundin, die gedankenverloren die Schubkarre belud und ganz in ihrer Arbeit aufging.
„Claudia!“
Claudia zuckte zusammen und drehte sich lächelnd um.
„Heather. Warum erschreckst du mich denn so?“
„Was ist denn mit deinem Gesicht los?“
Sie zuckte mit den Schultern, und Heather hatte ihre Antwort.
„Möchtest du eine Umarmung?“, fragte sie mitfühlend.
„Nein, eine Pistole.“
Heather lächelte. „Dann lieber gleich zwei.“
„Trinkt er wieder?“
Heather nickte. „Ja, tut er. Er sagt, er kommt gegen drei zurück, aber das heißt wahrscheinlich erst um sechs. Und ich weiß nicht, was ich tun soll.“
„Brauchen wir wirklich jede eine Waffe? Reicht nicht eine Waffe für uns beide?“ Claudia sprach die Worte ganz beiläufig aus, und Heather lachte.
„Das würden wir schon hinbekommen“, meinte sie. „Wofür ist die rote Stelle dieses Mal?“
„Ich habe Nein gesagt.“
Heather sog scharf die Luft ein.
„Nein zu …?“
„Sex.“
Zum ersten Mal fehlten Heather die Worte. Das war neu. So weit war James also inzwischen gegangen.
„Und bevor du fragst: Ja. Ich habe nachgegeben. Ich wollte nicht auch noch auf der anderen Wange so einen Fleck haben. Irgendwie war ich auch selbst schuld. Er hat gemerkt, dass ich keinen BH anhatte.“
Da platzte es aus Heather heraus; „Schluss damit. Hör auf. Es war nicht deine Schuld. Nicht zum Teil. Nicht ein bisschen. Überhaupt nicht. Wenn du Nein sagst, dann heißt das verdammt noch mal Nein.“
„Na ja, ich trage jetzt einen BH, auch wenn er mir das Leben etwas erschwert. Diesen Fehler werde ich nicht noch einmal machen.“
„Um Gottes willen, Claudia! Es sollte deine Entscheidung sein, ob du einen BH trägst oder nicht … Das hat nichts mit ihm zu tun. Ist er da?“
„Bitte, lass es einfach sein, Heather. Es macht die Sache nur noch schlimmer, wenn er denkt, ich hätte es dir erzählt.“
Die beiden Frauen starrten sich an, und Heather nickte widerwillig. „So kann es aber nicht weitergehen, Claud, eines Tages wird er dir ernsthaft wehtun.“
„Ich weiß. Darüber hatte ich mir heute Morgen schon Gedanken gemacht, bevor das hier passiert ist. Aber jetzt ist mir klar geworden, dass ich etwas unternehmen muss. Ich warte nur den Arzttermin am Montag ab. Dann erarbeite ich einen richtigen Plan.“
„Arzttermin?“
Claudia ließ ihr Oberteil von der Schulter gleiten. „Deshalb habe ich keinen BH getragen. Der Träger liegt genau dort auf, und das tut weh.“
Heather sah es sich genau an. „Ist das ein Muttermal?“
„Keine Ahnung“, sagte Claudia lachend. „Ich kann es nicht sehen. Wonach sieht es denn aus?“
„Es sieht fast aus wie eine kleine dunkle, verschrumpelte Perle. Ist doch klar, dass dein Träger immer daran entlang scheuert. Bestimmt werden sie es entfernen, aber ich glaube nicht, dass das schon am Montag passieren wird. Du wirst vermutlich einen Termin in der chirurgischen Ambulanz bekommen.“
„Das ist mir egal, solange sie nur irgendwann etwas unternehmen. Also, zurück zu unserem Klatschgespräch. Wir waren gerade dabei Owen zu erschießen …“
„Vielleicht muss ich ihn tatsächlich umbringen, bevor er uns in den Ruin treibt.“ Heather schüttelte den Kopf, Verzweiflung stand ihr ins Gesicht geschrieben. „Ich werde Michael um mehr Stunden bitten, aber ich glaube nicht, dass das klappt.“
„Dann hat sich die Lage also nicht verbessert … Es scheint, als hätten beide eine Midlifekrise, die sie in eine Abwärtsspirale führt. James war schon immer aufbrausend, aber mittlerweile ist es mehr als das. Er ist kontrollsüchtig geworden, regelrecht gemein und viel zu schnell mit den Fäusten. Eines Tages werden die Kinder das merken, falls sie es nicht schon getan haben, und dann wird es noch viel schlimmer werden. Ich glaube, David hat es schon durchschaut – er hat mir heute, als sie gegangen sind, kurz die Hand gedrückt. Und Owen scheint beim Trinken auch noch mal eine Schippe draufgelegt zu haben.“
„Eine Schippe? Eher eine ganze Baggerschaufel“, entgegnete Heather. „Ich kann mich wohl glücklich schätzen, dass er eher albern als gewalttätig wird, aber es geht hauptsächlich ums Geld. Er ist derjenige, der im Pub für alle eine Runde schmeißt. Und dann kommt er nach Hause, lässt sich auf das Sofa fallen, und das war’s dann mit unserem gemeinsamen Abend.“
„Wir könnten einfach zusammen verschwinden …“, sagte Claudia mit einem breiten Lächeln.
„Das könnten wir. Kannst du dir vorstellen, was unsere Männer dann sagen würden? Natürlich käme keiner auf die Idee, dass es an ihnen liegt. Nein – wir wären einfach lesbisch.“
„Ich ganz sicher nicht. Und du?“
Heather grinste ihre Freundin an. „Wir könnten ja einfach zwei Typen einziehen lassen. Dann wäre wohl endgültig bewiesen, dass wir auf Männer stehen.“
„Auch wenn ich keine Lesbe bin, aber ein Mann käme mir danach nie wieder ins Haus. So dumm bin ich nun wirklich nicht.“
„Also, wo ist denn nun der große, tapfere James.“
„Keine Ahnung. Eine Weile hat er mir im Garten geholfen, aber dann ist er reingegangen. Ganz ehrlich, Heather: Ich bin alleine glücklicher. Ich frage mich nur, was seine Vorgesetzten denken würden, wenn sie wüssten, was er mir heute angetan hat …“
„Würdest du es ihnen denn erzählen wollen?“
„Auf keinen Fall. Die würden ihn wahrscheinlich feuern, und dann säße er die ganze Zeit zu Hause herum. Ich werde kein Wort darüber verlieren, es sei denn, die Umstände zwingen mich dazu. Aber ich glaube, es ist wirklich an der Zeit, dass ich gehe.“ Claudia sah ihre Freundin an. „Wirst du mir helfen?“
„Natürlich. Das musst du gar nicht erst fragen. Und such dir bitte eine Wohnung mit zwei Schlafzimmern, ja? Vielleicht muss ich eines Tages zu dir ziehen.“ In ihrer Stimme lag nicht der geringste Anflug eines Lächelns.
„Ist das dein Ernst?“ Claudia beugte sich über den Zaun. „Meinst du nicht, dass ihr das irgendwie wieder in den Griff bekommt? Ich weiß, dass er schon immer gerne getrunken hat, aber er wusste, wann er aufhören musste. Und jetzt klingt es so, als hätte er sich von einem ganz normalen, sympathischen Kerl in jemanden verwandelt, der lieber in der Kneipe ist als zu Hause.“
„Tja, das muss dann wohl an mir liegen.“
„Moment, warte mal kurz. Hast du mir nicht gerade gesagt, dass es nicht meine Schuld war, dass ich vergewaltigt und geschlagen wurde? Wie kannst du dafür verantwortlich sein, dass er ständig betrunken ist? Komm schon, Heather, antworte mir.“
Heather fand, dass Claudia wie ein Racheengel aussah, wie sie so dastand, mit leicht gespreizten Beinen und den Händen in den Hüften.
„Touché“, sagte sie mit einem breiten Grinsen im Gesicht. „Denkst du, da ist noch eine andere Frau im Spiel?“
Claudia erwiderte das Lächeln. „Keine Ahnung, aber wenn James eine andere hat, hoffe ich, dass er sie besser behandelt als mich.“
Heather streckte die Arme über den Zaun und schlang sie um den Hals ihrer Freundin. Sie spürte, wie Claudia sich verkrampfte. „Oh mein Gott, Claud, es tut mir leid. Jetzt bin ich an die wunde Stelle gekommen, oder?“
Claudia winkte ab. „Mach dir keine Gedanken darüber. Das ist doch nichts im Vergleich zu einer Ohrfeige, oder? Und ich habe die Umarmung gebraucht. Und selbst wenn du auf einem Sofa schlafen musst – solange ich lebe, wird es bei mir immer einen Platz für dich geben.“
Claudia trat vom Zaun zurück. „Im Übrigen wäre jede anständige Freundin rübergekommen und hätte diese Schubkarre für mich geleert …“
„Ja, klar.“
„Oder sogar eine Tasse Tee gekocht“, fügte Claudia hinzu, während sie schon dabei war, die Schubkarre zum oberen Ende des Gartens zu bugsieren.
„Gib mir zwei Minuten“, rief Heather und ging in Richtung ihrer eigenen Küche.
Claudia kippte die Schubkarre aus und hob den Rechen auf. Sie schob das ganze braune Laub nach oben auf den Haufen und beschwerte es dann wieder mit dem alten Teppich.
Um ihren schmerzenden Rücken zu entlasten, richtete sie sich einen Moment auf und streckte sich. Zeit, aufzuhören, dachte sie. Sie brachte die Schubkarre und die anderen Werkzeuge zurück in die Garage und kehrte zum Zaun zurück, um Heather die Tasse Tee aus der Hand zu nehmen.
„Danke, du bist eine gute Freundin“, sagte sie.
„Prost“, erwiderte Heather, und sie stießen mit ihren Tassen an. „So, und jetzt ist Schluss mit Gartenarbeit, sonst bist du nachher fix und fertig. Dreh dich um, ich kümmere mich um diese wunde Stelle.“
Claudia lehnte sich in der Badewanne zurück und ließ ihre Gedanken kreisen. Jetzt, da sie endlich die Entscheidung getroffen hatte, James zu verlassen, wünschte sie, es läge schon hinter ihr. Die vergangenen sieben Jahre waren wirklich schwer gewesen: Der Verlust von Ella hatte sie alle zerbrechen lassen. Jeden Einzelnen von ihnen. Zunächst waren sie erschrocken gewesen, als die Schwangerschaft bestätigt wurde, doch die Freude darüber, wieder ein Baby zu bekommen, war bald grenzenlos gewesen.
Sie wusste, dass James sich am schwersten damit tat, seine Gefühle zu zeigen. Er fand keinen guten Zugang zu Harry und Zoe und lehnte den Trost seiner Frau vollends ab.
Doch irgendwann hatten sie diese schlimme Zeit überstanden; nur James nicht. Er war ein völlig anderer Mensch geworden.
Sie seufzte, zog den Stöpsel und stieg aus der Badewanne. Sie wollte nicht nach unten gehen; sie wollte nicht reden. Und sie wollte kein Gespräch über die Ereignisse des Vormittags.
Sie frisierte sich die Haare mit deutlich mehr Sorgfalt als am vergangenen Morgen, als sie zur Arbeit geeilt war, aber nur, um die Zeit totzuschlagen.
Der Verband auf ihrem Rücken hatte sich im Bad gelöst, und sie beschloss, dass sie kein neues Pflaster brauchte; sie wollte nicht, dass James sie berührte. Sie schlüpfte in eine leichte Bluse und eine Jeans und legte sich für einen Moment aufs Bett, um ihre Gedanken zu ordnen.
James hörte sein Handy summen und holte es aus der Hosentasche. Er lächelte, als er den Absender sah.
Ich vermisse dich. Ich liebe dich. Hattest du einen schönen Tag? Kannst du Dienstagabend bei mir übernachten?
James löschte die Nachricht und antwortete dann.
Der Tag war gut, und ich kann Dienstagabend bleiben. Wärm das Bett schon mal vor. Ich liebe dich.
Nach dem Absenden löschte er auch diese Nachricht und lächelte. Sein Unglück löste sich nach Jahren emotionaler Traumata langsam auf, und das hatte er einer einzigen Person zu verdanken. Er wünschte sich, dass heute schon Montag wäre, nicht erst morgen.
Claudia ging schließlich die Treppe hinunter und am Wohnzimmer vorbei. Sie sah James auf dem Sofa liegen und ging daher in die Küche. Dort machte sie sich eine heiße Schokolade und setzte sich mit einem Buch an den Tisch. Er wachte erst um neunzehn Uhr auf, und sie beschlossen, eine Pizza zu essen.
Keiner von beiden sprach; im Fernsehen lief kaum etwas Interessantes, also lasen beide. Claudia ging gegen zweiundzwanzig Uhr ins Bett und ließ James unten zurück. Sollte sie noch nicht eingeschlafen sein, wenn er hochkam, wollte sie zumindest so tun, als schliefe sie schon. Sie wollte nichts mehr mit ihm zu tun haben.
James saß auf dem Sofa und nahm sein Handy heraus.