1. Kapitel
Freitag, 21. Oktober, 10:30 Uhr
Yasser
Yasser saß im Führerhaus, die Ellenbogen auf das Lenkrad gestützt, und sah aus dem Fenster. Es war ein trüber Vormittag. Nicht besonders kalt, kein Regen, aber auch keine Sonne. Überall im Hafen, an den Kränen und in den Büros, waren die Lichter eingeschaltet. Auf dem Armaturenbrett seines Lasters stand eine Miniatur der Abu-Bakr-Moschee in Mekka. Er hatte sie dort gekauft, als er vor zehn Jahren als Student auf der Hadsch war, der Pilgerreise. Das war damals ein anderes, ein besseres Leben. Wenig später hatte er sich nach Europa aufgemacht.
In der Ferne sah Yasser das wellenförmige Dach der Elbphilharmonie zwischen den Hafengebäuden hervorragen. Er sah den Michel und die vielen anderen Kirchen, die in die Wolken stachen, wie zu Hause die Minarette.
Yasser stand mit seinem Lastwagen in einem abgelegenen Winkel im Kohlenschiffhafen. Seit einer halben Stunde werkelten die Männer nun schon unter dem Transporter herum. Er durfte nicht zusehen. Und keine Fragen stellen. Aber er wusste ja, was sie dort taten.
Einer der Männer kam an sein Fenster und Yasser ließ die Scheibe hinuntergleiten. Es war der Dünne. Der, der immer redete. Der Dicke sagte nie ein Wort. Vor dem hatte Yasser mehr Angst.
»Hey, Junge, wir sind so weit. Kannst losfahren.«
Sie sprachen Deutsch miteinander, was weder Yasser, noch der Dünne gut konnten. Aber der Dünne sprach sonst nur Persisch und sehr schlecht Arabisch. Yasser nur Arabisch und etwas Englisch.
»Ja, gut.«
»Die Route hast du?«
»Ja, in mein Handy gespeichert. Zur Sicherheit.«
»Ah. Gib mal dein Handy.«
Yasser reichte ihm das fast neue Samsung Galaxy, das er gebraucht bei einem Freund im Handyladen gekauft hatte.
Der Iraner sah sich das Smartphone kurz an, holte mit dem rechten Arm weit aus und warf es im hohen Bogen weg. Yasser sah, wie einhundertzwanzig Euro auf die Oberfläche der Elbe klatschten und versanken.
»Bist du irre? Was soll das?«
»Zur Sicherheit. Brauchst das alte Ding nicht mehr.«
Yasser fühlte Beklemmung in der Brust. Angst. Aber er hatte diese Aufgabe übernommen und durfte nun nicht kneifen. Das war er seiner Familie schuldig.
»Wenn was schiefgeht …«, stammelte er und starrte dabei auf die Stelle, an der sein Handy versunken war.
»Was soll schiefgehen? Machs halt richtig. Dann passiert dir nichts.«
»Wenn was schiefgeht, schick das Geld …«
»Ja. An deine liebe Mama in Damaskus. Ist versprochen. Aber es geht nichts schief.« Der Iraner klopfte heftig gegen das Blech der Fahrertür. »Los gehts. Möge Allah dich beschützen.«
Yasser startete den 220-PS-Diesel und setzte den schweren Lkw in Bewegung. Der Laderaum war fast voll. Er hatte gebrauchte Büromöbel aus einer Firmenauflösung geladen, die er noch nach Kopenhagen liefern musste. Wenn nichts schiefging.
Vor seiner Tour musste er auf jeden Fall noch Tanken und in die Moschee. Schließlich war Freitag. Um zwölf Uhr dreißig begann die Khutba, das Freitagsgebet.
2. Kapitel
Freitag 21. Oktober, 10:30 Uhr
Fiete
Klaus beendete das Gespräch und ließ das Handy in die Innentasche seines anthrazitfarbenen Jacketts gleiten. Er schlürfte genüsslich den Espresso, den die Tresenfrau ihm gereicht hatte. In seiner Pranke wirkte die kleine Tasse zerbrechlich. Klaus dreht sich auf dem Barhocker zu Fiete um.
»Die Ladys rollen gleich in Hamburg ein. Kannst sie dann abholen.«
»Und was sind das für welche? Wo haste die her?«, wollte Fiete wissen, der sich noch nicht daran gewöhnt hatte, dass er diesen Kerl nun Klaus nennen sollte. Klaus? Das klang wie Schrebergarten, zwei Kinder, Beamtenpension. Casanova war sein richtiger Name. Und das nicht, weil er zu Frauen besonders nett war.
»Die kommen aus Mexiko. Erstklassiges Latino-Material. Vier Stück. Du wirst begeistert sein.«, dröhnte Klaus.
»Mexiko? Wieso Mexiko?«
»Die Chicas wollen jetzt alle nach Europa, seit es immer schwieriger wird, nach Amerika zu kommen. Wollen hier gutes Geld verdienen. Und dabei wollen wir ihnen gerne helfen, wenn sie gut aussehen.« Klaus lachte und Fiete lachte mit.
»Ey, ich hab unserem Kunden was von Asiatinnen erzählt. Philippinerinnen oder so. Weiß gar nicht, ob dem Mexiko recht ist.«
»Ach klar. Da mach dir mal keine Sorgen. Wenn der die Ware sieht, kriegt der gleich ’nen Ständer. Das sind ganz exklusive Chicas für feine Leute, keine Trucker-Huren. Du machst das schon, Fiete.«
Klar, Fiete machte das immer irgendwie. Damals, als sie alle noch Rocker waren, hatte er es für Casanova gemacht. Und nun, wo sie die Kutten lange abgelegt und die Harleys verkauft hatten, für Klaus.
Die Kneipe Bei Jörn war an diesem Freitagvormittag fast leer. Dunkle holzvertäfelte Wände. Schummriges Licht aus hässlichen alten Hängelampen. Überall Plakate von längst vergangenen Boxkämpfen und Fußballspielen. Das Regal hinter dem Tresen war vollgestopft mit dem üblichen Kneipenkitsch. Je teurer die Flaschen hinter dem Tresen, umso verstaubter waren sie. Die Astra-Leuchtreklame flackerte etwas. Das hatte sie schon getan, als Fiete vor Monaten das erste Mal hier gewesen war.
In einer Ecke saß ein klappriger Rentner, der unablässig Kleingeld im Spielautomaten versenkte. An einem Tisch hockten zwei besoffene Huren, die sich flüsternd stritten. Die junge Tresenfrau, giftgrüne Haare, Piercings in Augenbrauen und Lippe, wischte gelangweilt auf ihrem Handy herum. Fast alle rauchten. Trotz Rauchverbot.
Fiete hatte die heruntergekommene Bar abseits der Reeperbahn zu Klaus’ Hauptquartier erkoren, weil sie fast immer geöffnet hatte und sie keiner kannte. Jedenfalls keiner von denen, die Klaus nicht treffen wollte. Es waren in Hamburg ein paar Rechnungen offen, die Klaus nicht begleichen konnte.
Klaus hatte sich verändert. Die Haare lang, und vom Haargel silbern glänzend, wo früher mal eine Glatze gewesen war. Von seinem imposanten Karl-Marx-Bart waren nur ein paar auf genau zwei Millimeter gestutzte graue Stoppeln übrig. Statt der auffälligen Rocker-Kutte trug Klaus eben diesen Joop-Anzug und fühlte sich sichtlich wohl darin. Mit fünfzig darf man sich mal verändern, hatte er Fiete erklärt, der ihn gar nicht erkannte, als sie sich im Juli zum ersten Mal nach all den Jahren getroffen hatten.
Fiete war aufgeregt. Er hatte es zu den guten Zeiten des Klubs nicht über die Position eines Prospects, eines Rocker-Azubis, hinausgebracht. Er hatte nie ganz verstanden, warum er nicht als Member in den engeren Kreis aufgenommen worden war. Hatte er nicht Mut bewiesen, wenn es darauf ankam? War er nicht der gewesen, der sich die Finger schmutzig machte, wenn die anderen längst kniffen? Ein halbes Jahr hatte er in U-Haft gesessen, weil er die Schnauze gehalten hatte. Und war es ihm je gedankt worden?
Nur Casanova hatte in Fiete immer den ganzen Kerl gesehen, der er war. Er hatte immer ein gutes Wort für ihn eingelegt. Aber dann war der Klub am Ende und Casanova verschwunden. Fast fünf Jahre lang hatte sich Fiete als Türsteher, Dealer und Nuttenaufpasser durchgeschlagen. Er war Mitte vierzig und hatte die besten Jahre hinter sich. Sein Spiegelbild sprach eine deutliche Sprache: Mager war er, grau die Haut. Die lichter werdenden Haare versteckte er meistens unter einem dunkelgrünen Basecap. Statt einer Respekt einflößenden Rocker-Kutte trug er inzwischen Jeans und eine billige Lederjacke. Eine Besserung seiner Lebensumstände war lange nicht in Sicht gewesen. Alle wussten, dass er immer zu Casanova gestanden hatte, und das war irgendwann eher problematisch geworden. Von Fiete hielten sich die größeren Brocken auf dem Kiez lieber fern. Fiete trank zu viel, schlief zu wenig. Er war immer irgendwie auf der Flucht gewesen, ohne genau zu wissen, vor wem.
Dann, vor drei Monaten, hatte sich Casanova plötzlich gemeldet. Fiete hatte ihn längst tot geglaubt. Er war immer davon ausgegangen, dass ein paar von den Jungs, die nicht im Knast saßen, Casanova ein ewiges Grab in der Elbe verschafft hatten. Aber Casanova lebte und hieß jetzt Klaus.
Er hatte inzwischen in Amsterdam Fuß gefasst und wollte sein Geschäft in die alte Heimat Hamburg ausweiten. Dafür hatte er Fiete angesprochen und der war direkt dabei.
»Wir reden nicht über Kleingeld, Fiete«, hatte Casanova, also Klaus, damals gesagt und das glaubte Fiete gerne. Und so standen sie nun im Jörn und planten den Abschluss der ersten Transaktion.
»Ok, Casanova, wo kommen die Nutten denn an?«
»Klaus, merk dir das endlich, du Lappen. Ist doch nicht so schwer. Und, Fiete: das sind keine Nutten. Das sind feine Damen. Und wir sind auch keine Zuhälter, Junge. Wir sind Geschäftsleute. In der Unterhaltungsbranche.«
Auch daran gewöhnte sich Fiete nur langsam: Casanova hatte ein neues Geschäftsmodell, wie er es nannte. Angeblich weniger Risiko, mehr Profit. Casanova, der vor Jahren mit dem Klub noch ohne Bedenken minderjährige russische Junkies an irgendwelche Perversen vermittelt hatte, war im niederländischen Exil ein besserer Mensch geworden. Nicht wirklich ein guter Mensch. Auf jeden Fall war er vorsichtiger als früher.
Sein Geschäftsmodell: Vermittlung illegal eingewanderte Frauen an halblegale Escortservices. Der größte Unterschied zum bisherigen Geschäft: Die Frauen wussten, wohin die Reise gehen sollte. Sie wurden nicht unter Zwang oder falschen Versprechungen in miese Puffs gesteckt.
»Die reichen Arschlöcher wollen schöne, junge Gesellschaft«, hatte Casanova Fiete erklärt. »Die tragen so eine schöne Lady wie ihre Schweizer Uhr mit sich herum. Da geht es längst nicht immer nur ums Ficken. Und wenn, dann kostet das extra – und zwar richtig.«
»Ja, Klaus, verstanden. Also, wo soll ich die Escortdamen abholen?«
»Am ZOB. Da kommen Sie um eins an.«
»Hä?«
»Ja. Am Busbahnhof. Die Damen kommen ganz bequem mit dem Flixbus von Amsterdam!« Klaus lachte, als sei das ein guter Witz.
»Echt? Und wenn die an der Grenze kontrolliert werden?«
»Sind ja längst in Deutschland. Wurden nicht kontrolliert. Die Busse rauschen da so drüber. Die Mädels fallen auch gar nicht auf. In Holland leben ja sowieso kaum noch Weiße.«
»Sind die allein?«
»Nein, was denkst du? Paco ist bei denen, einer meiner Leute aus Amsterdam. Der spricht auch spanisch.«
»Also da gibts ein Problem, wenn die mit dem Bus ankommen.«
»Welches?«
»Unser Kunde will die Damen im Hafen übernehmen. Da bin ich mit ihm verabredet. Dann will er mit denen aufs Land. Zur Ausbildung, wie er gesagt hat. Wir haben früher Zureiten dazu gesagt …«
»Fiete, noch mal, das sind keine Nutten. Die werden nicht zugeritten. Die werden tatsächlich ausgebildet. Sie bekommen etwas Deutschunterricht, Englisch können sie meistens schon. Dann lernen sie, wie sie sich den Kerlen gegenüber verhalten, wie man Konversation macht und so. Die lernen auch, wie man das Glas hält, Tischmanieren, den ganzen Scheiß. Könnte dir auch nicht schaden.« Klaus lachte wieder.
»Du verarschst mich doch.« Fiete konnte Casanovas Sinneswandel noch immer nicht fassen.
»Nein, Alter. Das ist das bessere Geschäft. Wirklich. Bei den Nutten sind die Albaner und die Kurden dick drin. Die Mädchen werden immer jünger und kaputter, die Gewinnspannen immer kleiner und das Risiko immer größer. Wer sitzt denn gerade fünfzehn Jahre wegen Menschenhandel und Zwangsprostitution ab? Ich nicht.«
»Ja, toll, Klaus. Aber warum will unser Kunde sie dann in einem geschlossenen Transporter abholen? Warum bin ich mit ihm im Hafen verabredet, wo sie keiner sieht?«
»Weil er ein Schisser ist. Klar, die Chicas sind illegal im Land, sie werden illegal arbeiten, ihr Geld nicht versteuern und unser Kunde und wir machen uns der Förderung der Prostitution schuldig. Das ist alles kein Ladendiebstahl. Das haben die aber auch nicht auf der Stirn stehen. Könnten genauso gut Touristinnen sein. Aber wenn der Kunde es so will, dann soll er sie von mir aus im Transporter aus der Stadt bringen.«
Klaus gab der Tresenfrau ein Zeichen und bekam noch einen Espresso.
»Und wie bringe ich die Damen nun vom ZOB in den Hafen? Da kann ich sie nicht verstecken.«
»Musst du auch nicht. Sag ich doch. Du nimmst die U-Bahn oder zwei Taxis und fährst sie in den Hafen. Mal ehrlich: Je besser du die versteckst, desto auffälliger ist das doch.«
»Also Klaus, ich weiß nicht …«, Fiete hielt den Plan für nicht ausreichend durchdacht. Aber ihm war klar, dass er gegen Casanova keine Chance hatte.
»Komm, Fiete, mach mal. Du warst doch früher nicht so eine Heulsuse.«
Klaus knallte einen Zehneuroschein auf die Theke, nickte der Tresenfrau zu und sprang vom Hocker.
Auch das war Fiete aufgefallen: Klaus war viel beweglicher als Casanova. Er habe in den letzten Jahren fünfzehn Kilo abgenommen, hatte er Fiete stolz erklärt. Das sei gut für die Tarnung und fürs Wohlbefinden.
»Ok, Fiete, du weißt, was zu tun ist. Ich muss auch mal los. Treffe in Eppendorf einen Interessenten aus Stockholm.«
»Eppendorf? Ist unser Kiez hier nicht mehr gut genug für geschäftliche Besprechungen?«
»Keine Ahnung. Wir treffen uns aufm Markt. War seine Idee. Wäre unauffällig.«
3. Kapitel
Freitag 21. Oktober, 10:30 Uhr
Andrej
Freitags war es auf dem Isemarkt immer besser als dienstags. Freitags kamen die Touristen. Für Andrej war das ein Segen. Die Gemüse- und Fischleute und alle anderen, die frische Sachen verkauften, hatten nicht so viel davon. Touristen kaufen kein Gemüse und höchstens mal ein Fischbrötchen. Die kochen nicht in ihren Hotelzimmern und AirBnB-Wohnungen. Die kommen auf den Isemarkt, weil er in jedem Reiseführer steht. Mit neunhundertsiebzig Metern Europas längster Freiluftmarkt, war da zu lesen, das musste man ja mal gesehen haben.
Andrej mochte die Touristen, denn die mochten Currywurst. Besonders die Asiaten. Die waren völlig versessen auf die Dinger. Sie machten gerne Fotos: von den Würsten, von Andrej mit seiner feuerroten Schürze und von der kleinen Bude. Andrej sagte gerne, wenn er nach dem Markt den Standnachbarn noch ein Bier ausgab: »Ich bin öfter fotografiert worden als Lady Diana. Wenn irgendwo in Tokio einer seine Urlaubsbilder zeigt, bin ich bestimmt dabei.«
Die Currywurstbude mit dem wunderbaren Namen »ElbeCurry« war sein ganzes Glück. Sie hatte ihn nach dunklen Jahren wieder ans Licht gebracht. Und natürlich Katharina, ohne die es »ElbeCurry« nicht gäbe und Adam und Maria erst recht nicht.
Andrej hätte die Bude lieber »IseCurry« genannt, weil er diesen Markt ganz besonders liebte. Aber Katharina, die um einiges schlauer war als er, hatte davon abgeraten. »Wir wollen noch auf mehr Märkte in Hamburg«, hatte sie gesagt. Ihr Deutsch war sehr gut geworden, in den fünf Jahren, die sie nun hier war. Aber ihre polnische Herkunft war nicht zu überhören. Andrej liebte Katharinas Akzent. Er erinnerte ihn an seine Mutter.
»Dienstag und Freitag ist Ise. Und an die anderen Tagen, machen wir da Schlafen, oder was? Nein, gehen wir andere Märkte und am Wochenende Open-Air-Festivals.«
Und weil Katharina so schlau war und sie beide so fleißig, hatten sie es in den fünf Jahren zu einem netten Sparbuch gebracht. Der topgepflegte Imbissanhänger »ElbeCurry« hatte ein schickes kleines Vorzelt und wurde von Andrejs Mercedes GLK 320 Baujahr 2008 gezogen. Sein ganzer Stolz nach »ElbeCurry« und der Familie. Sie wohnten in einer schönen Vierzimmerwohnung in Altona. Die Kleine besuchte einen katholischen Kindergarten, Adam eine katholische Grundschule. Es gab Zeiten, da hätte Andrej von einem solchen Leben nicht zu träumen gewagt.
»Hey, Andrej, gib mal ’ne Wurst, ich fall um vor Hunger.« Es war Max, der junge Kerl vom Gemüsestand gegenüber.
»Musst du ’ne Zucchini kauen, Max, ist gesünder. Kein Fett und so.«
»Erzähl mir nichts von Fett, guck dich erst mal selber an.«
Andrej reichte Max lachend die Currywurst über den Tresen, nicht ohne vorher ordentlich extra Curry darüber zu streuen. Natürlich bezahlte Max nicht. Am Ende des Markttages würde er Andrej eine Tüte Gemüse hinstellen. Mehr, als die Familie an einem Wochenende aufessen konnte. So lief das hier.
Freitag war für Andrej immer ein besonderer Tag. Da kam die ganze Familie zum Mittagessen zum »ElbeCurry«.
Katharina achtete darauf, dass die Kinder nicht auf dem Markt aufwuchsen. Sie wollte Struktur in ihrem Leben und deshalb verließ sie »ElbeCurry« mittags. Dann kam Anton oder einer der andern Jungs, die Andrej stundenweise als Aushilfen beschäftigte. Katharina holte die Kinder ab und aß mit ihnen zu Hause »was Gesundes«. Zu Hause konnte Adam in Ruhe Hausaufgaben machen und Maria Mittagsschlaf halten.
Aber Freitag war Currywurst-Tag und die Kinder freuten sich immer sehr darauf. Da gab es Menü à la Papa. Das bestand aus einer Currywurst, einer Portion Pommes und einer Fanta. Hinterher gabs noch ein Eis. Denn auch das hatte Andrej in seiner Bude. Maria schaffte das Menü meistens nicht, aber es wäre unmöglich gewesen, ihr weniger zu geben.
Nach dem Essen streunten die Kinder etwas über den Markt. Die Standnachbarn kannten sie, scherzten mit ihnen und verwöhnten sie mit Obst und Süßigkeiten. Adam hatte es der Käsestand angetan. Er liebte Käse, auch die für Kinder eher untypischen strengen Sorten, und wurde allmählich zu einem echten Experten.
Der Isemarkt ist unter einer stählernen Bahntrasse aufgebaut, die sich durchs feine Eppendorf zieht. Zwischen den breiten Stahlpfeilern der Trasse stehen die Stände. Die Menschen bummeln wettergeschützt unter der Trasse an den Ständen vorbei. Andrej hatte seinen Kindern eingeschärft, sich ohne Begleitung nur bis zur nächsten Kreuzung zu bewegen, damit sie im Gewusel des Marktes nicht verloren gingen.
Auch an diesem Freitag kam Katharina mit den Kindern pünktlich um ein Uhr zu »ElbeCurry« und Adam und Maria nahmen ihr Menü in Empfang. Katharina aß keine Currywurst. Sie aß auch keine Pommes frites. Sie ernährte sich im Moment streng vegetarisch und verzichtete auf Alkohol, wo sie doch sonst einem Glas Wodka nicht abgeneigt war. »Alles nicht gut für Baby«, sagte sie immer, wenn es außer Andrej niemand hörte. Denn es war vorläufig ihr Geheimnis, dass sie bald zu fünft sein würden.
Mittagszeit. Es kamen nun auch Menschen aus den umliegenden Geschäften und Büros um sich eine Currywurst oder einen der anderen Snacks auf Andrejs Speisekarte zu gönnen. Andrej fiel ein großer Kerl in einem feinen dunkelgrauen Anzug auf. Groß, stattlich, graue Haare, am Hals Tätowierungen. Sonnenbrille. Er scherzte mit einem Typen in einer Rockerjacke, auf der Stockholm stand. Beide passten nicht zusammen und irgendwie auch nicht hier auf den Isemarkt. Aber das war Andrej egal. Ihm war jeder recht, der vier fünfzig für eine Currywurst hatte und keinen Ärger machte.
4. Kapitel
Freitag 21. Oktober, 13:00 Uhr
Joe
Joe sprach manchmal laut mit sich selbst. Also nicht sehr laut. Nur so laut, dass er sich selbst verstehen konnte. »Meine Straße entlang, um die Kurve und dann nach rot abbiegen. Am Ende der Straße nach grün.«
Joe konnte sich die Farben besser merken als links und rechts. Das verwechselte er immer. Deshalb hatte Charly ihm an die eine Hand ein grünes Bändchen gemacht und an die andere ein rotes. Das wäre bei Schiffen auch so, hatte Charly gesagt und laut Ahoi gerufen. Dann hatten sie gelacht. Mit Charly gab es viel zu lachen.
Joe war auf dem Weg von der Dillstraße zum Isemarkt. Kein weiter Weg und Joe war ihn auch schon oft gegangen, aber er musste sich konzentrieren. Wenn ungewöhnliche Sachen passierten, kam er schnell durcheinander. Ungewöhnliche Sachen waren: Feuerwehrautos, Hubschrauber, laute Motorräder, streitende oder laute Menschen. Joe wollte dann immer ganz genau hinsehen, was da los war. Wenn ein schönes Mädchen an ihm vorbeiging, folgte er ihm manchmal. Nur um sie anzuschauen und hinterher vielleicht zu malen. Und so kam er ab und zu vom Weg ab und verlief sich.
Das war nicht so schlimm. Joe hatte ein Handy und wenn er auf das Foto von Charly drückte, dann war der sofort dran. Charly kam Joe dann abholen oder sagte ihm durchs Telefon, wie es weiterging. Charly wusste alles und war immer für Joe da.
Aber Joe passte auch auf. Wenn er etwas sah, das nicht in Ordnung war, dann ging er zur Polizei. Die war nicht weit weg von seiner Wohnung. Und dann sagte er, was er gesehen hatte und die Polizisten schrieben das auf und sagten: Danke, Joe. Einmal hatte er gesehen, wie ein Junge bei Edeka eine Flasche Wein einfach so in die Jacke gesteckt hatte. Das ist Klauen. Das hat er der Polizei erzählt. Er hat ein Bild von dem Jungen gemalt, damit die Polizisten ihn suchen. Das fanden sie toll. Joe kann gut malen. Das sagen alle.
Ein anderes Mal ist er von einem bösen Wolf verfolgt worden. Ganz lange, im Dunkeln. Das hat er den Polizisten auch erzählt. Einer sagte, es gäbe in Hamburg keine Wölfe, aber der andere, der Nette, hat das aufgeschrieben und Joes Bild von dem Wolf in eine Schublade gelegt. Dann haben sie den Wolf bestimmt gefangen und in Hagenbeck’s Tierpark gebracht.
»Das ist jetzt die große Straße mit Hall am Anfang. Da muss ich an der Ampel rüber«, sagte Joe zu sich selbst.
Joe konnte ganz gut lesen, aber bei langen Wörtern merkte er sich lieber nur den Anfang, sonst kam er durcheinander.
Nun musste er die lange Straße mit den großen Bäumen entlang. Eine ganze Weile. Joe ging langsam. Das hatte er Charly versprochen. Er wäre lieber gerannt, weil es langweilig war, so langsam zu gehen. Aber dann konnte er hinfallen, sich wehtun und bluten. Das war auch schon passiert.
So würde er nun zwanzig Minuten brauchen. Auf seinem Smartphone konnte er das genau sehen. Er war um dreizehn Uhr losgegangen und um dreizehn Uhr zwanzig wäre er am Isemarkt.
»Hey Joe«, sagten die Marktleute immer, wenn sie ihn sahen. Sie erkannten ihn schon von Weitem an seiner knallroten Basecap mit dem roten A vorne drauf. Das war das Zeichen der Los Angeles Angels, einer Baseball-Mannschaft. Das hatte Charly ihm erklärt, der ihm diese tolle Kappe aus Amerika mitgebracht hatte.
»Wie geht es dir? Willst du eine Banane?«, fragten die Marktleute immer. Joe ging gerne auf den Isemarkt.
Er würde auch heute wieder zu den Händlern gehen, die er kannte. Zu Max, von dem großen Gemüsestand, zu der netten Blumenfrau und zu den Leuten mit der Currywurst. Und er würde nach Arbeit fragen. Und dann würde er arbeiten. Kisten einpacken. Stände auseinandernehmen. Blumen in den Lastwagen laden. Es gab so viel zu tun, wenn der Markt zu Ende war. Joe war stark und das wussten die Marktleute. Und er war fleißig. Wenn er mit der Arbeit fertig war, gaben sie ihm Geld. Oder Obst. Oder eine Currywurst. Er liebte Currywurst. Mit Pommes.
Das Geld schenkte er meistens Isa. Die wohnte mit ihm, Charly und zwei anderen in einer Wohnung in der Dillstraße. Isa ging es schlecht und sie brauchte immer Geld. Sie kaufte davon irgendwas, damit es ihr besser ging. Charly hatte Joe verboten, Isa Geld zu geben, aber was ging Charly das an? Das war sein Geld. Und Isa gab Joe immer einen Kuss, wenn er ihr Geld schenkte. Das war schön.
Nun musste er noch an diesem Park vorbei und am Ende nach rot abbiegen auf die Straße mit Inno am Anfang.
Er kam gut voran. Keine Feuerwehr störte. Keine schönen Mädchen. Jedenfalls sah er keine, denn er blickte immer auf den Weg vor sich, um keine schönen Mädchen zu sehen. Das war das Beste.
Als die Straße mit Inno einen kleinen Knick machte, konnte er den Markt und die breite Brücke über dem Isemarkt, auf der die Bahn fährt, schon sehen. Wenn eine Bahn dort lang fuhr und man darunter auf dem Markt stand, war es laut und alles vibrierte. Das war ein bisschen gruselig, aber auch toll. Joe sah schon die Menschen, wie sie auf dem Markt entlangspazierten.
Doch irgendwas war komisch. Sie spazierten nicht. Sie liefen. Sie rannten. Joe blieb stehen.
Er kniff die Augen zusammen, damit er weniger sah und das Wichtige dafür besser. Das war ein Trick von ihm. Jetzt hörte er Schreie. Er schob die Los-Angeles-Kappe etwas nach hinten. Er sah, wie die Menschen auf dem Markt umherrannten und er hörte, wie sie schrien. Warum? Das taten sie sonst nie.
Jetzt sah Joe einen Lastwagen aus dem Markt herausfahren. Der kam da raus, wo eigentlich gar keine Autos fahren können, weil da ja die Leute gehen. Der fuhr schnell und Sachen fielen um. Leute rannten weg, fielen hin. Dann fuhr der Lastwagen in die Straße rein, in der Joe stand.
Joe sah, dass der Lastwagen vorne ganz kaputt war. Die große Scheibe war zerbrochen und hatte ein riesiges Loch. Auch das weiße Blech vorne war dreckig und verbeult. Die Lampen waren kaputt. Und an den Seiten des großen Lasters sah Joe Kratzer. Ganz viele.
Der Lastwagen kam näher. Joe drückte sich in einen Hauseingang. Der Wagen fuhr nicht geradeaus, sondern schrammte an den parkenden Autos vorbei. Jetzt sah Joe, dass ein Reifen vorne platt war. Der Lastwagen blieb stehen. Nicht weit von Joe entfernt. Es waren keine Menschen in der Nähe. Die waren weggerannt. Joe war ganz alleine. Es war unheimlich still.
Und nun erkannte Joe, wer da hinter dem Steuer saß und erstarrte vor Schreck. Es war ein Teufel. Ein richtiger Teufel. Er hatte ein rot-schwarzes Gesicht, große Hörner und ein böses Grinsen mit scharfen schwarzen Zähnen.
Der Teufel stieg aus. Er war groß. Noch größer als Joe. Nun rannte er ganz dicht an Joe vorbei. Dabei sah er ihn kurz mit seinen dunklen, funkelnden Teufelsaugen an. Joe entdeckte, dass der Teufel im Nacken noch eine Teufelsfratze hatte. Dunkel und böse.
Joe fühlte, wie es zwischen seinen Beinen feucht wurde. Er sah an sich herunter. Die Jeans war nass. Bis zu den Knien. Er hatte sich eingepinkelt. Schon wieder. Charly würde schimpfen. Du bist ein erwachsener Mann, Joe. Mit fünfunddreißig Jahren pinkelt man sich nicht in die Hose, würde er sagen.
Als Joe wieder aufsah, war der Teufel verschwunden. Er war bestimmt in Rauch aufgegangen.
Joe hörte Feuerwehr und Hubschrauber und jetzt kamen auch Leute angerannt. Diesmal wollte Joe nicht genau hinsehen, was da los war. Diesmal wollte er nur weg. Er lief, er rannte, so schnell er konnte. Charly würde sowieso schimpfen.