Leseprobe Das Haus im Schnee

Prolog

Achtzehn Monate zuvor

Norfolk, England

Als ich Midwinter Manor zum ersten Mal erblickte, wusste ich, dass dies mein Zuhause werden sollte.

Fernab vom nächsten Dorf, versteckt in einem dichten Waldgebiet und nur über einen langen Feldweg erreichbar, könnte man es leicht übersehen. Doch wenn man weitergeht, bis sich die Bäume schließlich teilen und der Weg breiter wird, kommt man zu einem Tor zwischen zwei Steinpfeilern, und durch die schmiedeeisernen Gitter bietet sich der erste Blick auf das Haus.

Es sieht aus wie aus einem düsteren Märchen, eine fast unnatürliche Stille umgibt es. Wunderschön und imposant, aber auch vom Zahn der Zeit gezeichnet und ein wenig einschüchternd, erstreckt es sich über drei Stockwerke, mit großen, alles überblickenden Fenstern, die das Licht auf beunruhigende Weise einfangen, und herausragenden, schiefen Schornsteinen, die die Dachlinie krönen.

Wenn man das Haus betritt, könnte man meinen, in ein anderes Jahrhundert versetzt worden zu sein. Kühle Luft umgibt einen, durchzogen vom schwachen Duft nach altem Holz und Kerzenwachs. Die Eingangshalle ist weitläufig, mit einer prächtigen Treppe, deren Geländer von Generationen von Händen berührt wurde, und die dahinter liegenden Räume sind geräumig und elegant, mit floralen Gesimsen und Kaminen, die hoch genug sind, um in ihnen stehen zu können.

Manchen mag dieses Haus vielleicht unheimlich vorkommen, aber für mich ist es ein Zufluchtsort.

Es ist ein Ort voller Geschichte. Aber auch voller Geheimnisse.

Und nach der heutigen Nacht werden unsere Geheimnisse dazugehören.

Kapitel 1

Montag, 22. Dezember

Manchester

Es war kurz vor Weihnachten, und der letzte Ort, an dem Lola Henderson erwartet hätte, sich zu befinden, war ein Zug in Richtung der Cambridgeshire Fens und der kleinen Stadt Ely, wo zwei Tage voller Termine auf sie warteten.

Die E-Mail von Rich Bradford, dem CEO von Safe Hands, einem Unternehmen, das Handdesinfektionsautomaten lieferte und installierte, hatte sie vor allem deshalb geärgert, weil die Feiertage kurz bevorstanden.

Rich war einer ihrer anspruchsvollsten Kunden, also durfte sie sich nicht wundern. Trotzdem war es ärgerlich. Er verkaufte hauptsächlich an Bürogebäude, von denen viele vor den Feiertagen den Betrieb herunterfahren würden – es war also kaum die beste Woche für Marketingaktivitäten, und ihr Treffen hätte locker bis Januar warten können. Stattdessen würde sie Heiligabend arbeiten und dann einen späten Zug nach Hause nehmen.

Letztes Jahr um diese Zeit hätte sie ihm einen klaren Riegel vorgeschoben, aber damals lagen die Dinge anders; ihre Mutter war krank gewesen und hatte rund um die Uhr Pflege gebraucht, und Lola war völlig klar gewesen, dass es ihr letztes gemeinsames Weihnachtsfest sein würde. Jetzt war sie allein mit ihren Kätzchen, und obwohl sie sie nur ungern allein ließ, war ihr Terminkalender ansonsten leer.

Sie hatte bewusst alle Einladungen für die kommende Woche abgelehnt, da sie noch nicht bereit war, sich in die Feierlichkeiten zu stürzen. Es hatte viele Angebote gegeben, da ihre Freunde wussten, dass sie keine weiteren Verwandten hatte, aber dieses Jahr brauchte sie ein ruhiges Fest.

Es war ein trauriges und schwieriges Jahr voller „erstmaliger“ Erlebnisse ohne ihre Mutter gewesen, und diese Zeit hatten sie immer gemeinsam begangen. Sie wollte einfach allein sein, um einige Zeit in bittersüßen Erinnerungen schwelgen zu können.

Am Weihnachtsmorgen wollte sie zum Gedenkgarten am Manchester Crematorium gehen und frische Blumen an die Gedenktafel ihrer Mutter legen, dann würde sie nach Hause gehen, um gutes Essen, ein paar Gläser Wein und ein kleines Filmfest zu genießen.

Zuerst musste sie jedoch Ely hinter sich bringen.

Als sie am Bahnhof Piccadilly in Manchester in den Zug stieg, hatte sie das Glück, einen Doppelsitz ganz für sich allein zu finden, und schob ihre Reisetasche in das Gepäckfach darüber. Das Einzige, was sie griffbereit hatte, waren ihr Kindle und eine Flasche Wasser, die sie am Bahnhof gekauft hatte. Die Fahrt würde knapp vier Stunden dauern, und sie wollte die ganze Zeit über lesen. Das neue Buch von Harper Reed hatte sie bereits heruntergeladen.

Nun, das war zumindest der Plan gewesen, aber ihre Gedanken schweiften immer wieder ab und sie erinnerte sich, dass Ely nicht allzu weit von der Grafschaft Norfolk und Saham Toney entfernt war, dem Dorf, in dem ihr Bruder lebte.

Fünfunddreißig Meilen, um genau zu sein. Das hatte sie recherchiert, nachdem sie versucht hatte, mit ihm Kontakt aufzunehmen.

Ihre Mutter hatte vor Lola nie verheimlicht, dass sie adoptiert war, aber sie hatte sie auch nicht dazu ermutigt, ihre leibliche Familie zu suchen. Vielleicht aus Loyalität gegenüber der Frau, die sie großgezogen hatte, hatte Lola es auch nie versucht.

Doch dann war Kelly Henderson an einem sonnigen Nachmittag im März gestorben, als die Welt um sie herum nach einer Zeit des Winterschlafs gerade wieder zu erwachen begann, und später, als Lola ihre persönlichen Sachen durchging, war sie auf einen Brief gestoßen, der in der ordentlichen Handschrift ihrer Mutter geschrieben und an Lola adressiert war. Darin drängte ihre Mutter sie, Kontakt zu ihrer leiblichen Familie aufzunehmen, und nannte ihr Einzelheiten zu ihrer Adoption, um ihr dabei zu helfen.

Zuerst hatte sie den Brief ignoriert, doch schließlich hatte ihre Neugier gesiegt.

Die Neugier und die Erkenntnis, dass sie ohne ihre Mutter keine Familie mehr hatte.

Ihr Adoptivvater war gegangen, als sie drei war, und weder Lola noch ihre Mutter hatten seitdem etwas von ihm gehört oder gesehen, und ihre Mutter hatte nie wieder geheiratet. Was Freunde anging, hatte Lola jede Menge davon, aber sie hatten nicht dauernd Kontakt. Manchmal hörten sie mehrere Wochen lang nichts voneinander. Und ein fester Freund war auch nicht in Sicht. Sie hatte schon ewig keine Verabredung mehr gehabt.

Sie hatte sich nie einsam gefühlt, doch nun wurde ihr klar, dass sie völlig allein auf der Welt war, und trotz ihrer Unabhängigkeit wurde die Versuchung, eine neue Familie zu finden, immer größer. Es war daher ein schwerer Schock für sie gewesen, als sie erfuhr, dass ihre beiden leiblichen Eltern tot waren. Ihre Mutter war an einer Hirnblutung gestorben, und ihr Vater war ein paar Jahre später bei einem tragischen Unfall ums Leben gekommen.

Es war eigenartig, um etwas zu trauern, das sie nie gekannt hatte, und sie machte sich Vorwürfe, dass sie nicht früher versucht hatte, Kontakt zu ihnen aufzunehmen.

Nigel und Annie Whitlock hatten jedoch einen Sohn. Daniel. Die Adoptionsagentur hatte versucht, ihn ausfindig zu machen, jedoch ohne Erfolg.

Durch eigene Nachforschungen hatte Lola so viel wie möglich über die Whitlocks herausgefunden und erfahren, dass die Familie ihres Vaters wohlhabend war. Zusätzlich zum Familienerbe war Nigel auch sehr erfolgreich an der Börse gewesen, und er und Annie hatten ein privilegiertes Leben in Oxfordshire geführt.

Ihr Sohn Daniel war ein talentierter Koch gewesen, der in Londoner Restaurants gearbeitet hatte, bis ein schwerer Skiunfall mit gerade mal Ende zwanzig zu einer Rückenmarksverletzung geführt hatte, die ihn von der Hüfte abwärts vollständig lähmte. Er hatte bis zum Tod seiner Eltern bei ihnen im Haus gewohnt, lebte nun aber mit seiner Frau in Norfolk.

Lola hatte versucht, ihn online aufzuspüren, und ihn auf Facebook gefunden. Sie wollte ihn kennenlernen, konnte sich aber kein richtiges Bild von ihm machen. Es gab ein paar Fotos von ihm auf Bergpisten, aus der Ferne aufgenommen, und ein weiteres, auf dem er mit einem anderen Mann in einem Lamborghini saß; beide posierten und grinsten breit in die Kamera, aber sie mussten alle vor dem Unfall entstanden sein. Abgesehen von ein paar Naturaufnahmen gab es nichts Aktuelles.

Sollte sie ihn in Ruhe lassen? Die Tatsache, dass er der Agentur nicht geantwortet hatte, deutete darauf hin, dass er keinen Kontakt zu ihr wollte. Aber was, wenn er ihre Nachricht gar nicht erhalten hatte?

Seit sie den Brief gelesen hatte, den ihre Mutter für sie hinterlassen hatte, war Lolas Neugier immer größer geworden. Ihre leiblichen Eltern mochten tot sein, aber Daniel, der vier Jahre älter war als Lola, würde ihr hoffentlich erklären können, warum sie zur Adoption freigegeben worden war. Außerdem gab ihr das Wissen, dass sie blutsverwandt waren, Hoffnung, dass sie vielleicht eine Beziehung aufbauen könnten. Da sie als Einzelkind aufgewachsen war, hatte sie sich oft gefragt, wie es wohl wäre, Geschwister zu haben. Die Vorstellung, einen Bruder zu haben, gefiel ihr.

Es dauerte über zwei Wochen, bis sie es endlich wagte, die Facebook-Nachricht zu senden, die sie dutzende Male getippt, umformuliert und wieder gelöscht hatte.

Sie konnte sich nicht einmal sicher sein, ob sie den richtigen Daniel Whitlock angeschrieben hatte, obwohl der gelbe Lamborghini, in dem er in dem Facebook-Post zu sehen war, auch in einem Zeitungsartikel über seinen Vater aufgetaucht war – dort stand er vor dem Haus der Familie. Es war ein unverwechselbares Auto, also musste es dasselbe sein.

Nachdem sie eine weitere Woche lang ignoriert worden war, hatte sie den Mut aufgebracht, es noch einmal zu versuchen.

Die Antwort, die sie erhielt, war niederschmetternd und abweisender als erwartet.

Sehr geehrte Miss Henderson, vielen Dank für Ihre Nachricht. Ich bin tatsächlich der richtige Daniel Whitlock. Ich verstehe zwar Ihre Neugier, doch es sind viele Jahre vergangen, und um ganz offen zu sein, habe ich zu diesem Zeitpunkt in meinem Leben kein Interesse daran, eine Beziehung mit Ihnen aufzubauen. Ich wünsche Ihnen alles Gute für die Zukunft.
Daniel

Formal, knapp und höflich. Seine abweisende Art überraschte und schockierte sie zugleich.

Lola war sich nicht ganz sicher, was sie erwartet hatte, und ärgerte sich über sich selbst, dass sie sich nicht besser vorbereitet hatte.

War seine Ablehnung darauf zurückzuführen, dass er befürchtete, sie könnte hinter seinem Geld her sein? Sie nahm an, dass er der alleinige Erbe des Familienvermögens war.

Sie konnte sich vorstellen, wie das wirken musste. Die lange verschollene Schwester eines reichen Mannes taucht plötzlich auf.

Sie hatte nie auf seine deutliche Nachricht geantwortet, doch seine Worte gingen ihr nicht aus dem Kopf, und es nagte weiter an ihr, dass sie ohne seine Hilfe niemals etwas über ihre leibliche Familie erfahren würde.

Sie fragte sich nicht zum ersten Mal, ob er vielleicht einlenken und einem einzigen Treffen mit ihr zustimmen würde, wenn er wüsste, dass sie sich in der Nähe von Norfolk aufhielt. Vielleicht gab es ja einen „Costa“ in der Nähe, wo sie sich auf einen kurzen Kaffee treffen konnten. Es war einen Versuch wert, oder?

Nachdem sie zwanzig Minuten damit verbracht hatte, in Gedanken eine weitere Nachricht an ihn zu formulieren, während sie versuchte, sich auf ihr Buch zu konzentrieren, legte sie den Kindle beiseite, holte ihr Handy hervor und öffnete Messenger.

Lieber Daniel, ich verstehe, dass du keine Beziehung zu mir wünschst, aber du bist meine einzige Möglichkeit, etwas über unsere Eltern zu erfahren. Ich arbeite in den nächsten Tagen in der Gegend von Norfolk. Würdest du bitte in Erwägung ziehen, mich auf einen Kaffee zu treffen? Ich verspreche dir: Wenn du mir eine Stunde deiner Zeit schenkst, werde ich deine Wünsche respektieren und mich nie wieder bei dir melden. 
Lola

Sie zögerte, bevor sie auf „Senden“ drückte, war sich aber sicher, dass sie nun alles getan hatte, was in ihrer Macht stand. Sollte er nicht antworten oder ihr erneut eine Absage erteilen, würde sie ihre Vergangenheit hinter sich lassen müssen.

Fest entschlossen, nicht ständig zu überprüfen, ob er geantwortet hatte, steckte sie ihr Handy weg und nahm ihren Kindle wieder zur Hand. Dabei ignorierte sie das geschäftige Treiben um sie herum, als der Zug in den Bahnhof von Stockport einfuhr, einige Pendler ausstiegen und mehrere neue Fahrgäste einstiegen.

Der Zug nahm gerade Fahrt auf, als sie das seltsame Gefühl hatte, beobachtet zu werden.

Sie sah von ihrem Buch auf und traf den Blick des Mannes, der ihr zugewandt ein paar Reihen vor ihr saß.

Als er merkte, dass sie ihn gesehen hatte, lächelte er zögerlich, und Lolas Augen weiteten sich, als sie ihn erkannte.

Quinn Mallory.

Was um alles in der Welt tat er hier?

Kapitel 2

Nach ihrem letzten Treffen hatte Lola nicht damit gerechnet, Quinn jemals wiederzusehen.

Dieser Tag war ihr immer noch deutlich in Erinnerung, obwohl er schon vier Jahre zurücklag, und sie erinnerte sich an jedes gesprochene Wort, daran, wie sie sich völlig verrannt hatte. Das war wohl ihre Art gewesen, mit dem Trauma umzugehen. Auch erinnerte sie sich an diesen letzten Blick, den Quinn ihr zugeworfen hatte – teils Wut, teils Frustration und viel zu viel Mitleid, als dass sie damit hätte umgehen können –, bevor er die Wohnungstür hinter sich schloss, die sie gemeinsam bewohnt hatten; dieser Blick verfolgte sie noch immer.

Nun saß er hier im Zug in Richtung Ely. Vielleicht stieg er früher aus, oder er fuhr bis Norwich weiter. So oder so wusste sie nicht recht, wie sie reagieren sollte.

Er offenbar schon, wahrscheinlich weil er den Vorteil hatte, sie zuerst gesehen zu haben, denn er stand gerade von seinem Platz auf und kam auf sie zu. Lolas Herz begann zu rasen, drohte ihr aus der Brust zu springen, ihre Handflächen wurden feucht und ihr Körper fühlte sich zu heiß an. Alle Gedanken an Daniel Whitlock und die Nachricht, die sie ihm geschickt hatte, verschwanden aus ihrem Kopf.

Sie hielt sich nicht für eine nervöse Frau, und normalerweise reagierte sie gelassen und schnell auf unerwartete Herausforderungen, doch hier ging es um Quinn, der sie in ihren schlimmsten Momenten gesehen hatte, als sie am schwächsten und verletzlichsten gewesen war. Er war der einzige Mann, den sie jemals wirklich geliebt hatte, doch sie hatte ihn vertrieben.

„Lola. Ich hätte nicht erwartet, dich hier zu sehen.“

Geht mir genauso, Quinn. Geht mir genauso.

Sie hatte sich oft gefragt, wie er reagieren würde, wenn sie sich wieder über den Weg laufen würden. Würde er ihr immer noch böse sein wegen der Art und Weise, wie alles geendet hatte, oder würde eine gewisse Unbeholfenheit zwischen ihnen herrschen; eine Distanz, die sie trotz der Intimität, die sie einst geteilt hatten, zu Fremden machte?

Irgendwie war der Gedanke daran schlimmer, als wenn er wütend wäre.

Er schien es jedenfalls nicht zu sein. Überrascht, sicherlich, aber eher positiv überrascht.

Vier Jahre. Und er hatte sich kaum verändert.

Wie alt war er jetzt? Fünfunddreißig? Zwei Jahre jünger als sie.

Sein glattes Haar, das nur ein paar Nuancen heller als schwarz war, wies keine grauen Strähnen auf. Es war etwas länger, als sie es in Erinnerung hatte, und reichte fast bis zum Kragen seiner Jacke, aber er war noch nie besonders gut darin gewesen, regelmäßig zum Friseur zu gehen.

Und er hatte eine gesunde Bräune. Eine, die die wenigen Sommersprossen auf seiner Nase zum Vorschein brachte. War er kürzlich im Ausland gewesen? Vielleicht im Urlaub mit seiner Freundin – oder sogar seiner Frau.

Lola widerstand der Versuchung, einen verräterischen Ring an seinem Finger zu suchen, und schaffte es stattdessen, ihre Aufmerksamkeit auf sein Gesicht zu richten.

Das einzige Anzeichen dafür, dass jetzt etwas anders war, lag in seinen Augen. Der Funke der Jugend war erloschen, und sein dunkler Blick, der den ihren hielt, wirkte älter, ein wenig abgeklärter und erinnerte sie daran, dass er schon einiges erlebt hatte.

Anderen wäre das wohl nicht aufgefallen, doch sie kannte ihn von davor und danach, und sie verstand ihn, denn sie hatte dasselbe durchgemacht.

„Wohin fährst du?“, fragte er sie nun.

„Nach Ely“, antwortete sie und fand ihre Stimme wieder.

„Wirklich? Ich auch.“

Nun, das könnte unangenehm werden. Über drei Stunden zusammen in einem Zug festsitzen.

„Ich muss arbeiten“, platzte es aus ihr heraus.

„Drei Tage vor Weihnachten?“ Quinn rümpfte die Nase. „Das ist ja nervig.“

Lola brachte ein Lachen zustande und war erleichtert, dass es locker und natürlich klang, statt gezwungen, wie es sich anfühlte. Jeder Muskel ihres Körpers war angespannt. Das war nicht Quinns Schuld. Dies kam einfach so unerwartet. „Das kann man so sagen“, stimmte sie zu. „Er ist nicht gerade der einfachste Kunde.“

„Arbeitest du immer noch freiberuflich?“

Sie nickte. „Seit sechs Jahren schon.

„Und bist du immer noch froh, dass du diesen Schritt gewagt hast?“

„Ja, das bin ich.“

Es gab Tage, an denen sie von ihrem Job frustriert war, aber im Großen und Ganzen liebte sie ihn, und die Selbstständigkeit gab ihr so viel mehr Freiheit. Als ihre Mutter krank geworden war, hatte sie ihre Aufgaben organisieren können und oft bis spät in die Nacht gearbeitet, damit sie für die vielen Arzttermine Zeit hatte.

„Ich bin stolz auf dich, Lola. Das war ein großer Schritt.“

Quinns Augen strahlten vor aufrichtigem Stolz, und als sie sich bei ihm bedankte, regte sich tief in ihrem Innersten eine unerwartete Sehnsucht nach dem, was sie einst gehabt, aber verloren hatten.

Er hatte ihre Karriere stets unterstützt und ihr immer wieder versichert, dass sie gut genug sei und Besseres verdiene.

Als Lola ihn kennengelernt hatte, arbeitete sie für eine Marketingagentur. Zwar hatte ihr die Tätigkeit Spaß gemacht – die Zusammenarbeit mit verschiedenen Unternehmen, das Erstellen von deren Websites und der aktive Umsatzanstieg durch digitales Marketing –, doch ihre Vorgesetzten waren, wie Quinn es ausdrückte, „Ausbeuter“, die lange Arbeitszeiten für ein unterdurchschnittliches Gehalt erwarteten, während sie Beförderungen in Aussicht stellten, die sich nie zu verwirklichen schienen.

Dank seiner Unterstützung und Ermutigung – er hatte ihr klargemacht, dass sie die nötigen Fähigkeiten bereits besaß – hatte sie sich selbstständig gemacht. Anfangs war es beängstigend gewesen, doch nun wusste Lola, dass es die beste Entscheidung war, die sie je getroffen hatte.

„Bist du noch bei der Polizei?“, fragte sie nun, teils aus Höflichkeit, schließlich hatte er bisher alle Fragen gestellt, aber auch aus Neugier.

Quinn nickte. „Ich habe letztes Jahr meine Prüfung zum Sergeant bestanden.“

„Wirklich? Das ist großartig.“ Lola freute sich aufrichtig für ihn. „Und was machst du heute in Ely? Bist du beruflich dort?“

„Nein. Ich nehme einen Anschlusszug nach Cambridge. Chloe und Darren wohnen jetzt dort. Sie verreisen über Weihnachten, deshalb fahre ich hin, um sie noch zu besuchen, bevor sie losfahren.“

„Bitte grüß Chloe von mir. Wo fahren sie hin?“

Chloe war Quinns jüngere Schwester, und Lola hatte sie schon immer gern gehabt, auch wenn sie persönlich der Meinung war, dass Chloe etwas Besseres als Darren finden könnte, der ein ziemlicher Sexist war. Sie wusste, dass Quinn ebenfalls kein Fan von ihm war.

Sie beobachtete, wie er nun zögerte und sein Blick kurz auf den leeren Platz neben ihr huschte.

„Ich kann meine Tasche holen und mich zu dir setzen“, schlug er vor, anstatt ihre Frage zu beantworten. „Dann können wir uns besser unterhalten.“

Ein Ausdruck der Besorgnis musste über Lolas Gesicht gehuscht sein, denn er ruderte schnell zurück.

„Aber du hast ja gerade gelesen. Ich möchte dich nicht stören.“

Das tat er nicht. Und ja, sie war zunächst in Panik geraten, als sie ihn erkannt hatte, aber so schwierig war das doch eigentlich gar nicht, oder? Sie gingen höflich miteinander um. Sogar freundlich. Es war gut, die Vergangenheit hinter sich zu lassen.

„Nein, ich würde mich freuen“, sagte sie, schenkte ihm das strahlendste Lächeln, das sie zustande brachte, und rutschte auf den Fensterplatz, um zu zeigen, dass sie es ernst meinte.

Wenige Augenblicke später schob Quinn seine Reisetasche in das Gepäckfach neben ihrem eigenen Gepäck und ließ sich auf den Sitz neben ihr fallen.

Aus dieser Nähe drang ihr der vertraute Duft seines Aftershaves in die Nase, und die Wärme seines Arms an ihrem weckte Erinnerungen an eine Zeit, in die sie sich oft zurückwünschte.

Bevor alles den Bach runterging. Vor all dem Schmerz.

Er war der einzige Mann, den sie je geliebt hatte. Und ihr wurde nun klar, dass sie ihn trotz allem immer noch liebte.

Doch die Chance war vertan. Sie hatten beide ihr Leben weitergelebt. Zweifellos war Quinn mittlerweile mit einer anderen Frau zusammen. Im Laufe der nächsten paar Stunden würde sie es wohl herausfinden, und die Tür zu dem, was auch immer sie gerade empfand – sie wollte nicht so kühn sein, es Hoffnung zu nennen –, würde sich endgültig schließen.

Das wäre wohl das Beste.

Zu zeigen, dass sie gut miteinander auskommen könnten, war eine Sache, doch es war zu viel geschehen, und es hatte das zerstört, was sie einst gewesen waren. Das ungeborene Kind, das sie verloren hatten, hatte den Todesstoß für ihre Beziehung bedeutet.

Es war zu spät, um alles rückgängig zu machen.

Kapitel 3

Sie haben eine Schwester.

Ich erinnere mich, wie ich die E-Mail der Adoptionsagentur las und völlig bewegungslos auf den Bildschirm starrte. Mein erster Gedanke war: Das kommt unerwartet. Doch dann stieg Ärger in mir auf, der sich schnell in Wut verwandelte.

Ich wusste alles über sie. Sie war das uneheliche Kind, das weggegeben worden war – das schmutzige Geheimnis der verbotenen Affäre ihrer Mutter, das die Familie beinahe auseinandergerissen hätte. Aber warum zum Teufel meldete sie sich gerade jetzt?

Die Tränen, die mir beim Lesen dieser Nachricht in die Augen stiegen, waren Tränen der Frustration, nicht der Freude. Nach allem, was geschehen war, nach allem, was wir getan hatten – wie groß war da die Wahrscheinlichkeit, dass sie sich melden würde?

Lola Henderson musste wieder verschwinden, und ich hoffte, dass sie den Wink verstehen würde, wenn ich die Adoptionsagentur ignorierte, doch stattdessen schrieb sie eine Woche später über Facebook Messenger wie eine durchgedrehte Stalkerin.

Mir stieg die Galle in die Kehle, als die Meldung kam, dass sie eine Nachricht geschickt hatte.

Zunächst antwortete ich nicht, doch sie war hartnäckig, und obwohl ich mich nicht mit ihr unterhalten wollte, wurde mir schließlich klar, dass ich keine andere Wahl hatte, als zu antworten, wenn ich wollte, dass sie uns in Ruhe ließ.

Ich sagte ihr höflich, sie solle sich verpissen, in der Hoffnung, dass damit die Sache erledigt wäre. Doch nein, sie hat gerade erneut geschrieben. Anscheinend ist sie in der Nähe von Norfolk und möchte sich mit mir treffen.

Allein bei dem Gedanken bricht mir der Schweiß aus.

Versteht diese dumme Frau denn keinen Wink mit dem Zaunpfahl?

Ich bin versucht, sie erneut zu ignorieren, aber was, wenn sie unsere Adresse hat? Ich möchte nicht, dass sie ungebeten hier auftaucht.

Da ich mir nicht sicher bin, was ich tun soll, verbringe ich einige Zeit damit, sie zu googeln. Das hatte ich bereits kurz nach Nachricht der Agentur getan und weiß daher, dass sie in Manchester lebt, doch nun gehe ich bei meiner Recherche gründlicher vor.

Sie hat eine Website namens „Click and Bloom“, auf der sie eine Reihe digitaler Dienstleistungen anbietet, von der Gestaltung von Websites bis hin zum Online-Marketing, und gemäß ihrer Biografie hat sie 2010 ihren Abschluss an der Lincoln University gemacht. Damit wäre sie – sofern meine Berechnungen stimmen – etwa siebenunddreißig Jahre alt. Das Alter würde passen. Und ihr Beruf lässt darauf schließen, dass sie technisch versiert ist. Sie findet uns, wenn sie es darauf anlegt.

Ihre Instagram- und Facebook-Konten zeigen, dass sie Katzen und einen großen Freundeskreis hat und dass sie Musikfestivals mag, gemessen an der Anzahl der Bilder, auf denen sie getaggt wurde. Eine Nahaufnahme lässt keinen Zweifel daran, dass sie eine Whitlock ist. Die großen, mandelförmigen Augen, die kantige Kinnlinie und die hohen Wangenknochen verraten es. Die Haarfarbe ist allerdings anders. Ihre ist eher aschbraun. Das ist das Unauffälligste an ihr.

Es gibt nur eine weitere Person namens Henderson, mit der sie in Verbindung steht, und das ist Kelly Henderson. Ein kurzer Blick auf ihr Facebook-Profil verrät mir, dass Kelly Lolas Adoptivmutter ist, und den wenigen mitfühlenden Kommentaren an ihrer Pinnwand nach zu urteilen, ist sie kürzlich verstorben. Das erklärt wohl, warum Lola plötzlich so entschlossen ist, Kontakt aufzunehmen.

Es beunruhigt mich, dass sie, nun da sie in der Nähe ist, versucht sein könnte, vor unserer Haustür aufzutauchen, und als ich mein iPad zuklappe, kommt mir eine Idee, und ich frage mich, ob es vielleicht einen Weg gibt, ihre Neugier zu befriedigen.

Sie hat um ein einziges Treffen gebeten – eine Gelegenheit, Fragen zu stellen und damit einen Schlussstrich zu ziehen.

Kann ich ihr das gewähren?

Wenn ja, wird sie endgültig aus unserem Leben verschwinden.

Allerdings nicht in einem Café. Ich kann ihr erklären, dass das aufgrund von eingeschränkter Mobilität nicht einfach ist, besonders bei schlechtem Wetter. Am besten ist es, wenn sie zu uns nach Hause kommt.

Hier im Midwinter Manor gibt es viele Geheimnisse. Es ist ein großes Anwesen, vielleicht sogar einschüchternd für diejenigen, die sich hier nicht auskennen, mit seinem Labyrinth aus Fluren, großen Räumen und dunklen Ecken.

Die Leute denken wahrscheinlich, wir seien verrückt gewesen, in ein Haus aus den späten 1700er-Jahren zu ziehen, das so abgeschieden von allem liegt. Aber genau so gefällt es mir. Dieser Ort strahlt eine Stille aus, auch wenn es knarrt und hallt, und zugleich eine gewisse Erhabenheit. Obwohl wir einige Dinge modernisiert haben, bleibt die Geschichte in den breiten, offenen Kaminen erhalten, die im Winter so gemütlich sind, wenn sie befeuert werden, ebenso wie in den fein geschnitzten Deckenrosetten und den holzgetäfelten Wänden. Wenn sie sprechen könnten – und ich glaube oft, dass sie zu uns flüstern –, würden sie sagen, dass sie einiges gesehen haben, dass das Haus jedoch seit Jahrhunderten steht und wir hier sicher sind, versteckt vor neugierigen Blicken.

Lolas Besuch wird nur von kurzer Dauer sein. Dafür werde ich sorgen.

Aber lasse ich mich vielleicht zu sehr mitreißen, wenn ich denke, dies sei eine gute Idee, obwohl es in Wahrheit meine Vorfreude auf Weihnachten trübt? Es ist ein Fest, das ich liebe, und mehrere Räume im Erdgeschoss sind bereits mit Weihnachtsbäumen und Girlanden geschmückt, und am Weihnachtstag erwartet uns ein üppiges Festmahl.

Ich bin ein Heuchler, denn ich bin nicht besonders religiös, aber angesichts unserer Sünden ist das wohl auch besser so.

Ich beschließe, noch einmal gründlich über Lolas Besuch nachzudenken, lehne mich in meinem Stuhl zurück und versuche, die Anspannung aus meinen Schultern zu rollen, während ich mein iPad gegen die Tasse Kaffee auf dem Tisch tausche. Als ich einen Schluck nehme und feststelle, dass ich ihn zu lange stehen gelassen habe und das Wasser nun lauwarm ist, bin ich versucht, ihn gegen etwas Stärkeres auszutauschen, um meine Nerven zu beruhigen.

Ich habe so hart für alles gearbeitet, was wir haben, und ich werde alles Notwendige tun, um sicherzustellen, dass wir es behalten.

Kapitel 4

Lola und Quinn hatten das Baby nicht geplant. Sie waren seit etwas mehr als einem Jahr ein Paar und waren erst einen Monat zuvor zusammengezogen. Als Lola schwanger wurde, waren beide zunächst geschockt, doch dieser Schock wich schnell einer freudigen Überraschung, und als sie sich an den Gedanken gewöhnt hatten, freuten sie sich darauf, bald Eltern zu werden.

Sie würden das schon hinbekommen. Lolas Unternehmen steckte zwar noch in den Kinderschuhen, aber zumindest konnte sie flexibel von zu Hause aus arbeiten, und Quinn arbeitete im Schichtdienst, was bedeutete, dass er an seinen freien Tagen die Betreuung übernehmen konnte, damit sie ihre Buchhaltung auf den neuesten Stand bringen konnte. Ihre Eltern, die sich auf ein Enkelkind freuten, hatten ebenfalls ihre Hilfe angeboten.

In der 36. Woche waren sie bestens vorbereitet: Das Gästezimmer in ihrer Mietwohnung war mit einem Kinderbett und allem ausgestattet, was sie für ihren neuen Sohn oder ihre neue Tochter benötigen würden.

In der 37. Woche bemerkte Lola, dass das Baby aufgehört hatte zu strampeln. Drei Tage später, nachdem eine Ultraschalluntersuchung ergeben hatte, dass das Herz des Babys nicht mehr schlug, musste sie eine Einleitung der Wehen über sich ergehen lassen und brachte ihren totgeborenen Sohn zur Welt.

Quinn hatte an jenem Tag geweint, als er den kleinen Jungen im Arm hielt, den sie Milo genannt hatten, doch Lola – vor Schock wie betäubt – hatte keine einzige Träne vergießen können, und während sie in den folgenden Wochen ihre Pflichten mechanisch erfüllte – die Beileidsbesuche, die Beerdigung und die anschließenden Arzttermine –, hatte sie sich von ihrem eigenen Körper losgelöst gefühlt, wie eine Außenseiterin, die aus der Ferne zusah und auf Autopilot funktionierte. Ihr Verhalten hatte Schuldgefühle in ihr ausgelöst, da sie wusste, dass dies für eine trauernde Mutter nicht normal war.

Eine Therapie hatte nicht geholfen, und in den folgenden Monaten wurde ihr bewusst, dass Quinn immer unzufriedener mit ihr wurde. Er hatte sein Bestes versucht, die Scherben ihres Lebens wieder zusammenzufügen, um sie voranzubringen, doch obwohl Lola dies ebenfalls wollte, fühlte sie sich wie in der Zeit erstarrt; und obwohl sie sich dessen bewusst war und damit aufhören wollte, hatte sie ihn nach und nach aus ihrem Leben ausgeschlossen.

Sieben Monate nach Milos Tod war Quinn ausgezogen, da ihm klar geworden war, dass ihre Beziehung keine Zukunft mehr hatte, und zwei Wochen später, als sie das Kinderzimmer – einen Raum, der verschlossen geblieben war – ausräumte, entschlossen, einen Neuanfang zu wagen, brach Lola schließlich zusammen. Die tiefe Verzweiflung in ihrem Innersten schwand, als sie sich endlich mit dem Geschehenen abgefunden hatte.

Ihre Mutter hatte sich in dieser Zeit nicht gerade von ihrer besten Seite gezeigt. Auch Kelly Henderson fiel es schwer, ihre Gefühle auszudrücken, und sie gab Quinn für alles die Schuld. So war es einfacher.

Eine Zeit lang war Lola schrecklich einsam gewesen und hatte Mühe, mit all dem Geschehenen fertig zu werden, während sie gleichzeitig versuchte, ihr Geschäft am Laufen zu halten. Schließlich waren die Kosten für die Wohnung zu hoch geworden, als dass sie sie hätte tragen können, und sie war gezwungen gewesen, wieder zu ihrer Mutter zu ziehen.

Es hatte lange gedauert, doch schließlich war es Lola gelungen, die zerbrochenen Teile so gut es ging wieder zusammenzusetzen, und als sie nun hier mit Quinn zusammensaß, hatte sie das Gefühl, dass sich für die beiden der Kreis endlich geschlossen hatte.

Sie hatte nie aufgehört, ihn zu lieben, und vermutete, dass er immer der Richtige sein würde, doch selbst nachdem sie versucht hatte, ihr Leben wieder in den Griff zu bekommen, brachte sie es nicht über sich, den ersten Schritt zu machen.

Nachdem Quinn gegangen war, hatte er den Kontakt abgebrochen. Zumindest hatte sie das geglaubt.

Erst als ihre Mutter auf dem Sterbebett lag, hatte diese ihr offenbart, dass er in Kontakt geblieben war – ohne Lola direkt anschreiben zu wollen, da er wusste, dass dies sie aufregen könnte, aber er hatte sich nach ihrer Trennung noch mindestens ein Jahr lang nach ihr erkundigt.

Kelly Henderson hatte ihre Beziehung nie gutgeheißen, und Lola hatte schon lange vermutet, dass dies daran lag, dass ihr eigener Ehemann sie verlassen hatte. Kelly misstraute Männern, da sie davon ausging, dass sie alle gleich seien, und sie war stets davon überzeugt gewesen, dass Quinn ihre Tochter irgendwann enttäuschen würde.

Ob es nun Schuldgefühle waren oder vielleicht die Sorge, im Jenseits bestraft zu werden – sie hatte letztendlich die Wahrheit gebeichtet, und Lola war zwischen Wut und Frustration hin- und hergerissen gewesen. Es war zu wenig und kam zu spät, doch wie hätte sie ihrer Mutter böse sein können, wo doch so wenig Zeit übrig war? Was Quinn betraf, so kam es ihr zu spät vor. So viel Zeit war vergangen.

Als sie ihn im Zug gesehen hatte, war sie verlegen und nervös gewesen, und der Gedanke, die nächsten paar Stunden mit ihm eingesperrt zu sein, hatte ihr eine Gänsehaut bereitet. Nun verstand sie, dass diese erzwungene Nähe etwas Gutes war. Die beiden befanden sich in einer Umgebung ohne weitere Ablenkungen, und schließlich blieb ihnen nichts anderes übrig, als miteinander zu sprechen. Etwas, das sie vielleicht schon vor langer Zeit hätten tun sollen. Und während sie sich unterhielten – seine Vertrautheit beruhigte sie und ließ sie erkennen, wie sehr sie ihn vermisst hatte –, begann sie sich zu fragen, ob dies Schicksal sei.

Oder vielleicht göttliche Fügung?

Das war die törichte Denkweise der naiven Lola.

Die ernsthafte, logisch denkende Lola wusste, dass dies eine lächerliche Vorstellung war. Dass dies nichts weiter als ein Zufall war, und obwohl Quinns Ringfinger ungeschmückt war – sie hatte schließlich der Versuchung nachgegeben, einen Blick darauf zu werfen –, bedeutete das nicht, dass nicht doch eine Freundin in Stockport auf ihn wartete.

Dennoch musste sie es mit Sicherheit wissen.

„Also, was hast du an Weihnachten vor?“, wagte sie schließlich zu fragen, in der Hoffnung, dass er das leichte Zittern in ihrer Stimme nicht bemerkte.

Es störte sie, dass seine Antwort ihr so viel bedeutete. Sie war nie eine Frau gewesen, die Männern hinterhergeschmachtet hatte, und früher war ihre Beziehung zu Quinn sehr ausgeglichen gewesen.

„Ich fahre zu meiner Mutter und meinem Vater. Kyle und Josie werden auch da sein, wir werden also zu sechst sein.“

„Sechs?“

Kyle war Quinns älterer Bruder, und Josie seine Frau. Doch wer war die sechste Person?

Lola holte tief Luft, um sich zu wappnen, und wartete auf die Antwort.

„Elsie“, sagte Quinn lächelnd. „Ich habe ganz vergessen, dass du sie noch nicht kennengelernt hast. Josie wurde schwanger im Herbst nach …“ Er verstummte, als ihm bewusst wurde, was er gerade gesagt hatte.

Dass Kyle und Josie Glück gehabt hatten.

Obwohl ihr Herz einen Moment schwer wurde, erinnerte sich Lola daran, dass es ihr jetzt besser ging.

Quinn wusste das jedoch nicht, und obwohl ihr Lächeln ins Wanken geriet, griff sie nach seiner Hand und drückte sie beruhigend – die plötzliche Sehnsucht nach dem, was sie einst gehabt hatten, war fast so stark wie die Liebe, die sie für das Kind empfand, das sie verloren hatten.

Als sich seine warmen Finger um ihre schlossen – so tröstlich, dass sie warme und tiefe Erinnerungen weckten –, nahm sie all ihren Mut zusammen, um die Frage zu stellen.

„Du fährst also allein hin?“

Sie versuchte, es so beiläufig wie möglich zu formulieren.

Ob Quinn wusste, worauf sie anspielte, oder nicht, ließ er sich nicht anmerken. Er nickte. „Ja, das werde ich.“ Doch dann neigte er den Kopf zur Seite, sah sie an, seine dunklen Augen trafen ihren Blick, und fügte hinzu: „Es gibt niemanden sonst, Lola.“

***

Als der Zug in den Bahnhof rollte, bot sich ihr ein Blick auf den Yachthafen am Fluss, wo die tief stehende Wintersonne auf dem Wasser glitzerte, und in der Ferne konnte Lola die Kathedrale erkennen.

Sie war noch nie zuvor in Ely gewesen und wusste lediglich, dass es eine der kleinsten Städte Englands war. Nun konnte sie auch sehen, wie schön es hier war. Allerdings würde sie wohl kaum Zeit haben, den Ort zu erkunden.

„Willst du morgen mit mir zu Abend essen?“

Quinn stellte die Frage, kurz nachdem sie aus dem Zug ausgestiegen waren. Sie standen auf dem Bahnsteig und wollten sich gerade voneinander verabschieden, während ein bitterkalter Wind um sie herumheulte – Lola wollte zu ihrem Hotel, und Quinn würde in Kürze seinen Anschlusszug nach Cambridge nehmen.

Als sie ihn überrascht ansah, weil er diese Frage stellte, sprudelten die Worte nur so aus ihm heraus, während er versuchte, sie zu überreden.

„Wir haben uns seit vier Jahren nicht mehr gesehen. Ich weiß, wir saßen gerade im Zug zusammen, aber es gibt noch so viel zu sagen. Ich bin noch nicht bereit, mich schon wieder zu verabschieden. Noch nicht.“

Lola war es auch nicht, aber sie musste pragmatisch sein.

„Ich dachte, du fährst morgen früh zurück in den Norden?“, erinnerte sie ihn. „Ich sitze hier bis Heiligabend fest.“

„Ich kann meinen Zug umbuchen und mir für die Nacht ein Zimmer in Ely nehmen.“

Er wirkte hoffnungsvoll, und Lola überlegte, wie ihr Zeitplan aussah. Gab es eine Möglichkeit, alles unter einen Hut zu bringen?

Morgen würde sie den größten Teil des Tages in einer Besprechung mit Rich Bradford sitzen, danach wollte sie sich eigentlich in ihrem Hotel entspannen und vielleicht etwas beim Zimmerservice bestellen. Es sei denn, sie würde von Daniel Whitlock hören. Am Mittwoch würde sie für ein Treffen keine Zeit haben, da am Vormittag weitere Besprechungen mit Rich anstanden und sie für den späten Nachmittag einen Zug zurück nach Manchester gebucht hatte. Daniel hatte wahrscheinlich ohnehin schon Pläne, schließlich war Weihnachten. Sie fragte sich, ob er Familie hatte. Sie wusste, dass er verheiratet war, aber hatte er auch Kinder?

Er war querschnittsgelähmt, und sie wusste nicht, wie weit sich das auf ihn auswirkte.

Außerdem könnte er ja auch unterwegs sein. Das würde erklären, warum sie noch keine Antwort von ihm erhalten hatte.

Sie hatte ihr Handy überprüft, als der Zug in den Bahnhof einfuhr, und war enttäuscht, als sie sah, dass ihre Nachricht noch nicht einmal gelesen worden war; sie hatte sich bereits damit abgefunden, dass sie wohl keine Antwort von ihm erhalten würde.

Das bedeutete allerdings, dass sie möglicherweise Zeit für ein Abendessen mit Quinn hatte. Und er hatte recht. Es gab noch mehr zu besprechen.

„Kann ich vorläufig zusagen?“, fragte sie und wünschte sich, sie könnte ihm eine verbindliche Antwort geben. „Ich möchte mich nicht festlegen, falls ich noch von meinem Bruder höre.“

„Natürlich“, sagte Quinn verständnisvoll.

Lola hatte ihm während ihrer Zugfahrt von Daniel erzählt. Quinn wusste schon seit Beginn ihrer Beziehung, dass Kelly Henderson Lolas Adoptivmutter gewesen war, und er verstand, wie wichtig das für sie war.

„Wie wäre es, wenn wir in Kontakt bleiben und du mir morgen sagst, wie deine Pläne aussehen?“, schlug er vor. „Du hast doch noch dieselbe Nummer, oder?“

„Ja, und du?“

Er nickte und beugte sich vor, um sie kurz zu umarmen und ihr einen zärtlichen Kuss auf die Wange zu geben. Seine Berührung und sein Duft waren so vertraut, so einladend, und für einen Moment wollte Lola diesen Moment einfach nur festhalten.

Doch dann trennten sich ihre Wege, und er schenkte ihr ein verschmitztes Lächeln.

„Pass gut auf dich auf, Lola.“

Den Satz hatte er oft verwendet, als sie noch zusammen waren. Eigentlich bei jeder Gelegenheit, bei der er nicht in der Nähe sein würde, sollte sie ihn brauchen.

Sie hatte das immer amüsant gefunden – sogar ein wenig altmodisch –, und ihn manchmal daran erinnert, dass sie sehr wohl auf sich selbst aufpassen könne, doch meistens tat sie das, was sie auch jetzt tat: Sie grinste ihn an und salutierte, bevor sie sich umdrehte und davonging.

Sie würde zwei Tage in einem Büro mit einem Mann verbringen, der ihr auf die Nerven ging, auch wenn er gut bezahlte. Quinn hatte nichts zu befürchten.