Leseprobe Das Geheimnis der Threadneedle Street

Prolog

Wie wunderbar seltsam, dass die Schönheit in so vielen unerwarteten Gestalten zu erscheinen vermag.

Ein Lächeln stahl sich auf seine Lippen, als der Mann – sein Gesicht von tiefen Furchen durchzogen und die Schultern so eingefallen und gekrümmt, dass sie ihn älter machten, als er in Wahrheit war – auf dem Pflaster innehielt, um den Blick zu der makellosen Mondsichel zu erheben und den Augenblick zu genießen.

„Ich vermute, das Geheimnis liegt in ihrer chamäleonartigen Natur“, sinnierte er laut den Sternen entgegen, die von dem schwarzsamtenen Himmel auf ihn herabblinzelten. Er hatte das exotische kleine Geschöpf aus den Tropen einst auf einer Wanderausstellung verschiedener Kuriositäten gesehen und war erstaunt gewesen über seine Fähigkeit, das Äußere seiner Umgebung anzupassen. „Denn ich bin zu der Erkenntnis gelangt, dass die Schönheit im Auge des Betrachters liegt.“

Ein Glucksen entrang sich seiner Kehle, das so rostig klang, als hätte es dort seit vielen Jahren festgesteckt. Das Lachen war ein Laut, der ihm nicht mehr leicht entwich. Viel zu lange hatte er an einem Ort geweilt, an dem man seine Empfindungen besser verborgen hielt.

Aber nun …

Ein weiteres Lächeln. Seine Gefühle erwachten allmählich wieder zum Leben.

Er atmete die kühle Nachtluft ein und genoss den süßen Duft der Gärten, die er zu pflegen half, ehe er das eiserne Tor hinter sich verschloss und nach Süden Richtung Threadneedle Street schlurfte, um seinen langen Heimweg anzutreten. Ein wehendes Rosenblatt, der Flug einer Biene von Pflanze zu Pflanze – er war zu der Einsicht gelangt, dass diesen kleinen Dingen des Alltags der Keim des Erhabenen innewohnte.

Die sanfte Brise liebkoste seine Wangen und das perlmuttgleiche Mondlicht wies seinen schlammigen Stiefeln einen Pfad über das Pflaster. Selbst die beißenden Ausdünstungen der Fäulnis, die aus den Gassen herüberwehten, weckten in ihm eine seltsame Dankbarkeit.

„Freiheit“, murmelte er. Zehn Jahre der Einsperrung in der dunklen, klammen Höhle einer Zelle ließen ihn jeden Sinneseindruck – selbst die minder angenehmen – als hohes Gut schätzen.

Er hielt erneut inne, um sein Glück zu ermessen. Frieden. Seine Tage und Nächte waren nun von gesegnetem Frieden erfüllt. Wenngleich das Jäten der Arzneibeete im Heilkräutergarten der London Institution eine Herausforderung für seine schmerzenden Knochen war, so lag etwas grundlegend Tröstliches darin, die Finger in die feuchte Erde zu senken und die mannigfaltigen Pflanzen zur Blüte zu erwecken.

Das Leben war kostbar …

Er zog eine Pfeife aus der Tasche seiner Jacke und schlug Funken an den Tabakrest in ihrem Kopf.

Während die blassen Rauchwolken in geschmeidigen Kringeln emporstiegen, lächelte er voller Ehrfurcht über all die kleinen Schönheiten, die ihm so lange entgangen waren. Er sah die Dinge nun mit ganz anderen Augen …

Ein abrupter Stoß von hinten riss ihn aus seinen Träumereien. Wankend wandte er sich um und spürte gleich darauf die Spitze eines Messers an seiner Kehle.

„Guter Mann, ich fürchte, Sie haben ein schlechtes Opfer gewählt“, sagte er. „Ich versichere Ihnen, ich besitze nichts von Wert. Doch verlangen Sie nach meinem Geldbeutel, der nicht mehr als ein paar Pence birgt, bedarf es keiner Gewalt. Er ist Ihrer.“

Als Antwort drang der geschärfte Stahl in sein Fleisch und ließ einen Tropfen Blut an seinem Hals perlen.

„Wo ist er?“, durchschnitt ein Knurren die Nacht.

Die sanfte Brise fühlte sich plötzlich wie ein eisiger Dolch an und jagte einen Schauer über seinen Rücken. Es gelang ihm jedoch, seine Regung hinter einem ratlosen Schulterzucken zu verbergen.

„Wer?“

Sein Angreifer drängte näher heran und überwältigte ihn mit einer Salve sekundenschneller Eindrücke – feinstes Tuch, glatt wie Seide; Piment-Rasierseife, reich an Würze; butterweiche Lederhandschuhe. „Spielen Sie nicht mit mir.“

Die Stimme glich der eines Teufels.

„Ich wiederhole die Frage. Wo. Ist. Er?“

Das Messer schnitt tiefer. Ein Blutrinnsal glitt nun seine Kehle hinab.

„Ich habe nicht die mindeste Ahnung“, antwortete er und gab jede Vortäuschung der Verwirrung auf. „Ich wurde in derselben Nacht verhaftet wie die übrigen meiner Freunde. Soviel ich weiß, wurde er mit den anderen gehängt oder an die Antipode deportiert.“ Er schloss kurz die Augen. „Oder er wurde, ebenso wie ich, in irgendeinem höllischen Arbeitshaus eingekerkert, um einem frühen Tode entgegenzufaulen.“

„Nein. Die Obrigkeit hat ihn nie gefunden. Und ich habe Grund zu der Annahme, dass Sie dabei geholfen haben, ihn verschwinden zu lassen.“

Er hatte sich stets gefragt, ob sein verzweifelter Plan von Erfolg gekrönt gewesen war – dies mochte der Beweis dafür sein. Der Gedanke entlockte ihm ein weiteres Glucksen, das weit weniger zögerlich klang als das erste. „Dann scheint es, er könnte überall sein.“

Die Antwort brachte ihm eine kräftige Ohrfeige ein.

„Glauben Sie, mich zum Narren halten zu können?“, knurrte der Teufel. „Er war ein verfluchtes Kind. Er hätte sich der Ergreifung nicht aus eigener Kraft entziehen können …“

„Ein Kind, womöglich, aber ein verdammt gescheites“, fiel er ihm ins Wort. „Er war klüger als die meisten Erwachsenen, die ihn umgaben.“

Als Antwort folgte ein übler Hieb in die Magengrube, doch er hatte im Laufe der Jahre so viel Prügel erlitten, dass der Schmerz schlicht über ihn hinwegspülte.

Der Angreifer packte ihn beim Haar und riss seinen Kopf empor. „Wissen Sie, wer ich bin?“

„Ich kann es mir denken.“ Der Mann hatte einst versehentlich belauscht, wie sich sein Bruder Archie mit dem Teufel und dessen Handlanger unterhielt. Archie war im Grunde ein guter Mensch gewesen, doch Ehrgeiz und Habsucht hatten die besseren Regungen seiner Natur erstickt und ihn dazu verführt, einen Bund mit dem Bösen einzugehen. „Sie sind der Drahtzieher hinter dem Betrug und den Lügen, die meine Familie ins Verderben gestürzt haben.“

„Sie wissen also, dass es nicht klug ist, meinen Zorn zu erregen“, erwiderte der Teufel. Dann, gleich einem Chamäleon, erweichte seine Miene und ließ ein schmeichelndes Lächeln aufblitzen. „Sagen Sie mir, was ich wissen will, und ich werde Sie ziehen lassen.“

Ha – ehe das geschieht, lernen Schweine das Fliegen, dachte der Mann. Es bestand nicht die geringste Aussicht, dass er dieser Begegnung lebend entkommen würde.

„Fahren Sie zur Hölle.“ Er hob das Kinn. „Ich werde meinem Schöpfer mit reinem Gewissen entgegentreten. Während Ihr gottverlassener Kadaver in der heißesten Grube roter Flammen braten wird, verdammt in alle Ewigkeit.“

Ein Lachen brach aus dem Teufel heraus und auf einmal schien die Luft vom Gestank von Schwefel und Rauch verpestet zu sein. „Sie sind doch wohl nicht so einfältig zu glauben, dass es tatsächlich einen Gott gäbe oder so etwas wie Recht und Unrecht?“

Der Mann erhob spöttisch die Hand. „Ich bin bloß ein einfacher Mann, kein Weltweiser, solche Dinge liegen daher außerhalb meines Begriffs. Was ich jedoch weiß, ist, dass Sie ihn ohne meine Hilfe niemals finden werden. So tun Sie, was Ihnen beliebt. Ich werde ohne Reue ins Grab sinken.“

Stille. Und dann ein leises Lachen. Das Messer blitzte im Mondlicht auf, seine Klinge bewegte sich rasch wie eine Schlange, als sie das Fleisch und die Sehnen an der Kehle des Mannes durchtrennte.

„Was nur beweist, dass mein Verstand dem Ihren weit überlegen ist.“ Der Teufel hockte sich neben den noch zuckenden Leib. „Wie sich zeigt, bedarf ich Ihrer mündlichen Hilfe gar nicht.“

Nachdem er einen Handschuh abgestreift hatte, griff er herab, bedacht darauf, seine wohlgepflegten Finger nicht mit Blut zu beschmutzen. „In Ihrem Trotz haben Sie mich soeben unwillkürlich daran erinnert, wie ich das verfluchte Balg finden kann.“

Kapitel 1

Charlotte, Gräfin von Wrexford, legte die Feder beiseite und betrachtete die halb vollendete Tuschezeichnung auf ihrem Schreibpult.

„Habe ich Wellingtons Nase auch wirklich gut getroffen?“, murmelte sie halblaut vor sich hin. Es war ja keineswegs so, als hätte sie das charakteristische Körperteil nicht bereits unzählige Male gezeichnet – man nannte den Herzog nicht ohne Grund „Großnase“, wenngleich Gott

bewahren möge, dass ihm dies jemand ins Gesicht sagte –, seit er vor etlichen Monaten nahe dem Dorfe Waterloo jenen folgenschweren Sieg über Napoleons Heer errungen hatte. Dennoch war Charlotte bemüht, eine Karikatur von ihm zu schaffen, auf der er ob der Possen der russischen Soldaten, die gemeinsam mit britischen und österreichischen Truppen unter seinem Oberbefehl Paris besetzt hielten, ebenso verdutzt wie entsetzt dreinschaute.

Wrexford hatte erst kürzlich ein Schreiben von einem Militärfreund erhalten, der derzeit in der französischen Hauptstadt stationiert war, und diesem hatte eine äußerst ergötzliche Skizze einer außergewöhnlichen „Rutschbahn“ beigelegen, welche die Truppen des Zaren Alexander zur freizeitlichen Belustigung errichtet hatten …

PENG!

Einen Augenblick lang ließ sie der Knall der Explosion vor Schreck erstarren. Doch dann war Charlotte wie der Blitz auf den Beinen und eilte die Treppe hinauf, die zum Schulzimmer führte.

McClellan – der Anstellung nach ihr Hausmädchen, vom gesamten Hausstand jedoch als inoffizielle Generalin des Anwesens am Berkeley Square anerkannt – war ihr zwei Stufen voraus.

„Ist das Rauch?“, keuchte Charlotte, als einige geisterhafte Dampfschwaden vom oberen Stockwerk herabwehten.

McClellans Antwort verhallte im Poltern ihrer Schritte … was auch besser war, denn die wenigen Worte, die Charlotte erhaschte, sollten niemals vor Kindern geäußert werden.

Nicht dass die Wiesel gewöhnliche Kinder wären …

„Verzeihung! Verzeihung! Kein Grund zur Unruhe!“, rief Raven, einer der drei Waisenjungen, die offiziell zu ihrer ungewöhnlichen Familie gehörten.

Doch der Anblick seines rußgeschwärzten Gesichts und die versengte Locke auf seiner Stirn, als sie und McClellan ins Schulzimmer stürzten, strafte diese Behauptung Lügen.

„Es war ganz allein meine Schuld“, sprudelte es aus Peregrine heraus. „Raven hat mich gewarnt, dass es keine gute Idee sei, zu prüfen, ob Kohlengas den Druck im Dampfkessel unseres mechanischen Pferdes erhöhen und es so dazu bringen könnte, schnell genug mit den Flügeln zu schlagen, um ein paar Zoll vom Boden abzuheben.“

„Stimmt gar nicht“, hielt Raven dagegen. „Ich war es, der vorgeschlagen hat, das Gas zu entzünden …“

Charlotte stieß einen Seufzer aus. „Ich weiß sehr wohl, wessen Idee es war!“

Beide Jungen starrten hinab auf ihre Stiefelspitzen.

„Aber es ist euch beiden unmissverständlich erklärt worden, dass Feuer im Hause strengstens untersagt ist, und zwar aus gutem Grund“, fuhr sie fort.

„Es war nur ein kleiner Funke“, begann Raven. „Nur eine kurze Probe, um zu ermitteln …“

„Nun, dann wird es auch nur eine kleine Strafe für die Übertretung der Hausordnung sein“, fiel ihm McClellan ins Wort. „Nur ein kurzes vierzehntägiges Verbot von Ingwerkeksen – und allen anderen Naschwerken.“

Raven und Peregrine blickten auf, die Augen vor Entsetzen geweitet. Harper, der wolfsgroße graue Jagdhund, der den Tumult verschlafen hatte, erwachte bei dem Wort Kekse und stieß von seinem Lieblingsplatz am Kamin ein leises, mitfühlendes Wuff aus.

„Und werft Mylady bloß keine unschuldigen Dackelblicke zu“, knurrte McClellan.

Charlotte biss sich auf die Lippe. Es stimmte, dass sie bei den Jungen schnell nachgiebig wurde.

„Ich erwarte, dass dieser Unrat im Nu aufgeräumt wird“, fügte das Hausmädchen hinzu. „Und danach meldet ihr euch bei Josiah in den Marställen und tretet eine Woche Ausmisten an.“

Raven und Peregrine lasen bereits die versengten Metallteile auf, die von dem kleinen mechanischen Pferd abgeplatzt waren.

„Komm in die Küche, wenn du fertig bist, damit ich dir die verbrannte Stirnlocke stutzen kann“, sagte McClellan zu Raven, als er an ihr vorbeischlurfte.

„Was haben sie sich nur dabei gedacht?“, fragte Charlotte und schüttelte bestürzt den Kopf, sobald die Jungen außer Hörweite waren. „Für gewöhnlich sind sie nicht so unbesonnen.“

„Sie kommen in ein Alter, in dem sie sich für unverwundbar halten“, erwiderte McClellan. Sie machte eine bedachte Pause. „Ich habe zufällig mitangehört, wie Raven Peregrine um Hilfe bat, ein mechanisches Pferd mit Flügeln als Geburtstagsgeschenk für Eddy zu bauen. Sie wissen ja, wie sehr sie von dem Gedanken an das Fliegen eingenommen ist und wie schwärmerisch sie davon spricht, wie ihre Tauben durch die Lüfte zu schweben.“ Ihre Augenbrauen zuckten kurz. „Wie es scheint, möchte er sie überraschen.“

„Ah.“ Charlotte spürte, wie ein reumütiges Lächeln ihre Lippen umspielte. Das Familienleben war im vergangenen Frühjahr noch verworrener geworden, als sich ein Geflecht von Geheimnissen um den Vater ihres Ehemannes, den verstorbenen Grafen, gelöst hatte – woraufhin Wrexford zu seiner Überwältigung erfuhr, dass er eine viel jüngere Halbschwester hatte, die ungefähr im selben Alter wie die Wiesel war.

Missverständnisse in der Vergangenheit hatten zu einem Zwist zwischen Vater und Sohn geführt, und es galt noch viele Verwicklungen und Fragen zu klären. Doch Eddylina – die bevorzugte, Eddy genannt zu werden – war von ihrer sterbenden Erzieherin an den Berkeley Square gebracht worden und lebte sich nun als vollwertiges Mitglied der Familie ein …

Glücklich, wie Charlotte hoffte. Peregrine und Hawk, der jüngste ihrer drei Jungen, hatten sogleich eine innige Verbindung zu dem Mädchen geknüpft. Ravens Verhältnis zu Eddy hingegen war nicht ganz so leicht zu durchschauen.

McClellan schien ihre Gedanken zu erraten. „Sorgen Sie sich nicht, Mylady. Ich gedenke, beide Strafen aufzuheben, sobald sie die heutige Plackerei in den Stallungen hinter sich haben. Aber es tut ihnen gut, ein wenig zu bangen, damit sie den Ernst ihrer Übertretung begreifen.“

„Womöglich könnte Tyler ihnen etwas Platz in dem Bereich von Wrex’ Laboratorium einräumen, wo die Steinplatten zum Schutz gegen Feuer verlegt wurden“, schlug Charlotte vor. Sie verstand Ravens Wunsch, eine eindrucksvolle Überraschung zu schaffen. Während ihrer letzten Ermittlung …

Rasch zwang sie sich in die Gegenwart zurück und weigerte sich, bei jener finsteren Zeit zu verweilen, als das Unheil hinter jeder Ecke zu lauern schien. Der bloße Gedanke daran, wie nahe sie und Wrexford daran vorbeigeschrammt waren, alles zu verlieren, was ihnen teuer war, ließ ihr das Blut in den Adern gefrieren …

„Ein vortrefflicher Einfall. Ich werde ihn umgehend darum bitten“, murmelte McClellan, während sie ihre tägliche Aufgabenliste aus der Tasche zog und darin zu lesen begann. „Nebenbei bemerkt, soll ich das Abendessen um eine halbe Stunde verschieben lassen? Mylord und Eddy sind zu einem Ritt im Hyde Park aufgebrochen, und da wir wissen, wie ungern dieser kleine Wirbelwind seine Liebe für das Galoppieren über die Reitpfade zügelt, werden sie gewiss spät zurückkehren.“ Sie blickte auf und verzog das Gesicht. „Cook hat angedroht, den Dienst zu kündigen, sollte noch ein einziger ihrer Festbraten zu Kohle verbrennen.“

„Gott bewahre, dass wir Cook auf die Füße treten“, murmelte Charlotte, deren Gedanken bereits bei wichtigeren Dingen weilten.

„Sie sind ihrer Crème brûlée doch sehr zugetan“, gab das Hausmädchen zu bedenken.

„Pragmatisch wie eh und je, Mac.“ Charlotte seufzte. Gehüllt in ihr Pseudonym A. J. Quill, Londons beliebtester satirischer Zeichner, schien sie über das unfehlbare Geschick zu verfügen, das Messer stets mitten ins Herz einer umstrittenen gesellschaftlichen Debatte oder eines Regierungsskandals zu stoßen, die das Wohl der Allgemeinheit betrafen. Doch das Bestreiten all der neuen Familiengefüge ließ sie mitunter an ihrem eigenen Urteilsvermögen zweifeln.

Da Wrexford ein Gelehrter der Naturwissenschaften war und die grundlegenden Wirkungskräfte des Kosmos verstand, würde er ihr womöglich eine vernünftige Erklärung dafür geben können, warum …

„Mylady?“ McClellan wippte mittlerweile ungeduldig mit dem Fuß. „Ist das nun ein Ja oder ein Nein?“

Teufel noch eins – das Grübeln wurde allmählich zu einer schlechten Angewohnheit. „Ohne Sie würde jeglicher Schein von Zucht und Ordnung in diesem Hause vollends zum Teufel gehen“, antwortete sie rasch. Ein weiteres Seufzen. „Was Sie als ein nachdrückliches Ja auslegen dürfen.“

„Gott sei Dank. Auch ich bin der Crème brûlée überaus zugetan.“

Charlotte blickte zur Uhr im Schulzimmer. „Ich tue wohl am besten daran, mit Ihnen hinunter in die Küche zu gehen. Hawk wird in Kürze von seiner Zeichenstunde heimkehren und da er den Großteil des Nachmittags in der London Institution verbracht hat, wird er dringend eine Stärkung brauchen, um die Zeit bis zum verschobenen Abendessen zu überstehen.“

Doch das Poltern von Schritten über die schwarz-weißen Fliesen der Eingangshalle verkündete, dass das jüngste Wiesel bereits eingetroffen war.

Lächelnd eilte Charlotte die Treppe hinab in den Hauptkorridor, begierig darauf, seine neuesten Skizzen zu sehen. Die Fertigkeit des Jungen, die feinen Nuancen botanischer Motive darzustellen, entfaltete sich zusehends unter der Unterweisung von Mr. Campbell, seinem wohlwollenden neuen Zeichenlehrer. Eine beiläufige Bemerkung einer lieben Freundin hatte kürzlich die Verbindung zwischen Lehrer und Schüler geknüpft.

Es war womöglich eine unkonventionelle Wahl gewesen, doch sie war sehr erfreut darüber, wie hervorragend sich die Dinge entwickelten.

Als Hawk jedoch mit leeren Händen und sichtlich in großer Bedrängnis um die Ecke stürzte, zog sich ihr das Herz zusammen.

„Was ist passiert, mein Liebling?“, fragte sie, öffnete die Arme und schloss ihn in eine Umarmung.

Hawk holte stockend Luft, als wolle er antworten … und brach dann in Tränen aus.

***

„Ho – das ist weit genug!“ Wrexford zügelte sein Pferd und fuchtelte mit einem behandschuhten Finger in Richtung seiner Halbschwester. „Es ist Zeit für die Heimkehr. Ich fürchte ohnehin bereits, dass wir zu spät zum Abendessen kommen.“

„Aber das Licht ist zu dieser Tageszeit noch so herrlich hell“, protestierte Eddy, deren Gesicht vom Peitschen des Windes gerötet war, als sie die letzte Hälfte der Wiese im vollen Galopp überquert hatte. „In einem Monat wird es um diese Stunde schon dunkel sein – und kalt wie ein Hexenarsch!“

Wrexford schloss die Augen und zählte im Stillen bis drei. Zehn wäre klüger gewesen, doch seine Geduld hing ohnehin schon am seidenen Faden.

„Wie du wohl weißt“, rügte er sie, „ist Arsch ein Wort, das endgültig aus deinem Wortschatz zu streichen ist.“

„Ich dachte, diese Regel gelte nur, wenn ich mich in der Gesellschaft von stocksteifen Gockeln der Beau Monde befinde“, erwiderte sie mit einem frechen Lächeln. „Und nebenbei bemerkt: Tante Alison verwendet dieses Wort. Sogar recht häufig.“

„Tante Alison ist alt genug, um eher als ein Original zu gelten, als eine Schande für die Gesellschaft“, gab er zu bedenken. „Während solch eine Sprache von deinen jungen Lippen dich in den Augen der Beau Monde als unverbesserlichen Tunichtgut brandmarken wird.“

„Das kümmert mich nicht.“

„Nun, das sollte es aber, verflucht nochmal.“

Ihre Augen weiteten sich in gespieltem Erstaunen. „Ist verflucht nicht etwa auch ein verbotenes Wort?“

Zähneknirschend hielt der Graf eine weitere Erwiderung zurück.

Dies war nicht das erste Gespräch, das sie über den geziemenden Anstand führten, den man von einer hochgeborenen jungen Dame erwartete. Doch bedauerlicherweise war das Hochgeborensein ein recht heikler Punkt in seiner Argumentation …

Und da Eddy ein sehr aufgewecktes und gescheites Mädchen war – überdies für ihr Alter reich an Welterfahrung infolge ihrer unkonventionellen Erziehung –, stürzte sie sich sogleich darauf.

„Wir wissen beide, dass es ungewiss ist, ob ich im ehelichen Rahmen gezeugt wurde“, fuhr Eddy fort und hob herausfordernd das Kinn. „Sollte ich ein Bastard sein, wird sich die Beau Monde einen Teufel darum scheren, was ich sage oder tue.“ Sie stieß einen sehr undamenhaften Laut aus. „Gott sei Dank.“

Hin- und hergerissen zwischen Erheiterung und Bestürzung – er hegte durchaus Mitgefühl für ihre Abneigung gegen die vielen albernen und einschränkenden Regeln für das weibliche Geschlecht, doch aus der Gesellschaft ausgestoßen zu werden, war keineswegs ein Scherz –, betrachtete Wrexford eine Zeit lang ihr Profil.

Er mutmaßte, dass der Löwenanteil ihres Hochmuts aus Unsicherheit rührte. Und aus einer zugrunde liegenden Verwundbarkeit. Ihre Erziehung war, um es milde auszudrücken, unkonventionell gewesen. Er verstand noch immer nicht alle Nuancen des Verhältnisses zwischen ihrem Vater und Eddys Mutter. Doch nach dem, was er sich zusammengereimt hatte, besaß der irische Feuersturm einen ausgesprochen unabhängigen Charakter und zögerte nicht lange, den herkömmlichen Regeln eine Nase zu drehen.

Dass eine Kritik an solch freigeistiger Haltung angesichts seines eigenen, notorisch exzentrischen Rufs dem alten Spruch Ein Esel schimpft den anderen Langohr gliche, gestand er sich jedoch ein. In Wahrheit fühlte er sich völlig überfordert bei dem Versuch, seine ihm fremde Schwester durch das Labyrinth der feinen Gesellschaft zu lotsen. Charlotte verstand sich viel besser darauf, Menschen zu durchschauen, als er …

Als er sah, dass Eddy ihn erwartungsvoll musterte, schüttelte der Graf solche Grübeleien ab und brachte ein zuversichtliches Lächeln zustande.

„Schieb solche Fragen bezüglich der Ebenbürtigkeit beiseite, Eddy. Ich bin mir ganz und gar sicher, dass wir die offiziellen Ehedokumente finden werden. Unser Vater war ein Mann von Ehre. Er wäre niemals so nachlässig gewesen, deine Zukunft aufs Spiel zu setzen.“

„W-wie …“ Das Zucken ihrer Wimpern warf huschende Schatten über ihre Augen. „Wie kannst du dir dessen so sicher sein?“

Weil sich, sollten die Dokumente nicht existieren, Mittel und Wege finden lassen, sie wie aus dem Nichts hervorzuzaubern.

Es wäre ihm jedoch lieber, es käme nicht dazu.

„Wie ich schon sagte: Ich weiß, wie sehr unser Vater die Familie schätzte.“ Er blickte umher auf das herbstlich gefärbte Laub, dessen Farben sich im schwindenden Sonnenlicht vertieften. „Komm, wir sollten jetzt wirklich keine Zeit mehr verlieren.“

Mit einem feinen Ruck an den Zügeln wandte Eddy den großen Rappen, den sie ritt, und rief: „In diesem Falle fordere ich dich zu einem Wettrennen zurück zum Stanhope Gate heraus!“

***

Von Hawks ungewöhnlicher, unverfälschter Regung zutiefst erschüttert, hielt Charlotte ihn fest umschlungen und wartete, bis sein Schluchzen nachließ. Er und sein Bruder weinten niemals; eine Fülle düsterer Mutmaßungen über die Ursache krallte sich bereits in ihr Bewusstsein. Doch sie hielt sie im Zaum. In diesem Augenblick bedurfte er des Trostes, nicht der Fragen.

Sie strich sein verwirrtes Haar zurück und drückte einen Kuss auf seine Stirn. „Was auch immer geschehen sein mag, mein Liebling, du musst es nicht allein durchstehen.“

Seine knochigen Schultern hörten schließlich auf zu beben und Hawk hob langsam sein tränenüberströmtes Gesicht. „M-Mr. Campbell …“ Seine Stimme geriet ins Stocken. „M-Mr. Campbell ist gestern Nacht ermordet worden.“

Ein Keuchen entwich ihren Lippen.

„Jemand hat ihm auf der Threadneedle Street die Gurgel d-durchgeschnitten.“

Sie legte die Handfläche an seine noch feuchte Wange. „Wie schrecklich, mein Liebling. Kein Wunder, dass du so aufgewühlt bist.“

„Er war’n sehr freundlicher Mann“, nuschelte Hawk, dessen Aussprache immer dann in Mitleidenschaft gezogen wurde, wenn ihn seine Gefühle überkamen. Er verhaspelte sich nur dann bei den Lauten, wenn er tief verstört war.

„Gewiss, das war er“, sagte Charlotte. Dennoch hatte sie gespürt, dass hinter dem sanften Funkeln in den Augen des Gärtners Schatten lauerten.

Das Leben, so mutmaßte sie, war Mr. Campbell nicht allzu wohlgesonnen gewesen. Seine knorrige, gebeugte Gestalt und die unförmigen Finger ließen auf eine Zeit großer körperlicher Mühsal schließen. Womöglich gehörte er zu jenen Unglückseligen, die von den Werbern der Königlichen Marine gewaltsam zum Matrosendienst gezwungen worden waren … Doch was auch immer seine Vergangenheit bergen mochte: Seine gegenwärtige Stellung als einfacher Gärtner der London Institution machte ihn zu einem denkbar schlechten Opfer für einen Straßenräuber. Sie kam nicht umhin, sich zu wundern …

„Wir müssen den Täter ausfindig machen“, riss Hawks zittrige Stimme sie aus ihren Gedanken. „Und dafür sorgen, dass der Übeltäter für das Verbrechen büßt. Mr. Campbell hat Gerechtigkeit verdient.“

„Mein Liebling, jede Seele, deren Leben frühzeitig genommen wird, hat Gerechtigkeit verdient.“ Charlotte zögerte. Ehe sich ihre Wege gekreuzt hatten, war es Hawk und seinem Bruder – obgleich sie bloß arme Waisenkinder gewesen waren – irgendwie gelungen, im unbarmherzigen Existenzkampf der Londoner Elendsviertel zu überleben. Er wusste daher besser als die meisten, dass Gerechtigkeit ein Luxus war, der den niederen Ständen nur selten zuteilwurde.

„Doch so sehr es mich auch schmerzt, es auszusprechen“, fuhr sie fort, „ist die traurige Wahrheit wohl die, dass der Mörder längst in den Gassen der Elendsviertel untergetaucht ist. Und solange kein Zeuge vortritt und einen Hinweis liefert …“

„Aber Sie und Wrex haben sich noch nie von der Tatsache abschrecken lassen, dass ein Verbrechen schwer aufzuklären scheint!“, fiel er ihr ins Wort. „Und Wrex ist ein Förderer der London Institution. Mit dieser persönlichen Verbindung wird er das Andenken an Mr. Campbell doch gewiss ehren wollen, indem er die Wahrheit ans Licht bringt.“ Ein feuchtes Schniefen. „Nicht wahr?“

Charlotte zwang sich, seinem flehenden Blick standzuhalten. „Ich … ich habe nicht gesagt, dass wir es nicht versuchen werden.“ Wenngleich sie die Angelegenheit im Stillen bereits als aussichtslos abgetan hatte. „Wir werden mit Wrex sprechen, sobald er zurückgekehrt ist. Du musst jedoch begreifen, dass trotz all unserer Anstrengungen die Wahrheit womöglich niemals ans Licht kommen wird.“

„Aye.“ Hawk nickte feierlich. „Ich weiß, dass das Leben nicht gerecht ist.“ Tränen perlten noch immer auf seinen Wimpern. „Doch wie Sie uns stets sagen, nimmt der Kampf zwischen dem Guten und dem Bösen kein Ende, und selbst wenn die Aussichten düster scheinen, dürfen wir niemals aufhören zu kämpfen, um die Finsternis im Zaum zu halten.“

Kapitel 2

Er wurde verfolgt.

Es war ein Kribbeln im Genick, ein sechster Sinn, den der junge Mann – er hatte einen Namen, doch es war nicht sein wahrer – sich irgendwie während seiner Kindheit angeeignet hatte. Und er hat mir mehr als einmal den Hals gerettet.

Nachdem er den Hafenplatz von Bristols geschäftigem Seehafen überquert hatte – die Stadt war ein Dreh- und Angelpunkt des Handels zwischen Amerika und Britannien –, beschleunigte er langsam seine Schritte und bog dann in eine belebte Marktstraße ein. Während sich der junge Mann seinen Weg durch die Stände bahnte, ließ er den Blick unaufhörlich schweifen. Suchend und suchend …

Blitzschnell huschte er in ein Gässchen schmal wie ein Spalt und suchte in einer zurückgesetzten Nische Deckung. Seine bewusst farblose Kleidung erlaubte es ihm, mit der Umgebung zu verschmelzen – eine Vorsichtsmaßnahme, die ihm zur zweiten Natur geworden war, wenngleich die Gefahren von einst zu nichts als verschwommenen Erinnerungen verblasst waren.

Womöglich ließ ihn alter Groll Gespenster sehen, die längst das Zeitliche gesegnet hatten. Sein Leben hatte sich gewandelt. In Wahrheit konnte der junge Mann sich kaum mehr an sein früheres Ich erinnern.

Er war, wie sein Mentor zu sagen pflegte, eine Tabula rasa.

Ein unbeschriebenes Blatt. Die Neue Welt hatte ihm einen Neuanfang geschenkt. Und er war entschlossen, das Beste daraus zu machen.

Doch die Alte Welt verzieh womöglich nicht …

Knirsch … knirsch.

Die herannahenden Schritte waren langsam und bedacht. Ganz so, als suche jemand nach etwas, weshalb sie sich aus den übrigen Umgebungsgeräuschen hervorhoben.

Ein Schatten fiel auf den Eingang der Gasse.

Ein Moment der Stille. Und dann eine Frage. „Hat jemand einen Kerl mit braunem Haar und erdfarbenem Rock hier vorbeikommen sehen?“

Keine Antwort.

„Ich bin willens, für Auskunft zu zahlen.“ Das gedämpfte Klirren von Münzen, die in einem ledernen Beutel aneinanderstießen, unterstrich die Ankündigung. „Jedoch nur, wenn ich ihn finde.“

Murmeln und das Scharren von Stiefeln folgten als Antwort auf das Angebot, doch noch immer antwortete keiner der Händler oder Käufer.

Das war das Gute daran, unscheinbar zu sein.

Nach einer Weile zogen die Schritte weiter. Doch der junge Mann hatte es keineswegs eilig, sein Versteck zu verlassen.

Geduld.

Geduld besaß er in Hülle und Fülle und sie hatte ihm stets gute Dienste geleistet.

Er duckte sich näher an die rußigen Ziegel, zog den Hut tiefer ins Gesicht und gab sich zum Zeitvertreib seinen Gedanken hin. Es gab immer interessante Dinge zu bedenken und wenn er sich schließlich dazu entschließen würde, ins Freie zu schlüpfen und seines Weges zu gehen, würde kein Mensch den unscheinbaren Burschen bemerken, der in der Menge unterging.

Und dann würde er sein Vorhaben fortsetzen können. Er musste einen Weg finden, nach Bath zu gelangen. Von dort aus würden sich die Möglichkeiten, sein eigentliches Ziel zu erreichen, beträchtlich verbessern …

Kapitel 3

„Ein Mord?“ Wrexford lehnte sich in seinem Stuhl zurück und beäugte sehnsuchtsvoll das Tablett mit den Kristallkaraffen auf der Anrichte seines Arbeitszimmers, ehe er einen Seufzer ausstieß.

So viel dazu, einen Augenblick der einsamen Ruhe zu genießen.

Er hatte sich darauf gefreut, nach dem Abendessen ein Glas schottischen Whisky zu genießen und die neueste wissenschaftliche Zeitschrift der Universität von St. Andrews zu lesen. Doch als Charlotte und Hawk ihm nach der Mahlzeit in sein Refugium gefolgt waren und verkündet hatten, dass der Tod aufs Neue einen Schatten über ihre Familie geworfen hatte, verflogen solche Gedanken rasch.

„Eine solche Nachricht ist stets betrübend“, fuhr er fort. „Ich nehme an, das Opfer ist jemand, den wir kennen?“

„Ja, es war Hawks Zeichenlehrer, Mr. Campbell“, erwiderte Charlotte und berichtete rasch die wenigen Einzelheiten, die Hawk ihr über das Verbrechen erzählt hatte.

„Vermutlich war es ein Raubüberfall“, sinnierte Wrexford, „und Mr. Campbell muss versucht haben, Widerstand zu leisten.“ Er sah sie an. „Straßenräuber pflegen einem gewöhnlich nicht die Gurgel durchzuschneiden, insbesondere wenn das Opfer ersichtlich kein wohlhabendes Ziel darstellt.“

„Ob er Vermögen besaß oder nicht, sein Angreifer hatte kein Recht, ihm das Leben zu nehmen, als scherte sich niemand um seinen Tod“, sagte Hawk mit leiser Stimme. „Mir ist er nicht gleichgültig. Er war mein Freund.“

„Natürlich ist er dir nicht gleichgültig, mein Liebling“, erwiderte Charlotte. „Ebenso wenig wie mir.“

Wrexford verstand, was von ihm erwartet wurde – und bot es bereitwillig an, wenngleich er wusste, dass die Chancen, den Täter zu fassen, nahezu gleich null standen. Derlei willkürliche Gewalttaten ereigneten sich in der Stadt viel zu häufig …

Er runzelte die Stirn. Für gewöhnlich jedoch nicht in einer Gegend wie der Threadneedle Street.

„Ich werde selbstverständlich mit dem Hauptverwalter der London Institution sprechen“, versicherte er Hawk, „und sehen, was ich sonst noch über das Verbrechen in Erfahrung bringen kann …“

„Nicht nötig, Bursche.“ Im nächsten Augenblick stieß ihr lieber Freund Basil Henning ohne anzuklopfen die Tür mit der Schulter auf. „Ich kann Ihnen all Ihre Fragen besser beantworten als irgendein feiner Pinkel der Institution.“ Henning hielt kurz inne, um Hawks Haar zu zerzausen – er war es gewesen, der Campbell als Zeichenlehrer für den Jungen empfohlen hatte –, ehe er auf das Tablett mit den Kristallkaraffen zuging und sich ein Glas einschenkte.

Als Antwort auf die hochgezogenen Augenbrauen des Grafen fügte Henning hinzu: „Als ich heute früh die Nachricht bekam, ließ ich den Leichnam aus dem örtlichen Leichenhaus in meine Arbeitsstätte überführen.“ Als geschickter Chirurg unterrichtete er Medizinstudenten an mehreren Londoner Hospitälern und betrieb überdies eine Armenstation in den Elendsvierteln von St. Giles. „Ich werde dafür Sorge tragen, dass Campbell ein anständiges Begräbnis bei der St. Stephen’s Church erhält, anstatt in irgendeinem anonymen Armengrab verscharrt zu werden.“

Hawk schenkte ihm ein dankbares Lächeln. „Mit einem Grabstein, genau wie all die feinen Pinkel?“

„Du und ich werden einen entwerfen, der mit seinen Lieblingsblumen verziert ist, und ihn in Marmor hauen lassen“, sagte Charlotte rasch.

Wrexford waren bezüglich des Mordes bereits etliche Fragen an Henning in den Sinn gekommen, doch in Anbetracht der zu erwartenden Antworten zog er es vor, Hawk nicht an dem Gespräch teilhaben zu lassen. „Du hast einen schweren Schock erlitten, Junge. Ich rate dir, in dein Nest hinaufzufliegen und dich ein wenig auszuruhen. Sei versichert, dass Mylady und ich mit Baz’ Hilfe die nächsten Schritte zur Untersuchung des Verbrechens planen werden.“

Hawk schien kurz davor, zu widersprechen, doch ein Flüstern von Charlotte veranlasste ihn, ohne jeglichen Protest zu gehorchen.

„Teufel noch eins“, murmelte der Graf, sobald die Schritte des Jungen verhallt waren. „Ich kann es nicht ausstehen, ihm falsche Hoffnungen zu machen.“ Er verzog das Gesicht. „Aber womöglich ist es barmherziger, als ihm zu sagen, dass nicht die geringste Aussicht besteht, ein Verbrechen wie dieses je aufzuklären.“

„Hawk sind die düsteren Realitäten der Elendsviertel keineswegs fremd“, erwiderte Charlotte. „Er weiß ebenso gut wie wir, wie der wahrscheinlichste Ausgang einer Nachforschung aussehen wird. Worauf es ankommt, ist, dass wir es versuchen.“

„Sie beide tun womöglich gut daran, sich mit Mutmaßungen über die Wahrscheinlichkeit der Aufklärung dieses Rätsels zurückzuhalten …“ Ein lautstarkes Schlürfen ertönte, ehe Henning sein leeres Glas abstellte. „… bis ich Ihnen berichtet habe, was ich der Leiche entlocken konnte.“

***

Charlotte kam nicht umhin, sich an den griechischen Mythos von Pandora und die Gefahren zu erinnern, eine Büchse mit Geheimnissen zu öffnen. Doch für solche Gedanken war es nun zu spät. Welche Schlangen auch immer kurz davor standen, sich ins Freie zu winden – sie ließen sich nicht mehr in Vergessenheit zurückdrängen.

„Sie haben doch wohl nicht geglaubt, dass dies eine einfache Angelegenheit wird?“ Dem Chirurg entfuhr ein freudloses Glucksen, als er ihren Gesichtsausdruck bemerkte. „Um Himmels willen, wann hat es je eine einfache Antwort auf einen Mord gegeben, der uns und unseren bunten Haufen von Freunden betraf?“

Wrexfords Antwort bestand darin, aufzustehen, Hennings Glas nachzuschenken und sich selbst ein gehöriges Maß des torfdunklen Malts einzugießen. „Könnten Sie, anstelle Ihres üblichen Sarkasmus, einfach ausspucken, was Sie wissen?“

„Da die Todesursache offensichtlich war – und nein, ich habe nichts Gegenteiliges entdeckt –, hat sich der Gerichtsarzt nicht mit einer eingehenden Untersuchung des Leichnams aufgehalten. Ebenso wenig sahen sich die Behörden dazu veranlasst, das Verbrechen zu untersuchen, da das Opfer bloß einer der zahllosen Angehörigen des Pöbels war, der sich zur falschen Zeit am falschen Ort befand“, begann Henning. „Da Fletcher Campbell jedoch ein Freund war …“

„Ein Freund?“, warf Charlotte ein. „Als Sie mir sagten, dass Campbells Geschick in botanischen Zeichnungen ihn zu einem guten Lehrer für Hawk machen könnte, erwähnten Sie lediglich, dass Sie ihn zuweilen in Ihrer Armenstation behandelt hatten.“ Sie runzelte die Stirn. „Wollen Sie damit sagen, dass Ihr Verhältnis vertrauter war als eine bloße flüchtige Bekanntschaft?“

Henning dachte über die Frage nach, ehe er antwortete. „Nicht ganz. Doch dazu komme ich gleich.“ Ein weiteres Innehalten. „Fletcher Campbell schien mir jemand zu sein, der für sich blieb. Da wir jedoch beide schottische Wurzeln besitzen, schien er sich in meiner Gegenwart wohlzufühlen. Während seiner medizinischen Besuche wurde er ein wenig gesprächiger und vertraute mir an, erst kürzlich aus zehnjähriger Haft entlassen worden zu sein.“

„Wegen welchen Verbrechens?“, fragte Wrexford.

„Ich habe nicht nachgefragt“, antwortete der Chirurg. „Ich schnüffle nicht im Leben der Menschen herum, die meine Armenstation aufsuchen. Aber seine Art gefiel mir. Die meisten Männer werden unter solchem Zwang bitter, doch Campbell schien über eine innere Seelenruhe zu verfügen. Und da ich derzeit an der London Institution eine Vorlesungsreihe über Kräuterheilkunde bei alltäglichen Leiden halte, nahm ich mir die Freiheit, den Obergärtner zu fragen, ob er eine Anstellung für den Burschen habe.“

„Das klingt alles recht harmlos“, murmelte Wrexford. „Warum also habe ich die leise Vorahnung, dass mir nicht gefallen wird, was als Nächstes kommt?“

„Verzeihen Sie, Bursche. Wäre es Ihnen lieber, wenn ich schweige?“, fragte der Chirurg. In der Frage lag keine Spur seines üblichen spöttischen Humors. „Ich würde es Ihnen keineswegs verübeln. Was ich als Nächstes sage, mag unbedeutend sein und zu nichts führen.“

Einen Augenblick lang beherrschte eine beklemmende Stille den Raum.

„Wie dem auch sei: Es scheint, als hätten wir außer Zeit nichts zu verlieren, wenn wir der Spur nachgehen, die Sie uns liefern“, bemerkte Charlotte. Wie Wrexford war auch sie zögerlich, ihre Familie in die Verstrickungen eines Mannes hineinzuziehen, der offenbar eine düstere Vergangenheit hatte. Doch sie sah keine ehrenhafte Alternative.

Ein düsterer Ausdruck schärfte die ohnehin gemeißelten Züge des Grafen, doch seine nächsten Worte spiegelten ihre eigenen Empfindungen wider. „Dessen bin ich mir nicht ganz sicher, meine Liebe. Doch ich glaube, Baz weiß genau, dass weder dein Gewissen noch meines irgendetwas anderes als die Wahrheit ertragen könnte, egal welche Folgen sie nach sich zieht.“

„Ich nehme das als Erlaubnis fortzufahren.“ Henning wartete nicht auf eine Antwort. „Wie ich schon sagte, habe ich Campbell nicht nach seiner Vergangenheit befragt. Da er jedoch in den Gärten der London Institution arbeitete, hielt ich gelegentlich an, um ein wenig mit ihm zu plaudern und einen kleinen Schluck zu teilen. Und eines Tages – ich glaube, er hatte einen über den Durst getrunken und fühlte sich ein wenig wehmütig – vertraute er mir eine Geschichte an.“

Er nahm einen weiteren Schluck von seinem Whisky, ehe er fortfuhr. „Erinnern Sie sich an einen Skandal von vor zehn Jahren, bei dem es um gefälschte Banknoten ging? Er hätte beinahe die Regierung gestürzt.“

„Die Lissabon-Verschwörung!“, rief Charlotte aus. „Ich lebte damals in Rom, weshalb es mir seinerzeit nicht gegenwärtig war. Doch ich habe erst kürzlich eine Reihe von Zeichnungen über den aktuellen Zustand des Papiergeldes unseres Landes angefertigt …“ Sie hielt einen Augenblick inne und versuchte, all die schändlichen Einzelheiten jenes teuflisch klugen Verbrechens abzurufen, bei dem es um die gefälschten Banknoten gegangen war.

„Erlauben Sie mir, Ihrem Gedächtnis auf die Sprünge zu helfen“, sagte Henning. „Aus Furcht, Napoleon plane eine Invasion auf der Iberischen Halbinsel, beschloss die britische Regierung, Gelder an den portugiesischen König zu senden, um bei der Verteidigung seines Landes zu helfen.“

„Aber anstatt das Risiko einzugehen, eine große Menge Gold nach Portugal zu verschiffen, beauftragte man die Bank of England damit, eine Sondertranche hochdotierter Banknoten zu drucken. Diese sollten unter dem Schutz eines Militärkommandos überführt und vor Ort in der dortigen Niederlassung des Bankhauses Rothschild gegen Gold eingelöst werden.“ Er hielt inne. „Doch eine Fälscherbande bekam auf irgendeine Weise Wind von dem geheimen Unterfangen. Nicht nur gelang es ihnen, eine erstaunlich getreue Kupferstecher-Kopie der 1.000-Pfund-Banknote anzufertigen und einen Schwung Falschgeld zu drucken – sie verschafften sich auch noch Zugang zu dem wohlbewachten Tresorraum in der Festung der Bank an der Threadneedle Street. Dort wurden die echten Noten verwahrt, während man im Hauptquartier der Horse Guards auf die Anordnung einer militärischen Eskorte wartete.“

„Während dieser Wartezeit wurde auf mysteriöse Weise ein Austausch vollzogen“, fiel Wrexford ein, „und eine Gruppe von Männern, die sich als Soldaten ausgaben, schaffte die echten Noten auf ein gechartertes Schiff. Nach der Ankunft in Lissabon wurde das Papiergeld gegen Gold im Wert von 150.000 Pfund getauscht.“

„Und als die offiziellen Militärwachen eine Woche später eintrafen“, vollendete Henning den Gedanken, „bemerkte der Graveur der Bank einen winzigen Makel und der Fälschercoup flog auf.“

Charlotte runzelte verwirrt die Stirn. „Wollen Sie damit sagen, Campbell war in die Lissabon-Verschwörung verstrickt? Ich – ich dachte, die wären alle gehängt worden.“

„An dieser Stelle wird die Geschichte ein wenig verworrener“, erwiderte Henning. „Es stellte sich heraus, dass Fletcher Campbells Bruder Archibald der Anführer der Bande war. Er versicherte mir jedoch, selbst nicht darin verstrickt gewesen zu sein.“

„Warum also saß er im Kerker?“, fragte Wrexford.

„Weil er sich weigerte, Fragen über die Bande und deren Vorgehensweise zu beantworten“, entgegnete der Chirurg. „Er redete zu diesem Zeitpunkt schon etwas wirr und ich drängte ihn nicht, näher darauf einzugehen.“ Eine Pause. „Schließlich hat ein jeder von uns ein Anrecht auf seine persönlichen Geheimnisse.“

Der Chirurg schwenkte sein Glas und sah zu, wie sich die bernsteinfarbene Flüssigkeit in einem langsamen Wirbel drehte.

„Heute Morgen jedoch habe ich durch einen Freund von Campbell, der in meiner Armenstation vorbeischaute, etwas Interessantes erfahren. Er erzählte, dass Campbells Bruder Archibald – eigentlich nannte ihn jeder nur Archie – einen jungen Sohn hatte. Und da der Bursche sich wenig um dessen Erziehung scherte, nahm Campbell im Leben des Jungen im Grunde die Rolle des Vaters ein. Wohl aufgrund einer Vorahnung, dass die Dinge für die Bande kein gutes Ende nehmen würden, fertigte Campbell genau zur Zeit der Lissabon-Verschwörung offenbar einen Satz von vier zusammengehörigen Siegelringen aus Zinn an, die mit irgendeinem Geheimzeichen graviert waren – was für einem, weiß ich nicht. Drei davon gab er einem Trio von Freunden, denen er blind vertraute und die einen Bluteid geschworen hatten, ihm zu helfen, den Jungen in Sicherheit zu bringen und ein besseres Leben zu ermöglichen, sollten die Dinge schiefgehen.“

Wrexford rutschte ungeduldig auf seinem Stuhl hin und her. „Nun, das ist eine traurige Geschichte, aber was zum Teufel hat das mit …“

„Geduld, Bursche. Ich bin gerade dabei, es zu erklären“, sagte Henning. „Als ich Campbells Leichnam wusch, um ihn für das Totentuch vorzubereiten, bemerkte ich einen blassen Hautstreifen am kleinen Finger seiner linken Hand. Dabei war die übrige unbedeckte Haut von der Sonne dunkel gebräunt.“

„Sie glauben, Campbell habe einen dieser besonderen Siegelringe getragen?“, fragte Charlotte. „Das würde Sinn ergeben …“

„Weiß nicht“, sagte Henning. „Ehrlich gesagt, Habe ich nie darauf geachtet, ob er einen Ring trug oder nicht.“

„Für einen verzweifelten Dieb – und Gott weiß, dass viel zu viele davon in den Elendsvierteln umherstreifen – mag ein kleines Stück Zinn im Mondlicht wie Silber gewirkt haben und somit von einigem Wert gewesen sein“, gab Wrexford zu bedenken. „Worauf wollen Sie hinaus? Dass Campbells Mord kein zufälliges Verbrechen war?“

Der Chirurg zuckte mit den Schultern. „Ich stelle lediglich die empirischen Tatsachen fest, so wie sie mir bekannt sind. Und für mich deuten sie darauf hin, dass hinter diesem Mord mehr stecken könnte, als auf den ersten Blick ersichtlich ist.“ Er zupfte an einem losen Faden seiner Manschette. „Wenngleich ich nicht die geringste Ahnung habe, was das sein könnte.“

Charlotte blickte zu Wrexford, der die Augen für einen Augenblick schloss und einen Seufzer ausstieß, ehe er widerstrebend nickte. „Ich werde ein Wort mit Griffin wechseln, damit er sich den Mord ansieht. Doch ohne auch nur den Hauch eines Beweises, der auf den Täter hindeutet, sollten wir wicht allzu viel erwarten.“

Die Fähigkeiten der Männer, die von den Richtern der Bow Street zu Läufern ernannt wurden, war notorisch ungleichmäßig, doch Griffin hatte sich den Ruf erworben, der Beste unter ihnen zu sein. Seine äußere Erscheinung – er war sowohl in Worten als auch in Bewegung von träger Natur – verleitete viele zu der Annahme, er sei beschränkt. Sie lernten jedoch rasch, ihr Urteil zu überdenken.

„Es wird mich selbstverständlich teuer zu stehen kommen“, grummelte der Graf. Griffin zog es vor, Geschäftliches bei einer Mahlzeit zu besprechen – einer sehr üppigen Mahlzeit –, für die Wrexford aufzukommen hatte.

Charlotte lächelte; ein kleiner Schimmer von Leichtigkeit, der die beklemmende Stimmung aufhellte. Obgleich ihre erste Begegnung mit dem Läufer von Feindseligkeit geprägt gewesen war, hatten sie seither eine enge Freundschaft geschmiedet und er hatte ihnen bei etlichen ihrer früheren Nachforschungen zur Seite gestanden.

„Ja, aber es wird jeden Penny wert sein“, sagte sie.

„Ha! Griffins Geschmack bemisst sich in Guineen, nicht in Pence!“

„Hören Sie auf zu jammern, Bursche“, stichelte Henning. „Er hat Ihnen schon mehr als einmal die Haut gerettet.“ Eine Pause. „Ich werde an der London Institution und in meiner Armenstation ebenfalls ein wenig nachforschen, um zu sehen, ob jemand womöglich mehr über Campbells früheres Leben weiß.“

Dann stellte der Chirurg sein leeres Glas beiseite und erhob sich. „Wo wir gerade von Mahlzeiten sprechen: Ich denke, ich werde der Küche einen Besuch abstatten und sehen, ob Mac ein spätes Abendessen für mich zaubern kann.“

***

Raven und Peregrine warteten bereits ungeduldig darauf, dass Hawk in ihr Nest zurückkehrte und die Gerüchte mit ihnen teilte, die im Haus umhergingen.

„Mr. Campbell ist ermordet worden?“ Peregrines Augen weiteten sich und Entsetzen mischte sich mit Mitgefühl, nachdem Hawk die düstere Nachricht über seinen Zeichenlehrer offenbart hatte. „Wann? Warum? Wer …“, stammelte er, ehe Raven ihn mit einer Handbewegung zum Schweigen brachte.

„Gestern Nacht.“ Hawk holte tief Luft und sein Blick wanderte zu dem halben Dutzend schwungvoller Skizzen, die sein Zeichenlehrer während ihrer Stunden angefertigt hatte und die neben ihm auf dem Teppich des Schulzimmers ausgebreitet lagen. „Keinen Schimmer wer, keinen Schimmer warum.“ Er blickte auf. „Ich habe es bis jetzt nicht erwähnt, weil Mylady mich darum bat, es für mich zu behalten, bis wir Wrex eingeweiht haben. Doch die beiden besprechen das Verbrechen nun mit Mr. Henning, der einen Blick auf den Leichnam geworfen hat.“

„Nun, dann wird es wohl im Handumdrehen aufgeklärt sein“, sagte Peregrine mit gezwungener Gewissheit.

Raven schwieg. Schatten huschten über sein Gesicht, während er seinen Blick auf einen fernab gelegenen Punkt in der Dunkelheit draußen vor den mondbeschienenen Scheiben des Schulzimmerfensters richtete.

Hawk rückte unruhig hin und her und beobachtete seinen älteren Bruder aufmerksam.

„Denkst du …“, begann Peregrine.

„Pst“, zischte Raven. „Ja, aber sprich leise“, fügte er im Flüsterton hinzu. „Es könnte nicht schaden, wenn wir uns bei unseren Freunden in den Elendsvierteln wegen des Mordes umhören und in Erfahrung bringen, ob jemand etwas gesehen hat.“ Er lauschte nach Geräuschen im Korridor, ehe er ergänzte: „Wir dürfen Eddy jedoch nichts davon erzählen. Sie wird mitkommen wollen.“ Eine Pause. „Und das dürfen wir unter keinen Umständen zulassen. Wrex hat es uns streng verboten, sie auf unsere Streifzüge in die Elendsviertel mitzunehmen.“

Ein Ausdruck von Sorge huschte über Peregrines Gesicht. „Ich hoffe doch, du hast nicht vor, mich darum zu bitten, ihr diese Botschaft zu überbringen!“ Ein Schaudern. „Sie würde wahrscheinlich einen ihrer Gälischen Zaubersprüche anwenden und mich in eine Kakerlake verwandeln.“

„Die Angelegenheit ist nicht zum Lachen, Falcon.“ Raven schluckte schwer. „Wrex hat mir sehr ausführlich all die schrecklichen Dinge erzählt, die einem Mädchen in den Gassen zustoßen können.“ Er ließ seine Worte wirken, ehe er hinzufügte: „Diese Regel darf weder gebrochen noch gebeugt werden. Verstanden?“

„Aye“, antworteten die beiden anderen Wiesel.

„Dann lasst uns unsere Stiefel holen – leise, wohlgemerkt – und aus dem Fenster von Falcons Zimmer schlüpfen.“

„Wohin gehen wir?“, fragte Peregrine, sobald sie aus dem Schulzimmer geschlichen waren und den ausersehenen Ausstieg erreicht hatten.

Raven sah Hawk mit einem fragenden Gesichtsausdruck an.

„Zuerst zum Finsbury Circle“, antwortete sein Bruder. „Die Bande von Möhre hat womöglich bemerkt, ob Mr. Campbell sich jemals mit Freunden traf, wenn er die Gärten der London Institution verließ. Und im Anschluss zur Threadneedle Street, wo sich das Verbrechen ereignete.“