Leseprobe A Taste of Cinnamon Love

Post

Ein gutes Buch hält Höhenflüge für dich bereit, aber auch Tiefschläge. Es lässt dich weinen und lachen, ärgert und tröstet dich, bringt dich zum Nachdenken und lässt dich die Welt vergessen.
–
Buchzitat der Woche aus dem Happy End Bookstore

Sadie

»Tut mir leid«, sagte Bob, der Briefträger von Maplewood, als er den Brief auf die Theke von Sadies Buchladen Happy End Bookstore legte. »Du wirst sehen: Bald geht es wieder aufwärts.«

»Sicher«, sagte sie und strahlte ihn an. Natürlich ging es irgendwann mal wieder aufwärts. In keinem Leben konnte es ständig nur bergab gehen. Im Gegenteil.

»Ich bewundere dich dafür, dass du jeden Tiefschlag so positiv nimmst. Ich könnte das nicht.« Bob verzog das Gesicht. »Du hingegen lächelst einfach, als wäre das nichts.«

»Nur wer auch Tiefpunkte zu meistern hat, kann die Höhenflüge richtig genießen«, dozierte sie … und lächelte.

Den Spruch muss ich mir unbedingt für Piper merken, dachte sie. Ihre Freundin vom Café Maple Mug schräg gegenüber ihres Buchladens Happy End Bookstore sammelte Kalendersprüche und Floskeln, die aus dem Sprachgebrauch gestrichen werden sollten. Anfangs hatten sie alle über Piper gelacht. Mittlerweile meldeten sie ihr solche Kalenderweisheiten, die ihnen in ihrem Leben begegneten. Piper musste inzwischen ein ganzes Buch davon haben. Und Sadie hatte inzwischen selbst begonnen, Weisheiten zu Büchern zu sammeln und sie im Schaufenster des Happy End Bookstore mit den Passanten zu teilen.

Heute prangte auf der schwarzen Stecktafel der Satz von Arthur Schopenhauer: Bücher sind das papierene Gedächtnis der Menschheit.

»Schöne Worte«, sagte er. »Trotzdem …«

Sadie lächelte wieder. Natürlich war auch ihr hin und wieder zum Weinen zumute. Manchmal wünschte sie sich jemanden, an den sie sich lehnen könnte und der sie in den Arm nähme. Jemanden, der alle Sorgen von ihr nehmen würde. Doch dann sagte sie sich immer, dass es nichts nützte, sich selbst zu bemitleiden.

»Wer Sonne in seinem Leben will, muss selbst scheinen.« Das war Sadies Leitspruch, und sie hielt sich auch daran.

Als müsste sie überprüfen, von wem der Brief kam, nahm sie ihn hoch. Dabei erkannte sie das teure cremefarbene Papier des Umschlags sofort und musste nicht auf den Absender sehen, um zu wissen, wer ihn ihr geschickt hatte. Trotzdem flog ihr Blick automatisch auf die geschwungene Schrift am oberen Rand des Umschlags. Reed Real Estate. Die Lettern schillerten rot.

Blutrot, fuhr es Sadie durch den Kopf. Passend zu den Blutsaugern der Immobilienagentur, denen sie die Pacht für die letzten drei Monate schuldete.

»Ich brauche da eine Unterschrift«, sagte Bob vorsichtig und tippte erklärend auf das Etikett mit der Aufschrift Certified Mail. Während sie unterschrieb, meinte er: »Wenn ich dir irgendwie helfen kann …«

Sie sah hoch und lächelte. »Kauf ein Buch«, schlug sie vor.

Bob verzog das Gesicht. »Ich komme einfach nicht zum Lesen«, meinte er entschuldigend.

Sadie nickte. Natürlich kam er nicht zum Lesen. Weil er, wie so viele, nach seinem Arbeitstag in seinem Wohnzimmer die Beine hochlegte und die Glotze einschaltete. Die Shows, die dort gezeigt wurden, um das Volk weiter zu verdummen, forderten nicht viel von Bobs Intellekt, und er konnte abschalten. Hirn aus. Leben aus.

Er wusste nicht, dass ein Gehirn nur in Form blieb, wenn man es täglich trainierte, zum Beispiel, indem man die eigene Vorstellungskraft aktivierte. Und Sadie sparte es sich, das zu betonen. Am Anfang ihrer Karriere als Buchhändlerin hatte sie bei jeder Gelegenheit versucht, die Menschen von den vielen Vorteilen zu überzeugen, die das Lesen mit sich brachte.

»Es fördert Konzentration, Vorstellungsvermögen und kritisches Denken«, hatte sie beispielsweise der Kassiererin des Superstores erklärt. »Das sind Fähigkeiten, die in unserer reizüberfluteten Welt immer seltener werden.«

»Mhm«, hatte die gesagt und weiter auf den Bildschirm der Kasse gestarrt.

»Bücher sind die dichteste Form von gespeichertem Wissen. Ein einziges Sachbuch kann die Erfahrungen und Erkenntnisse eines ganzen Lebens vermitteln – in wenigen Stunden!« Mit den Worten hatte sie versucht, den Bürgermeister von Maplewood zum Kauf eines Sachbuchs zu bewegen.

»Wenn ich meine KI frage, bekomme ich auch die Antwort auf meine Frage und muss nicht ein ganzes Buch danach durchforsten«, war seine wenig erbauliche Antwort gewesen.

»Schon sechs Minuten Lesen können den Stresspegel um bis zu achtundsechzig Prozent senken«, hatte sie seiner Assistentin erklärt. »Das ist effektiver als Musik hören oder spazieren gehen.«

»Das ist doch Schwachsinn.«

»Es gibt Studien, die das belegen.«

Doch auch die Sekretärin war nicht offen gewesen für die vielfältigen Vorteile des Lesens.

Dabei war das noch lange nicht alles.

Wer Romane las, lernte etwa, sich in andere Menschen hineinzufühlen. Das machte toleranter, offener und sozialer. Dass genau das keine Fähigkeiten waren, die in einem Land an der Vorstufe zur Diktatur gefragt waren, war selbst ihr klar. Auch der reichere Wortschatz, über den lesende Menschen verfügten, interessierte niemanden, man konnte doch selbst mit einem stark eingeschränkten Wortschatz Präsident eines ganzen Landes werden. Dass ein Buch vor dem Einschlafen Geist und Seele beruhigte und nachweislich die Schlafqualität verbesserte, hielt selbst Ben Carter, der Inhaber der Bäckerei gegenüber, für ein Märchen, und als sie ins Feld führte, dass man beim Lesen keine lästigen Werbepausen in Kauf nehmen müsse, lachte er nur.

»Wenn ich für den gleichen Preis einen Film downloade, habe ich auch keine Werbepausen. Außerdem kann ich neben dem Fernsehen noch Chips essen und mit meinem Sohn quatschen.«

Mit der Zeit hatte Sadie aufgehört, andere von ihrem Glück überzeugen zu wollen. Nein, sie hatte nicht resigniert. Das würde sie niemals. Sie hatte nur gelernt, dass man andere Menschen nicht zu ihrem Glück zwingen konnte.

Aber wenn Bob wissen wollte, wie er sie unterstützen könne, gab es nur eine richtige Antwort: »Kauf ein Buch.«

»Vielleicht schenke ich meiner Frau eines zu Weihnachten«, sagte er. »Ich komme darauf zurück.«

Was so viel heißen sollte wie: Er hoffte, dass sie bis zu seinem nächsten Besuch vergaß, was er ihr versprochen hatte.

Sadie nickte unverbindlich, während sie bereits in Gedanken nach dem richtigen Buch für Berta suchte.

»Ich hoffe wirklich, dass du es schaffst. Ich weiß, dir liegt viel an dem Laden. Gib einfach nicht auf, ja?«

Sie lächelte wieder. »Aufgeben? Was ist das? Aufgegeben wird nur ein Brief, oder? Briefe machen dir Arbeit, und wir wollen doch nicht, dass du zu viel arbeiten musst, nicht wahr?«

Er gluckste. »Genau das.« Dann tippte er sich an seine Mütze. »Man sieht sich. Das nächste Mal bringe ich erfreulichere Nachrichten.«

»Das wäre lieb.« Sie lächelte wieder. Bob konnte ja nichts für den Inhalt der Briefe, die er brachte. »Magst du einen Tee? Ist kalt heute, nicht?«

Instinktiv sahen sie beide nach draußen. Es war dunkel für die Tageszeit. Schließlich ging es schon auf Mittag zu. Dicke Wolken verdeckten die Sonne.

»Sieht nach Schnee aus«, sagte Bob und verzog das Gesicht.

»Wird auch mal Zeit. Der Schnee kommt spät dieses Jahr.«

»Du hast recht. Letztes Jahr hatten wir ein weißes Thanksgiving.«

Sadie nickte. Hier oben im Norden von New Hampshire schneite es meistens schon im Oktober das erste Mal. Manchmal sogar im September. In diesem Jahr hatte der erste Schnee lange auf sich warten lassen. Dabei war schon Ende November und Weihnachten stand vor der Tür. Und Schnee war unabdinglich für Weihnachtsstimmung. Das fand zumindest Sadie.

»Nun, mir soll’s recht sein«, meinte Bob. »Ich hasse den Winter. Die Straßen sind einfach zu gefährlich. Aber mich fragt ja keiner. So. Und jetzt muss ich los. Den Tee trinke ich ein anderes Mal.«

Sadie übersetzte für sich: »Bevor du mir noch ein Buch aufdrängen willst, das ich mein Leben lang nicht anrühren werde.«

Er tippte sich noch einmal an seine Mütze und verließ den Laden.

Sadie sah ihm nach, wie er die Maple Lane überquerte und auf The Honey Dough zusteuerte. Ob er wohl auch für Ben Carter eine Mahnung von Reed Real Estate dabeihatte?

Da sah sie die erste Flocke fallen. Und dann die zweite. Es schneite. Ruhe legte sich über Sadies Herz. Ruhe und Frieden.

Jonah

»Fuck!«, zischte er, als er die ersten paar Sätze der Mail las, die gerade bei ihm eingetroffen war. Und gleich noch einmal: »Fuck!«

»Alles in Ordnung?«, rief Sabrina, seine Assistentin, aus dem Vorzimmer zu ihm herüber.

»Ja«, antwortete er zuerst automatisch, dann: »Nein. Es ist gar nichts in Ordnung. Machen Sie mir bitte einen Termin bei Mister Price.«

»Um elf hat er was frei. Was gebe ich als Grund an?«

»Meine Kündigung.« Jonah legte den Kopf in den Nacken und sandte ein weiteres, diesmal jedoch lautloses »Fuck!« in die Luft.

Sabrinas Absätze klapperten über das Parkett. »Bitte?«

»Sie haben schon richtig gehört. Ich benötige einen Termin bei Mister Price, weil ich kündigen will … ich meine: muss. Fixieren Sie das um elf Uhr und … besorgen Sie mir eine Schachtel Havanna-Zigarren. Vielleicht stimmt ihn das ein bisschen milder, und er reißt mir den Kopf doch nicht ab.«

»Wieso das denn?«, stammelte sie fassungslos. »Es ist doch … ich meine … Wollte Mister Price Sie nicht zum Partner machen?«

»Es wurde zumindest gemunkelt, ja.«

»Aber dann verstehe ich nicht …«

Jonah biss die Zähne zusammen. »Sie müssen auch nicht verstehen. Sie müssen nur einen Termin machen.« Natürlich verstand sie nicht. Er verstand es ja selbst nicht – oder wollte es nicht verstehen. Dabei war es keine Überraschung, was sein Vater von ihm wollte. Nicht nach dem leichten Herzinfarkt, den er vor zwei Monaten gehabt hatte.

Jonah hatte gewusst, dass sein Dad irgendwann das Zepter für Reed Real Estate in seine Hände legen würde. Trotzdem kam das Ganze zu früh. Er war kurz davor, Partner von Price Properties zu werden. Partner, verdammt!

Und er wollte nicht nach Maplewood. Das Drecksloch im Norden von New Hampshire war nichts gegen das funkelnde Büro in San Francisco, in dem er sich in den letzten Jahren unter großem Verzicht und mit vielen Überstunden hochgearbeitet hatte. Jetzt, wo er endlich die Früchte seiner jahrelangen harten Arbeit ernten durfte, verlangte sein Vater, dass er nach Maplewood zurückkehrte und dort die drittklassige Immobilienagentur übernahm, die in zweiter Generation im Besitz der Reeds war.

Mit Grausen dachte er an das Büro seines Vaters. Ein ehemaliges Ladenlokal an der Hauptstraße, in dessen Schaufenster die Bilder der Häuser hingen, die in der Gegend alle gleich aussahen. Ein Raum, der von einem übergroßen Schreibtisch mit Resopalplatte dominiert wurde, dahinter ein verblasstes Schwarz-Weiß-Foto seines Großvaters, ein streng dreinblickender Mann mit einem mächtigen Schnurrbart. »Ihr seid für immer an dieses Kaff gebunden«, sagte sein Gesichtsausdruck. Überheblich, von sich eingenommen.

»Fuck«, flüsterte er noch einmal. Doch selbst beim vierten Mal änderte sich nichts an der Situation. Er musste kündigen. Er musste zurück nach Maplewood. Seine vermeintlich schillernde Zukunft war gerade von dieser Mail in die Tonne getreten worden …

Der erste Schnee

Manche Geschichten sind zu groß für ein Menschenleben und müssen im Himmel weitererzählt werden.
–
Buchzitat der Woche aus dem Happy End Bookstore

Sadie

Der erste Schnee war immer etwas ganz Besonderes, fand Sadie. Sie liebte es überhaupt, wenn es schneite. Wenn die Flocken sachte vom Himmel schwebten, legte sich immer eine Ruhe über sie, die mit nichts zu vergleichen war. Es war, als nähmen sie die dicke Luft mit. Zurück blieb nur Frieden. Frieden und Stille.

Doch der erste Schnee war noch aus einem weiteren Grund ganz besonders für sie. Auch an dem Tag, an dem ihr Vater gestorben war, hatte es zum ersten Mal geschneit. Er hatte Sadies Mutter im Krankenhaus besucht. Sie war schwer krank gewesen, Krebs im letzten Stadium. Jeden Tag rechneten sie mit dem Schlimmsten.

Weil immer nur einer von ihnen ins Krankenhaus fahren konnte, wechselten sie sich ab. Einmal fuhr Sadies Dad, dann blieb sie im Buchladen, am nächsten Tag war sie an der Reihe, ihre Mom zu besuchen, und ihr Dad hütete das Geschäft.

Keiner von ihnen klagte darüber, dass die Belastung ihre Kräfte überstieg.

»Es dauert nicht mehr lange«, hatte Dad oft versichert. Und beide hatten sie geschluckt, weil ihnen klar war, was »nicht mehr lange« bedeutete.

Am Ende hatte Mom Sadies Vater überlebt. An jenem Tag war er auf dem Rückweg vom Krankenhaus von der Fahrbahn abgekommen. Auf einem völlig ungefährlichen Straßenabschnitt war der Wagen gegen einen Baum geprallt. Er war sofort tot gewesen.

»Sie ist nicht allein da oben«, hatte der Geistliche bei der Begräbnisfeier ihrer Mutter gesagt und in Richtung der schneeschweren Wolken gedeutet. »Rupert ist seiner Sophie vorausgegangen, um auch im Himmel an ihrer Seite zu sein.«

Sadie hatte immer Trost bei dem Gedanken gefunden. Als Mom die Diagnose erhalten hatte, war ihre größte Sorge gewesen, was sie ihrem lieben Rupert mit ihrem Tod antun würde. Dass sie ihn alleinlassen musste. Allein in seiner Trauer. Sadie wusste, dass auch ihr Dad oft darüber nachgedacht hatte, wie er das Leben ohne seine liebe Sophie stemmen sollte. Klar, er hätte Sadie, aber Sadie war eben nicht Sophie, und irgendwann würde sie auch flügge werden. Wie viel Zeit müsste er wohl allein auf dieser Welt verbringen, bis er wieder in den Armen seiner geliebten Frau liegen durfte? Es hatte ihr das Herz zerrissen, als sie ihn diese Frage hatte stellen hören. Er hatte sich allein geglaubt, hatte gedacht, sie sei oben in ihrem Zimmer, doch sie hatte ihn gehört, wie er mit sich selbst gesprochen hatte. Zerfressen vor Sorge und Trauer.

Bis heute fragte sie sich, ob es Absicht gewesen war. Hatte ihr Dad einem Leben ohne seine geliebte Frau nicht ins Auge schauen können oder war es doch ein Unfall gewesen? Sekundenschlaf vielleicht.

Sie klammerte sich an diesen Gedanken, denn sie wollte einfach nicht glauben, dass ihr Dad sie bewusst allein zurückgelassen hatte. Und sie klammerte sich an die Hoffnung, dass er jetzt wirklich an der Seite von Mom auf irgendeiner Wolke stand und auf sie herunterschaute.

Sadie stellte sich vor, wie sich die beiden auf ihrer Wolke darüber unterhielten, ob es ihr gut ging. Vielleicht machten sie sich auch Vorwürfe, dass sie nicht bei ihrer Tochter sein konnten und sie aufwachsen sahen. »Sie sieht heute traurig aus«, sagte Mom vielleicht gerade. Und für ihre Mom verzog sie ihre Lippen zu einem Lächeln.

Sie wollte nicht, dass Mom dachte, sie sei traurig. Das war sie nicht. Nicht mehr. Ihre Eltern sollten sich keine Vorwürfe machen.

Sadie stand also lächelnd mit einer Tasse Weihnachtstee, der wunderbar nach Zimt duftete, am Schaufenster ihres Buchladens Happy End Bookstore und schaute hinaus in den behutsamen Tanz der Schneeflocken.

»Bist du wieder einmal mit der Miete im Rückstand?«, hatte Bob gefragt.

Natürlich war sie im Rückstand, und lange würden sich die Reeds von Reed Real Estate, die ihre direkten Vermieter waren, das wohl nicht mehr gefallen lassen. Nur … Was sollte sie tun, wenn deren Geduld erschöpft war?

Die Antwort lag auf der Hand. Dann musste sie den Laden schließen. Den Laden, der das Vermächtnis ihrer Eltern war. Das Einzige, was ihre Eltern ihr hinterlassen hatten. Nicht als Erbe, sondern als Erinnerung. Der Laden, in dem sie die glücklichsten Momente ihrer Kindheit gehabt hatte – einschließlich des ersten Kusses. Ausgerechnet Jonah Reed, der Sohn ihres Vermieters, hatte sie hinter dem Regal Thriller und Horror an sich gezogen und sie geküsst. Und natürlich war genau in dem Augenblick Sadies Mom dort aufgetaucht. Sie hatte sich diskret zurückziehen wollen, doch es war bereits zu spät gewesen. Sadie und Jonah waren erschrocken auseinandergestoben, und er war mit einem gestotterten Gruß geflüchtet.

Sie wusste bis heute nicht, wie es sich für ihn angefühlt hatte. Nach dem Kuss hatte er nie mehr wieder das Wort an sie gerichtet, während sie selbst ihn nicht mehr hatte ansehen können, ohne zu erröten.

Sadie lächelte bei der Erinnerung. Womöglich hatte auch er den Kuss genossen und nur mit seinen Gefühlen nicht umgehen können. Aus Unsicherheit hatten sie nicht mehr miteinander gesprochen, und so hatte ihre Beziehung geendet, bevor sie auch nur begonnen hatte. Teenager …

Und nun, fünfzehn Jahre später, war Sadie immer noch Single. Sie hatte keine Eltern mehr, die sie bei einem geheimen Kuss hätten überraschen können, aber es gab auch keine Männer, die auch nur Anstalten machten, sie zu küssen. Abgesehen natürlich von den Männern in den Liebesromanen, die sie so gern las.

Gleich nach Sadies Schulabschluss hatte Mom die Diagnose erhalten, und Sadie hatte sich geweigert, wie all ihre Mitschüler an irgendeine weit entfernte Uni zu verschwinden. Stattdessen hatte sie ihren Eltern im Happy End Bookstore geholfen. Eine gute Entscheidung, denn ihre Mom hatte immer mehr Ruhepausen gebraucht, und ihr Dad war mit der Doppelbelastung, der Sorge um seine Frau und den Laden, überfordert gewesen.

Dann hatte Dad diesen Unfall gehabt, und Mom war wenige Wochen – oder vielmehr Tage – darauf gegangen.

Seitdem war Sadie allein.

Einmal hatte sie gedacht, dass Ben Carter, der Inhaber der Bäckerei The Honey Dough, und sie ein Paar werden könnten, doch es hatte sich schnell herausgestellt, dass sie eigentlich eher eine Art Selbsthilfegruppe bildeten. Auch er hatte einen schweren Verlust zu beklagen, und es würde wohl noch dauern, bis er darüber hinweg war. Seitdem sie das verstanden hatten, waren sie Freunde. Mehr nicht. Und damit waren sie beide zufrieden.

Man konnte auch als Single ein erfülltes Leben leben.

Sadies Tag folgte immer demselben Muster. Aufstehen, ein schnelles Frühstück, das sie im Maple Mug einnahm, seit ihre Freundin Piper es mehr oder weniger übernommen hatte, und danach war sie nur noch im Happy End Bookstore anzutreffen – die meiste Zeit allein.

Kunden ließen sich zumindest kaum blicken.

Die Menschen lasen einfach immer weniger. Oder vielleicht kauften sie auch nur immer weniger Bücher. Oder sie kauften sie eben nicht im Happy End Bookstore.

Sie seufzte. Irgendwas machte sie sicher falsch. Auch nach vier Jahren, die sie den Laden führte, hatte sie immer noch das Gefühl, dass sie ein wichtiges Geheimnis nicht verstanden hatte. Ihre Eltern hatten bis zu ihrem Lebensende von den Einnahmen leben können. Warum nicht sie?

Die Einnahmen aus den spärlichen Buchverkäufen deckten kaum die Ausgaben. Nach der Mieterhöhung vor ein paar Monaten manchmal auch nicht einmal das. Es war Ende November, und eigentlich sollte langsam das Weihnachtsgeschäft einsetzen, doch die Kunden ließen immer noch auf sich warten. Wenn das so weiterging, wusste sie spätestens im Februar nicht mehr, womit sie ihre Lebenshaltungskosten bestreiten sollte, denn in dem Monat gingen die Buchverkäufe immer drastisch zurück. Das Weihnachtsgeschäft machte normalerweise beinahe die Hälfte des Jahresumsatzes aus. Und wenn es jetzt nicht langsam anlief, waren die Prognosen für das kommende Jahr düster.

Dabei hatte sie vor einem Jahr einen Onlinebestellservice ins Leben gerufen. Nach einem etwas zögerlichen Start hatten die Einwohner von Maplewood diesen Service auch genutzt, aber auch wenn sie ihre Bücher online bestellen konnten, mussten sie zum Abholen immer noch in den Happy End Bookstore kommen, und das war offenbar so ein Aufwand, dass sie doch nach und nach wieder zu den Onlineriesen zurückgingen.

Jedes Mal, wenn Sadie sah, wie eines der Päckchen mit dem wohlbekannten Aufdruck einer dieser Onlineplattformen aus Bobs Tasche lugte, tat ihr das Herz weh. Mit denen konnte sie einfach nicht konkurrieren.

Sie seufzte wieder.

Dann riss sie sich zusammen.

Was hatte sie vorhin zu Bob gesagt? Aufgegeben wird nur ein Brief? Nun, daran sollte sie sich auch wirklich halten, nicht wahr?

Sie gab nicht auf. Nie. Sie war ein kleines Stehaufmännchen. Irgendein Weg würde sich finden. Und wenn sie den Laden nicht halten konnte, würde die Erinnerung an ihre Eltern eben in anderen Dingen weiterleben. In Büchern, zum Beispiel.

Bei dem Gedanken daran, wie viele Bücher es gab und wie viele davon sie noch nicht gelesen hatte, hob sich ihre Stimmung. Bücher würde es immer geben. Geschichten würde es immer geben. Und außerdem schneite es. Was wollte sie mehr?

Sie ließ den Blick über die Maple Lane wandern. In dem Grau des Schneetags wirkten die Schaufenster der anderen kleinen Läden umso einladender. Warmes Licht fiel aus den Auslagen, die schon weihnachtlich geschmückt waren. Gleich gegenüber stand in der Bäckerei The Honey Dough deren Inhaber Ben Carter hinter dem Tresen und starrte ebenso nachdenklich wie sie in die wirbelnden Flocken.

Durch das Schaufenster des Handarbeitsladens Thread & Tale, der gleich neben der Bäckerei lag, konnte Sadie die Knitting Knights sehen, lauter Männer über siebzig, die sich dem Stricken verschrieben hatten. Sie schienen Spaß zu haben. Sadie lächelte. Die Herren waren allerliebst, und einige von ihnen waren auch treue Kunden des Buchladens.

Gleich neben dem Thread & Tale war der Blumenladen Wildflower Dream, der jetzt im November verhältnismäßig trist aussah. Im Schaufenster standen zwar jede Menge Schnittblumen, doch die bunte Pracht, die in anderen Jahreszeiten um den Eingang herum zu sehen war, fehlte. Dafür hatte Ava bereits am Montag nach Thanksgiving ein Weihnachtsbäumchen auf die Straße gestellt und damit für weihnachtliche Atmosphäre in der Maple Lane gesorgt. Tja, und neben dem Blumenladen war auch schon das Maple Mug, das Café von Maplewood, aus dessen Schaufenster ein heller Schein auf die Straße fiel.

Die Läden auf ihrer eigenen Straßenseite konnte Sadie von ihrem Platz am Schaufenster nicht sehen, aber sie wusste, dass gleich neben ihr der Süßwarenladen Sweet Whimsy war, der im Sommer auch eine Eisdiele betrieb, daneben befand sich der Laden The Silent Drum, in dem Touristen sich mit Andenken an die amerikanischen Ureinwohner eindecken konnten, und dann war da auch noch das Golden Harvest, in dem hochwertige Lebensmittel aus der Umgebung feilgeboten wurden.

Das war die Maple Lane. Die hübscheste Gasse in ganz Neuengland und Sadies Happy Place – komme, was wolle. Und das war auch der Grund, warum sie darum kämpfen würde, dass es diese wunderbare Straße mit den einzigartigen Läden auch weiterhin geben würde.

Heute Abend fand wieder der Buchklub statt. Wobei die Bezeichnung Buchklub für die wöchentlichen Treffen etwas missverständlich war. Es wurde zwar jedes Mal ein Buch ausgewählt, das alle Teilnehmerinnen lesen sollten, doch darüber gesprochen wurde so gut wie gar nicht. Viel eher diskutierten sie über Maßnahmen zum Erhalt der Straße oder die Stolpersteine, die das Leben ihnen in den Weg legte. Sie tauschten Rezepte aus – meistens für Süßes –, und natürlich sprachen sie auch über Männer. Vielmehr über den Mangel an Männern, denn alle Teilnehmerinnen des Buchklubs waren Singles. Na ja, fast alle. Dass Piper und Miles jetzt ein Paar waren, konnte jetzt, wo sie bereits bei ihm auf der Fox an Crow Farm eingezogen war, wohl als gesetzt angesehen werden.

Sadie lächelte. Sie gönnte ihrer Freundin das Glück, denn auch Piper hatte in ihrem Leben einige Tiefschläge verbuchen müssen.

Das Telefon klingelte. Der Laut erschreckte Sadie. Er passte nicht in den melancholischen Frieden, der sich über ihre Seele gelegt hatte. Sie sah zum Telefon hinüber. Ein unheilvolles Gefühl legte sich über ihr Herz. Eine Vorahnung.

Nimm das Gespräch nicht an, sagte dieses Gefühl. Doch sie hörte nicht darauf und hob den Hörer ab.

»Reed Real Estate hier«, sagte eine nasale Frauenstimme. »Spreche ich mit Sadie Collins, Maple Lane 1?«

»Ja.« Sadies Stimme klang rau, als hätte sie sie mehrere Tage nicht benutzt.

»Sie haben unser Schreiben erhalten?«

»Ja.« Sie hatte es erhalten, aber nicht geöffnet. Dazu hatte ihr der Mut gefehlt. Dass Reed Real Estate jetzt auch noch anrief, war ein Zeichen dafür, dass ihre Vorahnung sie nicht betrogen hatte.

»Gut. Also wissen Sie Bescheid. Zwei Wochen. Von heute an.«

Sadie schluckte. Zwei Wochen? Was sollte in zwei Wochen passieren? Ein Geldregen? Wenn es in dieser Woche nicht Dollarnoten schneite, konnte sie vergessen, die überfällige Miete bezahlen zu können.

»Haben Sie mich verstanden?«

»Ja«, sagte sie ein drittes Mal. Ihr Gehirn war wie gelähmt. Wie sollte sie so viel Geld aufbringen?

Ein Tuten in ihrem Ohr sagte ihr, dass das Gespräch beendet war.

Sadie jedoch stand immer noch an derselben Stelle, den Hörer in der herabhängenden Hand. Es war unausweichlich. Sie würde den Happy End Bookstore verlieren.

»Sorry, Mom«, flüsterte sie, und ihre Augen füllten sich mit Tränen. »Sorry, Dad.«

Jonah

»Hallo erst mal, Dad.« Jonah atmete tief durch. Er war gerade erst in Maplewood angekommen. Die Trennung von seinem alten Job saß ihm noch in den Knochen – Mister Price hatte, wie Jonah das vorhergesehen hatte, wenig Verständnis für seine Entscheidung gehabt. Er hatte ihm noch einmal vor Augen gehalten, was er alles wegwarf. Die Partnerschaft in einem gut eingeführten Betrieb, ein Jahresgehalt, mit dem Jonah ein Leben ohne Einschränkungen hätte führen können, ein Leben an der Westküste.

»Sonne, das ganze Jahr hindurch, Reed! Das wollen Sie eintauschen gegen was genau? Ein Leben in einem Kaff irgendwo an der kanadischen Grenze, wo es keine lukrativen Immobilien gibt und die Einwohner alle miteinander verwandt sind? Sind Sie ganz sicher?«

»Nein«, hatte Jonah geantwortet. »Aber ich bin es meinem Vater schuldig.«

»Kinder sind ihren Eltern überhaupt nichts schuldig«, hatte Price ungeduldig gemeint. »Eltern bekommen ihre Kinder, weil sie sich dafür entscheiden. Kein Kind hat jemals darum gebeten, auf diese Welt zu kommen. Daher schuldet kein Kind seinen Eltern auch nur die kleinste Kleinigkeit.«

Jonah sah das anders, doch er wollte nicht das letzte Wort behalten. Er hatte unverbindlich gelächelt, wiederholt, dass er seine Entscheidung getroffen habe, und sich bei Mister Price für die Chancen bedankt, die er ihm eingeräumt hatte. Dann hatte er seine persönlichen Habseligkeiten in einen Karton gepackt und das Büro verlassen. Schweren Herzens, aber doch in der Gewissheit, das Richtige zu tun.

Bis er zu Hause ankam.

Es war Abend. Er hatte den ganzen Tag im Flieger gesessen und später im Wagen. Er war müde. Doch sein Vater verstand nicht, dass er keine Lust auf eine Aufzählung aller Dinge hatte, die er in den nächsten Tagen zu erledigen hätte.

»Entschuldige, Jonah«, lenkte sein Dad ein. »Ich bin nur so froh, dass du endlich hier bist. Ich … hatte, glaube ich, Angst, dass du nicht kommen würdest.«

»Wieso das denn? Wir hatten das doch so ausgemacht«, erwiderte Jonah.

»Ich weiß, was dir Price angeboten hat.« Dad seufzte. »Und ich weiß sehr gut, dass ich mit diesem Angebot nicht konkurrieren kann.«

»Musst du ja auch nicht. Price ist an der Westküste. Du bist hier. Und du hast einen riesengroßen Vorteil ihm gegenüber.«

»Und der wäre?«

Jonah lächelte ihn an. »Du bist mein Vater.«

Sein Dad stieß einen Seufzer der Erleichterung aus. »Du weißt nicht, wie glücklich mich das macht.«

Doch, er hatte so eine Ahnung, aber er wollte nicht, dass sein Dad sich irgendwie schuldig fühlte. Dazu gab es keinen Grund. Natürlich könnte Jonah an der Westküste ein Leben in Wohlstand führen. Möglicherweise könnte er irgendwann sogar die Immobilienagentur von Mister Price übernehmen, dazu müsste er jedoch seinen Vater alleinlassen, und er hatte sich geschworen, genau das nicht zu tun.

Jonahs Mutter war verschwunden, als er ein Kleinkind gewesen war. Er konnte sich noch vage an ihr Lächeln erinnern. Vielleicht stammte diese Erinnerung auch bloß von dem Foto, das immer noch auf dem Kaminsims stand. Sie hatte einen anderen Mann kennengelernt und ihr Herz an ihn verloren.

»Ich liebe ihn«, hatte sie zu Jonahs Vater gesagt. »Ich kann es nicht ändern. Ich würde nicht glücklich mit euch. Und ihr nicht mit mir. Lass mich gehen, Victor.«

Jonahs Vater hatte getrauert, dann hatte er sich ganz auf die Erziehung seines Sohns konzentriert. Jonah hatte viele wunderbare Erinnerungen an seine Kindheit. Campingausflüge in die White Mountains, tagelange Wanderungen auf dem Appalachian Trail, lange Abende am Lagerfeuer, bei denen sein Vater ihm Geschichten erzählt hatte. Er erinnerte sich an verunglückte Versuche, die Weihnachtsplätzchen zu backen, und wie sein Vater alles unternommen hatte, um ihm Vater und Mutter gleichzeitig zu sein.

Jonah hatte sich immer geschworen, umgekehrt auch für seinen Vater da zu sein, wenn der ihn brauchte. Und der Moment war nun gekommen.

»Lass mich nur mal ankommen, Dad. Ich bin hundemüde. Morgen können wir reden. Versprochen.«

»Natürlich. Schlaf dich aus, mein Sohn.«

Jonah umarmte seinen Vater, dann ging er auf sein Zimmer. Sein Vater hatte immer noch nichts verändert. An den Wänden hingen immer noch dieselben Plakate der Footballstars, die Jonah damals verehrt hatte. Seine eigenen Trikots, die Pokale auf den Regalen zeugten von einer vielversprechenden Karriere als Quarterback auf der Highschool. Er hatte sogar ein Sportstipendium angeboten bekommen, Jonah hatte jedoch abgelehnt. Die Karriere als Sportler war kurz und, wenn man nicht ganz an der Spitze mitmischte, nicht wirklich lukrativ. Dafür war der Körper mit spätestens Mitte dreißig verbraucht, und wenn er nicht ein Leben als frustrierter Footballcoach an irgendeiner Schule verbringen wollte, sahen die Karrierechancen düster aus. Stattdessen hatte er an der Westküste studiert, hatte ein Praktikum bei Price Properties gemacht und war nach seinem Abschluss gleich von Mister Price angeworben worden.

»Ein zielgerichteter junger Mann«, hatte Price gesagt. »Gefällt mir.«

Nun. Das war vor etwa zehn Jahren gewesen. Auch wenn seine Rückkehr nach Maplewood nach einem Abstieg aussah, sah Jonah das nicht so. Er hatte immer gewusst, dass es irgendwann dazu kommen würde. Nun war es eben so weit.

Er zog sich die Schuhe aus und legte sich auf sein Bett. Die Bettwäsche roch so, wie sie immer gerochen hatte. Der Baum vor seinem Fenster, ein uralter Silberahorn, war derselbe. Die Dekoration war dieselbe. Doch in ihm selbst hatte sich etwas verändert.

Er gehörte nicht mehr in dieses Zimmer. Er war ein Gast.

Diese Erkenntnis erschreckte ihn. Wie sollte er seinem Vater klarmachen, dass er zwar nach Maplewood zurückgekehrt war, aber seine erste Handlung als neuer Immobilienmakler sein würde, sich selbst eine Wohnung zu suchen?

Nun, das war ein Problem für einen anderen Tag. Heute war er tatsächlich zu müde.

Er verschränkte die Hände unter dem Kopf und starrte hinaus durch das Fenster. Es hatte zu schneien begonnen. Dicke Flocken schwebten durch die Luft. Jonah seufzte. Das war Maplewood. Bald schon wäre das Land unter einer dicken Schneedecke begraben … Der Winterschlaf konnte kommen.

Buchklub

Du kannst mit Worten die schönsten Bilder entstehen lassen. Und die schrecklichsten.
–
Buchzitat der Woche aus dem Happy End Bookstore

Sadie

»Ich liebe den Winter«, sagte Piper zur Begrüßung, kaum dass sie den Buchladen betreten hatte. Sie schüttelte ihr kastanienbraunes Haar, und Schneekristalle flogen in alle Richtungen. »Auf den paar Metern vom Café zu deinem Laden habe ich mich schon in einen Schneemann verwandelt.«

Sadie wischte die Tropfen mit ihrem Mopp auf. Sie war sich nicht sicher, aber sie ging davon aus, dass Feuchtigkeit dem glänzenden Kirschholzparkett nicht wirklich guttat.

»Wenn du das bei jedem Kunden machst, kommst du aus dem Wischen nicht mehr heraus«, meinte Piper kopfschüttelnd.

»Und wenn ich es nicht mache, hat der Boden morgen überall Flecken.« Sadie wischte über die nasse Fußspur, die Piper hinterließ. »Außerdem sind die meisten meiner Kunden bei dem Wetter schön zu Hause geblieben. Die Arbeit hält sich also in Grenzen.«

»Also hier steht eine Kundin«, meinte Piper und zeigte auf sich. »Diese Kundin hat zudem süße Teilchen für den Buchklub dabei.«

»Das sind mir die liebsten Kundinnen.« Sadie lächelte. »Und ich hoffe, diese Kundin hat daran gedacht, dass ich für Zimtröllchen morden könnte.«

»Diese Kundin will auf keinen Fall riskieren, dass du in der Vorweihnachtszeit einen Mord vollbringst, und hat natürlich schon lange vor Ladenschluss jede Menge Zimtröllchen zur Seite gelegt. Außerdem meine ich es ernst. Ich bin deshalb so früh, weil ich bei dir Weihnachtsgeschenke shoppen wollte, bevor alles ausverkauft ist.«

»Ausverkauft … pff«, spottete Sadie.

Piper ging nicht darauf ein. »Lass mich mal nachdenken. Für Wanda habe ich an einen Regency-Roman gedacht und für Miles an einen Krimi. Er mag die Italienkrimis von dieser Marescialla Bianca Rossi total gern. Davon soll es noch einen dritten Teil geben. Stimmt das?«

»Das stimmt. Es ist dann allerdings der letzte Teil.«

»Schade. Aber das diesjährige Weihnachtsgeschenk ist gesichert. Hast du ihn hier?«

»Klar.« Sadie ging nach hinten, wo die Krimis und Thriller waren, und holte das Buch mit dem leuchtend blauen Gardasee im Hintergrund. »Ein Aperol in Moll. Klingt nach Feierabend und Dolce Vita, nicht wahr?«

»Genau richtig. Das nehme ich schon mal. Und was empfiehlst du mir für Wanda?«

Mit wenigen Schritten war Sadie beim Regal mit den Regency-Romanen. Sie griff nach einem Band, auf dem eine Frau mit kastanienbraunen Locken zu sehen war. »Den Band hat Miles ihr gekauft. Das weiß ich. Von der Reihe gibt es noch fünf weitere Bände.«

Nach kurzem Zögern meinte Piper: »Gib sie mir alle. Je mehr Wanda zu lesen hat, umso weniger Zeit hat sie, um auf komische Gedanken zu kommen.«

»Komische Gedanken?«

Piper verzog das Gesicht. »Am Sonntag wollte sie plötzlich aus dem Nichts wissen, wann Miles und ich zu heiraten gedenken. Schließlich würde ich ja schon auf der Farm leben. Da könnten wir doch gleich Nägel mit Köpfen machen …«

Sadie lachte. »Nicht leicht, mit der Schwiegermutter unter einem Dach zu leben, oder?«

»Oh, Wanda ist eine ganz bezaubernde Schwiegermutter. Nur hat sie es mit dem Nachwuchs etwas eiliger als wir.«

»Für Nachwuchs müsst ihr aber nicht verheiratet sein. Das weiß sie schon, oder?«

Piper lachte. »Wenn es eine weiß, dann sie.« Miles’ Mutter war schwanger geworden, da war sie noch keine zwanzig gewesen. Unverheiratet natürlich. »Also pack die Bücher schon mal ein. Ich weiß, dass ihr die Geschichte gefallen hat. Und ich freue mich, wenn ihr mein Geschenk gefällt. Jetzt brauche ich nur noch was für meinen Bruder, meine Mutter und meinen Vater.«

»Hast du reich geerbt?« Sadie sah sie misstrauisch an. »Du weißt schon, dass das nicht ganz billig wird?«

Piper grinste. »Nicht geerbt, aber … Alec hat sich endlich bereit erklärt, auch einen Teil der Schulden zu übernehmen. Er hat jetzt eine Arbeit auf Hawaii und verdient offenbar ganz gut dabei.«

»Also hat er doch so etwas wie ein Herz?«

»Herz? Das ist vielleicht zu hoch gegriffen. Ich denke, Karen hat ihm den Kopf gewaschen.«

»Deine Freundin von früher?«

Piper nickte. »Die beiden sind jetzt ein Paar. Ich hoffe nur, dass sie ihm niemals die Finanzen anvertraut.«

»Sie wird aus deinen Fehlern gelernt haben.«

»Das hoffe ich.« Piper zog die Nase kraus zum Zeichen, dass sie über das Thema nicht weiter reden wollte, und zeigte auf ein paar Bücher, die sich auf dem Tischchen in der Mitte des Raums stapelten. »Sind das die neuen Bücher?«

Sadie nickte. »Etwas, um in Weihnachtsstimmung zu kommen. Ich habe mir gedacht, das ist nie falsch. Und es ist eine echt süße Geschichte. Vor allem Dot wird sie lieben.«

»Für dich strick ich gute Zeiten? Hm …« Piper betrachtete den Titel. »Gute Zeiten können wir wohl alle gebrauchen. Bob hat gesagt, Reed Real Estate hat dir einen blauen Brief geschrieben?«

Aha. Daher wehte der Wind.

Sadie fand es süß, dass sich ihre Freundin um sie sorgte, aber sie wollte kein Mitleid. Daher winkte sie ab. »Weihnachtsgrüße.«

»Eingeschrieben? Mit Rückantwort?« Piper zog skeptisch die Augenbrauen hoch.

»Sie meinen es eben ernst.«

Piper ließ sich nichts vormachen. »Steht es so schlecht um deinen Laden, Sadie?«

Statt einer Antwort holte Sadie den Brief vom Tresen und schob ihn Piper zu. Die öffnete ihn und las laut vor:

»Betreff: Pachtvertrag vom 17.10.2002 – Ladenlokal Happy End Bookstore, Maple Lane 1 – 3. Letzte Mahnung wegen Pachtrückstand

Sehr geehrte Miss Collins, hiermit mahnen wir Sie zum dritten und letzten Mal wegen der ausstehenden Pachtzahlungen für das oben genannte Ladenlokal. Trotz unserer Mahnschreiben vom bla, bla, bla und bla, bla, bla haben wir bis heute keinen Zahlungseingang feststellen können. Der derzeit offene Rückstand beläuft sich auf neuntausendfünfhundert Dollar, Verzugszinsen zweihundertfünfundsiebzig Dollar, Gesamtbetrag neuntausendsiebenhundertfünfundsiebzig Dollar. Wir setzen Ihnen hiermit eine letzte Zahlungsfrist bis spätestens zwei Wochen ab Erhalt dieses Schreibens. Bitte überweisen Sie den gesamten Rückstand bis zu diesem Datum auf folgendes Konto: bla, bla, bla.«

Sie ließ den Brief sinken. »Neuntausendsiebenhundertfünfundsiebzig Dollar, Sadie?«

Sadie seufzte. »Weitere dreitausend Dollar bin ich dem Vertrieb schuldig. Mein Auto steht seit etwa einem Monat still, weil ich mir die Reparatur nicht leisten kann, und ich bin bis spät in die Nacht im Laden, weil es in meiner Wohnung eiskalt ist. Ich kann mir schlichtweg die Heizung nicht leisten. Was soll’s? Shit happens.«

»Also das ist das Blödeste, was du in den letzten Wochen von dir gegeben hast. Wozu hat man Freunde?«

Sadie schüttelte den Kopf. »Nicht dafür, dass sie meine offenen Rechnungen begleichen.«

»Auch dafür. Und jetzt pack mir endlich die Bücher ein, die ich bei dir bestellt habe. Und leg eines für Tante Mae obendrauf. Die hab ich in meiner Aufzählung noch vergessen.«

»Ich will aber nicht, dass du aus Mitleid …«

»Blabla!«, unterbrach sie Piper. »Aus Mitleid oder nicht aus Mitleid. Du musst Bücher verkaufen. Ich möchte Weihnachtsgeschenke, ohne durch zwanzig Geschäfte laufen zu müssen. Das ist eine Win-win-Situation. Merkst du das nicht?«

»Wenn du meinst …«

»Und wie ich das meine. Und jetzt los. Mae wünscht sich einen Fotobildband von Irland. Hast du so was?«

Natürlich hatte Sadie so etwas. New Hampshire war der Staat mit dem höchsten Anteil an Menschen mit irischen Wurzeln. Nicht selten packte jemanden die Sehnsucht nach seinem Heimatland, und so ein Fotobildband war schneller organisiert als eine Reise in die alte Heimat – und auch billiger.

Bald stapelten sich Pipers Weihnachtsgeschenke auf Sadies Theke. Sie verpackte sie liebevoll in bereits vorbereitete Geschenktüten, stellte alles vor die Theke und kassierte. Das Klingeln der Kasse war Musik in ihren Ohren.

Da kamen auch schon die anderen Damen des Buchklubs: Ava vom Blumenladen gegenüber, Dot vom Handarbeitsladen gleich daneben, Grace, die erst seit Kurzem in Maplewood lebte und als Wanderführerin ihr Brot verdiente. Zusammen waren sie fünf Frauen, die sich einmal wöchentlich trafen – offiziell zum Buchklub, doch meistens ging es bei ihren Treffen um alles andere als Bücher.

Während die Damen schnatternd und mit glitzernden Schneekristallen im Haar den Laden betraten und sich ihren Platz auf den Sitzwürfeln suchten, die Sadie um das Tischchen herum angeordnet hatte, stellte sie ihnen noch Knabberzeug hin und verteilte Pipers süße Teilchen auf einem Teller. Dann füllte sie die Becher mit Kräutertee aus ihrem Samowar, und schließlich setzte sie sich zu ihnen.

»Da hat wohl Father Christmas bei dir vorbeigeschaut«, meinte Ava und deutete auf die Tüten mit Pipers Weihnachtsgeschenken.

»Ein sehr weiblicher Father Christmas, ja«, sagte Sadie und zwinkerte Piper zu. »Ich fürchte, einige Einwohner von Maplewood werden dieses Weihnachten lesen müssen.«

»Oh, die Armen«, meinte Ava zynisch. »Und überhaupt … Lesen ›müssen‹? Als Buchhändlerin solltest du doch von den süßen Verführungskünsten von Büchern schwärmen und davon, dass Lesen das schönste Hobby überhaupt ist – natürlich nach Handarbeiten. Du weißt schon … Bist du sicher, dass du Buchhändlerin bist?«

»Vielleicht nicht mehr lange«, gab Sadie zu.

Ava sog erschrocken die Luft ein. »Also stimmt es, was Bob gesagt hat? Die Reeds schmeißen dich aus dem Laden?«

»Der Buschfunk in Maplewood funktioniert jedenfalls hervorragend«, sagte sie. »Aber ja. Wenn ich nicht bis übernächste Woche das Geld für die ausstehenden Mieten überweise, werfen sie mich raus.«

»Wie viel?«

Sadie schnitt. »Beinahe zehntausend Dollar.«

Betroffenes Schweigen setzte ein. Bevor es unangenehm werden konnte, meinte Sadie: »Heute sitzen wir jedenfalls hier, und Piper hat diese wunderbaren Zimtröllchen gebracht. Die Welt ist also in Ordnung.« Demonstrativ biss sie in eines der süßen Teilchen und stöhnte genüsslich.

»Also ich verstehe nicht, wie du hier sitzen und Zimtröllchen genießen kannst«, sagte Ava. »Wäre ich an deiner Stelle, würde ich heulen, und kein Mensch könnte mich zum Essen bewegen.«

»Was sollte das bringen?«, fragte Sadie. »Das Geld kommt auch nicht vom Himmel geflattert, wenn ich heule.« Sie sagte es leichthin, obwohl sie ihrer Freundin insgeheim recht gab. Ein bisschen heulen wäre nicht schlecht …

Da klatschte Piper in die Hände. »Was ist eigentlich aus unserer Idee mit dem Straßenfest geworden?«

»Sie ist gestorben«, sagte Grace. »Wie so viele Ideen davor.«

»Warum bloß?« Piper sah von ihr zu Ava, weiter zu Dot und schließlich zu Sadie. »Es war eine gute Idee, oder nicht?«

»Ja klar«, meinte Sadie. »Nur haben wir jetzt wohl den richtigen Zeitpunkt verpasst.« Sie deutete hinaus in die Dunkelheit. Im Schein einer Straßenlaterne konnte man Schneeflocken erkennen. Sie waren riesig. Wenn es weiter so schneite, wäre morgen der Verkehr lahmgelegt.

»Wieso das denn?«, fragte Piper.

»Na, denkst du, die Leute haben Lust auf ein Fest, bei dem ihnen die Zehen und Nasen abfrieren? So etwas muss man machen, solange es warm ist.«

»Wer behauptet das?«, wollte Piper wissen. »Oder anders gefragt: Was spricht gegen ein Winter-Weihnachtsfest?«

Kurz war es still, dann meinte Ava: »Du hast recht. Andere Städte haben Weihnachtsmärkte. Da frieren die Menschen auch. Trotzdem gehen sie hin.«

»Viele fahren weite Strecken, um dabei sein zu können«, ergänzte Dot. »In Valentine haben sie immer so einen Weihnachtsmarkt, und ich weiß von vielen aus Maplewood, die jedes Jahr dort hinfahren.«

»Um was genau zu tun?«, fragte Sadie, doch in ihr drin sah es nicht mehr ganz so düster aus.

»Um sich auf Weihnachten einzustimmen«, meinte Dot. »Um unter Menschen zu sein. Um die Nasen voller Zimt und die Ohren voller Weihnachtsmusik zu bekommen. Damit ihre Herzen warm und ihre Seelen weit werden.«

Das Pathos des letzten Satzes ließ die anderen kichern.

»Mädels«, sagte Dot mitten in das Kichern hinein. »Wollen wir den Menschen von Maplewood und Umgebung die Gelegenheit geben, warme Herzen und weite Seelen zu bekommen?«

»Nicht zu vergessen kalte Füße und laufende Nasen«, warf Ava ein und kicherte schon wieder.

»Und volle Taschen und leere Börsen und Weihnachtsgeschenke für die ganze Familie auf einen einzigen Streich?«, machte Dot weiter. »Und wollen wir, dass jeder in Maplewood in diesen Weihnachtsfeiertagen ein Buch aus dem Happy End Bookstore lesen muss?«

»Ja!!!«, riefen die anderen, und Sadies Herz wurde warm.

»Dann ist es gemachte Sache«, sagte Dot. »Wir organisieren ein Weihnachtsfest. Heute in einer Woche feiert Maplewood, und bei Sadie klingelt die Kasse im Takt von Jingle Bells.«

Die anderen lachten, und Grace stimmte Jingle Bells an. Eine nach der anderen fiel ein, und schließlich sangen sie alle. Falsch und fröhlich, wie sich das gehörte. Sie lachten, fielen über die süßen Teilchen her, schmiedeten Pläne und verwarfen sie wieder, und in ihrem Eifer bemerkte keine von ihnen den groß gewachsenen Mann, der nachdenklich durch das Schaufenster zu ihnen hineinstarrte.

Jonah

Natürlich hatte er gehört, was sein Vater erzählt hatte. Er hatte nicht gelogen, als er Dad darum gebeten hatte, ihn für heute mit den Belangen von Reed Real Estate in Ruhe zu lassen. Er war müde. Beinahe sechs Stunden Flug hatte er hinter sich, dazu die Warterei am Flughafen und die Fahrt von Boston bis hierher, die noch einmal etwa drei Stunden gedauert hatte. Das schlauchte einfach, und es war wirklich besser, er befasste sich nicht ausgerechnet heute noch mit jedem Pächter, der mit den Zahlungen seiner Pacht in Verzug war.

Ihren Namen hatte er trotzdem gehört. Sadie Collins. Seine erste große Liebe …

Dad hatte sie als die Pächterin des Buchladens Happy End Bookstore bezeichnet, also hatte sie das Geschäft ihrer Eltern wohl übernommen.

Er lächelte. Das war immer ihr Traum gewesen, erinnerte er sich. Natürlich hatte sie davon nicht ihm erzählt, sondern ihrer Freundin Piper, aber die hatte es ihrem Bruder Luke erzählt und der ihm. Und so war Jonah immer auf dem Laufenden gewesen, was in Sadies Leben passiert war.

Bis zu ihrem Abschluss. Danach war er an die Westküste gegangen, und er hatte kaum mehr Kontakt zu Luke gehabt. Und wenn, dann waren weder Piper noch Sadie in ihre Unterhaltungen eingeflossen.

Lächelnd erinnerte er sich an seine Schwärmerei für sie. Sie war das hübscheste Mädchen an der ganzen Schule gewesen. Dieses lange glatte Blondhaar, das zum Ansatz hin dunkler wurde. Sie habe es ihr ganzes Leben lang nicht geschnitten, hatte Luke gesagt. Als Kindergartenkind war sie blond gewesen. So blond wie ihre Haarspitzen. Und später war das Haar nachgedunkelt. Am Ansatz war es dunkelblond, beinahe braun. Er hatte diesen Verlauf immer wunderschön gefunden.

Und ihr Haar hatte ihn magisch angezogen. Immer wollte er mit seinen Fingerspitzen darüberstreichen, um zu wissen, ob es sich genauso seidig anfühlte, wie es aussah.

Und eines Tages hatte er tun dürfen, wonach er sich monatelang verzehrt hatte. Und nicht nur das …

Jonah erinnerte sich an diesen Nachmittag, als wäre er gestern gewesen. Er war unter einem Vorwand in den Happy End Bookstore gegangen. Angeblich, um neuen Lesestoff für sich zu besorgen. In Wirklichkeit musste er sie einfach sehen, und jeder wusste, dass Sadie nachmittags im Laden ihrer Eltern jobbte.

Sie führte ihn in die Abteilung für Krimis und Thriller im hinteren Teil des Ladens. Auch das hatte er genau recherchiert, und er wusste, dass sie dort vor neugierigen Blicken versteckt wären. Für das, was er vorhatte, brauchte er keine Zuschauer.

Still folgte er ihr nach hinten. Sie zog ein Buch nach dem anderen heraus, pries die Erzählweise der Autoren an, die unvorhersehbaren Plottwists, die es angeblich in den Geschichten gäbe, erzählte, mit welchen Superlativen die großen Zeitungen die Autoren lobten. Doch er hörte nicht hin. Sein Blick war von ihren Lippen wie gefesselt. Er konnte sich nicht sattsehen an den Bewegungen ihres Mundes, dem niedlichen, etwas schiefen Eckzahn, der ihrem Lächeln erst diese besondere Note verlieh, diesem winzigen Muttermal, das über ihrem rechten Mundwinkel saß.

Sein Herz klopfte in einem unnatürlichen Takt, und dieses Kribbeln in seinem Unterleib machte ihn wahnsinnig. So wahnsinnig, dass seine Vernunft einfach aussetzte.

»Darf ich dich küssen?«, fragte er mitten in ihre Ausführungen hinein.

»Äh … wie bitte?«, fragte sie völlig perplex.

Er wiederholte die Frage.

»Äh …«, sagte sie nur. »Okay?«

Es war eine Frage gewesen, aber sie hatte nicht Nein gesagt. Hätte sie Nein gesagt, hätte er sein Vorhaben niemals in die Tat umgesetzt, doch so … fühlte er sich ermutigt.

Er machte einen Schritt auf sie zu. Sie wich nicht zurück. Ihre Augen waren riesengroß, als sie zu ihm hochstarrte.

Sanft legte er seine Hand auf ihre Wange, strich in einer liebevollen Bewegung ihr Haar – es war genauso seidig, wie er sich das immer erträumt hatte – zurück hinter das Ohr, ließ seine Hand in ihrem Nacken ruhen und legte die andere Hand an ihre andere Wange. Mit dem Daumen strich er sanft über ihre Wange, weiter über ihre Schläfe und wieder über ihr Haar, ihr wunderbares Haar.

Sie stand nur da und starrte ihn an. An ihrem Hals pochte eine Ader. Viel zu schnell. Ihre Pupillen waren riesig. So riesig, dass er kaum mehr erkennen konnte, welche Augenfarbe sie hatte. Braun. Sie waren braun, das wusste er.

Er streichelte noch einmal sanft über ihr Haar. Sie seufzte. Da konnte er sich nicht mehr zurückhalten. Er zog sie an sich und legte seine Lippen auf ihre. In ihm drin explodierte etwas. Sein Unterleib zog sich unkontrolliert zusammen, und das beste Gefühl, das man sich nur vorstellen konnte, durchströmte ihn. Er stöhnte in ihren Mund hinein und … kam. In dem Augenblick nahm er eine Bewegung zwischen den Regalen wahr. Unwillkürlich glitt sein Blick dorthin. Da stand Sadies Mutter. Sie sah ihm erst ins Gesicht, dann wanderte ihr Blick nach unten. Er wusste, was sie sah.

Während er sich zuckend in seine Boxershorts ergoss, zog sie sich peinlich berührt zurück. Er stieß Sadie von sich, doch es war zu spät. Ihre Mutter war Zeugin seiner Schmach gewesen. Er würde diesen Buchladen nie wieder betreten können. Nie wieder würde er Sadie küssen können.

Was für eine Blamage!

Jonah schaute aus dem Fenster. Da draußen wirbelten immer noch Schneeflocken wild durcheinander. Sah aus, als wäre er pünktlich zum Einbruch des Winters nach Maplewood gekommen.

Toll … Er hasste den Winter. Winter bedeutete nasse Klamotten, ständig zu frieren und glatte Straßen. Dazu dieses Gewese um Weihnachten. Ein Fest, bei dem es nur um Kommerz ging und darum, die Wirtschaft anzukurbeln – anders gesagt: Menschen in den finanziellen Ruin zu treiben.

Nicht dass es ihn sonderlich betraf. Er und sein Vater hatten vor Jahren beschlossen, einander nichts zu Weihnachten zu schenken. Sie verdienten beide gut. Wenn man etwas brauchte, kaufte man es sich zu dem Zeitpunkt, an dem man es auch brauchte. Wozu sollte man lange darüber grübeln, was sich der andere zu Weihnachten wünschte, wenn man seinen Geschmack doch nicht traf?

An das religiöse Brimborium glaubten weder sein Dad noch er selbst. Sie lebten im 21. Jahrhundert! Wer glaubte da noch an Geschichten, in denen irgendwelche Hitzköpfe Wasser in Wein verwandelten? Wenn er einen Magier sehen wollte, buchte er sich ein Ticket für die Show von David Copperfield.

Kurz und gut: Weihnachten war etwas für Romantiker. Dazu zählte er nicht.

Wie von allein gingen seine Gedanken wieder zurück zu Sadie. Sie war immer eine Romantikerin gewesen. Das wusste er. Er und Luke hatten sich über die Bücher lustig gemacht, die Sadie und Piper verschlungen hatten. Lauter rosarote Geschichten mit Prinzen, die Küchenmädchen küssten und zur Königin erhoben, Enemies, die – völlig unlogisch – plötzlich zu Lovern wurden, Fake Dates, Bosse, die sich in ihre Sekretärin verliebten … Was die beiden jungen Frauen für einen Mist gelesen hatten! Wahrscheinlich glaubten sie auch noch an die Happy Ends im wirklichen Leben …

Fragte man Jonah, waren oft genug Bücher daran schuld, wenn Menschen einen völlig unrealistischen Blick auf das Leben hatten. Wenn Frauen in jedem Mann ihren Traumprinzen und Männer nach der Frau ihrer Träume suchten.

Nach der ersten rosa Phase kam die Ernüchterung. Dann die Enttäuschung. Und die wenigsten waren erwachsen genug, um zu erkennen, dass eine Ehe eine Zweckgemeinschaft war, in der man sich mit einem Partner arrangierte. Die wahre Liebe gab es nicht.

Er setzte sich auf.

Was war bloß los mit ihm? Seit wann dachte er über die Liebe nach? Das hatte er doch noch nie getan.

Jonah schüttelte den Kopf. Das machte Maplewood aus ihm. Zwischen den hohen Bergen sah man den Horizont nicht mehr, und plötzlich hatte man das Gefühl, der Sinn des Lebens bestünde darin, seinen Seelenverwandten zu finden.

So ein Unsinn.

Oder ist Sadie daran schuld?, fragte ein Stimmchen in seinem Kopf. Sadie Collins, die dein Herz seit jenem Kuss fest in ihrem Griff hält, ohne das überhaupt zu wissen?

»Nein!«, sagte er laut.

Die Antwort war ein Kichern, das in seinem Kopf verhallte.

Die Idee war lächerlich. Er war ein Teenager gewesen, als er Sadie Collins geküsst hatte. Ja, es war sein erster Kuss gewesen, und bekanntlich vergaß man den ersten Kuss niemals, doch das war ein halbes Leben her. Der Kuss hatte schon längst keine Bedeutung mehr für ihn, und ganz sicher dachte er nicht plötzlich über die Liebe nach, weil er vor fünfzehn Jahren Sadie Collins geküsst hatte.

»Unsinn!«, sagte er.

Doch seine Stimme klang seltsam in dem leeren Zimmer. Als hätte er eine Lüge ausgesprochen, und die Wände hielten die Luft an.

Er wusste, er würde nicht zur Ruhe kommen. Noch mehr, weil ihm der Jetlag zu schaffen machte. Es war etwa neun Uhr. In San Francisco gerade mal sechs. Das war normalerweise die Zeit, um die er am aktivsten war. Zeit für ein gepflegtes Abendessen, um sich ins Nachtleben zu stürzen. Er konnte unmöglich jetzt schon schlafen und würde nur ins Grübeln kommen, und das wollte er nicht.

Das Einzige, was da half, war ein Spaziergang. Ein Blick nach draußen ließ ihn stöhnen. Ein Spaziergang durch den Schnee. Toll … Aber hier im Zimmer würde ihm die Decke auf den Kopf fallen. Also half nur eins: Er musste hinaus in den Schnee. Wie hieß es so schön? Es gab kein schlechtes Wetter, es gab nur schlechte Ausrüstung? Nun, die Ausrüstung sollte kein Problem darstellen. Unter den Klamotten in seinem Schrank gab es sicherlich auch die passende Winterbekleidung.

Er musste nicht lange suchen, um eine wasserabweisende Winterjacke zu finden, schlüpfte hinein, dann zog er staubige Winterstiefel aus seiner Schulzeit an und versuchte, möglichst leise nach unten zu gehen.

Sein Dad hörte ihn trotzdem. »Gehst du noch aus?«

Jonah verzog den Mund. Ausgehen? In Maplewood? Wo nach sechs Uhr alle Straßen wie ausgestorben dalagen? »Ich mache einen Spaziergang. Um müde zu werden. Die Zeitumstellung, weißt du …«

Dad nickte teilnahmsvoll. »Pass auf den Straßen auf, ja. Dieses Jahr kommt der erste Schnee so spät. Da haben alle vergessen, wie man mit Schnee auf der Fahrbahn fährt.«

»Sicher …« Jonah grinste pflichtschuldigst. Dann sah er zu, dass er fortkam.

Die Straße lag völlig verlassen vor ihm. Wie erwartet. Eine einsame Reifenspur führte Richtung Norden, auf der entgegenkommenden Fahrbahn war die Schneedecke intakt. Wer konnte, blieb zu Hause.

Jonah nicht. Er stapfte am Rand der Fahrbahn entlang, die Hände tief in den Jackentaschen vergraben, den Kopf eingezogen, sodass der Kragen bis zu seinem Haar reichte und keine Schneeflocken seine Haut erreichten. Seine Stiefel erzeugten ein Knirschen. Der Schnee war griffig. Perfekter Schneeballschnee, dachte er. Doch er schob den Gedanken weg. Wer wollte schon Schneebälle formen?

Mit gesenktem Kopf stapfte er weiter. Schritt für Schritt. Knirschen für Knirschen. Wohin er wollte, wusste er nicht, bis er sich in der Maple Lane wiederfand. Die Maple Lane … das geliebte Zentrum dieses Ortes. Eine kurze Gasse, in deren Mitte ein paar Ahornbäume standen und die für den Verkehr gesperrt war.

Hier befanden sich ein paar kleine Läden, von denen nicht wenige Reed Real Estate gehörten. Zum Beispiel der Buchladen Happy End Bookstore. Aus dessen Schaufenster Licht auf den Schnee fiel.

Kein Wunder, dass Sadie mit der Miete im Rückstand war, wenn sie nachts die Beleuchtung anließ. Mit einem tadelnden Schnalzen ging er auf das Schaufenster zu, doch kaum stand er dort, erkannte er seinen Fehler.

Im Buchladen saßen fünf Frauen um einen kleinen Tisch versammelt, auf dem lauter Naschereien und Tassen standen. Dazwischen stapelten sich Bücher, doch die Frauen schenkten ihnen keine Achtung. Sie lachten, riefen wild durcheinander und schienen sich mit irgendwelchen Ideen gegenseitig zu übertrumpfen.

Sadie saß dazwischen und lächelte. Ihre Wangen waren rot, als wäre ihr zu warm – oder als schämte sie sich. Sie sagte am wenigsten, doch der Ausdruck auf ihrem Gesicht gab ihm Rätsel auf. Sie schien sich zu freuen … und gleichzeitig wirkte sie traurig.

Er konnte den Blick nicht von ihr abwenden. Das kleine Muttermal saß noch immer an derselben Stelle, ihre Zähne waren noch gleich schief, und sie war so schön wie eh und je. Ein bisschen fraulicher vielleicht, und sie trug das Haar nicht mehr ganz so lang wie früher, doch im schummrigen Licht des Ladens schimmerte es ebenso verführerisch. Wie damals auch, ertappte sich Jonah bei dem Wunsch, darüberstreichen zu dürfen.

Er spürte, wie sich etwas in seinem Unterleib regte, und sorgte unbehaglich für mehr Platz. Er war kein Teenager mehr, aber allein der Anblick von Sadie brachte sein Blut in Wallung.

»Was für ein Mist«, fluchte er. Ausgerechnet sie musste er in spätestens zwei Wochen vor die Tür setzen. Was für ein Mist.